rummelasbach cover 600Wenn man in Berlin lebt, hat man manchmal das Problem nicht einschätzen zu können, ob es sich bei hiesigen Pop-Phänomenen um eine lokale Erscheinung handelt. Manche Künstler lassen sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen kaum über die Stadtgrenzen exportieren, während sie in der Hauptstadt zum Inventar gehören und hier die Läden vollmachen. Ich glaube, dass es bei Rummelsnuff ähnlich ist. Zumindest spielt er außerhalb der Hauptstadt laut Tourplan viel kleinere Läden als daheim. Besser gesagt fürchte ich es, denn er hätte deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient und es ist zu hoffen, dass dies spätestens mit dem neuen Album eintritt.

Daher der Reihe nach: Rummelsnuff ist die Kunstfigur von Roger Baptist, der bereits in der nicht gerade als Hort der Kreativität bekannten DDR mit dem Avantgarde-Projekt „Freunde der italienischen Oper“ Aufsehen erregte. Baptist trainierte fleißig und wurde vor gut zehn Jahren zu Rummelsnuff, einem rauen aber herzlichen Seebären, streng aber liebevoll. „Popeye“ ist ein häufiger, aber zu oberflächlicher Vergleich, der nur auf die Optik der Figur von Roger Baptist abzielt. Sicherlich ist Rummelsnuff auch etwas Comic-Figur, aber ist so ziemlich das Gegenteil von einem Hitzkopf, sondern bedächtig, ruhend und regelrecht träge.

Wenig comichaft ist seine sehr eigene Musik, die zwischen leichten Melodien und sperrigen Beats pendelt und Elemente osteuropäischer Folklore, Electroclash und Seemanns-Shanty kombiniert. Diesen ganz eigenen Mix nennt der Künstler "Derbe Strommusik". Damit hat der Stiernacken auch sein inzwischen fünftes reguläres Album „Rummelsnuff & Asbach“ gefüllt.

Thematisch bleibt der Käpt‘n sich treu: Wie es sich für ihn gehört, ist das Hauptthema natürlich das Fernweh nach der See, außerdem spielen wieder die Glorifizierung harter, körperlicher Arbeit, der Kraftsport und überhaupt das klassische Konstrukt von Männlichkeit eine starke Rolle. Einzig die früher häufigen DDR-Referenzen fallen auf „Rummelsnuff & Asbach“ diesmal weg.

Wer angesichts der Hypermaskulinität jetzt eine Augenbraue hebt und Mackertum oder Sexismus befürchtet, kann beruhigt sei: Rummelsnuff schwitzt zwar circa einen Liter Testosteron pro Minute aus, sein Habitus ist aber alles andere als reaktionär oder chauvinistisch, weil viel zu stark überzeichnet und oft viel zu melancholisch. Hinzu kommt verlässlich die offensive Homo-Erotik, die für das Konzept Rummelsnuff fundamental ist.

Der letzte Punkt bringt einen direkt zur größten Innovation des Albums. Rummelsnuffs Sidekick Maat Asbach, der seit einigen Jahren bei den Bühnenshows dabei ist, nimmt auf diesem Album mehr Raum ein. Der Legende nach lernten sich die Beiden ganz romantisch im Darkroom des Berghains, wo Rummelsnuff bis 2014 als Türsteher gearbeitet hat, kennen und teilen seitdem mindestens die Bühne, wenn nicht mehr. Asbach ist der Gegenentwurf zum seinem Käpt’n: Schmaler, jünger und quirliger. Ein bisschen wirken die beiden, als hätte man Klaus & Klaus in eine schwule Clubversion verwandelt. Dazu ist Asbach, im Gegensatz zu Rummelsnuff, auch noch Sänger und bringt eine deutliche Abwechslung zum brummigen Sprechgesang, was dem neuen Album wirklich zugutekommt.

Aber auch ein noch so schönes Album kann ein Live-Konzert vom Käpt’n und dem Maat nicht ersetzen, denn das Ganze lebt klar von seiner Optik und seiner Präsenz. Livekonzerte des Duos sind ein großer Spaß. Album hören ist schön und gut, aber wenn der Käpt’n und sein Maat mal bei euch an Land gehen, sollte man mal vorbeischauen.

Philipp

P.s. wie Vielseitig die "derbe Strommusik" sein kann, zeigen diese beiden Videos mit Liedern vom neuen Album exemplarisch: