Als K.I.Z. mit dem „Kannibalenlied“ erstmalig den Aufschlag für ein neues Album machten, konnte man es Anzeichen deuten, dass die Berliner auch diesmal Hausmannskost liefern und sich treu bleiben würden: Im Stil eines Ernst-Busch-Klassikers besingt ein Chor die vier Musiker als aufrechte, weise und stabile Führer eines (noch?) fiktiven kleinen Staates - mit reichlich realsozialistischem Pathos. Sie inszenieren sich in Phantasieuniformen vor einer Phantasiefahne mit ihrem Pimmel-Logo, dem Nuttenständer Notenständer. Wieder mal ein gelungener und vor allem Clown-Rap-Gag von K.I.Z., der sowohl links sozialisierte Menschen, die ganz ironisch Internet-Memes mit Kim Jong-Un auf Facebook teilen als auch Festival-Besucher, die den Refrain auch nach der Beer Bong mitgrölen können, anspricht.

Doch dieser kleine Clip war, was auch wieder passend ist, grob irreführend, denn es hat nichts mit dem kommenden Album „Hurra die Welt geht unter“ zu tun. Das Lied ist gar nicht darauf enthalten.

Anders als „Boom Boom Boom“, das wenig mit dem Eurodance-Track aus den 90ern zu tun hat: Eine bösartige Bestandsaufnahme von Deutschland 2015, in der „Bürger“, die niemals NPD wählen würden weil sie ja keine Nazis sind, trotzdem in Massen gegen Flüchtlingsunterkünfte mobilisieren und nach oben buckeln. Nico bietet im klebrig-süssen Autotune-Refrain eine einfache Lösung für das Problem: „Ich bring euch alle um.“ Zuviel für welt.de. Das Produkt aus dem Springer-Verlag unterstellte (irgendwie zurecht), K.I.Z. würden „Jagd auf den Mittelstand“ machen und bewegen sich  ästhetisch zwischen Ku-Klux-Klan und Islamischem Staat, was allerdings Bullshit ist.

Wenn dieses Lied für den jungen Mann von der Welt schon eine Zumutung darstellt, wird ihm wahrscheinlich nach dem kompletten Durchhören von „Hurra die Welt geht unter“ der Kopf platzen, obwohl nicht einmal sein Arbeitgeber gemeint ist. „Boom Boom Boom“ gibt nämlich die Richtung vor. Das fünfte Album von K.I.Z. ist so ernst, so bösartig und so deprimierend wie keins zuvor, auch wenn sich immer eine große Kelle Zynismus und Ernsthaftigkeit in den hintergründigen Humor gerührt hat.

Beim Opener „Wir“ ahnt man davon allerdings noch nichts: Ein typischer Dicke-Hose-Track, in dem sich die drei Rapper natürlich als die Größten inszenieren und ein paar ihrer üblichen Sprüche wie „Plötzlich findet jeder schwul sein OK/Doch Homosexualität war unsere Idee!“ liefern. Aber immerhin heißt es hier schon nicht mehr wie beim letzten Album „K.I.Z. sind zurück/Opfer, küss mir den Schwanz.“ Zunächst fängt auch der zweite Track „Geld“ so an, doch die dicke Hose ist ganz schnell leer und so wandelt sich das Lied ab der zweiten Strophe in eine knallharte Kritik an der aktuellen Reichtums- und Besitzverteilung: „Vor einem prall gefüllten Schaufenster an Hunger krepieren/Wegen bedrucktem Papier/Das ist Geld!“  Diese Stoßrichtung nimmt auch das Lied „Glücklich und Satt“ an, in dem das Elendsviertel weder romantisiert noch ironisiert wird sondern als beschissener Ort beschrieben wird, den man schnell hinter sich lassen sollte, wenn man es denn irgendwie kann.

Nach der bereits beschriebenen Boom-Single und dem retrospektiven Lied „AMG Mercedes“ kommt mit „Freier Fall“ ein Song über verlorene Liebe - eine eher soulige Emo-Nummer. In die Richtung geht auch „Verrückt nach Dir“ und in gewisser Hinsicht auch „Superstars“, eine romantische Bonny & Clyde-Geschichte über ein Gangsterpärchen die, wie soll es auch anders sein, tragisch endet. Klugscheißer-Anmerkung: Der Track scheint schon älter zu sein, denn hier ist Wowereit noch Bürgermeister. Für Schnulzen und Schmetterlinge im Bauch sind andere zuständig.

