58931 Hammerhead opa war in ordnung PRE ORDERDas Telefon klingelt und die 90er Jahre rufen an. Die freundliche Stimme am anderen Ende sagt zu mir: Guten Tag, Hammerhead bringen wieder eine neue Platte raus. Ist das zu fassen? Dann wird abrupt aufgelegt.

Tatsächlich pumpt die Band aus Bad Honnef (Quelle: Wikipedia) 2016 und damit 16 Jahre nach ihrer letzten EP „Farbe Color“ wieder neue Musik auf den übersättigten Markt. Davor gab es eine Auflösung, eine breit rezipierte DVD-Doku in Eigenregie, welche der Band das Prädikat „Kult“ bescherte, eine Reunion und damit auch einige wenige, handverlesene und häufig rappelvolle Konzerte in den letzten Jahren.

Nun also wieder eine Veröffentlichung. „Opa war in Ordnung“ heißt das neue Werk. Bereits das Cover lässt erahnen, dass das Handwerk nicht verlernt wurde und Hammerhead wie ein Alkoholiker Nachts an der Bar wieder in alte Muster fällt. Zu sehen ist der Alt- und Erstkanzler Adenauer in Kombination mit einem Spruch, mit dem Fans des Dritten Reiches gern die Verbrechen der Wehrmacht oder gleich der Waffen-SS entschuldigen. Das liegt weiterhin ganz auf Humorlinie der Band: Assig, aber auch irgendwie rätselhaft und doppelbödig. Ganz wie damals die legendäre „Stay where the pepper grows“-Platte, die Hammerhead endgültig ihren Ruf einbrachte. Auch 2016 weiß man bei Hammerhead immer noch nicht so genau, ob man es mit platter Provokation oder doch hintergründiger Kritik zu tun hat.

Auch musikalisch und textlich bleibt man sich treu. In knackigen 9 Minuten werden 7 originale Hammerhead-Filetstückchen durchgeknüppelt und sich damit aufs Wesentliche reduziert. Der nihilistische Opener „Morgen ist Untergang“ hat was von einer komprimierten Version des Konzerteröffnungsklassikers „Handgranate“ und in „Hier geht’s da lang“ wird mit dem Eigenleben selbsternannter Szenegrößen abgerechnet. „So kann man auch sein“ zerlegt postmodernes Spießertum und dann ist die erste Seite auch schon zu Ende.

Aber es gibt ja noch, wie unpraktischen Trägermedien wie Vinyl üblich, eine Seite B. „Undank ist der Welten Lohn“, ein Lied über selbstgerechtes Spendenverhalten, kommt musikalisch ziemlich motörheadmäßig daher. „Dennis“ ist der Song, der etwas aus dem Schema fällt, da er nicht die Kryptik der anderen Lyrics der EP besitzt. Das Kind wird beim Namen genannt. Es geht um all die Dennisse, denen wir bisher meist unfreiwillig in Zwangsgemeinschaften begegnet sind und die auch jeden anderen Namen annehmen können: „Schule, Arbeit, Bundeswehr, Dennis bis zum geht nicht mehr/überall nur Dennisfressen, in der Schule neben einem gesessen.“ Anschließend geht es noch gegen „Die Alte im Vegan-Café“ beziehungsweise ihren Vater und gegen „Dinge Sachen Zeug“ und durch ist die neue EP.

Die Intensivfans der Band könnten befürchten, dass Hammerhead sich mit einer Veröffentlichung nach einer so lange Zeit selbst demontieren. Das haben ja immerhin schon einige Bands geschafft. Doch auch auf „Opa war in Ordnung“ hat Hammerhead nach wie vor ihre ganz eigene Mischung aus US-beeinflusstem Old School-Hardcore unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Texten zwischen feinen Gesellschaftsbeobachtungen und ätzender Abkotzkritik, wie sie nach wie vor nur Sänger und Texter Tobias Scheiße in der hiesigen Szene hinbekommt. Hammerhead sind auch 2016 immer noch Punkrocker und schmeißen Mülltonnen.

Andererseits haben Hammerhead auch immer mindestens zu gleichen Teilen von ihrem Mythos und den absurden Geschichten und Legenden um sie herum gelebt. Ohne die wäre die Band wie andere Größen inzwischen aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen worden. Oder erinnert sich noch jemand zum Beispiel an WWK? Die Musik ist bei solchen Bands auch ein Stück weit Beiwerk, die nicht ausschließlich zum Erbe beigetragen hat. Eben ein bisschen wie die Onkelz. Wäre die neue Platte Scheiße gewesen, wäre es vielleicht trotzdem nicht so schlimm geworden.

Abschließende Frage: Braucht es 2016 eine Hammerhead-Veröffentlichung? Unbedingt! Wenn konsensualer Wohlfühlrock Marke Love A, Die Nerven oder KMPFSPRT unschuldigen und ahnungslosen Menschen als Punk verkauft ist, muss mal wieder jemand zeigen, was noch so geht. Und da sind Hammerhead auch 2016 immer noch ihr kompetentester Ansprechpartner, wenn es um räudigen authentischen Hardcorepunk geht.

Philipp