Da ist er, wie versprochen: Teil 2 des What We Feel-Tourberichts über die Soli- und Reuniontour 2013. Gerade liegt ja der Mai zurück, in dem die Band wieder in vielen Städten in Dland Halt gemacht hat. Darüber könnte sicher bald ein eigener Bericht geschrieben werden und das ein oder andere Ereignis vom letzten Jahr mag sich in ähnlicher Weise wiederholt haben... Als nächstes werden WWF dann im Sommer beim Resist zocken, und spätestens für den Oktoberbeginn sind noch Konzerte in Saarbrücken, Köln, Darmstadt und Herrenberg bestätigt. Vielleicht versüsst euch Igors Bericht bis dahin ja die Wartezeit.

Ein großer Dank für die grobe Übersetzung des gesamten Berichts geht an dieser Stelle nochmals an Schröda. Falls ihr Teil 1 verpasst habt, findet ihr ihn HIER .
Supportet die Band und Iwan Chutorskois Familie weiterhin. Wir sehen uns auf den Konzerten! :)

What We Feel Tourbericht 2013 von Igor, Teil 2 … nach dem Konzert in Wien

01.05 — Zwiesel, Deutschland. Das Jugendzentrum im bayerischen Dorf.

Freunde, es gibt nichts schlimmeres, als nach einer durchzechten Nacht in Wien von imaginärer Musik im Kopf geweckt zu werden, wobei sie mir diesmal so real vorkam, als wäre die Kapelle direkt vor meinem Gesicht. Es war auch nicht das neue Stage Bottles-Album, welches ich vor meinem geistigen Auge hörte, sondern pompöse Blasmusik-Märsche aus dem Dritten Reich. „OK, das war’s“ –  dachte ich, – „ich muss mit dem Trinken kürzer treten“. Zu meiner Frau umgedreht, realisierte ich, dass auch sie nicht mehr schlief – ihre Augen waren aufgerissen und die Pupillen vor lauter Schreck geweitet. „Sie hört es auch“, dachte ich; offenbar war aufgrund des einwöchigen Alkoholmissbrauchs eine Gruppenpsychose ausgebrochen. Doch die Musik war echt! Marschmusik dröhnte von der Straße rüber, es war der 1. Mai und unter unseren Fenstern hatte um 8:00 Uhr früh irgendeine sozialdemokratische Partei gerade eine „Demonstration“ angefangen, und ein kleines Orchester in nationalen österreichischen Trachten spielte laut diese schneidigen Märsche. Verdammt, warum gerade unter unseren Fenstern?! Hastig gepackt und gefrühstückt, setzten wir uns in den Van und fuhren zurück nach Bayern in das kleine Dorf Zwiesel. Der Weg war nicht sehr lang und schon bald saßen wir an einem angenehmen Fleckchen an der frischen Luft und tranken kühles Bier zusammen mit unserem guten Freund Rainer.
Die Geschichte unserer Bekanntschaft mit Rainer ist einer separaten Erzählung würdig:


Rainer hatte uns mehrmals anlässlich von Konzerten bei sich in Passau geschrieben, aber zu einem positiven Ergebnis waren wir nie gekommen. Später habe ich irgendwie den Kontakt zu ihm verloren. Dann trafen wir uns bei einem Konzert in Prag und ich vergaß einfach, seine Kontaktdaten aufzuschreiben. Endlich, als 2010 eine Tour für WWF in Planung war, begann ich nochmals, die E-Mail-Adressen der Aktiven aus Passau zu suchen und durchforstete mein überfülltes Postfach, wobei ich weder seinen Namen noch irgendwelche anderen persönlichen Infos in Erinnerung hatte, nur: „der Bursche aus Passau, der 2009 bei unserem Konzert in Prag war“. Das Fantastische an der Geschichte ist, dass mir dann schon in der zweiten Mail das damals von Rainer Geschriebene entgegenflatterte! Seit dieser Zeit organisierte er Gigs im Zakk, unterstützt uns wo es nur geht und war auch schon zweimal in Russland zu Besuch. Dieser bayerische Hüne ist einer der besten aus der deutschen Szene, die ich kenne.
Das Konzert im Jugendzentrum war dann eher familiär, es kamen nur zwanzig Leute, doch das ganze Drumherum war herzlich und am späten Abend veranstaltete Rainer noch eine kleine Party für uns, bei sich und seiner Freundin zu Hause, natürlich mit Blutwurz (Anm.: ein Kräuterlikör).

