What We Feel: Großer Tourbericht 2013, Teil 1
Im vergangenen Jahr  tourten What We Feel erstmals wieder, nachdem sie  sich 2010 vorübergehend  aufgelöst hatten. Die Benefit Europe Tour wurde als Soli-Tour organisiert, um die Familie des ermordeten Antifaschisten und Bandfreundes Iwan Chutorskoi zu unterstützen.

Die Ankündigung der Reunion erfüllte mich mit riesiger Freude. So fragte ich die Band im Herbst im Anschluss an die Konzerte, ob sie nicht einen Tourbericht schreiben wollten. In vielen Interviews war bereits über die krassen neofaschistischen Strukturen in Russland gesprochen worden, schöne oder lustige Ereignisse waren dabei manchmal logischerweise in den Hintergrund getreten. Igor, lange Zeit Bassist und mittlerweile zweiter Sänger bei WWF, willigte ein. Er  schrieb fortan  am Bericht, wann immer er Zeit fand. Für die Übersetzung aus dem Russischen gewann Igor außerdem Schröda von MyTerror. Schrödas immense Fleißarbeit der wörtlichen Übersetzung musste schließlich nur noch in eine etwas lesbarere Form gebracht werden, was dann mein verhältnismäßig winziger Part war.
Igor hat insgesamt ganze 13 Seiten (!) geschrieben, die nun hier als großer WWF-Tourbericht 2013 online erscheinen. Der Bericht ist wegen seiner Länge in zwei Teile gesplittet: Im ersten Teil gibt’s einen Rückblick auf die Konzerte vom April 2013; im zweiten Teil, der in wenigen Wochen folgt,  wird auf den Mai 2013 zurückgeschaut.
Der Bericht ist vielleicht auch ein schöner Vorgeschmack auf die bald anstehende WWF-Tour 2014. Drushba Antifa
!

 

 

WHAT WE FEEL TOURBERICHT 2013, Teil 1 von Igor.  Als Kadda vom Plastic Bomb mir anbot, etwas über die europäische Tour von What We Feel 2013 zu schreiben, muss ich eingestehen, dass es bei mir gemischte Gefühle auslöste. Solche Texte zu schreiben war mir nie vergönnt, außerdem ist die Tour schon länger her und die Zeit für literarische Ergüsse gerade eher unpassend (der Bericht wurde im Oktober 2013 begonnen - Anm. Schröda). Wir bearbeiten die Schlussversion des Filmes über Iwan Chutorskoi und bereiten uns auf dessen Präsentation sowie das Konzert in Moskau vor (unseren ersten Gig in Moskau seit vier (!) Jahren). Vor kurzem erst ist die Stadt von Unruhen mit rassistischen Hintergründen überschattet worden: die Meute schlug das Handelszentrum kurz und klein, warf Karren um und leistete sich Fights mit Bullen – in unseren Kreisen sind alle schockiert. Dazu kommen ein kompletter Overload auf Arbeit, die Bandproben und (Orga-)Treffs. Als ob das alles nicht genug wäre, hat meine liebe Oma neulich noch einen Baum erklommen, um Äpfel zu sammeln, was einen gebrochenen Arm nach sich zog. Tja, die Verwandtschaft... Nun, die Gelegenheit zum Bericht über die Tour wollte ich dennoch nicht ausschlagen, habe mich hinter den PC geklemmt und die Daten von der Tour durchgecheckt: ich stellte fest, dass meine Erinnerung an das Vergangene noch ziemlich klar war und das Gesamtbild immer runder wurde, je mehr ich jeden Tag der Tour durchging, Bildchen für Bildchen.

