slime_buchEndlich eine ausführliche Biographie der vielleicht wichtigsten Politpunkband Deutschlands. Auf knapp 300 Seiten erfährt man vermutlich alles, was man über SLIME wissen sollte oder bisher nur gerüchteweise wusste. Das Interesse an SLIME ist ungebrochen. Ihre Konzerte sind ausverkauft und ihr letztes Album hatte sogar einen Charteinstieg zu verzeichnen. Nach der DVD „Wenn der Himmel brennt“ vor inzwischen auch schon 10 Jahren nun ein weiteres Dokument über aber auch von SLIME jenseits ihres musikalischen Schaffens.

Vom Stil her erinnert das Buch durchaus an „Please Kill me“ von McNeil und McCain, „Verschwende deine Jugend“ von Teipel oder auch Helges „Network of Friends“. Es wurden also zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt und darum anhand chronologischer Ereignisse ein Buch gebaut. Allerdings halten sich Erzähl- und Interviewteil im ungefähren die Waage, was das Lesen meiner Meinung nach leichter macht als bei den genannten Beispielen.

Diese Biographie ist eine Hommage an SLIME ohne sie abzufeiern oder zu heroisieren. Auch die Schattenseiten der Band kommen im oft sehr persönlichen Statements der einzelnen Bandmitglieder zur Sprache. Eine wichtige Rolle nimmt der ständige Konflikt zwischen Stephan Mahler und quasi dem gesamten Rest der Band ein und zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden. Wahrscheinlich war es ein ebenso roter Faden für die Geschichte der Band selbst. Das Prinzip ist einfach und überzeugend: Die Bandmitglieder erzählen ihre Lebensgeschichte, die unmittelbar mit SLIME verbunden war ab den 1970ern nach und reflektieren auch ihre heutige Position als Menschen zwischen 40 und 50. Ergänzt wird dies durch Erzählungen von prominenten sowie weniger prominenten Zeitzeugen, die von außen ihre Sicht auf die Band schildern. Liest sich von vorne bis hinten flüssig. Etwas „drangeklatscht“ wirkt lediglich das kurze Kapitel zu Atari Teenage Riot und Alec Empire.

Respekt gebührt dem Autor für die Zusammenstellung der Personen, die befragt wurden. Alle sind vertreten. Auch Mahler, der bekanntermaßen seinen Frieden mit der Band gefunden hat. Neben allen noch lebenden (Ex-)Mitgliedern von SLIME kommen auch zahlreiche Größen wie Campino, Rod Gonzáles (Ärzte), Jan Delay, Rocko Schamoni, Jan Müller (Tocotronic),  Schorsch Kamerun und Ted Gaier (Goldene Zitronen) und viele mehr zu Wort. Klingt erst mal nach Namedropping, ist aber tatsächlich eine gelungene Zusammenstellung von Statements tatsächlicher Wegbegleiter von SLIME, denn die vermeidlichen Promis bekommen auch nicht mehr Platz als völlig unbekannte Menschen, die aber trotzdem einen wichtigen Anteil an der Bandgeschichte haben.

Daneben gibt vor allem Hintergrundinfos in Form eigener Kapitel über den FC St. Pauli, linke Motorradrocker und die Situation in der Hafenstraße in den späten 1980er Jahren. Insgesamt wird St. Pauli und Fußball im Allgemeinen immer wieder aufgegriffen, was sicherlich an der Fußballbegeisterung des Autors (Der bereits zum Thema Hooligans veröffentlicht hat) aber auch an Dirk Joras selbst liegt.

Das Buch richtet sich eher an Fans und Kenner der Band oder der hiesigen Szene. „SLIME – Deutschland muss sterben“ bleibt fast immer im SLIME-Universum und damit auch vorwiegend in Hamburg. Das ist einerseits ein gutes Konzept weil es das Buch schnörkellos und fast spröde wie SLIME selber daher kommen lässt aber andererseits auch etwas schade, weil so der Gesamtkontext wenig zur Geltung kommt. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele junge Menschen ohne fundierte Szenekenntnisse gerade jetzt zum ersten Mal mit SLIME in Kontakt kommen dürften, wäre genau das interessant gewesen. Als Einstiegsliteratur in das Phänomen Punk in (West-)Deutschland eignet es sich daher nur bedingt. Leider bleibt auch die Frage offen, warum ausgerechnet SLIME in den frühen 80ern zur wichtigsten deutschen Punkband werden sollten und nicht beispielsweise Normahl, Toxoplasma oder Vorkriegsjugend, die sich eigentlich nicht weniger kompromisslos äußerten. War es die „Bullenschweine“-EP, war es der damalige Ruf der Hamburger Punks als besonders harte Vertreter ihrer Zunft, war es einfach nur Glück oder von allem ein bisschen? Diese zentrale Frage bleibt offen und wenn es denn eine Antwort darauf gibt, hätte man sie dort klären können.

Diese beiden Kritikpunkte schmälern die Gesamtleistung aber kaum. Mit „SLIME – Deutschland muss sterben“ ist Daniel Ryser ein Portrait der Band gelungen, dass sich liest wie ein SLIME-Konzert klingt: Rotzig, direkt, hart aber auch streckenweise nachdenklich oder sogar sentimental. Sollte man nicht ins Bücher- sondern ins Plattenregal stellen.

Ryser, Daniel (2013): SLIME - Deutschland muss sterben. München: Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore. 286 Seiten.

Homepage des Autors
Bandhomepage , u.a. mit Terminen zur Lesetour von Daniel Ryser und SLIME-Unplugged-Set
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