02.05 — Augsburg. Ballonfabrik. Klaudia und Freunde.
In Augsburg hatten wir schon einmal ein Konzert gespielt und wussten deshalb ungefähr, womit wir zu rechnen hatten, aber die Realität übertraf, wie üblich, unsere kühnsten Erwartungen. Ein super Abend war das! Als wir zum Klub vorfuhren, hingen an den Wänden selbstgemachte Banner mit dem Porträt von Wanya Kostolom (Anm.: Wanya Knochenbrecher, Iwans Spitzname), das von Organisatorin Klaudi gemalte durften wir dann weiter mit auf Tour nehmen! Drinnen sprudelte das Leben und die Orga-/Antifacrew bereitete den Bands leckeres Essen vor. Der Konzertsaal und die Platzierung sowie Bauweise (!) vom Merchstand waren, ohne Angst vor diesem Wort zu haben, komfortabel, der Sound war top und super Pennplätze gab es auch. Wir hatten endlich die Arbeit an den Untertiteln zum Film beendet und konnten ihn ab jetzt ohne DIY-Synchronisation vorführen. Wie ich schon erwähnte, alles war lobenswert und wir möchten die Gelegenheit nutzen, Klaudi und der Crew unseren Dank und Respekt zu zollen!

03.05 — München. Kafe Marat. Rappelvolles autonomes Kulturzentrum.
Bis zum Anfang der Tour rief gerade dieses Konzertdatum bei mir die meisten Fragen herbei, weil die Verbindung zur Orga praktisch gänzlich fehlte. Es ist schon komisch für mich, wenn ich nach zehn geschriebenen Mails erst eine Antwort bekomme – nach zwei Monaten. Wenn die Leute keine Zeit haben, kurz auf eine Nachricht zu antworten, wird sich dann bei ihnen die Zeit finden, ein gutes Konzert zu organisieren?
Jedoch war gerade bei diesem Gig alles ausgezeichnet! Schon ab der ersten  Minute fühlte sich die Veranstaltung im bescheidenen Saal an wie eine Sauna, mehr als zweihundert Menschen waren gekommen. Wir hatten früher schon zweimal in München gespielt, aber so eine Heftigkeit war überraschend. Als Support war die ausgezeichnete Band The Rancors auf der Bühne; brutale Punks mit Iros, mit denen wir einiges an Bier tranken und dementsprechend auch der Spassfaktor nicht zu kurz kam. Die Organisation war schön und der Klub hat uns sehr gut gefallen. Das zweite steile Konzert nacheinander, wie würde es wohl weitergehen?

04.05 — Stuttgart. Das Power to the People Festival. Die Party mit The Oppressed und Enraged Minority, die Bekanntschaft mit Wasted Youth und den serbischen Brickheads.

