Interview mit Joshi (ZSK)

Berlin gilt gemeinhin als weltoffene tolerante Metropole und als Zentrum linksalternativer Lebensform in Deutschland. Das dieses Image nur vornehmlich auf die zentralen und angesagten Bezirke zutrifft, wissen nur informierte AntifaschistInnen und aufmerksame LeserInnen der lokalen Hauptstadt-Blätter. Gerade in den Randbezirken Berlins machen sich Nazis breit, organisieren sich und üben Gewalt aus – eben genau da, wo es weniger bis keinen Widerstand gibt. Ein trauriges Beispiel ist der Ortsteil Schöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick im Osten der Stadt. Im traditionsreichen Arbeiterbezirk besteht eine aktive Neonaziszene mit festen Strukturen, die sich dort zu festigen droht.

Genau dort organisiert das Bündnis Gemeinsam gegen Nazis mit Unterstützung von Kein Bock auf Nazis am 30.4. eine Demo mit anschließendem Open-Air-Konzert mit ZSK, Irie Révoltés, Atari Teenage Riot (DJ Set), Berlin Boom Orchestra und einer „feinen“ Überraschungsband, wie es heißt. Natürlich bei freiem Eintritt. Warum dann und da erklärt Joshi von ZSK im kurzen Interview.

 

 

Erzähl bitte was über die Situation vor Ort in Schöneweide.
In Berlin-Schöneweide ist die Scheiße richtig am Dampfen. Das wird langsam aber sicher zu einem richtigen Nazikiez. Da gibt es eine ganz bekannte Nazikneipe, die „Zum Henker“ heißt und fast direkt daneben hat der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke seinen Naziladen, wo er Szenekleidung, Teleskopschlagstöcke und Pfefferspray verkauft. In der ganzen Straße wohnen sehr viele Nazis und es ist richtig gefährlich da. Es ist dringend notwendig, dass dort mehr passiert. Treptow-Köpenick ist eben ein kleines bisschen außerhalb des Innenstadtbezirks und das macht es schwieriger. Da müssen die Leute eben mal rauskommen aus Kreuzberg und dort helfen. Die Berliner sind da ein bisschen schwerfällig. Die wollen immer in ihrem eigenen Kiez demonstrieren. Es gibt natürlich auch Leute vor Ort aber die brauchen Unterstützung, besonders weil am 1. Mai ein großer Naziaufmarsch genau in diesem Kiez stattfinden wird.

Wie sieht die Unterstützung aus?

Es entstand die Idee, am Abend vor dem großen Naziaufmarsch ein richtiges großes Signal zu setzen und für mindestens einen Abend diesen Arschlöchern ihren Kiez abzunehmen. Das haben wir damals schon einmal in Lichtenberg gemacht, als das noch als krasser Nazikiez galt und da ist inzwischen auch vieles besser geworden. Man muss nur eben die Leute vor Ort unterstützen. Man kann da nicht jeden Tag hin fahren, klar, aber man kann an diesem einen Tag, drei-, vier-, fünftausend Leute in den Kiez holen die dann richtig feiern und den Nazis zeigen: Wir sind da. Und: Wir kommen am nächsten Tag wieder und verhindern euern scheiß Aufmarsch.

ZSK (Bandfoto: Joe Dilworth)
ZSK (Bandfoto: Joe Dilworth)
Von Anfang an: Wie genau entstand das Open Air?

 

Wir wurden von den lokalen Initiativen angefragt, ob wir die nicht mit „Kein Bock auf Nazis“ unterstützen wollen und ob wir uns nicht vorstellen könnten, dort mit ZSK zu spielen. Eigentlich haben wir ein eigenes Release-Konzert für unser neues Album geplant und haben uns auch schon nach einem Laden umgesehen. Aber dann haben wir gesagt: Drauf geschissen. Wir machen jetzt das Open Air in Schöneweide. Natürlich ist es dann kein normales ZSK-Konzert wo wir anderthalb Stunden mit den Leuten die Sau rauslassen, aber das finden wir wichtiger. Jetzt ist ein ziemliches Hammer-Lineup entstanden: Atari Teenage Riot, Irie Révoltés, Berlin Boom Orchestra und wir eben. Und eine FEINE Überraschungsband. Das ist schon eine gute Spannbreite und wir rechnen mit ein paar tausend Leuten, die den ganzen Abend direkt vor der Haustür der Nazis feiern. Ein Nebeneffekt ist auch noch, dass die Besucher den Kiez kennenlernen sollen, weil wir genau dort am nächsten Tag die Nazis stoppen wollen.