Alles fing 2012 an, als wir uns entschieden, die zweijährige Pause infolge der Repressionen seitens der Polizei und des Geheimdienstes zu unterbrechen und das Reunion-Konzert beim Siempre Antifascista in Berlin sowie ein weiteres Konzert in Minsk als Soli-Gig für den FC Partizan zu spielen (wo über 1000 Menschen anwesend waren). In dieser Zeit fingen wir an, die Tour durch Europa vorzubereiten, um der Familie unseres Freundes Iwan Chutorskoi zu helfen. Unerwartet haben sich sehr viele alte Bekannte und Freunde gemeldet und auch uns unbekannte Gleichgesinnte. In buchstäblich drei Wochen stand die Tour, mit 17 bestätigten Gigs.
Im Januar 2013 begannen wir dann, mit unserem neuen Drummer zu proben, der alte ist zu unseren Freunden Siberian Meat Grinder übergegangen. Schließlich kehrte zu uns noch unser alter Sänger zurück. Die Formation an sich war also schon kampfbereit, doch im März traf uns der Schlag: Bob, unser zweiter Sänger, teilte mit, dass es arbeitstechnisch bei ihm nicht mehr hinhauen würde. Also legte ich den Bass beiseite und übernahm den Platz hinterm Mikrofon. Schnell haben wir dann das Set mit dem neuen Bassisten durchgeprobt und begonnen, uns um die Visa zu kümmern, was in Russland ein eher haarsträubendes Abenteuer ist, vor allem für Punkrocker wie uns.
Im Endeffekt sind wir dem ersten Halt unserer Tour – Düsseldorf – ungehindert entgegen gereist: unser erster Sänger (M.D.) — der zweite Sänger (also ich) — meine Frau (Т.) — der  Gitarrist (М.) — der zweite Gitarrist (D.) — seine Frau (А.) — der Bassist (P.) — und letztendlich unser Trommler (Е).
 


23.04 — Düsseldorf, Deutschland. Die Ankunft. Das angepisste Amtsgericht.
Vom abendlichen Flug kamen wir in Düsseldorf an und fielen sofort in die Hände von Dennis (Schröda, unser enger Freund und Genosse) und Anton. Nach ein wenig Rast rückte der gesamte Mob zum lokalen Ort des Geschehens aus, dem Schrebergarten mit Haus von Dennis. Dort waren reichlich alkoholische Ergüsse Programm, wonach ein feierlicher Ausgang Richtung Stadt und Hinterhof/Linkes Zentrum stattfand, mit einem rituellem Anpissen des neuen Düsseldorfer Amtgerichtes und übrigen Taten, die eine russische Punkband gewöhnlich begeht, wenn sie auf kurze Zeit den zähen Umarmungen der Heimat entkommen ist. Besonders anzumerken ist, dass unser Schlagzeuger und der ehemals verlorene Sänger M.D. zu diesem Zeitpunkt das erste Mal in Europa waren, was einen echten Kulturschock nach sich zog.


24.04 — Düsseldorf. Der freie Tag. Fliegenpilz-Wodka.
Daheim die Tour planend, hatten wir es extra so angelegt, dass wir einen Tag frei haben würden – für das freundliche Zwischenmenschliche. Wir sehen unsere deutschen Gleichgesinnten sehr selten und auch als Band treffen wir uns nicht oft: der Bassist und der Drummer leben am Rande Moskaus und der Gitarrist in Sankt Petersburg, siebenhundert Kilometer von Moskau entfernt. Ausgiebig Zeit miteinander zu verbringen gelingt uns daher nur während der Touren. Also kauften wir reichlich veganes Grillzeug ein, ebenso Bier und Whisky, und machten es uns auf Schrödas Sommerresidenz gemütlich, wo unsere Freunde aus ganz Düsseldorf zusammenkamen. Ein Höhepunkt der Party wurde das Trinken des selbstgemachten Wodkas mit Fliegenpilzen, den Dennis persönlich zubereitet hatte. Das göttliche Getränk stellte eine Flasche mit trüber Flüssigkeit dar, in der die Pilze schwammen. Am meisten war Trommler Е. von dem Trank angetan, obwohl uns am nächsten Tag die Aufnahmen im Studio bevorstanden und ich aufdringlich bat, es langsamer angehen zu lassen. „Der Abend“ endete, wie zu erwarten, erst nach fünf Uhr morgens.


