Im Plastic Bomb #85 gab es einen Artikel aus der Serie "Punk in der Provinz". Unser Reporter Lars war im AJZ Bahndamm in Wermelskirchen. Leider hat´s mit dem Layout nicht so gut funktioniert und viele haben sich beschwert, dass das Lesen nicht ganz einfach war. Für alle Blindschleicheln gibts den Bericht also nochmal online:

Der Dezember war Konzerttechnisch im Pott ein wenig stressig, da war irgendwie keine Zeit für die Provinz. Aber zum Glück gibt es ja auch Provinz in der Nähe. Zum Beispiel Wermelskirchen. Eine Kleinstadt zwischen Köln und dem Nirgendwo. Wikipedia weiß zu berichten dass es nicht viel über die Stadt zu berichten gibt.

Christian Lindner von dieser Spaßpartei FDP kommt wohl von da. Und dann gibt es da noch seit über 20 Jahren das AJZ Bahndamm. Micha ist da öfter um einen PLASTIC BOMB-Stand zu machen, aber irgendwie kam mir immer was dazwischen und so brachte mich der nahende Redaktionsschluss dazu mich endlich mal auf die 45-minütige Reise zu machen.

Entgegen meiner Prinzipien an die ich mich eh nie halte fahr ich mit dem Auto, denn die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel ist leider wirklich sehr provinziell. Dennoch lohnt die Reise, denn durch die guten Kontakte der Leute die hier Konzerte organisieren sind hier oft hochwertige Konzerte für kleines Geld in einem gemütlich kleinen Laden zu sehen.

 

 

Deswegen habe ich mir auch ein Konzert ausgesucht bei dem drei mir völlig unbekannte Bands spielen. Zu allem Überfluss hab ich mir auch noch vorgenommen nix zu trinken und mit dem Auto wieder zurück zu fahren (morgen muss ich noch auf ne Klamottenmesse bei Frankfurt). Ob das alles noch Punk ist? Naja, wen interessieren schon Klischees, und ich tipp hier grade ja auch um über den Laden zu berichten und nicht darüber dass ich langsam weich in der Birne werde. Ein weiteres Indiz dafür ist auch mein Versuch das AJZ Bahndamm zu finden. Wie gesagt, ich war mit dem Auto unterwegs und hatte sogar so ein tolles satelitengestütztes Navigationsgerät dabei. Aufgrund von Verträgen zwischen dem Navi-Hersteller und der NSA kennt dieses die Adresse des Bahndamms aber nicht, und so führte es mich eben zu einer Adresse drei Häuser weiter. Da ich das AJZ aber nicht sehen konnte bin ich erstmal die Straße hoch und runter gefahren. Danach bin ich nochmal ein paar mal im Kreis gefahren. Alles ohne Erfolg.

Also entschloss ich mich erstmal dazu was zu Essen zu suchen. Die örtliche Dönerbude hat immerhin Falafel, wenn auch nur diese Tiefkühlfertigtaler, und so nutzte ich die Gelegenheit mein smartes Fon nach seiner Meinung zum Thema geographische Position des AJZ Bahndamm zu befragen. Es behauptete auch zu wissen wo das ist und so startete ich frisch gestärkt einen neuen Versuch. Die Navifunktion dieses Gerätes ist jedoch ein wenig komplizierter und erfordert etwas mehr Aufmerksamkeit. Dinge wie der reale Straßenverlauf, andere Verkehrsteilnehmer oder gar Fußgänger können da nicht auch noch berücksichtigt werden. Man fährt quasi nach Gehör. Am Ziel angekommen Blicke ich auch und sehe tatsächlich ein Haus vor mir auf dem in riesigen Lettern AJZ Bahndamm geschrieben ist. Zu allem Überfluss ist das Gebäude auch noch rot angemalt. Und beleuchtet. Es steht auch direkt an der Straße – also direkt an der Straße die ich etwa 5-12 mal hin und her gefahren bin. Naja, wozu selber denken, wenn man ein Telefon dafür gekauft hat. Also erstmal Eintritt zahlen, n Bier organisieren und Gespräche über den Bahndamm führen. Über meine Schwierigkeiten das Gebäude zu finden verliere ich kein Wort. Dieses Geheimnis nehme ich mit ins Grab.


