BORN-Morde – eine Chronik

 

2008 engagierte Nikita Tichonov den Neonazi Michail Volkov für die Ermordung des Antifaschisten Fjodor Filatov. Am 10. Oktober überfielen Volkov und Tichonov diesen am Aufgang seines Hauses. Volkov stach mehr als 20-mal mit einem Messer auf Filatov ein, in seinen Kopf, Körper und Gliedmaßen. Keine der Verletzungen war sofort tödlich, das Opfer verstarb aber noch am selben Tag an dem Schmerzschock und Blutverlust.

 

Im Zeitraum Februar bis März 2009 begannen die BORN-Mitglieder Baklagin, Isajev und Tichomirov, den Mord des Antifaschisten und Wirtschaftsstudenten Ilja Dschaparidse vorzubereiten. Sie griffen ihn früh am Morgen des 27. Juni 2009 in der Pererva-Straße an, wo er wohnte und üblicherweise zur Metro ging.

Es gab zwei Täter. Der erste schoss mehrmals mit einer „Ossa“ (dt.: Wespe; eine Gummigeschosspistole und sogenannte „nichttödliche“ Waffe) auf den Kopf des Opfers; der zweite stach 26-mal mit einem Messer auf Dschaparidse ein. Um die Ecke wartete ein dritter Komplize in einem Auto. Laut Ermittlungen soll Tichomirov mit der „Ossa“ geschossen haben, Baklagin auf Dschaparidse eingestochen und Isajev die Täter zur Mordstelle gefahren haben.

Vor dem Mord hatten sich die BORN-Mitglieder mehrmals den Ort des Überfalls angesehen. Tichomirov trug bei der Tat eine Perücke und einen Sonnenhut, Baklagin ein Basecap. Beide flüchteten mit der Metro vom Tatort, Isajev fuhr ein Auto mit falschem Nummernschild.

 

Im Oktober 2009 beschlossen Tichonov, Aleksej Korschunov und andere Neonazis, den Antifaschisten Ivan Chutorskoj zu ermorden. Sie engagierten dafür Baklagin und Isajev. Anfang November wurden Tichonov und seine Freundin Chasis verhaftet. Die anderen beschlossen, den geplanten Überfall in die Tat umzusetzen. Am 16. November tötete Korschunov Chutorskoj mit einem Schuss in den Hals und in den Kopf. Zusammen mit Baklagin und Isajev, die Wache gestanden hatten, floh er erfolgreich vom Tatort.

 

Anfang Dezember 2009 gab Korschunov als nächstes Isajev und Baklagin die Anweisung, den Mord zweier beliebiger Personen „nicht-slawischen Aussehens“ durchzuführen. Er wies auf eine Sporthalle hin, in der nicht-slawische Sportler trainierten. Baklagin und Isajev bereiteten die selbstgebaute Schrotflinte vor, mit der Chutorskoj erschossen worden war.

 

Am 24. Dezember 2009 verließen dann gegen 21 Uhr zwei Sportler die Halle. Einer von ihnen war Muslim Abdulajev, Champion im Thaiboxen. Isajev schoss ihm mit der Doppelflinte in den Kopf. Den zweiten Sportler, Nuretchujev, konnte Isajev nicht erschießen, weil er nicht schnell genug an seine Waffe kam. Deshalb schoss Baklagin mit seiner Ossa, traf aber nicht. Der überlebende Sportler Nuretchujev ergriff – mit den späteren Worten des Staatsanwalts – „Maßnahmen, um sein Leben zu retten“. Das heißt, er rannte weg.

 

Am Morgen des 12. April 2010 ermordeten BORN-Mitglieder unter Korschunovs Leitung den Richter Eduard Tchuvaschov, der im Moskauer Stadtgericht arbeitete. Isajev und Baklagin hatten geholfen, ihn zu observieren. Tchuvaschov hatte unter anderem das Gerichtsverfahren gegen die Nazi-Skinhead-Organisation „Belyje Volki“ (Weiße Wölfe) geleitet. Er war außerdem an einer Reihe weiterer großer Fälle beteiligt, in denen Verbrechen von Neonazis geahndet wurden.

 

Im September 2010 ermordeten Isajev und Baklagin den Taxifahrer Sos Chatchikjan, „um in der Gesellschaft eine positive Einstellung zu den Tätigkeiten der BORN zu schaffen.“ Baklagin schoss Chatchikjan mit einer Schrotflinte in den Kopf, woraufhin dieser sofort verstarb.

 

Anfang Februar 2011 entschieden BORN-Mitglieder, den Revierpolizisten des Bezirks Goljanovo, Gagik Benjaminjan, zu ermorden. Isajev beobachtete Benjaminjan, fand heraus, wo er arbeitete und wie er aussah. Korschunov stellte ihnen eine umgebaute Gaspistole mit 119 Patronen zur Verfügung. Laut den Ermittlungen feuerte Isajev dann am 2. März 2011 mit dieser 9mm-Pistole mindestens vier Schüsse auf Benjaminjans Hals und Kopf ab. Dann verkeilte sich die Pistole. Der Kiefer des Polizisten wurde zerschmettert, aber er überlebte.

