Die neonazistische BORN-Gruppe in Russland –

Hintergründe und Prozessbeobachtung

Gastartikel von Igor, What We Feel

Seit November 2014 beschäftigen sich die Geschworenen des Moskauer Landgerichts mit dem Prozess der neonazistischen Gruppe „Kampforganisation russischer Nationalisten“ (russ.: Bojevaja Organisazija Russkih Nazionalistov – kurz: BORN). BORN ist eine der brutalsten Neonazi-Gruppen in der Geschichte Russlands. Sie hat Migranten, Antifaschisten, einen Bundesrichter, einen Anwalt, eine Journalistin und einen Champion im Thaiboxen ermordet. Die Vorbereitungen des Prozesses haben lange angedauert. Unter anderem brauchte es vier Anläufe, bis Geschworene gefunden waren.

Zur BORN zählten laut den Ermittlungen in der Vergangenheit mindestens sieben aktive Mitglieder. Für die Ermordung des Anwaltes Stanislav Markelov und der Journalistin Anastasija Baburova, die in Kontakt mit AntifaschistInnen standen, wurden Nikita Tichonov (lebenslange Haft) und seine Freundin Jevgenija Chasis (18 Jahre Arbeitslager) verurteilt. Tichonov wurde Ende September 2014 außerdem zu weiteren 18 Jahren Haft für die Gründung der BORN verurteilt. Er gestand seine volle Schuld und sagte gegen die restlichen Mitglieder der Gruppe aus.

Angeklagt sind derzeit noch vier weitere Mitglieder: Maksim Baklagin, Vjatscheslav Isajev, Michail Volkov und Jurij Tichomirov.

Getrennt verhandelt worden ist der Prozess gegen Ilja Gorjatschev, Anführer der ultrarechten Organisation „Russische Ikone“. Gorjatschev wurde aus Serbien ausgeliefert und wird in den Ermittlungen als weiterer Organisator der BORN-Gruppe und ihr Komplize bezeichnet. Nikita Tichonov gehörte dabei nicht zu den Aktivisten der legalen „Russischen Ikone“. Er stand auf der Bundesfahndungsliste, nachdem er 2006 bereits mit Aleksandr Parinov den 19-jährigen Besucher eines Hardcorekonzerts, den Antifaschisten Aleksandr Rjuchin, ermordet hatte.

In seiner Aussage behauptet Tichonov, dass der Initiator der Gründung der Untergrundorganisation BORN angeblich Ilja Gorjatschev gewesen sei. BORN habe die „Russische Ikone“ durch ihren bewaffneten Kampf unterstützt. Nach Tichonovs und Gorjatschevs gemeinsamen Vorstellungen sollten alle Morde „lange wirken“ und „aus politischen Motiven“ begangen werden. Die Opfer sollen, wie Tichonov betont, ebenso angeblich in erster Linie von Gorjatschev ausgesucht worden sein. Gorjatschev habe ihm Daten mit den Adressen von Antifaschisten zur Verfügung gestellt. Als Tichonov diese Daten erhielt, soll Gorjatschev gesagt haben, dass er auch Zugang zu den Datenbanken des staatlichen „Zentrums zur Extremismusbekämpfung“ besitze.

Alle Mitglieder der BORN-Gruppe haben ihre Opfer beobachtet, besorgten sich Waffen, verübten Morde – sowohl unter Anweisung der Gruppenanführer als auch selbstständig. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft gingen sie verdeckt vor, mit Maskierungen, unter falschen Namen und auch mit falschen Spitznamen. Für die Kommunikation untereinander benutzten die Neonazis Skype in der Closed-Source-Version. Sie transportierten und benutzten Messer, Schrotflinten und Revolver, eine Maschinenpistole, eine Kalaschnikow und Sprengkörper.

