DaveDictorDer Literaturmarkt zum Thema Punk und Hardcore ist gerade im Wandel begriffen. Nachdem die ersten Werke der historischen Punk-Aufarbeitung seit den späten Neunzigern hauptsächlich Beschreibungen von Beobachtern waren, die auf Interviews mit den jeweiligen Szenegrößen beruhten, schreiben verstärkt die Ikonen und besonders Musikerinnen und Musiker ihr Leben selber auf. Allein in den letzten zwei Jahren veröffentlichten Billy Idol, Marky Ramone, Vivienne Westwood, Richard Hell und zuletzt John Doe und NoFX Autobiographien heraus. Johnny Rotten beschrieb 2015 bereits zum zweiten Mal sein Leben. Und noch dieses Jahr erscheinen die Erzählungen der Stooges, Laura Jane Grace und Keith Morris.

Nun hat auch Dave Dictor, Sänger der legendären MDC, was meist mit Millions of Dead Cops ausgeschrieben wird, mit „Memoir From A Damaged Civilization“ seine Geschichte vorgelegt.

Im Unterschied zu den oben Genannten war Dictor nie ein großer Star der Punk- und Hardcoreszene in dem Sinne, was aber nicht an seiner mangelnden Relevanz liegt. Im Gegensatz zu vielen anderen haben sich MDC einfach konsequent aus Majorstrukturen rausgehalten und sind bis heute DIY unterwegs. Damit wird man eben nicht berühmt, was die Band aber auch nie beabsichtigt hat.

Auf knapp 200 Seiten erfährt man das natürlich auch in der vorliegenden Biographie. Bereits früh politisierte sich der junge Dave, fand sein Interesse am Gender Bending, linksradikalen Ideen und wurde Vegetarier. Die ersten MDC-Lieder, wie My Family Is a Little Weird, Dicks For Brains und Chicken Squawk, entstanden in den frühen 70ern noch als Folk-Songs. Diese wanderten dann auch in verschärfter Version ins Sortiment der Stains, die später zu MDC wurden, die gemeinsam mit den Dicks und die Big Boys die heilige Dreifaltigkeit des Texas-Hardcore in den frühen Achtzigern bilden sollten.

Selbstverständlich erzählt ein Großteil von Dictors Biographie von seiner Band und damit die zahlreichen Anekdoten aus der seit über 35 Jahren bestehenden Hardcore-Punkband. So unter anderem auch die inzwischen berüchtigten Vorkommnisse um die Bad Brains, deren damaliges homophobes Verhalten im wesentlichen Dictor und das Maximumrocknroll-Fanzine öffentlich gemacht haben und die die Band bis heute verfolgen. Viele dieser Geschichten, die durchaus interessant sein könnten, sind leider nur in wenigen Sätzen angedeutet. Dave hätte gut daran getan, öfter einmal mehr ins Detail zu gehen. Das sagt er selbst am Ende des Buches, dass er noch so viel zu erzählen gehabt hätte. Vielleicht reicht es ja für ein zweites Buch.

Streckenhaft sind die Passagen, in denen es um die einzelnen Touren der Band geht, etwas schwach erzählt. In einem gewissen Staccato liest sich das etwa so: „Wir spielten in Stadt X mit Band Y, alle waren sehr nett. Dort tragen wir auch Person Z und am nächsten Tag ging es weiter nach…“ Aber im Gegensatz zu vielen anderen hatte Dave Dictor keinen Ghostwriter an seiner Seite und dafür, dass er eigentlich Musiker und kein Schriftsteller ist, liest sich das Buch sehr gut. Auch schlechte Englischkenntnisse müssen niemanden von der Lektüre nicht abhalten.

Teilweise ist es schon fast gruselig, an wie viele Details er sich zu erinnern scheint. Vor allem dann, wenn es um die Zahl der Besucher der diversen Konzerte in den vergangenen 30 Jahren geht. Entweder ist Dictor mit einem phantastischen Gedächtnis gesegnet oder er ist ein sehr penibler Chronist, der über die Jahre alles sehr genau dokumentiert hat, was sich um seine Band dreht.

Der typische Sarkasmus, den auch MDC in ihren Texten haben, findet sich selbstverständlich auch in dieser Biographie wieder. Als Dictor sich beispielsweise als Teenager für Vegetarismus interessiert, stieß er bei seinen Recherchen zum Thema auf zwei Personen, die sich ebenfalls vegetarisch ernährt haben sollen: Hitler und Gandhi. Ein Fazit ist dann einfach, dass es dann jetzt ja schon drei Vegetarier gäbe.

Gegen Ende des Buches wird es sehr persönlich. Es geht um die Drogenprobleme des Autors, seinen Beruf als Lehrer (wobei das eine mit dem anderen nichts zu tun hat) und um eine fast tödliche Krankheit im Jahr 2014. Auch wird zahlreichen Leuten gedankt und es wird oft richtig rührseelig. Aber auch Frauengeschichten und lustige Zahnbehandlungen sind ein Thema.

Insgesamt ist die Lektüre kurzweilig und das Englisch einfach zu lesen. Von Dave Dictor bleibt der Eindruck von einem hochintelligenten Menschen übrig, der so gar nicht dem Klischee des dummen Amis entsprechen will und vor allem viel zu erzählen hat. Wer ein authentisches Stück US-Amerikanischer Hardcore-Punkgeschichte sucht, sollte in „Memoir From A Damaged Civilization“ mal ein Auge werfen.

Philipp Meinert

Dave Dictor: Memoir From A Damaged Civilization – Storys Of Punk, Fear, and Redemption. Manic D Press. San Francisco 2015. 192 Seiten. $15.95.