Auf dieses Konzert hatten mit einer gewissen Ungeduld gewartet, aus vielerlei Gründen: wir wollten endlich die Leute von Wasted Youth kennenlernen, die uns bei dieser Tour ungemein mit ihrem Van halfen, und die Jungs von Enraged Minority wieder treffen – wir hatten uns 2010 mit ihnen angefreundet, und seit dieser Zeit leisteten sie nicht nur einmal wichtige Unterstützung der Antifa-Bewegung in Russland.
Auch wollten wir wieder mit The Oppressed spielen, da es uns beim ersten Mal, als wir mit ihnen in Warschau gespielt hatten, nicht vergönnt war, einander näher kennen zu lernen – was natürlich dringend nachgeholt werden musste; mit allem, was dazu gehört. Für viele ist es wahrscheinlich eine Neuigkeit, aber die Wurzeln von What We Feel liegen in der Moskauer Skinhead-Szene. Deshalb sah man uns in Russland in der Vergangenheit eher gemeinsam mit Oi!- und Punkbands auf der Bühne als mit unpolitisch-modischen Moskauer Hardcore-Kapellen. Mittlerweile haben sich zum Glück nicht wenige gute politisierte Hardcore-Bands in Russland gegründet.
Also, Stuttgart: eine bequeme Location mit integrierten Schlafplätzen, was besonders wichtig ist, wenn du vorher geplant hast, die Burschen aus Wales unter den Tisch zu saufen. Das Konzertprogramm war satt und interessant: zunächst trat ein Folk-Interpret an der Gitarre auf, ein Genosse aus Irland, der  viel über die IRA erzählte, und später eine Menge sehr gute Punk- und Oi-Bands, dann waren wir dran. Die Skinhead-Front tobte in den ersten Reihen wild und hemmungslos, als ob es keine Revolution und morgen kein Bier mehr gäbe. Die Organisation war top und es kamen so einige Menschen zum Festival. Auch hier wurde ein großes selbstgemachtes Banner mit dem Porträt Iwans aufgehängt.
Es war angenehm festzustellen, dass The Oppressed absolut keine Star-Allüren an den Tag legen und richtig gut bis früh am Morgen feiern können, Respekt! Die Zeit und Gespräche mit ihnen und den Jungs der Brickheads haben wir einfach genossen (die Serben erwiesen sich als im positiven Sinne durchgeknallte Atzen aus dem Antifa Novi Sad-Umfeld), und von der ersten Minute hatten wir eine bemerkenswerte gemeinsame Sprache gefunden. Der berüchtigte Geist der serbisch-russischen Freundschaft anderer Art war zu spüren! Die lange Nacht wurde noch ereignisvoll auf allen Ebenen, samt Stress mit den Bullen und gemeinschaftlichem Treff auf einem zentralem Platz, wo sich ein beachtlicher vermummter Mob bestehend aus Bands, Orgas und Antifas mit den unverzichtbaren Transpis, Bengalos und Rauch-Bomben für ein Familien-Fotoalbum ablichten ließ. Wir erwarten sehnsüchtig die Ankunft von The Oppressed und Wasted Youth in Moskau! (So auch erfolgreich auf sämtlichen Ebenen im November 2013 geschehen, - Anm. von Schröda)

05.05 — Freiburg. White Rabbit. Die Bar des Grafen Dracula und Party mit den Brickheads und Enraged Minority.
Am Morgen starteten wir nach Freiburg, wir sollten zu Gast sein bei den Jungs von Enraged Minority, die dieses Konzert organisierten. Dort traten wir zusammen mit den Brickheads auf – die in Stuttgart so mächtig unterwegs gewesen waren, dass sie im Laufe der rabiaten Ereignisse die serbische Botschaft verschönert hatten und in der Nacht eines ihrer Bandmitglieder verloren. Zum Glück fand sich der arme Schlucker ganz unversehrt wieder auf. Uns erinnerte das sofort an Prag, als uns bei ähnlichen Umständen unser Sänger abhanden gekommen war.
Der Club an sich wirkte wie eine Mischung aus Schloss Dracula und Pariser Cafés zu Zeiten der Décadence. Super war es hier. Bisschen durch die Stadt spazieren gegangen, dann die Film-Vorführung mit anschliessender Diskussion, wie so oft auf dieser Tour, ohne dass es je langweilig wurde oder wirkte. Die Atmosphäre bei beiden Bands war super und für einen Sonntag lief der Abend hervorragend: es kamen um die hundert Menschen. Müde, aber zufrieden ging es zur Wohnung von Adrian und dort unterhielten wir uns die halbe Nacht über die Realitäten des Lebens in Russland und Deutschland. Riesen Dank an Enraged Minority, das sind einfach adäquate Jungs! Das war das vierte Konzert vom Feinsten nacheinander – kann es was Besseres geben?