 

 


 

 

BORN-Morde – eine Chronik

 

2008 engagierte Nikita Tichonov den Neonazi Michail Volkov für die Ermordung des Antifaschisten Fjodor Filatov. Am 10. Oktober überfielen Volkov und Tichonov diesen am Aufgang seines Hauses. Volkov stach mehr als 20-mal mit einem Messer auf Filatov ein, in seinen Kopf, Körper und Gliedmaßen. Keine der Verletzungen war sofort tödlich, das Opfer verstarb aber noch am selben Tag an dem Schmerzschock und Blutverlust.

 

Im Zeitraum Februar bis März 2009 begannen die BORN-Mitglieder Baklagin, Isajev und Tichomirov, den Mord des Antifaschisten und Wirtschaftsstudenten Ilja Dschaparidse vorzubereiten. Sie griffen ihn früh am Morgen des 27. Juni 2009 in der Pererva-Straße an, wo er wohnte und üblicherweise zur Metro ging.

Es gab zwei Täter. Der erste schoss mehrmals mit einer „Ossa“ (dt.: Wespe; eine Gummigeschosspistole und sogenannte „nichttödliche“ Waffe) auf den Kopf des Opfers; der zweite stach 26-mal mit einem Messer auf Dschaparidse ein. Um die Ecke wartete ein dritter Komplize in einem Auto. Laut Ermittlungen soll Tichomirov mit der „Ossa“ geschossen haben, Baklagin auf Dschaparidse eingestochen und Isajev die Täter zur Mordstelle gefahren haben.

Vor dem Mord hatten sich die BORN-Mitglieder mehrmals den Ort des Überfalls angesehen. Tichomirov trug bei der Tat eine Perücke und einen Sonnenhut, Baklagin ein Basecap. Beide flüchteten mit der Metro vom Tatort, Isajev fuhr ein Auto mit falschem Nummernschild.

 

Im Oktober 2009 beschlossen Tichonov, Aleksej Korschunov und andere Neonazis, den Antifaschisten Ivan Chutorskoj zu ermorden. Sie engagierten dafür Baklagin und Isajev. Anfang November wurden Tichonov und seine Freundin Chasis verhaftet. Die anderen beschlossen, den geplanten Überfall in die Tat umzusetzen. Am 16. November tötete Korschunov Chutorskoj mit einem Schuss in den Hals und in den Kopf. Zusammen mit Baklagin und Isajev, die Wache gestanden hatten, floh er erfolgreich vom Tatort.

 

Anfang Dezember 2009 gab Korschunov als nächstes Isajev und Baklagin die Anweisung, den Mord zweier beliebiger Personen „nicht-slawischen Aussehens“ durchzuführen. Er wies auf eine Sporthalle hin, in der nicht-slawische Sportler trainierten. Baklagin und Isajev bereiteten die selbstgebaute Schrotflinte vor, mit der Chutorskoj erschossen worden war.

 

Am 24. Dezember 2009 verließen dann gegen 21 Uhr zwei Sportler die Halle. Einer von ihnen war Muslim Abdulajev, Champion im Thaiboxen. Isajev schoss ihm mit der Doppelflinte in den Kopf. Den zweiten Sportler, Nuretchujev, konnte Isajev nicht erschießen, weil er nicht schnell genug an seine Waffe kam. Deshalb schoss Baklagin mit seiner Ossa, traf aber nicht. Der überlebende Sportler Nuretchujev ergriff – mit den späteren Worten des Staatsanwalts – „Maßnahmen, um sein Leben zu retten“. Das heißt, er rannte weg.

 

Am Morgen des 12. April 2010 ermordeten BORN-Mitglieder unter Korschunovs Leitung den Richter Eduard Tchuvaschov, der im Moskauer Stadtgericht arbeitete. Isajev und Baklagin hatten geholfen, ihn zu observieren. Tchuvaschov hatte unter anderem das Gerichtsverfahren gegen die Nazi-Skinhead-Organisation „Belyje Volki“ (Weiße Wölfe) geleitet. Er war außerdem an einer Reihe weiterer großer Fälle beteiligt, in denen Verbrechen von Neonazis geahndet wurden.