 

 

Die Geschichte der Gruppierung, erzählt von einem ihrer Anführer, Nikita Tichonov

 

Ich bin einer der Organisatoren und Hauptaktivisten der extremistischen Gemeinschaft ‚Kampforganisation russischer Nationalisten’. Ihre Geschichte begann im Herbst 2007, als ich mich mit meinem guten Freund Ilja Gorjatschev traf. Ich stand damals schon ein Jahr lang auf der Fahndungsliste und versteckte mich vor den Ermittlern“, sagte Tichonov vor Gericht aus.

 

Als er auf der Fahndungsliste wegen der Ermordung des Antifaschisten Aleksandr Rjuchin stand, habe Gorjatschev ihm von seinen Kontakten in der Regierung berichtet und vorgeschlagen, eine Gruppe zu gründen, die auch in Tichonovs Interesse handeln würde. 

 

Gorjatschev meinte, dass ich einen großen Freundeskreis unter den Skinheads und Fussballhooligans habe. Er würde diese Kontakte gern nutzen, um Druck auf die politische Opposition im Interesse seiner Bekannten in der Regierung auszuüben. Ich lehnte damals ab und sagte, dass die Nationalbolschewisten* nicht meine Feinde seien. Bei einem weiteren Treffen im Herbst 2007 sprach Gorjatschev mich erneut an und meinte: 'Wenn du zu radikalen Handlungen bereit bist, werden für dich schon die passenden Feinde zu finden sein“.

(*Anm.: Die Nationalbolschewisten vertreten in Russland sowohl kommunistische als auch offen nationalistische und antidemokratische Ziele. Die Hauptpartei NBP wurde 2005 verboten. Ihre Parteifahne zeigt Hammer und Sichel auf einem rot-weißen Untergrund, der stark an die Fahne der NSDAP erinnert. Ehemalige Führungspersonen der NBP vertreten heute noch das Kreml-oppositionelle Bündnis „Das andere Russland“. Die Nationalbolschewisten zählen allgemein zur Opposition in Russland.)

Weiter sagte Tichonov aus, dass Gorjatschev den Anwalt Stanislav Markelov erwähnt habe, der „als Aktivist der anarcho-linksradikalen Bewegung bekannt war“. Gorjatschev zufolge wäre der Anwalt inoffiziell an der Gründung einer neuartigen linksradikalen Vereinigung beteiligt. Die Linke in Russland bekäme dafür angeblich Geld von ihren westlichen Kollegen.

 

Tichonov hat wiedergegeben, dass diese „neuen Linken“ laut Gorjatschev den Patriotismus, Stalinismus und die Methoden der KPRF (Kommunistischen Partei der Russischen Föderation) ablehnten. Ihre Hauptforderungen wären die Amnestie kriminalisierter Einwanderer gewesen, die Aufhebung der Hindernisse für Zuwanderung sowie die Unterstützung Homosexueller. Für dieses „Projekt“ sollte mutmaßlich die linksradikale Antifa-Hooligan-Bewegung gewonnen werden und die Anwerbung angeblich „mithilfe der Mittel westlicher Gleichgesinnter“ erfolgen: auf Konzerten westlicher Bands, bei denen „die Jugend angeworben wurde“ und welche man dann in Seminaren „ideologisch vollpumpte“. 

 

Tichonov erklärte weiter:Anfang 2008 überquerte ich dann illegal die ukrainische Grenze, wo sich Aleksandr Parinov befand, der mit mir zusammen auf der Fahndungsliste stand. Er fand den Vorschlag von Gorjatschev interessant, war aber nicht imstande, sich mir anschließen, weil er eine schwere Hepatitis hatte und sich zum damaligen Zeitpunkt kaum bewegen konnte.

Zu Gorjatschev hatte ich die ganze Zeit über das Internet Kontakt. Er meinte im Sommer 2008, dass er von einigen Antifa-Anführern erfahren habe, die mit dem Anwalt Markelov in Verbindung stünden. Wir kommunizierten über das Internet mithilfe von Andeutungen und Codes. Gorjatschev sagte, dass er mich in Moskau schon sehr  erwartete. Im September kehrte ich dann nach Russland zurück und erhielt von ihm die Liste mit den Namen der Antifa-Köpfe“.

 

Auf dieser Liste, sagte Tichonov, standen die Namen der Antifaschisten Fjodor Filatov (genannt Fedjaj) Ilja Dschaparidse, Koba Avalischvili, Ivan Chutorskoj (genannt Kostolom) und Aleksej Olesinov; bekannt als Schkobarj. Andere Namen der Liste wusste Tichonov angeblich nicht mehr und das Dokument habe er vernichtet.  Unter jedem der Namen auf der Liste standen Ausweisdaten und Adressen.

 

Beim Treffen sagte Gorjatschev, dass mich in Moskau die Morde von Markelov und einiger Antifa-Anführer erwarten würden. Speziell Filatov erwähnte er. Ich begann Komplizen zu suchen, und bat meine Bekannten Aleksej Korschunov und Michail Volkov um Mithilfe. Ich kannte sie lange und vertraute ihnen, beide fanden den Vorschlag interessant. Anfang Oktober 2008  begann ich, Filatov,  den Gorjatschev als einen der wichtigsten Moskauer Antifaschisten bezeichnete, an seinem Wohnsitz zu observieren“.