25.04 — Düsseldorf. Der erste Tag im Studio. Das Interview für die Plastic Bomb.
Um zehn Uhr morgens vor dem Studio „Rock or Die“ versammelt, lernten wir als erstes den Chief des Studios und unseren zukünftigen Tonregisseur, Micha, kennen. Micha erwies sich als sehr ruhiger und angenehmer Gesprächspartner, obwohl die Situation anfangs eher skurril war. Während E. mit der ersten und wichtigsten Etappe der Aufzeichnung jeder Punk- und Hardcore-Band, dem Einspielen des Schlagzeugs, beschäftigt war, wollte ich mit ihm noch sein Befinden und die Eindrücke vom Fliegenpilz-Wodka besprechen. Da verflüchtigten sich auf einmal alle Worte irgendwohin, als ich mich E. nur näherte: Es war unmöglich, neben ihm zu verweilen, wegen des erschreckenden und bestialisch stechenden Geruchs seiner Fahne, der sich in die eigenen Nasenlöcher einzubrennen schien. Die Farbe und der Ausdruck im Gesicht des armen Schluckers gaben gänzlich den Anmut eines kompromisslosen Katers wieder. Schweren Herzens begonnen wir so die Aufnahme und meine schlimmsten Vorahnungen bestätigten sich allmählich: mit dem Schlagzeug gab’s Probleme. Der daheim sehr gut durchgeprobte Song wollte sich nicht einrenken – die Differenzen bezüglich des Klicks (Metronoms) erwiesen sich als dermaßen stark, dass es uns die Haare sträubte. Wir waren, einschließlich Mischa, schockiert. Letztendlich, nach einer Stunde Qualen, schaute Micha uns mit traurigem Blick an und sagte eine Phrase in unsere Richtung, die mir buchstäblich die Beine wegriss: „Ok, ich seh's ein! Ihr seid einfach `ne Punkrock-Band, wir werden die Drums ohne Klick auf dem Kopfhörer aufzeichnen!“
Ich war in einem mittelschweren Tollwut-Anfall. Es war mir wahnsinnig peinlich, dass unser erster Versuch der Aufnahmen in Europa so desaströs anfing. Wir verzichteten auf Michas Vorschlag und fingen an, Schritt für Schritt das mögliche Problem zu suchen. Daraufhin war der Fall klar: wie sich herausstellte, hatten wir die Drums mit einer Geschwindigkeit von 250 Schlägen in der Minute anstatt 215 bpm gesetzt! Die banale verbale Verwechselung des englischen „fifty“ mit „fifteen“ hatte eine entscheidende Bedeutung im Prozess der Aufnahmen – obwohl es natürlich interessant gewesen wäre, den Song im Digital-Hardcore Stil zu hören.
Nach der Justierung des Tempos war alles Getrommelte in einer Dreiviertelstunde im Kasten. Insgesamt war am ersten Tag alles außer dem Gesang und der zweiten Gitarre drin, es lief wie geschmiert. Die Unterschiede zwischen dem Arbeiten im europäischen Studio und in beliebigen Studios Moskaus und Sankt Petersburgs sind enorm. Die Atmosphäre ist allgemein entspannter, es gibt keinen Stress und keine Hektik. Einzelne Schritte des Aufnehmens, auch die des Gesanges, laufen viel effektiver ab. Das Personal des Studios ist äußerst freundlich und dreht die Regler nicht nur stumpf wie ein Roboter, sondern ist vollwertiger Mitgestalter des Prozesses. Sehr viele Tipps und Änderungsvorschläge von Micha wurden in die Aufnahme einbezogen. Und das alles tatsächlich für dasselbe Geld, welches wir für die Studiozeit in Russland geblecht hätten.
Am Ende des Tages war ich ausgepresst wie eine Zitrone, doch mich erwartete noch eine verantwortungsvolle Angelegenheit – das Interview für die Plastic Bomb. Ins Studio kam deswegen ein sehr angenehmer junger Mann namens Henni und das einstündige Interview erfolgte auf der besagten Datsche. Leider war ich nicht im frischesten Zustand; es war ein sehr langer Tag gewesen und ich machte mir ziemliche Sorgen bezüglich des Filmes für die Tour. Wegen der äußerst langsamen Arbeit des Videoschneiders hatten wir die Schlussversion des Filmes noch nicht da, also erwartete mich eine schlaflose Nacht wegen der Subtitel und der Schlussmontage. Aber das einstündige Gespräch mit Henni munterte mich ganz schön auf. In dieser Hochstimmung bin ich dann zu Anton gefahren, bei dem wir übernachteten. Bis sechs Uhr morgens arbeitete ich am Film.