 

Im September 2010 ermordeten Isajev und Baklagin den Taxifahrer Sos Chatchikjan, „um in der Gesellschaft eine positive Einstellung zu den Tätigkeiten der BORN zu schaffen.“ Baklagin schoss Chatchikjan mit einer Schrotflinte in den Kopf, woraufhin dieser sofort verstarb.

 

Anfang Februar 2011 entschieden BORN-Mitglieder, den Revierpolizisten des Bezirks Goljanovo, Gagik Benjaminjan, zu ermorden. Isajev beobachtete Benjaminjan, fand heraus, wo er arbeitete und wie er aussah. Korschunov stellte ihnen eine umgebaute Gaspistole mit 119 Patronen zur Verfügung. Laut den Ermittlungen feuerte Isajev dann am 2. März 2011 mit dieser 9mm-Pistole mindestens vier Schüsse auf Benjaminjans Hals und Kopf ab. Dann verkeilte sich die Pistole. Der Kiefer des Polizisten wurde zerschmettert, aber er überlebte.

 

 

Die Geschichte der Gruppierung, erzählt von einem ihrer Anführer, Nikita Tichonov

 

Ich bin einer der Organisatoren und Hauptaktivisten der extremistischen Gemeinschaft ‚Kampforganisation russischer Nationalisten’. Ihre Geschichte begann im Herbst 2007, als ich mich mit meinem guten Freund Ilja Gorjatschev traf. Ich stand damals schon ein Jahr lang auf der Fahndungsliste und versteckte mich vor den Ermittlern“, sagte Tichonov vor Gericht aus.

 

Als er auf der Fahndungsliste wegen der Ermordung des Antifaschisten Aleksandr Rjuchin stand, habe Gorjatschev ihm von seinen Kontakten in der Regierung berichtet und vorgeschlagen, eine Gruppe zu gründen, die auch in Tichonovs Interesse handeln würde. 

 

Gorjatschev meinte, dass ich einen großen Freundeskreis unter den Skinheads und Fussballhooligans habe. Er würde diese Kontakte gern nutzen, um Druck auf die politische Opposition im Interesse seiner Bekannten in der Regierung auszuüben. Ich lehnte damals ab und sagte, dass die Nationalbolschewisten* nicht meine Feinde seien. Bei einem weiteren Treffen im Herbst 2007 sprach Gorjatschev mich erneut an und meinte: 'Wenn du zu radikalen Handlungen bereit bist, werden für dich schon die passenden Feinde zu finden sein“.

(*Anm.: Die Nationalbolschewisten vertreten in Russland sowohl kommunistische als auch offen nationalistische und antidemokratische Ziele. Die Hauptpartei NBP wurde 2005 verboten. Ihre Parteifahne zeigt Hammer und Sichel auf einem rot-weißen Untergrund, der stark an die Fahne der NSDAP erinnert. Ehemalige Führungspersonen der NBP vertreten heute noch das Kreml-oppositionelle Bündnis „Das andere Russland“. Die Nationalbolschewisten zählen allgemein zur Opposition in Russland.)

Weiter sagte Tichonov aus, dass Gorjatschev den Anwalt Stanislav Markelov erwähnt habe, der „als Aktivist der anarcho-linksradikalen Bewegung bekannt war“. Gorjatschev zufolge wäre der Anwalt inoffiziell an der Gründung einer neuartigen linksradikalen Vereinigung beteiligt. Die Linke in Russland bekäme dafür angeblich Geld von ihren westlichen Kollegen.

 

Tichonov hat wiedergegeben, dass diese „neuen Linken“ laut Gorjatschev den Patriotismus, Stalinismus und die Methoden der KPRF (Kommunistischen Partei der Russischen Föderation) ablehnten. Ihre Hauptforderungen wären die Amnestie kriminalisierter Einwanderer gewesen, die Aufhebung der Hindernisse für Zuwanderung sowie die Unterstützung Homosexueller. Für dieses „Projekt“ sollte mutmaßlich die linksradikale Antifa-Hooligan-Bewegung gewonnen werden und die Anwerbung angeblich „mithilfe der Mittel westlicher Gleichgesinnter“ erfolgen: auf Konzerten westlicher Bands, bei denen „die Jugend angeworben wurde“ und welche man dann in Seminaren „ideologisch vollpumpte“. 

