handschuhEins habe ich mit dem Frauenmörder Fritz Honka, der die Hauptfigur des neuen Romans von Heinz Strunk ist, gemeinsam: Wir waren beide schon mal Gäste in der verruchten Absturzkneipe „Der Goldenen Handschuh“ auf St. Pauli. Ich jedoch nur einmal - Honka vor 40 Jahren hingegen viel zu oft.

Vor einigen Jahren und damit lange bevor mir die Hintergrundgeschichte dieser kleinen Kneipe auf bekannt war, besuchte ich einen ehemaligen Arbeitskollegen in Hamburg. Der wollte mir eine typische Kneipe jenseits der Touri-Magneten auf St. Pauli zeigen. So landeten wir schließlich in eben jenem „Handschuh“.

Es war nicht (mehr) so abgewrackt, wie ich es nach den Beschreibungen meines Bekannten erwartet habe. Die Kneipe war recht leer, einige offensichtliche Stammgäste klebten seit einer gefühlten Ewigkeit am Tresen und eine Dame mittleren Alters tanzte angetrunken und erotisierend zu den Klängen einer alten Jukebox. Die Stimmung war friedlich – trotzdem war ich angespannt, da ich fürchtete, dass bei einer falschen Geste oder einem falschen Blick alles sofort kippen könnte. Im Gegensatz zu Fritz Honka bin ich auch nicht wieder gekommen.

Kürzlich hat Heinz Strunk in Roman „Der goldene Handschuh“ nun die Lebensgeschichte von Fritz Honka aufgeschrieben, der zwischen 1970 und 1975 vier Frauen im Affekt ermordet, ihre Leichen zersägt und größtenteils in seiner Wohnung versteckt hat. Wer jetzt ein Splatterthriller oder eine boulevardeske Dokumentation im Stile von „Die schlimmsten Serienkiller“ erwartet, wird enttäuscht werden. Die Morde selber sind nur ein kleiner Baustein der Geschichte. Stattdessen beleuchtet Heinz Strunk den Alltag des Mörders, der gleichbedeutend mit niemals endendem Suff ist. Bezeichnenderweise sind die Morde, die Honka begeht, dadurch noch nicht einmal das Schlimmste im Buch. Die Beschreibung des Milieus und der Menschen, die darin hinvegetieren, ist viel deprimierender. Es handelt sich hauptsächlich um hartes Trinkermilieu – um Männer und Frauen, die außer regelmäßigen Alkohol und gelegentlichen bezahlten oder unbezahlten Geschlechtsverkehr in ihrem Siechtum nichts mehr zu erwarten haben. Kriegsveteranen, gescheiterte Rotlichtgrößen und vor allem ausrangierte Ex-Prostituierte. Und mittendrin eben jener Fritz Honka, der dort nicht auffällt.

Ausführlich, aber ohne zu werten zeichnet Heinz Strunk nach, wie Fritz Honka zu dem werden konnte, was er schließlich wurde. Er war vaterlos, ins Kinderheim gesteckt, misshandelt und sexuell missbraucht. Dazu war er noch nach einem schweren Unfall optisch entstellt. Eine Chance auf ein normales Leben hatte er eh nie. Außer der Vernichtung von Unmengen Alkohol schien er nichts hinzubekommen. Nicht einmal ein Selbstmordversuch klappte.

So strandete er in Hamburg in einer winzigen Wohnung. Bis auf eine kurze Episode als Nachtwächter, sozusagen der Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, verbrachte er sein Leben in Absturzkneipen wie dem „Handschuh“, wo ein ähnlich gescheitertes Klientel auf ihn wartete. Dort lernte er auch die Frauen kennen, die später zu seinen Opfern wurden. Die standen in jeder Hackordnung sogar noch unter Fritz Honka und so behandelte er sie auch. Wobei „behandeln“ das falsche Wort ist. Er versklavte sie, bevor er sie ermordete und sprach ihnen jeglichen eigenen Willen und jede Persönlichkeit ab. Honka konnte es auch, weil niemand diese Frauen vermisste. Ihre Leichen, die er in seiner Wohnung versteckte, werden auch eher durch Zufall bei einem Feuer gefunden. Gesucht wurde keine von ihnen. Und das ist fast noch deprimierender als ihr Tod und es sagt vor allem mehr über den Zustand der damaligen Gesellschaft aus als über Fritz Honka.

Nicht zu vergessen ist, dass „Der goldene Handschuh“ ein Roman und keine Dokumentation ist. Dennoch hat Heinz Strunk zuvor aufwändig recherchiert und sogar Gerichtsakten gewälzt. Bei aller Fiktion dürfte auch viel Authentizität mitschwingen.

Es gibt auch noch zwei weitere Erzählstränge. Berichtet wird auch noch von den Von Dohrens, einer alteingesessenen fiktiven Hamburger Reederfamilie, die ihre besten Zeiten hinter sich hat und die nur noch nach außen den Schein für die feine Gesellschaft Hamburgs wahrt. In Wirklichkeit sind sie kurz vor der Pleite und die Familie auch dadurch nach innen zerrüttet. Außerdem gibt es noch den mit den Von Dohrens verwandten Anwalt Karl von Lützow, der beruflich erfolgreicher ist und ein ähnliches fundamental gestörtes Verhältnis zu Frauen hat. Obwohl sie alle keine Mörder sind, sie nicht wesentlich besser als Honka. Zunächst erschließt sich der Sinn dieses Erzählstranges nicht. Es wird einem jedoch schnell klar, dass dadurch „Der Goldene Handschuh“ davor bewahrt wird, ein Sozialporno zu werden in dem der suggeriert wird, dass das Grauen nur am Bodensatz der Gesellschaft stattfindet und das alles mit einem selbst nicht viel zu tun hat.

Was das Buch so großartig macht, ist seine bereits mehrfach gerühmte trockene Erzählweise, in der das Grauen geschildert wird. Weder verurteilt Heinz Strunk den Mörder und seine Taten, noch glorifiziert er irgendwas oder erhebt ihn sogar zum Popstar, wie es mit Figuren wie Charles Manson oft passiert ist. Das Spiel mit den mehr oder weniger gescheiterten Existenzen taucht in allen Romanen von Heinz Strunk auf. In „Der Goldene Handschuh“ wird es auf die Spitze getrieben. Ein gewisser Ekel schwimmt immer mit. Nach dem Lesen hatte ich zumindest das dringende Bedürfnis, mich erst einmal lange zu duschen.

Philipp Meinert

Heinz Strunk: Der Goldene Handschuh. Rohwolt Verlag, Hamburg 2016. 255 Seiten. 19.95 Euro.