06.05 — Nürnberg, DESI. Einen sehr positiven Gig in Nürnberg, ebenfalls an einem Montag, hatten wir bereits 2010 und ebenfalls schon mal im Desi gehabt. Diesmal tat Stuhl, der viel organisiert, alles Mögliche für unser Wohlergehen. Es hat uns an nichts gefehlt, für den Film wurde ein riesiger Bildschirm bereitgestellt und nach sehr leckerem Essen folgte ein Soundcheck, der einen klaren und brachialen Sound herbrachte. Perfekt. Direkt danach kam Stuhl allerdings mit trauriger Miene zu mir und meinte, dass wir vom heutigen Konzert nicht all zuviel erwarten dürften, es werden nach seiner Schätzung wohl nur um die 20-30 Menschen kommen. Ich antwortete ihm: „Lieber Freund, diese Tour übertrifft mit dem gesamten Drumherum bereits alle unsere Erfahrungen, die wir mit Konzerten gemacht haben“. Und so kam es auch diesmal! Zwanzig Menschen? Nun, nicht ganz: hundertfünfzig bestens gelaunte und ausrastende BesucherInnen kamen schliesslich, und das für eine Band! Zu alledem floss zusätzliches Geld in die Soli-Kasse, das die Jungs von Feine Sahne Fischfilet und Enraged Minority ein paar Wochen zuvor bei einer Benefit-Veranstaltung zusammen bekommen hatten! Insgesamt waren das an einem Montag also 1.500 Euro. Kommerz? Kennen wir nicht, nichts von gehört, aber: DIY 'til death! Nach dem super Abend erzählte ich Stuhl, seinen Genossen und unseren alten Bekannten von Rejected Youth noch witzige Geschichten. Der Abend ging mit reichlich Suff, viel Rauch und freundschaftlichem Gelächter zu Ende. Auch die Schlafplätze waren ein Traum, klar. Kurzum:  sechs von fünf möglichen Sternen für die Organisation!

07.05 — Leipzig, Zoro. Die Crust-Party und ein weggeballerter Typ.
In Leipzig kamen wir etwas früher an um uns in der Stadt ein wenig zu erholen und spazieren zu gehen. Das Viertel, wo sich das besetzte Haus Zoro befindet, machte einen gewaltigen Eindruck, das Haus umso mehr, es war bemerkenswert post-apokalyptisch. Nach der Vorführung des Films blieb ich noch etwa vierzig Minuten sitzen und beantwortete die Fragen des Publikums. Es ist immer erfreulich, wenn die Leute nicht nur zum Saufen zum Konzert kommen, sondern interessiert sind und etwas Neues erfahren möchten. Die Bühne teilten wir an diesem Abend mit zwei eleganten Crust-Bands, Ruins und Bent Cross. Mir haben beide gefallen, es war prima. Unser Gig war im vollen Gange, ein Haufen Leute im Saal, bunt und crustig am ausrasten, mehr als zweihundert an der Zahl, da tauchte unerwartet vor der Bühne ein kräftiger Typ auf. So an die vierzig und mit kaputtem Aussehen, er war wahrscheinlich auf Acid oder etwas in der Art und benahm sich, nun, nicht ganz adäquat. Er bügelte mit der Handfläche die Iros der Punks glatt, setzte sich in die Mitte der „Tanzfläche“ und meditierte und versuchte, mit einem imaginären Feind zu kämpfen. Es war steil, aber seltsam und grauslich, weil der Typ sehr urig und kompakt war. In der Pause zwischen den Songs sprang ich von der Bühne runter und sagte, ihm ins Gesicht schauend, auf russisch: „Ey Man, entweder benimmst du dich anständig, oder wir werden dir mit den Jungs wat vorm Kopp kloppn!“ Und, wie geil ist das denn, offensichtlich verstand er es, ohne nur ein Wort Russisch zu kennen und beruhigte sich danach. Als wir das letzte Lied anstimmten, begann der Hüne wieder zu randalieren und stürmte die Bühne. Ich steckte ihm dann das Mikrofon in die Hände und er fing an, rhythmisch irgendwelche widernatürlichen Laute von sich zu geben, so eine Mischung aus Walross- und Nilpferd-Paarungsrufen. Darauf gaben die Jungs an den Instrumenten eine perfekte Crust-Improvisation zum Besten. Augenblicklich drehten die Punks in einem Circlepit komplett durch und ruderten gemeinsam vor der Bühne wie in einem Luft-Kanu umher. WWF: WTF?! Der sechste (!) einfach nur krasse Gig nacheinander. Allen OrganisatorInnen und Beteiligten tiefsten Dank und Respekt!