 

Tichonov erklärte weiter:Anfang 2008 überquerte ich dann illegal die ukrainische Grenze, wo sich Aleksandr Parinov befand, der mit mir zusammen auf der Fahndungsliste stand. Er fand den Vorschlag von Gorjatschev interessant, war aber nicht imstande, sich mir anschließen, weil er eine schwere Hepatitis hatte und sich zum damaligen Zeitpunkt kaum bewegen konnte.

Zu Gorjatschev hatte ich die ganze Zeit über das Internet Kontakt. Er meinte im Sommer 2008, dass er von einigen Antifa-Anführern erfahren habe, die mit dem Anwalt Markelov in Verbindung stünden. Wir kommunizierten über das Internet mithilfe von Andeutungen und Codes. Gorjatschev sagte, dass er mich in Moskau schon sehr  erwartete. Im September kehrte ich dann nach Russland zurück und erhielt von ihm die Liste mit den Namen der Antifa-Köpfe“.

 

Auf dieser Liste, sagte Tichonov, standen die Namen der Antifaschisten Fjodor Filatov (genannt Fedjaj) Ilja Dschaparidse, Koba Avalischvili, Ivan Chutorskoj (genannt Kostolom) und Aleksej Olesinov; bekannt als Schkobarj. Andere Namen der Liste wusste Tichonov angeblich nicht mehr und das Dokument habe er vernichtet.  Unter jedem der Namen auf der Liste standen Ausweisdaten und Adressen.

 

Beim Treffen sagte Gorjatschev, dass mich in Moskau die Morde von Markelov und einiger Antifa-Anführer erwarten würden. Speziell Filatov erwähnte er. Ich begann Komplizen zu suchen, und bat meine Bekannten Aleksej Korschunov und Michail Volkov um Mithilfe. Ich kannte sie lange und vertraute ihnen, beide fanden den Vorschlag interessant. Anfang Oktober 2008  begann ich, Filatov,  den Gorjatschev als einen der wichtigsten Moskauer Antifaschisten bezeichnete, an seinem Wohnsitz zu observieren“.

 



 

Die Verhandlungen

 

Der Mord an Fjodor Filatov 

 

Der Mord des Antifaschisten Fjodor Filatov vom 10. Oktober 2008 wurde als einer der ersten verhandelt. Filatov war Moskauer SHARP-Skinhead. Angeklagt wurden Michail Volkov und der bereits verurteilte Nikita Tichonov.

 

Filatovs Schwester, Olga Koloskova, erzählte vor Gericht über ihren ermordeten Bruder: „Wir haben unterschiedliche Väter. Fedja ist mein Bruder mütterlicherseits. Wir wohnten zusammen in einer Wohnung. Als er ermordet wurde, war er 27 Jahre alt und arbeitete als Ladearbeiter. In der Nacht vor diesem Freitag konnte Fedja nicht schlafen, als ob er eine Vorahnung gehabt hätte. Er lief die ganze Zeit im Zimmer umher, erzählte mir und unserer Mutter aber nichts. Gegen 8 Uhr morgens ging er zur Arbeit, doch bald hörten wir Schreie auf der Straße. Unsere Mutter ging zum Fenster und sah, wie Fjodor sich auf die Erde setzte, um ihn herum eine Blutlache.“

 

Koloskova lief zusammen mit ihrer Mutter von der achten Etage zum Hauseingang hinunter. 