Wie treten die Nazis denn in Schöneweide auf und was machen sie dort?
Das ist deren „Homezone“. Die verprügeln dort auf der Straße Leute, schmeißen alle zwei Wochen bei Gregor Gysi die Scheiben ein und Hans Erxleben von der LINKEN, der dort auch sehr aktiv ist, wurde mit Pyrotechnik der Briefkasten gesprengt. Das ist bei anderen Leuten auch passiert. Die Jusos haben dort mit der AnsprechBar ein linkes Jugendcafé und denen werden auch immer wieder die Scheiben eingeschlagen. Zuletzt wurde ein junger Mann mit Migrationshintergrund nach einer Nazi-Party im Henker durch den Kiez gejagt und hat sich dann in einem Döner-Imbiss versteckt. Lustiger weise hat dann der Besitzer des Ladens die Nazis mit dem Dönerspieß abgewehrt. Es ist also insgesamt eine beängstigende Situation dort. Und wie gesagt: Den Antifas vor Ort soll klar gemacht werden, dass sie nicht alleine sind und Unterstützung bekommen.

Allgemein gefragt: Wie entsteht denn so ein Nazi-Kiez?
Ganz einfach: Die Nazis sprechen sich ab und ziehen da gezielt hin, z.B. aus Brandenburg. Das ergibt natürlich auch Sinn, wenn man seinen eigenen Kiez hat, wo man seine Leute hat und mit Straßengewalt eine rechte Hegemonie durchsetzen kann. Letztendlich ist es das Konzept der „National Befreiten Zonen“, was natürlich eins zu eins noch nie umgesetzt wurde. Zum Glück. Aber der Gedanke dahinter ist schon: Wir erschaffen unsere Straße, wo unsere Kneipen sind und wir das Sagen haben und sich dann andere Leute nicht mehr hin trauen und wegziehen.

Wie sieht der Widerstand vor Ort aus?
Es gibt zum Beispiel die Kampagne Uffmucken in Schöneweide die Konzerte organisieren oder beispielsweise „Putzspaziergänge“. Da geht dann der SPD-Opa mit den jungen Antifas und die Grünen mit den Jusos los und machen mit Schabern und Putzzeug die Nazisticker von den Laternen ab oder beseitigen Sprühereien. Auch wenn es nur ein kleines Zeichen ist, ärgert es die Nazis wahnsinnig wenn ihre Reviermarkierungen, mit denen sie zeigen, dass sie da sind, entfernt werden. Und für den kommenden 1. Mai sind natürlich die großen Blockade-Aktionen geplant. Da passiert schon einiges, aber es muss noch mehr passieren.

Was ist für diejenigen, die am 30.4. nach Schöneweide zur Demo und zum Konzert wollen, zu beachten?
Details findet man auf der Homepage. In aller Kürze: Es geht um 17 Uhr los mit einer Demonstration am S-Bahnhof Schöneweide, die Demo zieht dann durch den Kiez und endet auf dem Festivalgelände. Man muss um 17 Uhr da sein, damit man mit der Demo zum Gelände kommt und sollte auf keinen Fall auf eigene Faust kommen. Es geht bis 23 Uhr und danach wird auch für eine sichere Abreise gesorgt. Wir spielen mit ZSK von 21 bis 22 Uhr und danach spielen noch Irie Révoltés.

Ein Schlusswort?
Ja. Kommt rum. Wir freuen uns auf Euch!!

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Links:
Demo & Open Air als Facebook-Veranstaltung
Gemeinsam gegen Nazis-Homepage
Kein Bock auf Nazis-Homepage und auf Facebook
ZSK-Homepage und auf Facebook

Übrigens: In der nächsten Plastic Bomb-Druckausgabe #83 (kommt Mitte/Ende Mai) wird ein ausführliches Interview mit Joshi und Eike von ZSK zu ihrem neuen Album und mehr erscheinen. Dieses Kurzinterview entstand am Rande dazu.