B Book Cover lowresIn diesem Sommer gab es gleich zwei Filme in den Kinos, die sich mit Subkultur im Allgemeinen und Punk im Speziellen im Berlin der 80er Jahre beschäftigt haben: Den unterirdisch schlechten Spielfilm „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ und die wirklich sehenswerte Dokumentation B-Movie von Mark Reeder. Zu letzterer gibt es mittlerweile ein begleitendes Buch: Das B-Book.

Doch der Reihe nach. Wer ist überhaupt Mark Reeder? Der punkbegeisterte Engländer zog als junger Mann in den späten 70er Jahren nach West-Berlin und trieb sich fortan als Beobachter und auch Chronist in den diversen Berliner Szenen um. Sowohl in B-Movie als auch im vorliegenden Buch erzählt er seine Geschichte und damit auch die des Berliner Undergrounds der 80er Jahre, zusätzlich dokumentiert mit hunderten von Fotos.

Seine Erzählungen sind zwar autobiographisch, bieten dennoch einen ziemlich umfassenden Überblick. Reeder scheint in den 80er Jahren überall dabei gewesen zu sein und dies dokumentiert zu haben. Seine Szene war jedoch weniger das Hausbesetzer- und Politberlin (die er jedoch erwähnt, denn Reeder war auch zufällig Zeuge des Todes von Klaus-Jürgen Rattay), sondern eher der Kunst- und Avantgarde-affine Underground um die Einstürzenden Neubauten, der Tödlichen Doris, Malaria! und diversen Solokünstlern.

Auch wenn es laut Untertitel um West-Berlin geht, gibt es einige spannende Ausflüge in die DDR, von denen berichtet wird. Höhepunkt ist wohl ein geheim organisiertes Konzert der Toten Hosen in Ostberlin, an dem er mitgewirkt hat. Die Reise endet dann am Ende des Buches übrigens in den frühen Ansätzen der Techno-Kultur der 80er.

Marc Reeder erzählt dabei in Anekdotenform, wie er fast jede interessante Person der damaligen Zeit trifft, was er mit ihr oder ihm erlebt und gemacht hat und gerät dabei nie in den Verdacht, Namedropping zu betreiben. Zu allen hat er nämlich irgendeine Verbindung. Man merkt dem Autor sowohl in der Filmdokumentation auch im Buch an, dass ihn offenbar Begeisterung und große Neugierde antreibt. Auch wenn das Thema Berlin in den 80ern nicht zum ersten Mal dokumentiert ist, ist es schon deshalb ein Genuss, ihm zuzuschauen beziehungsweise es zu lesen. Hier wurde offenbar keine reine Fleißarbeit abgeliefert.

Der Textteil des Buches ist sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch gehalten, und zwar jeweils nebeneinander in zwei Spalten. Auffällig ist bei dieser ungewöhnlichen Methode leider, dass der englische Teil viele Details enthält, die in der deutschen Übersetzung aus welchen Gründen auch immer nicht auftauchen. Andererseits hat man in den meisten übersetzten Büchern keine Vergleichsmöglichkeit und kann daher zur Not einfach nur den englischen Teil lesen.

Der Schwerpunkt im B-Book liegt jedoch auf den zahlreichen Fotos im Buch, viele davon in Farbe. Der Text ist eher eine Zugabe. Damit ist es eher ein Coffee Table Book und wenn ich so etwas hätte, würde ich es auch darauf legen, denn die Aufmachung ist sehr gelungen. Ich frage mich jedoch, warum man Gelb, Magenta und Schwarz als Hauptfarben gewählt hat. Ich zumindest denke dabei nicht an Berlin vor dem Mauerfall, sondern unweigerlich an die Ikonographie der Sex Pistols, die in dem Buch aber (natürlich) nur sehr am Rand erscheinen.

Das B-Book eignet sich für Freunde der (ich sage es gern noch mal) sehr empfehlenswerten Doku und für diejenigen, die sich für die Berliner Subkultur der 80er Jahre interessieren, aber nicht gleich zum soziologischen Wälzer greifen wollen und denen ein schneller aber schöner Einblick reicht. Inhaltlich sind Film und Buch sehr ähnlich. Man kann beides lesen bzw. anschauen oder sich überlegen, ob man lieber liest oder schaut. Für die harten Fans gibt es dann übrigens auch noch die Musiksammlung B-Music. Mit einem Preis 40 Euro für das Buch ist es allerdings nichts für den kleinen Geldbeutel.

Philipp Meinert

Mark Reeder: B-Book - Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 (Buch). Edel Books, Hamburg 2015. 224 Seiten. 39,95 Euro.