 

Er lag schon 15 bis 20 Meter vom Eingang entfernt. Mein Bruder rief nach mir und sagte ein einziges Wort: ‚Schnell’. Ein Nachbar versuchte ihm zu helfen, irgendwie das Blut zu stoppen. Mein Bruder war noch bei Bewusstsein. Das Blut floss in Strömen, und er war von Wunden übersät. Wir warteten ca. eine halbe Stunde auf den Rettungswagen. Als er endlich kam, standen die Sanitäter lange herum und wollten ihn nicht mitnehmen. Sie wollten die Trage nicht dreckig machen oder hatten keine Trage dabei … Mit einem Laken, das ich holte, trug man ihn dann ins Auto. Ich hörte, wie er schrie, als er hineingetragen wurde. Ich durfte nicht mit. Später kam ein Bezirkspolizist zu uns und sagte uns, dass er aus dem Krankenhaus angerufen worden sei. Mein Bruder war gestorben.“

 

Olga erzählte weiter, dass Filatov ihr und der Mutter „nicht direkt von Drohungen [erzählt hatte], obwohl er anscheinend irgendwelche SMS bekam, aber er nahm sie nicht ernst. Wir wussten nicht, dass er ein Antifaschist war. Wir fanden irgendwie alles selbst heraus, sahen seine Bücher, sahen, was man über ihn im Netz schreibt“, erklärte sie.

 

Der Richter verlas im Prozess die Ergebnisse der forensischen Untersuchung: zahlreiche Stichwunden, ein Stirnbeinbruch, ein Schädelhirntrauma. Alle Verletzungen entstanden innerhalb eines kurzen Zeitraumes. „Filatov verstarb am 10.10.2008 um 8:52 Uhr aufgrund von Verletzungen und Blutverlust“, heißt es darin abschließend.

Der angeklagte Neonazi Volkov sagte zum Mord aus: „2008 verübte ich zusammen mit meinem Kumpel Nikita Tichonov den Angriff auf Fjodor Filatov, der, wie sich später herausstellte, zu dessen Tod führte. Auf ihn und die Gruppe, welche Nationalisten angriff, wurde ich durch Tichonov aufmerksam.“

Volkov habe sich am 10. Oktober 2008 mit Nikita Tichonov getroffen und von ihm das Messer für die Tat bekommen. „Wir vereinbarten das nicht vorher. Ich kam mit leeren Händen.“ Tichonov habe dann gesagt, dass Filatov bewaffnet sein würde. „Jedoch wurde auch dann kein Mord vereinbart, aber ich nahm das Messer. Wir trafen uns am Morgen an der Metrostation ‚Ismailovskaja’ in der Nähe von Filatovs Haus. Als Nikita Filatov bereits angegriffen hatte und beide miteinander kämpften, eilte ich herbei und stach mehrmals auf Filatov ein. Und rannte weg. Als ich wegrannte, lebte Filatov noch, bewegte sich rege und schimpfte. Ich dachte damals überhaupt nicht daran, dass die Verletzungen tödlich sein könnten. Von seinem Tod erfuhr ich erst ein paar Tage später aus dem Internet“, behauptete Volkov in seiner Ansprache vor den Geschworenen. Angeblich wäre er „über diese Nachricht sehr beunruhigt“ gewesen und habe nie mit jemandem über die Ermordung des Antifaschisten gesprochen.

 

Zwei andere Aussagen von Michail Volkov während der Ermittlungen lauteten:

 

Ich habe am rechten Arm viele Tattoos mit Militärsymbolen der deutschen Armee aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges: ein Motorrad, ein Flugzeug, einen Panzer, ein U-Boot und eins von Soldaten in Uniformen des Dritten Reiches. Auf dem Bauch habe ich ein Tattoo mit der Aufschrift „FÜR RUSSLAND“, und auf der Brust eins mit dem Kopf von Adolf Hitler und verschiedene Muster. Auf dem linken Arm habe ich ein Tattoo einer Schlange, eines mittelalterlichen Segelschiffs und weitere Muster an den Beinen. Auf dem rechten Arm habe ich ein Hakenkreuz.“

 

„Filatov verübte Straftaten gegenüber meinem Volk. Gegenüber dem Volk, welches ich als meine Familie ansehe.“

 

Laut Volkov hatten Antifaschisten, unter ihnen Fjodor Filatov, den – wie er sagte – russisch-orthodoxen „Kreuzzug“ angegriffen. Außerdem hatten sie mehrmals Musiker und Securities rechtsradikaler Konzerte verprügelt.