Für die Party sind ebenfalls andere zuständig, denn dem können K.I.Z. scheinbar nichts mehr abgewinnen, obwohl oder vielleicht gerade weil sie aus einer von Europas Partymetropolen stammen. Besonders verstörend dabei das Lied „Ariane.“ Gerappt im Stil von Seed oder Culcha Candela (wo ist da eigentlich der Unterschied?) beschreibt es explizit das Treiben eines Vergewaltigers, der nachts im unüberschaubaren Berliner Clubleben Leute zum Sex zwingt und tagsüber den devoten Angestellten gibt. Harter Stoff und sicherlich nicht uninteressant für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und das ein oder andere Plenum im autonomen Kulturzentrum. Bei diesem Lied wäre der Stempel „Triggerwarnung“ mal ausnahmsweise angebracht. Nicht ganz so hart in der Beschreibung aber in der Analyse ähnlich ist „Ehrenlos“. K.I.Z. hatten schon immer ein ambivalentes Verhältnis zu Partys: Auf der einen Seite Lieder wie „Hölle“, dann wiederum Songs wie „Lass uns feiern“, welche das ritualisierte Weggehen am Wochenende hinterfragen. Jetzt tun sie nur noch letzteres. Sich scheinbar selbst und seine Rolle hinterfragen tut auch Manny Marc. Wenn man den jetzt auf Anhieb nicht kennt, schaut man wahrscheinlich kaum RTL II und macht weder Urlaub auf Malle noch auf Ibiza. Der Herr ist Teil des Proll-Duos Die Atzen, die einige Partyhymnen-Verbrechen in der Akte haben. Hier reiht er sich interessanterweise auf dem vorletzten Track in den Komplex Partykritik ein, wenn er die Leute mit in die „Rummel-Bums-Disco“ nimmt, wo sie schlimme Sorgen und Erlebnisse durch Feiern erstmal verdrängen können. Hut ab vor solcher Selbstironie.

Thematisch etwas aus dem Thementrio Party-Albträume, unglückliche Liebe und Kapitalismuskritik fällt „Käfigbett“, ein Song über eine verpfuschte Kindheit. Wenn man die 12 Tracks erfolgreich überstanden hat, wird man mit dem Titeltrack des Albums entlohnt. „Die Welt geht unter“ beschreibt eine postapokalyptische aber friedliche Welt nach einem Atomangriff, in der es wieder Hoffnung auf Zukunft gibt. Der Refrain „Und wir singen im Atomschutzbunker/Hurra, diese Welt geht unter“ wird von einem gewissen Henning May mit einer außergewöhnlichen Stimme gesungen. Ein Typ Anfang 20, der klingt, als würde er jeden Tag mit Chlorreiniger gurgeln. Spannend.

Nach dem ersten Hören habe ich lange über dieses Album nachdenken müssen und wie ich es finde, dass K.I.Z. den Schritt wagen, ein deutlich ernsteres Album vorzulegen. Es ist ein konsequenter und richtiger Schritt, denn anders als andere Bands, die „nun erwachsen werden“, gelingt es K.I.Z. fabelhaft, eine vermeintlich neue Seite an sich zu präsentieren, ohne gleich alles, das sie groß gemacht hat, über Bord zu werfen und den Zeigefinger in der Faust lassen. Der Trick ist simpel: Eigentlich setzten sie thematisch auf inhaltlich bekanntes Material, das sie neu und fokussierter arrangieren. Denn eigentlich waren sie ja immer schon so, aber naturgemäß blieben andere Tracks mit derberen Lyrics beim Publikum hängen. Das hat dafür gesorgt, dass das Bild von der Band etwas schief im kollektiven Gedächtnis hängt. Dass die Texte so sehr durchdringen liegt auch daran, dass die Beats eher unaggressiv sind, tendeziell im Kontrast zum Inhalt stehen und die Worte einfach mehr wirken lassen. Diese Richtung zu wählen, war wahrscheinlich eine gute Entscheidung denn ob ein fünftes Album voll mit „Hurensohn“-Humor oder gefickter Verwandtschaft funktioniert hätte, steht in den Sternen. Und „Hurra die Welt geht unter“ funktioniert!

Gleichzeitig ist es ein Album, das mit seiner beißenden und ätzenden Kritik in die Zeit passt. vor Europas Außengrenzen ertrinken Flüchtlinge, der „Islamische Staat“ schlachtet ganze Dörfer ab, Europa und Russland rüsten verbal und militärisch auf. Hier im Land stehen Pegida und deren parlamentarischer Arm, die „Alternative für Deutschland“ feiert ihre Einzüge in die Landtage. Da kann man schon mal schlechte Laune bekommen und dann so ein Album machen, respektive hören.

Aber natürlich ist nicht so ganz „Schluss mit lustig“. Es gibt immer noch Wortwitz und viele Sprüche, die man mit Edding auf ein Kneipenklo schreiben oder auch auf einen Turnbeutel drucken kann. Nur das jetzt der „Angriff auf die Lachmuskeln“ (sorry!) halt vermehrt mit einem rostigen Küchenmesser direkt in den Bauch erfolgt und nicht mit Schenkelklopfer-Sprüchen.

K.I.Z. haben in den ca. 10 Jahren musikalischer Aktivität mit ihrem brachialen aber hintergründigen Ironie-Rap ein eigenes Genre geprägt, von dem sie sich emanzipiert haben und das sie nun selbst ein Stück weit hinter sich lassen. Sie hätten sich auch darauf ausruhen können. Gut, dass sie es nicht getan haben.

Das Album erscheint am 10. Juli. Im Plastic Bomb #92 findet sich ein ausführliches Interview mit K.I.Z.
Einen Ausschnitt aus dem Interview kann man bald auf der Plastic Bomb-Seite nachlesen.

Weitere Infos und Tourdaten auf der Homepage der Band sowie ihrer Facebook-Seite.

Philipp Meinert