08.05 — Hannover, Café Glocksee. Die FreundInnen von Rasta Knast und das Superessen.
Ich muss erwähnen, dass eines der Hauptprobleme für Bands aus Russland ist, dass wir eine ähnliche Tour bei uns nicht durchziehen können. Und das nicht wegen der staatlichen Repressionen oder des Mangels an sicheren und unabhängigen Locations, um sie zu organisieren, sondern einfach der Entfernungen wegen. Die Abstände zwischen den verhältnismäßig großen Städten, wo gute Konzerte möglich sind, betragen in Russland mindestens 500 km; maximum 1.200 km oder so. Wenn man dann noch die traditionell schlechten und auf verschiedene Weisen gefährlichen Straßen berücksichtigt, ist es allgemein sehr zeitaufwändig, längere Distanzen im Wild East zurück zu legen.  Deshalb haben wir uns auf dieser Tour von Tag zu Tag aufs Neue selbst motiviert und aufgemuntert, ausserdem hatten wir noch nie so viele positive Gigs (hintereinander) auf einer Tour erlebt.
In Hannover wartete der alte liebe Freund Dom auf uns, Bassist von Rasta Knast. Er lud uns bei sich zu Hause auf eine kleine Pre-Gig-Party mit kühlem Bier und leckerer Pizza ein. Während es sehr herzlich zuging, stießen noch unsere Freunde Mischa aus Bremerhaven und Mark aus St.Petersburg zu uns. Und schon begab sich der Mob zusammen mit dem Organisator des Konzertes, Niko von der Crust/D-Beat Band Exilent, in Richtung Café Glocksee. Dort nur Staunen und Sabbern unsererseits. Ich mag die Leute aus Glocksee; auch, weil sie sich eine unglaubliche Mühe mit dem Essen machten. Sie haben alles bisher Dagewesene ins Surreale befördert, indem sie es an dem Abend fertiggebracht haben, uns vier (!) Mal vollwertig zu füttern. Mitten ins Herz hat uns eine vegane „Mett“-Kreation getroffen, welche in Form des „Antifaschistische Aktion“-Logos in 3-D und mit kleinen Schnittlauch-Buchstaben präsentiert wurde! Lange hat sich keiner getraut, das leckere Kunstwerk anzurühren.

Was gibt es über das Konzert und über diese Location noch zu sagen?  Ich würde meine linke Hand dafür geben, dass wir so was in Moskau haben, nun leider ist es unmöglich. Der Auftritt an sich verlief dann etwas unglücklich für uns, da es Schwierigkeiten mit den Schlagzeug-Stativen gab. Umso mehr aber haben wir uns bemüht, das Set glatt durchzuziehen – ein Arbeits-Gig also. Ich war ganz nass und geschafft, aber nach dem Konzert glücklich und lag im Backstage, da kam auch schon Niko und verkündete, dass er von Hardcore seit langem enttäuscht wäre, wir ihm aber heute seinen Glauben an den selbigen wieder zurückgegeben hätten! Verdammt, es ist mehr als angenehm, solche Sachen von einem Menschen zu hören, der älter ist als du und sich im Thema auskennt. Die Zeit nach dem Auftritt wurde ausgiebig und turbulent im Backstage und draussen zelebriert. Es war sehr angenehm, dass nach ihrer Probe auch noch die komplette Besatzung von Rasta Knast zum Konzert kam. Große Gastfreundschaft, großartig schöner Abend. Danke. Das x-te erfolgreiche Konzert nacheinander, ich habe aufgehört zu zählen.