 

Der Mord an Ilja Dschaparidse

 

Ilja Dschaparidse wurde am Morgen des 27. Juli 2009 auf dem Weg von seinem Haus zur Metro getötet. Laut der Anklage holten ihn Maksim Baklagin und Jurij Tichomirov ein und Tichomirov schoss Dschaparidse mit einer Ossa in den Kopf. Dieser verlor aber nicht das Bewusstsein. Daraufhin stach Baklagin mehrmals mit dem Messer auf ihn ein, und infolge dessen verstarb der Antifaschist später im Krankenhaus. Beide Angreifer trugen Frauenperücken. Vjatscheslav Isajev fuhr sie zum Tatort und kontrollierte die Situation.

 

Jurij Tichomirov ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht des Mordes an Dschaparidse angeklagt, weil er für dieses Verbrechen bereits verurteilt wurde. Im April 2012 hat ihn das Moskauer Ljublinskij-Gericht zu zehn Jahren Haft der strengsten Vollzugsart verurteilt.

 

Donara Dschaparidse, die Mutter des ermordeten Ilja, erzählte vor Gericht über ihren Sohn: 

Iljuscha hat immer gearbeitet. Seit der siebenten Klasse hat er gearbeitet, im Sommer. Wir brauchten das Geld nicht unbedingt, aber das war seine eigene Entscheidung. Er war sehr gut in der Schule, machte einen ausgezeichneten Abschluss. Er war ein sehr guter Mensch, half seiner Familie und Freunden. Wahrscheinlich habe ich ihn falsch erzogen, Menschen dürfen nicht gutmütig und anständig sein“.  Sie weinte leiste, während sie am Zeugenpult stand. Ilja schrieb auch Gedichte und spielte in einer Band, erzählte sie weiter.

 

„Wie war seine Haltung gegenüber anderen Nationalitäten?“, fragte der Richter.

 

„Gut, wir machten keine Unterschiede“. Mittlerweile weinte sie richtig. „Ich verstehe nicht, warum uns das passiert ist. Hier ist ein Buch mit seinen Gedichten, so war mein Sohn.“

 

Donara Dschaparidse las dem Gericht eins der Gedichte vor, in dem der Satz stand: „Was habe ich falsch gemacht, worin besteht ist meine Schuld?“ Sie fragte: „Was hat denn mein Sohn falsch gemacht?! Warum musste ein gutmütiger, lieber Mensch sterben?“

 

Zuletzt hatte die Mutter Ilja am Morgen seines Todestages gesehen. Sie verabschiedete ihn zur Uni, wo er hinfahren wollte, um eine Prüfung abzulegen. Vom Tod ihres Sohnes erfuhr sie auf der Arbeit. Ihr ältester Sohn und Iljas Taufpate kamen zu ihr und sagten „Lass uns heimgehen.“

 

„Ich hatte sofort verstanden, dass Ilja etwas zugestoßen war. Sie sagten, dass er ermordet wurde. Aber er hatte nie etwas Gesetzeswidriges getan“.

Erst nach Iljas Tod erfuhr sie, dass ihr Sohn Drohungen erhalten hatte.

 

Der angeklagte Mörder Maksim Baklagin sagte während der Ermittlungen aus: „Tichomirov und ich zogen uns die Kleidung und Perücken an, in der  wir geplant hatten, den Mord zu verüben. Wir gingen zu einer Sitzbank, die nicht weit von Dschaparidses Haus stand ... Auf der Bank mimten wir Alkoholiker und taten so, als ob wir Spirituosen aus der Flasche trinken würden. In Wirklichkeit tranken wir Traubensaft.

