Als ich zum ersten Mal vom Erscheinen der Dead Kennedys-Biographie hörte, fragte ich mich sofort, warum dieses Buch erst 2015 erscheint. Immerhin ist die Bedeutung der Dead Kennedys bis heute ungebrochen und wir leben im Zeitalter der Aufarbeitung von Punkgeschichte, in der jede Band, die mal vor mehr als 30 Leuten gespielt hat, ihre Geschichte mindestens einmal dokumentiert hat.

Die Antwort lag eigentlich auf der Hand und wird direkt auf den ersten Seiten beantwortet: Bekanntermaßen sind die Bandmitglieder bis heute völlig zerstritten und die Arbeit an dem Buch gestaltete sich als sehr schwierig. Musikjournalist Alex Ogg macht auch keinen Hehl daraus, dass die Arbeit an diesem Buch aufgrund dessen kein Vergnügen war.

 

 

„California über alles: Dead Kennedys, wie alles begann“ heißt im Original “Dead Kennedys: Fresh Fruit for Rotting Vegetables, the Early Years“. Ursprünglich sollte das Buch ein ausführliches Booklet zur Veröffentlichung einer Jubiläumsausgabe des legendären „Fresh Fruit for Rotting Vegetables“-Albums im Jahr 2005 werden. Da sich die einzelnen ehemaligen Bandmitglieder aber damals über den Inhalt nicht einig wurden (und es bis heute nicht sind), erschien es erst 2014. Inzwischen liegt es in der deutschen Übersetzung beim Ventil Verlag. Übersetzt hat es Joachim Hiller vom OX.

Wie der Untertitel schon verrät, handelt es sich nicht um die gesamte Bandgeschichte der Dead Kennedys, sondern nur um deren Anfänge  was der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass es ursprünglich nur als ein Album-Booklet ausgelegt. Dreh- und Angelpunkt ist daher die Anfänge der Band und das besagte „Fresh Fruits“-Album, also bis circa 1980. Die Dead Kennedys lösten sich 1986 auf.

Die Hauptpersonen sind der ehemalige Sänger Jello Biafra sowie Gitarrist East Bay Ray und Bassist Klaus Flouride.

Wie ein roter Faden zieht sich der Konflikt der Bandmitglieder durch das Buch. Dabei ist auffällig, wie verbissen Biafra die Deutungshoheit in den nun schon fast 20 Jahre schwelenden Streit behalten will und das er für seine ehemaligen Mitmusikanten fast nur Spott übrig hat. Je nach persönlichem Interesse für Klatsch und Tratsch kann das unterhaltsam oder auch ziemlich anstrengend sein. Jello Biafra widerspricht Klaus Flouride und East Bay Ray fast bei jeder ihrer Äußerung augenscheinlich nur um zu widersprechen. Oft handelt es sich um absolute Banalitäten. Beispielsweise behauptet Klaus Flouride an einer Stelle, der allererste Auftritt der Dead Kennedys hätte 15 Minuten gedauert. Jello Biafra dagegen und stellt fest, dass es 11 Minuten waren. So geht das die ganze Zeit. In einer Tour und bei jeder Kleinigkeit verdächtigt er seinen ehemaligen Bandmitgliedern, bewusst die Unwahrheit zu erzählen, obwohl es offensichtlich nur um unterschiedliche Erinnerung an 30 Jahre alte Ereignisse geht. Der Mann scheint wirklich unter Verfolgungswahn zu leiden.

Das Buch schafft damit eins: Es entzaubert auch Jello Biafra, der in „California über alles“ überwiegend wie ein rechthaberischer, autoritärer Typ rüber kommt, der es trotz seiner heutigen Bedeutung in der Rockgeschichte und als jemand, der im Gegensatz zu vielen Punk-Ikonen immer noch großartige Sachen rausbringt, nachhaltig gekränkt ist. Und man ist geneigt zu glauben, dass tatsächlich Biafra es eher mit der Wahrheit nicht so ganz genau hält und nicht seine Bandmitglieder. Eigentlich hätte man es aber auch schon länger wissen können, denn inzwischen dürfte bekannt sein, dass es sich bei dem legendären Prozess "Rest-Kennedys gegen Biafra" nicht um die Verwendung des Liedes „Holiday in Cambodia“ in einem Levi’s-Spot ging, wie Jello Biafra es verbreitete, sondern um Tantiemen aus den Einnahmen der Dead Kennedys-Stücke handelte, die er seinen anderen Bandmitgliedern schlichtweg vorenthalten und selbst eingesteckt hat. Man mag von den „heutigen“ Dead Kennedys vor allem musikalisch halten, was man will, aber die einfache Formel: "Reunion-Dead Kennedys böse und geldgierig– Jello Biafra integer und gut", die immer noch weit verbreitet ist, lässt sich so nicht mehr aufrechterhalten.