09.05 — Rostock, Peter-Weiss-Haus. Monchis FreundInnen und der Christi bei der Himmelfahrt.
In Rostock hatten wir vorher bereits drei sehr gute Konzerte gehabt, die Unterstützung war jedes Mal einfach bemerkenswert. So war es auch diesmal  wieder, klar, denn das Konzert veranstalteten die FreundInnen von Feine Sahne Fischfilet und ihr Umfeld, die seit unserem letzten Treffen 2010 mittlerweile auf hohen Wellen reiten und allseits bekannt sind. Auch am Beispiel WWF habe ich gemerkt, dass wir – nachdem die Bullen und die Geheimdienste in Moskau uns de facto „verboten“ und begannen, unsere Konzerte durch das ganze Land zu verfolgen und aufzulösen – nur populärer wurden. Beliebige Verbote, die mit Kunst verbunden sind, provozieren eben die Zunahme des Interesses enorm.
Schon aus Hannover raus fahrend, fiel mir die große Menge umherschwankender männlicher Jugendlicher auf, oft mit Karren voll Bier und Übrigem unterwegs. In Russland ist der 9. Mai auch ein Feiertag – der Tag des Sieges –, in Deutschland war an diesem Tag aber Christi Himmelfahrt, der größte katholische Feiertag, wie ich erfahren habe. In Rostock erreichten die Feierlichkeiten des außerplanmäßigen arbeitsfreien Tages anscheinend ihren Höhepunkt. Eine Menge dumm-besoffener Menschen überall, die Luft knisterte... bekannte Gefühle kamen hoch – Zustände wie daheim also! Im Biergarten neben dem Klub saßen Fussball-„Begeisterte“ und schrien etwas in unsere Richtung. „FC Hansa“, ja ja, kennen wir schon. Wir standen im Halbkreis bereit. Monchi meinte jedoch, es sei alles in Ordnung, ging sofort hin und sagte ein paar zärtliche Worte, anscheinend – denn sofort war’s ruhig in der Ecke. Im benachbarten Klub verkehrten Hell’s Angels und rundherum schnüffelte also die Polizei, aha.  
Bei einem kurzen Spaziergang belästigten dann auch noch irgendwelche betrunkene Studenten unseren zweiten Gitarristen wegen seiner Jacke mit  Fortuna Düsseldorf-Aufnähern in unverständlichem besoffenem Vokabular. Diese Idioten verstanden einfach nicht, welches Glück sie hatten, dass wir sie ebenfalls nur verbal zum Teufel schickten.
Die Vorführung des Filmes war dann mehr als spektakulär, bei so vielen Interessierten und einer solch intensiven Diskussion im Anschluss. Die Location war voll! Auch der Gig ging energisch nach vorne: Gleichgesinnte in gemeinsamen Rausch, dank Pfeffi und mehr!
Es war eindeutig, dass hier die Leute ständig auf dieselben Probleme wie wir in Moskau stoßen und nicht nur einmal im Jahr, wie an manch anderen Orten Europas. Nach dem Konzert folgte eine tollwütige Party zu lauter 90er TrashHits: der nicht ganz nüchterne Monchi hob mich hoch auf seine Hände und knallte meinen hilflosen Körper auf den Betonfußboden. Er schrie: „Kumpel, bist du ganz?! Bist du ganz?!  Habe ich dich nicht getötet?“ – Alles gut! Wir tanzten und der Nebel der Diskohölle und Alkohol ergriffen mich vollständig. Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir zu den Schlafplätzen kamen. Ich war komplett dreckig und auf meinem Unterhemd befand sich am Rücken der Abdruck eines Schuhs. Was war’n los?! Eine ganze Woche geilste Konzerte auf höchstem Niveau!

10.05 — Hamburg, Störtebeker. Hafen-Geburtstag.