In dem Moment, als Dschaparidse sich uns näherte, machte ich die Saftflasche zu und legte sie zusammen mit dem Plastikbecher in eine Tüte, die ich dabei hatte. Als Dschaparidse vorbeigelaufen war, folgten wir ihm. In der Nähe der Metrostation ‚Bratislavskaja’ schoss Tichomirov dann viermal mit seiner Ossa auf seinen Kopf. Dschaparidse verlor aber nicht das Bewusstsein, sondern versuchte, in Richtung seines Hauses wegzurennen. In dem Moment stach ich auf ihn ein und er fiel in der Nähe zu Boden. Während der Messerattacke versuchte er, sich mit den Armen zu schützen und mit den Beinen zu freizureißen. 8 bis 12-mal stach ich in seinen Körper, die anderen Male wehrte er mit den Armen ab.“ 

 

Der Richter verlas das Protokoll der Tatortuntersuchung. Am Tatort wurden zwei Patronen mit einer Gummiummantelung und ein graues Handy gefunden, auf dem Asphalt waren Blutspritzer. Im Protokoll der Rechtsmedizin stand, dass Ilja Dschaparidse um 10:43 Uhr ins Krankenhaus eingeliefert worden war, bereits im Koma. Nach einer halben Stunde verstarb er dort. Er hatte eine Kopfverletzung im Bereich der Augenhöhle, Stichverletzungen im Bauch, eine tiefe Stichverletzung in der Brust, weitere Verletzungen der Brust, an den Armen, Händen und Unterschenkeln. 26-mal wurde insgesamt mit einem Messer auf ihn eingestochen. An all diesen Verletzungen verstarb Ilja Dschaparidse.

 

Seine Mutter bat vor Gericht zum Schluss noch einmal um Wort: „Sie haben diese Aufzeichnungen vorgelesen! Sollten diese Verbrecher etwa nicht verurteilt werden?“ Der Richter versuchte, sie zu unterbrechen und bat sie, sich unter Kontrolle zu halten.

 

„Andere Mütter sollen Angst haben, ihre Söhne aus dem Haus gehen zu lassen“, sagte Donara zuletzt und setzte sich wieder auf ihren Platz.

 

Die Ermordung von Ivan Chutorskoj

 

Den Mord von Ivan Chutorskoj begannen die BORN-Mitglieder im Oktober 2009 vorzubereiten. Dabei bestand Tichonov auf seine Aussage, dass er gar nicht an der Ermordung habe teilnehmen wollen, sich aber einverstanden erklärte, Baklagin und Isajev das Haus zu zeigen, wo ihr Opfer wohnte. Am 4. November wurde Tichonov verhaftet. Das schreckte seine Komplizen nicht von dem Verbrechen ab. Im Gegenteil beschlossen sie, ihn auf diese Weise zu „unterstützen“.

 

Aus der Aussage des Neonazis Vjatscheslav Isajev bei den Ermittlungen: „Wir gingen also in die Küche und begannen zu entscheiden, was zu tun ist. Dann schlug Aleksej [Korschunov] es vor, und wir waren damit einverstanden, dass man Chutorskoj alle machen soll.“

Ein Ermittler fragte nach: „Was bedeutet ‚alle machen’?“ Die Antwort des Verdächtigen: „Na, umbringen. Das war immerhin eine Unterstützung für Nikita.“

 

Im Endeffekt beging Aleksej Korschunov den Mord. Am 16. November 2009 erschoss er Ivan Chutorskoj mit einem Revolver aus dem Jahr 1895, den Tichonov einen Tag vor seiner Festnahme an Baklagin und Isajev verkauft hatte. Baklagin und Isajev koordinierten über ein Funkgerät Korschunovs Aktionen und gaben ihm ein Signal, als Chutorskoj seinen Hausflur betrat.

