170128 nofx heptitisbadewanne„Das erste Mal, dass ich Pisse trank, war auf einer Feuerleiter mit Blick über Downtown Los Angeles.“ Das ist der erste Satz der NoFX-Autobiographie „Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys“, die nun auch auf Deutsch erschienen ist. Was hat man von so einem Buch zu erwarten, dass gleich so anfängt? In jedem Fall viel Offenheit – vielleicht aber auch ein Lehrbuch der Aufmerksamkeits-Ökonomie?

Was kann man überhaupt von der Autobiographie einer Band erwarten, die man vornehmlich als Gute-Laune-Act auf Sommerfestivals kennt und die das Lebensgefühl der sonnigen Küste Kaliforniens in die Welt trägt, also von Männern, die in Chucks und kurze Hosen auf der Bühne tragen, alberne Partylieder zu performen und zwischen den Songs sich gegenseitig und das Publikum beleidigen? „NoFX are for Kids“ heißt es immerhin selbstironisch auf einem T-Shirt der Band.

Wer NoFX so sieht, und das tun mutmaßlich viele Gelegenheitsfans der Band, wird frei nach Bernd „Björn“ Höcke eine gesinnungspolitische Wendung um 180 Grad hinlegen müssen, nachdem dieses Buch gelesen wurde. „Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys“ ist ein schonungslos ehrliches und über weite Teile ernüchterndes Werk. Große Teile des Buches sind alles andere als komisch oder kurzweilig. Ob die verkorkste Kindheit der einzelnen Bandmitglieder, die lange Drogenkarriere des Schlagzeugers (die bestimmt ein Drittel der Seiten einnimmt und damit ein Buch im Buch ist), Obdachlosigkeit, Selbstmorde und sogar der sexuelle Missbrauch eines Bandmitglieds im Alter von 10 Jahren: Hier kommt alles und viel mehr auf den Tisch, was man NoFX niemals zugetraut hätte.

NoFX gründeten sich Mitte der 80er, als die Punkszene in L.A. ein trostloser Ort war. Die glorreichen späten 70er mit Bands wie Weirdos, Germs oder X waren vorbei, statt Kreativität gab es Drogen und Gewalt in Form von Punkgangs und das Bad Religion einige Jahre späte das Genre umkrempeln würden, wusste noch keiner. Und so spielten und tourten auch NoFX sich die ersten fünf Jahre unbemerkt von der Öffentlichkeit den Arsch ohne jede Resonanz ab, bevor in den 90ern endlich der Erfolg und (meistens) etwas mehr Spaß kamen. Aber die Bands war niemals auf Rosen gebettet.

An vielen Stellen reflektieren die Bandmitglieder sich auch selber und einzelne Entscheidungen. Was wäre passiert, wenn Schlagzeuger Smelly wirklich aus der Band geschmissen worden wäre? Was wenn Kurzzeitsänger Dave Allen dabei geblieben wäre? Was wäre, wenn man Mitte der 90er während des großen Punk Hypes der Verlockung erlegen und zu einem Major Label gegangen wäre? Alles interessante Fragen mit guten, hypotetischen Antworten.

Natürlich gibt es auch viele lustige bis ekelhafte Geschichten, unzählige Streiche auf Tour und pubertäres Gehabe, in denen meist Kotze, menschliche und tierische Ausscheidungsprodukte oder Genitalien eine Rolle spielen. Die dominieren jedoch nicht, wie man vielleicht vermutet und haben auch oft einen bitteren Nachgeschmack. Gegen Ende wird es ziemlich persönlich und die Bandmitglieder sind dankbar für ihre Kinder, ihre überstandene Drogensucht oder einfach, dass alles so gut gelaufen ist und die vielen glücklichen Zufälle. Besonders Fat Mike beschreibt auf den letzten Seiten ausführluch seine sexuellen Vorlieben für SM und Crossdressing, was jedoch weniger Exhibitionismus sondern viel mehr die Erleichterung darüber ist, dass er nach Jahren der Angst nun endlich dazu stehen kann und kein Geheimnis mehr machen muss.

Was die „Hepatitis-Badewanne“ so besonders macht ist neben dem Fehlen jeglicher Glorifizierung und Selbstbeweihräucherung sowie verwunderliche Fakt, wie wenig es für eine Bandbiografe eigentlich um die Musik geht. Sämtliche Alben am dem Jahr 2000 ab „Pump Up the Valium“ (immerhin sechs Stück bis heute und unzählige Singles, EPs und andere Veröffentlichungen) werden nicht einmal namentlich erwähnt. Natürlich gibt es die obligatorischen Geschichten, wie die einzelnen Musiker zur Musik kamen, was ihre Einflüsse sind und wie sich die ersten Platten entstanden sind, jedoch überlagern die sehr persönlichen Geschichten über Drogen, Gewalt und Sexualität alles.

Diese Autobiographie ist vielmehr eine sozialpsychologische Studie und die schonungslose Reflektion einer erfolgreichen Punkband mit interessanten, vielschichtigen und sehr unterschiedlichen Bandmitgliedern. Das macht sie auch sehr lesbar für diejenigen, die NoFX, und vielleicht nicht einmal Punkmusik, mögen. Diese NoFX-Autobiographie ist die größte Punkrock-Beichte auf dem Buchmarkt.

Philipp Meinert

NoFX mit Jeff Alulis: Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys. Edel Germany. Hamburg 2017. 22,95 Euro