Morgens den komatösen Monchi wachgerüttelt, um ein riesiges Dankeschön an alle für alles zu sagen und ab zum Meer. Dort haben wir die Zeit alle zusammen sehr ruhig und entspannend verbracht, durchgeatmet. Hamburg war nicht weit, also kamen wir mit gutem Zeitpuffer an. Dort leuchtete die Sonne, es spazierten Jungfamilien mit ihren Kindern, doch nahe St.Pauli änderte sich das Bild drastisch: zwischen einer Masse schwarzer Kapuzenpullis bunte Punker-Grüppchen hier, unbehaarte Skinhead-Grüppchen da, eine Menge „interessanter“ Jugend insgesamt. Je näher wir dem Ziel namens Störtebeker kamen, desto mehr verstanden wir, dass wir ganz im Herzen des Getöses und des Viertels auftreten sollten. Und gleichzeitig verstanden wir, dass es kein Entkommen geben würde, das war’s. Das Ganze erinnerte mich an einen „Tag der Stadt“ in Moskau im Jahre 1998, als alles mit Menschen vollgestopft war.
Aber was ich auf dem Hafengeburtstag sah, übertraf meine vorigen Emotionen in diesem Zusammenhang dann vielfach. Tausende Punks! Zehntausende! So viele Punks habe ich sogar beim Force Attack in Rostock nicht gesehen. Der Organisator namens Atom gab uns erstmal hundert Bier-Marken, nicht schlecht, Kumpel! Aber das Bier quoll uns mit der Zeit schon aus dem Halse heraus. Berücksichtigend, dass wir um fünf ankamen und ringsumher ein solches Sodom herrschte, entschieden wir, uns aufzuteilen. Ich ging mit meiner Frau und unserem Schlagzeuger ins irische Lieblingsrestaurant auf der Fischmarktstrasse, die Jungs teils in die Stadt und ein Teil blieb da.
Überall trafen wir FreundInnen und Bekannte, unglaublich, unter anderem unsere Freunde Gay-Skin Mischa, Suren von den Moscow Trojan Skinheads, viele weitere Freunde aus Moskau und St.Petersburg, die Jungs von Sunlun aus Düsseldorf und und und. Nach dem Essen gingen wir zur großen Bühne um Rasta Knast zu sehen, welche ein super Set ablieferten. Danach Sammeln am Störtebeker, wir waren wohl bald dran. Als einer der Headliner sollten wir um 23 Uhr auf der Bühne sein, aber schliesslich war es erst um 2 Uhr nachts soweit. Alle bereits hacke. Scheiße. Schön. Es war brechend voll vor der Bühne, welche in einer Sackgasse aufgebaut worden war.
Freiheit und Anarchie, keine Bullen, keine Idioten, kein Stress. Ich verlor das Zeitgefühl und löste mich in dieser Atmosphäre der totalen Zersetzung und des Surrealismus auf. Wie viele waren es, die auf uns warteten? 1000? 2000? Die schwarze homogene Masse zeigte sich berauscht und bereit für den finalen Ausraster, wie wir.
Wenn ich mir später das Video von diesem Konzert anschaute, war ich verwundert, dass wir einigermassen gut gespielt haben. Es war der komplette Wahnsinn: die Menschen schrien, sangen mit, Suren sprang von der Bühne, direkt danach humpelte ein mörderisch besoffenes Mädchen auf Krücken rum, bis sie ins Schlagzeug fiel. Wow! An den kompletten Gig erinnere ich mich tatsächlich nicht, aber zumindest noch klar an den Moment, als ich von einer sympathischen Punkerin eine Flasche Jack Daniels bekam. Die Pulle wurde feierlich während des Auftritts rumgereicht, der Rest ist Spekulation. Es war, von der Atmosphäre her, vielleicht einer der krassesten Abende (mit anschliessendem Gig) in der Bandgeschichte.

11.05 — Berlin. Deutschland. Rauch-Haus. Party, Riesen-Crowd und Sauna beim Gig.
Als ich die Augen an diesem Morgen öffnete, schwirrte in meinem Kopf nur ein Gedanke: Ist gut. Das war’s. Ich will nach Hause. Die Kräfte haben mich endgültig verlassen. Fuck. Da sind noch zwei Konzerte zu überleben, dann sofort packen und ab in den Flieger und am Tag danach schon wieder zur Arbeit. Die innere Stimme schrie eher nach Erholung am Meer. Die meisten in der Band fühlten ebenso wie ich und in mürrischer Schwermut fuhren wir nach Berlin. Vor dem Konzert sah ich das Rauch-Haus nur von aussen und war dann schockiert, wie klein der Konzertsaal doch war. „Es wird eine Sauna geben“, dachte ich schicksals-ergeben, und so sollte es auch werden. Dreihundertzwanzig Zahlende und Platz vor der Bühne für 120, oder so.
Das übliche Problem mit dem Zeitplan. Die vereinbarte Ankunftszeit um 18 Uhr war viel zu früh, kein Wunder, wenn du um 1 Uhr nachts noch nicht auf der Bühne gewesen bist und um 3 erst endlich abfahren konntest. Aber das alles sind, natürlich, kleinkarierte Beschwerden angesichts der Tatsache, wie uns die Menschen in Berlin willkommen hießen und uns feierten und wie entgegenkommend die OrganisatorInnen (Hallo, Franny!) waren! Am Abend waren wieder Freunde aus aller Welt anwesend, klar, Berlin:  die Jungs von Hausvabot waren da, Leute aus St.Petersburg, Kiew, Rjasan und sogar aus Krasnojarsk! Physisch war es ein sehr anstrengendes Konzert, keine Luft und Kraft mehr, um noch mal Vollgas zu geben – es ist die dritte Woche der Tour und die zweistündige Warterei in der Nacht zuvor, bis wir endlich im Auto Richtung Schlafplatz waren, hat mir einfach den Rest gegeben. Für mich nicht das beste Konzert. Alle ringsumher feiern, ich nüchtern und böse. Bei Franny angekommen. Bett. Eher negativ empfundener Abend. Minus.