 

Vjatscheslav Isajev sagte während der Ermittlungen: „Als Maks [Baklagin] (über das Funkgerät) das Kommando gab, hörte Korschunov, wie [Chutorskoj] in den Hauseingang ging, und begann, ihm entgegen die Treppe herunterzulaufen. [Korschunov] guckte, wo er war, aber irgendwie war Chutorskoj nicht zu sehen. Er stand aber an den Briefkästen und nahm wahrscheinlich die Zeitungen heraus. Das heißt, Chutorskoj hat nichts mitbekommen. Aleksej näherte sich ihm von hinten und schoss ihm ins Genick. Chutorskoj fiel sofort zu Boden. Aleksej kam näher und machte noch einen Kontrollschuss und fertig.“

 

Ivans Schwester Jekaterina Chutorskaja berichtete im Prozess: „Mein Bruder arbeitete als Jurist im städtischen Zentrum ‚Kinder der Straße’, er hatte einen Hochschulabschluss in Rechtswissenschaften. Als er starb, war er 26 Jahre alt. Dass er Antifaschist war, erfuhr ich erst nach seinem Tod. Ebenso, dass er Konzerte vor Nationalisten beschützte. Er brachte Jugendlichen bei, Widerstand gegen Nationalisten zu leisten. Ivan hatte viele Freunde, sie besuchten uns zu Hause und mein Bruder mochte Musik, er hörte die Band Distemper.“ 

Ivan lebte in einer Wohnung mit seiner Mutter und Oma, und die Schwester lebte alleine.

Mein Bruder wurde mehrmals überfallen. 2008 wurde er mit einem Messer am Bauch verletzt, 2005 wurde er auch schon überfallen. Er selbst hatte nie Probleme mit dem Gesetz. Mein Bruder hatte keine Waffen, er erzählte mir nichts darüber. Ich glaube aber, dass er die Wahrheit nur unserem Vater erzählte und unserer Mutter und mir nicht. Aber unser Vater ist verstorben und kann nicht aussagen.“

 

Der Richter verlas das Protokoll der Tatortuntersuchung: „Der Leichnam von Chutorskoj liegt auf dem Rücken, der rechte Arm ist entlang des Körpers gestreckt, der linke Arm befindet sich in einem spitzen Winkel zum Körper. Die Augen sind geschlossen, die Körpertemperatur beträgt 14°C, die Handflächen sind kühl. Zum Zeitpunkt des Eintreffens der Ermittler ist die Leichenstarre noch nicht eingetreten. Am Körper sind schwarze Unterhosen, eine weiße Jacke, blaue Jeans und eine offene Gürteltasche, in der Bankkarten und Fahrkarten gefunden worden sind, die auf den Namen Ivan Chutorskoj laufen. In den Akten der forensischen Untersuchung werden folgende Verletzungen am Körper beschrieben: Schussverletzungen am Kopf und Hals, die zugefügt wurden, während er noch lebte. Chutorskoj wurde mit zwei im Nahbereich abgefeuerten Schüssen aus einer Waffe getötet und verstarb wenige Minuten, nachdem ihm die Verletzungen zugefügt worden waren.“

 

Ivans Mörder selbst erlebte das Gerichtsverfahren nicht mehr. Er floh in die Ukraine, wo er sich 2011 – wahrscheinlich versehentlich – beim Joggen mit einer eigenen Granate in die Luft sprengte.

Aleksandr Parinov, der auch in die Ukraine floh, nachdem er 2006 mit Tichonov den 19-jährigen Antifaschisten Aleksandr Rjuchin ermordet hatte, wird immer noch gesucht.

 

Zum jetzigen Zeitpunkt (Januar 2015) läuft der Prozess gegen die Nazis weiter.

  

Foto und Zitate entnommen aus www.zona.media

Danke für die Mithilfe an Ljuba

 

April 2015: Mittlerweile wurden die Urteile für vier BORN-Mitglieder verkündet.

Isajev und Baklagin wurden zu einer lebenslangen Strafe verurteilt, Volkov zu 24 Jahren Haft.

Tichomirov wurde für nicht schuldig befunden (fünf Geschworene plädierten für schuldig, fünf für nicht schuldig). Aus seiner vorigen Haftstrafe verbleiben noch sieben Jahre.