Wenn es nicht primär um seine alte Band geht, sind Jello Biafras Kommentare im Buch deutlich gemäßigter und man merkt, was für ein spaßiger, inspirierter und intelligenter Satiriker er doch eigentlich ist. Dies wird besonders in Kapitel Vier deutlich, wo es um seine Kandidatur als Bürgermeister von San Francisco im Jahr 1979 geht und einen legendären Spaßwahlkampf hinlegte, gegen den die PARTEI heute blass wirkt.

Es ist schade, dass Biafras Narzissmus das Buch an so vielen Stellen überschattet, denn dazwischen gibt es immer wieder hochspannende Geschichten und Anekdoten, für die sich die Lektüre durchaus lohnt und einige „Aha“-Effekte bereithält. Die Wurzeln der einzelnen Musiker sind überraschend und erklären den einzigartigen Sound der Band.

Ein weiteres dickes Plus sind neben vielen Bandfotos und Flyern die unzähligen Abbildungen und Artworks von Hausgrafiker Winston Smith, der auch im letzten Kapitel kurz vorgestellt wird. Vor allem die Kollagen haben nach 35 Jahren nichts von ihrer verstörenden Anziehungskraft eingebüßt.

Etwas langatmig wird es immer dann, wenn es um Entstehung der Songs der „Fresh Fruits“ und den musikalischen Details von Bass- und Gitarrenspiel oder Aufnahmetechniken geht. Hier verliert sich Ogg sehr im Klein-Klein. Vielleicht ist das aber für Musiker, zu denen ich mich nicht zählen kann, auch pures Gold. Und vielleicht auch berechtigt, denn bei den Dead Kennedys handelte es sich um punk-untypisch erfahrene Musiker, die anders an ihre Stücke gegangen sind als die meisten damaligen Punkbands. Trotzdem würde ich unterstellen, dass die Mehrheit der Dead Kennedys-Fans stärker an Anekdoten um den damaligen Band-Alltag interessiert sind (die es in dem Buch natürlich auch und zu Hauf gibt) als daran, wann welches Mikrofon-Modell in welchem Lied wie eingesetzt wurde.

Im Anhang findet sich neben der Smith-Biographie eine Sammlung von Zitaten, die irgendeinen Bezug zu den Dead Kennedys haben und von irgendwelchen mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen stammen. Das hätte man sich knicken können. Das Kapitel bietet keinen Erkenntnisgewinn, sondern ist schlicht Namedropping.

Mit ein paar größeren und kleinen Abstrichen bleibt „California über alles“ ein empfehlenswertes, kurzweiliges Buch über eine Ausnahmeband und hat seine Berechtigung auf dem wachsenden Punkgeschichtenmarkt. Der Fokus hätte allerdings etwas stärker auf die gesellschaftliche Bedeutung der Band in der damaligen als auf die Entstehung und Aufnahme der einzelnen Lieder gelegt werden können Kurz gesagt: Mehr Straße und weniger Studio wäre stellenweise angebracht gewesen. Und so ziemlich alle Zitate Biafras, in dem es ihm nur darum geht, seine eigene Großartigkeit zu betonen und gleichzeitig die anderen Bandmitglieder zu diskreditieren, hätte man streichen können.

Da dieses Buch nur bis 1980 geht, bleiben noch sechs unerforschte Jahre und Stoff für einen zweiten Teil. Man kann aber bezweifeln, dass Alex Ogg darauf noch einmal Lust hätte.

Philipp Meinert

Alex Ogg: California über alles: Dead Kennedys, wie alles begann. Ventil Verlag, Mainz 2015. 240 Seiten, 17.,00 Euro.