12.05 — Dresden, AZ Conni. Das schöne kleine Konzert.
Am Morgen danach bin ich mit dem unüberwindlichen Wunsch aufgestanden, mich mit jemandem zu fetzen, aber Franny bereitete ein so unvergleichliches Frühstück vor, dass alle schlechten Gedanken wie von selbst verschwanden. Mit Erstaunen dachte ich an den gestrigen Tag. Warum war ich mürrisch und unzufrieden gewesen? War schlicht ermüdet, im Allgemeinen war es richtig gut gewesen, ein Tief kommt bei jedem vor. Wir frühstückten langsam, besprachen noch einige wichtige Sachen und fuhren vollzählig zum letzten Gig nach Dresden.
Dieses Konzert wurde im allerletzten Moment auf die Beine gestellt, wir hatten nicht geplant dort zu spielen. Aber ich bekam zwischendurch eine Mail von einem Genossen der Band One Step Ahead, der uns sehr freundlich und intensiv bat, nach Dresden zu kommen. Wir hatten dann abgewogen, was besser sein würde: wie die Dummköpfe dazusitzen, irgendwo den ganzen Tag in Berlin zu gammeln oder noch ein Konzert zu spielen, um noch ein bisschen Soli für Iwans Familie zu sammeln… Die Sache war klar! Nach der Hölle von Berlin war das Konzert in Dresden Balsam für unsere Seelen (und Knochen), was auch sehr notwendig war. Die Atmosphäre war entspannt, alles ruhig, ein gemütliches besetztes Haus. Im Garten wurde etwas Veganes gegrillt, es gab eine Feuerstelle, einen kleinen Saal und im Backstage eine Flasche weißrussischen Wodkas. Danke, Freunde! One Step Ahead erwiesen sich als sehr nette Menschen. Hundertfünfzehn Zahlende wieder an einem Sonntag, aber kein Mensch wunderte sich mittlerweile mehr – diese Tour brach, wie schon öfter gesagt, alle Stereotype.
Um zehn Uhr abends beenden wir das Konzert, und mit ein klein wenig Schwermut fuhr die What We Feel-Family zurück nach Berlin – checken, packen, Flug um zehn am Morgen. Moskau. Der Flughafen und die finstere Stadt begegnen uns wieder, wir drücken einander die Hände – back to the real life.

Das krasse Ergebnis des Ganzen: in Düsseldorf, Berlin, Prag, Hamburg, München und Leipzig weit mehr als 200 Menschen auf den Konzerten. Überall sehr lebendiges Interesse und der Wunsch zu helfen, überall  ausgezeichnete Organisation. Perfekte Soli-Tour. Als Einnahmen abzüglich der Unkosten wie die Produktion des gesamten Merches, die Backline- und Busmiete, der Sprit, Flugtickets, Visa und übrige Ausgaben, haben wir Wanjas Familie mehr als 10.000 Euro übergeben. Ich bin auf uns und alle beteiligte Menschen sehr stolz und  übermittle allen, die sich bei dieser Wahnsinnstour einbrachten, riesigen Dank von Wanjas Mutter und Großmutter – ich soll es ausrichten!
Auch möchte ich vielen Dank an Kadda und die Plastic Bomb sagen, für die Möglichkeit, noch einmal alles als Erinnerungen zu erleben.
Passt auf Euch auf. Wir sehen uns bald wieder auf den Konzerten!
Igor und What We Feel