Das AJZ-Bahndamm besteht in seiner heutigen Form seit 1990, aber die Geschichte (die es in einer schön gemachten 112-seitigen Chronik nachzulesen gibt) reicht nochmal 20 Jahre weiter zurück. Aber der Punk hielt Ende ´89 Einzug in den Bahndamm – und zwar Standesgemäß mit einem MOLOTOW SODA Konzert für lau. Respekt!
Es folgten erstmal einige turbulente Jahre mit viel Hick-Hack mit der Stadtverwaltung. So gab es immer wieder Versuche den Bahndamm zu schließen, abzureißen oder umzunutzen. Es wurde militant und kreativ darauf reagiert. So wurde permanent mit der Stadt um den Erhalt verhandelt, gleichzeitig musste aber auch der Bahndamm zwischenzeitlich besetzt werden um eine Vernichtung des Freiraums zu verhindern.


Der letzte Versuch den Bahndamm loszuwerden war vor ein paar Jahren der Plan einen Supermarkt dort hin zu bauen. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahndamm jedoch bereits so etabliert, dass die Entsprechende Ratssitzung von gut 400 Zuschauern besucht wurde, und der Supermarkt dann doch nicht gebaut wurde.
Inzwischen hat der Verein Jugendinitiative Wermelskirchen e.V. einen Sitz im Jugendhilfeausschuß und ist damit wohl politisch und gesellschaftlich akzeptiert in Wermelskirchen. Geld gibt’s dafür aber trotzdem keins. Die Stadt stellt lediglich das Gebäude kostenlos zur Verfügung. Alles weitere wird in ehrenamtlicher Arbeit geleistet – DIY eben :)
Aber auch was an Bands bereits im Bahndamm gespielt hat kann sich sehen lassen, auch wenn es wirklich zu viele große Namen sind um sie alle aufzuzählen. Cool fand ich die Geschichte mit Green Day. Die spielten 1992 vor grade mal 100 Leuten. Zwei Jahre später kam deren Großer Durchbruch mit der Dookie und die zugehöriger Tour in Deutschland. Da es ihnen vor zwei Jahren so gut im Bahndamm gefiel haben sie einen Off-Day ihrer Tour genutzt um ein Konzert im Bahndamm zu spielen.


So viel zum historischen Kurzabriss. Wer sich für mehr Details interessiert, dem/der kann ich die oben erwähnte Chronik die zum 20-jährigen Bestehen gemacht wurde ans Herz legen. Darin sind detailiert die Geschichte des Bahndamms seit den 70ern und daneben noch einige persönliche Anekdoten erzählt. Die könnt Ihr entweder an der Theke kaufen oder als pdf von der Homepage runterladen.


Der Bahndamm selbst besteht aus einem großen Kneipenraum, nem Biergarten und nem Konzertraum und die obligatorischen Klos. Oben gibt’s noch Pennplätze für die Bands, nen großen Raum der für Catering, aber auch für Plenas genutzt wird, ne Küche und ein Bad.
Musikalisch standen heute lokale Bands auf dem Programm. Den Anfang machte die recht junge Hardcoreband GRINDHOUSE, die durchaus gefallen. Danach steht mit Kontrabass die Psychobillyband DRUNKEN WEREWOLVES auf der Bühne. So richtig können mich die Herren nicht mitreißen, aber ich habs allgemein auch nich so mit Psychobilly. Dafür kann ich draußen den ersten Schneefall beobachten und mich darauf freuen bei dem Wetter nachher zurück zu fahren. Den Schluss machen STONED AGE. Die machen nach eigenen Angaben „Psychotic Voodoo Punk“, und das kann auch richtig was! Sowohl musikalisch als auch das aufwendige Voodoo-Zombie-Outfit begeistern mich. So freue ich mich mal wieder eine neue Band für mich entdeckt zu haben und trete die Heimreise auf einer enttäuschend gut befahrbaren Straße an. Nicht mal driften is drin.
Ich kann nur jedem der sich mal in der Nähe von Wermelskirchen aufhält wärmstens empfehlen einen Abstecher ins AJZ zu machen. Auch ein Ausflug von Köln oder ausm Pott lohnt sich.


Hier noch die nächsten geplanten Konzerte:
25.4. Mörser + Serpent Eater + Deathrite + Nervous Mothers
26.4. The Tidal Sleep + Fjort + Hector Savage + Cowards + Shiny Brown + Elizabeth
03.5. The Scandals + The Uprising
08.05. Sex Pistols Experience
09.05. Dropdead + Ruidosa Immundicia + The Aftermath
www.ajzbahndamm.de
- Lars