Gab es wirklich noch nie ein Buch über Punks im Ruhrgebiet? Zumindest kann ich mich an keins erinnern. Im Folgenden erfahren wir eine Menge Interessantes über Punks im Pott. Das Buch startet mit einem Rückblick auf die Punkszene und die Bands der 80er und 90er Jahre. ARTLESS, BLUTTAT, RICHIES, PÖBEL & GESOCKS, DIE WUT, CLOX, STAMMELNDE HEIMKINDER plus eine UPRIGHT CITIZENS Story. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der aktuellen Punkszene. Ein guter Ansatz. Schließlich zählt das Hier und Jetzt mehr als die ewigen Geschichten aus der Vergangenheit. Eine separate Rubrik nehmen Fanzines ein. PLASTIC BOMB, OX, HULLABALLOO, MOLOKO PLUS, SCUMFUCK, OUT OF ORDER, BIERSCHINKEN. Aktuelle Bands werden vorgestellt. BRIGADE S, SONDASCHULE, EMSCHERKURVE 77, THE KLEINS, 2ND DISTRICT (DISTRICT, REVOLVERS), VAGEENAS, BICAHUNAS, SS-KALIERT, PARANOYA, DÖDELSÄCKE und - HAIE, HOTEL ENERGIEBALL, OPERATION SEMTEX und viele andere
Die Dreifaltigkeit des Ruhrpott-Prollpunks darf natürlich nicht fehlen. LOKALMATADORE, KASSIERER, EISENPIMMEL. Zudem geht es um Mailorder und Läden wie DIRTY FACES, RILREC, IMPACT RECORDS, SINNY BASTARDS, IDIOTS RECORDS, NEW LIFESHARK, SALON ALTER HAMMER. An welchen Orten spielt sich der Punk im Ruhrgebiet ab? AZ Mülheim, Druckluft Oberhausen, Rattenloch Schwerte, Fabrik Duisburg (R.I.P.), Freak Show Essen und so weiter.
Die beiden Autoren Philipp und Dennis sind ganz offen an ihr Projekt herangegangen. Sie haben sich von einem zum anderen durchgehangelt. Viele Leute haben sie erst während ihrer Arbeit kennengelernt. Von diesen wurden sie dann mit wieder anderen bekannt gemacht und so weiter. Learning by doing. Man bekommt einen ganz guten Einblick in die Punkszene im Pott. Dabei kommt heraus, dass der gemeine Pottpunk ein eher bodenständiger Typ ist, ein Sozialromantiker, der Industriekulissen, Zusammenhalt und Dreck liebt. Der kein Blatt vor den Mund nimmt, die direkte Wortwahl bevorzugt und relativ frei von Visionen und Ideen für die Zukunft lebt. Irgendwie leicht erschreckend. Auch fällt mir auf, dass es für dieses riesige Ballungsgebiet kaum wirklich gute Bands gibt und gab. Das darf sich in Zukunft gerne ändern.
Neben den vielen positiven Dingen darf Kritik am Buch nicht fehlen. Das Hauptaugenmerk liegt mir zu sehr auf den eher prolligen Bands. Anderes fehlt dagegen vollständig. Eine wichtige Band wie BOMBENALARM, die es schaffte Punks und Hardcores zusammen zu bringen, wird mit keiner Silbe erwähnt. Die inzwischen leider aufgelöste Band hat diverse Platten veröffentlicht und geniesst weltweit großes Ansehen in der D.I.Y.-Punkszene. Auch hätte ich mir ein Interview mit Cem, dem Sänger der RUHRPOTTKANACKEN gewünscht, der einer der ganz wenigen türkischen Punks ist. Und das im multikulturellen Ruhrgebiet. Frauen sind nur eine Randnotiz. Wie wäre es mit Jannine von den BICAHUNAS gewesen? Oder mit Steffi vom DRUCKLUFT? Oder Ilona von DJÄZZ? Dem Prollpunk setzen die Cryt-Style-Hop Konzerte seit über 10 Jahren im Druckluft flotten Garagepunk entgegen. Einem Laden wie der FABRIK DUISBURG, der seit über 10 Jahren tot ist, widmet man mehrere Seiten. Kann man machen, keine Frage. Aber warum wird das sympathische AKZ Recklinghausen tot geschwiegen, wo engagierte Punks und Linke ein richtig cooles Gebäude mit großem Aussengelände haben? Die seit vielen Jahrzehnten existierende Punkband TRIPLE J aus Duisburg fehlt ebenso wie Frank Herbst. Frank ist seit 30 Jahren ohne Unterbrechung (!) aktiv in der Punkszene. Er gibt Fanzines heraus, betreibt ein Label, macht eine regelmäßige Radiosendung, hilft bei Festivals und und und. Frank hätte definitiv ins Buch gehört. Stattdessen stellt man eine Band wie COTZREIZ vor, die vom Niederrhein kommt und nichts mit dem Ruhegebiet zu tun hat. Und als letzten Kritikpunkt muss ich das Coverartwork anführen. Das Motiv ist billig, schlecht und hässlich. Da hätte man sich mehr Mühe geben müssen. Es gibt soviele Möglichkeiten und coole Motive. Warum nimmt man trotzdem sowas Belangloses, Ausgelutschtes und Beliebiges?
Ich möchte das Buch aber auch nicht schlecht reden. Es macht Spaß zu Lesen und ist unterm Strich gelungen. Es ist ein 270 Seiten starkes Buch geworden mit vielen Infos und Geschichten zum Punk im Ruhrgebiet. Interessant nicht nur für Punks aus dem Pott. Micha.-

Bestellen kann man das Buch: HIER

(Henselowsky Boschmann / im PLASTIC BOMB Vertrieb: www.mailorders.de)