26.04 — Düsseldorf. Die Aufnahmen der Vocals. Gig auf dem Geburtstag des AK47 und eine kleine Schlägerei.

Morgens ab ins Studio: die Vocals waren dran. Ehrlich gesagt der schwierigste Moment für uns bei den Aufnahmen. Unter Berücksichtigung dessen, dass Bob nicht mehr mit auf der Tour war, hatten wir einfach keine Zeit gehabt, uns vernünftig um die einzelnen Gesangsparts zu kümmern geschweige denn sie ausgiebig zu proben. Teile der Texte fehlten sogar. Fuck.
M.D. ist als erster dran: einigermaßen ist alles in drei Stunden drin. Jetzt bin ich an der Reihe, ich bin sehr nervös – für mich ist es das erste Mal. Ein Paar Schlucke kräftigen Alkohol, die Hand presst das Mikrofon zusammen, höchste Konzentration und Anspannung. Nach der Stunde gehe ich nass von Kopf bis Fuß, aber zufrieden hinaus. Alles ist erfolgreich gewesen. Auch Micha und die Jungs sind mit mir zufrieden. Nach dem Studio verdrücken wir noch kurz ein paar Döner und eilen zum lokalen Punkklub AK47. Es ist das erste Konzert unserer Tour und ein sehr wichtiges: es ist der 25ste Geburtstag des Klubs auf der ehemals besetzten Kiefernstrasse!
Am Eingang empfängt uns bereits unser alter guter Freund Mayer mit seinen harten Originalwitzen über die Russen und über mich persönlich. „Guten Tag, Herr Mayer!" (später werden wir deine Persönlichkeit in unserem engen Kreis besprechen, und unsere Scherze werden schärfer als deine sein). Ich respektiere diesen Menschen sehr, seit wir uns 2008 während der Russland-Tour der Stage Bottles kennenlernten, die wir zu zweit mit Iwan Chutorskoi organisiert hatten.  Das Konzert fängt an, ich begegne auch meinen guten Bekannten von MyTerror, den Stage Bottles, SS-Kaliert und einem Haufen anderer Leute. Wir machen Fotos für den Plastic Bomb Artikel. Bin einfach glücklich. Wir lernen die Musiker der Bands Sunlun und Sniffing Glue kennen, mit denen wir heute zusammen die Bühne teilen, allesamt total nette Menschen. Die Jungs von Sunlun kommen später sogar nach Hamburg auf unser Konzert, Respekt! Im Klub gibt es keine freie Stelle, gefühlte dreihundert Besucher sind drin und die Menschen gehen rein und raus, wegen der Hitze. Ich stehe hinter dem Merch-Stand, da höre ich plötzlich jemanden mit aggressivem russischen Akzent sprechen. Ein Typ mit einem Mädel, sie unaufdringlich, er nicht – klassischer russischer Redneck, wenn auch mit Punkimage. Der stichelt rum und macht einen auf cool, ich lächle nur hämisch. Eins ist sicher: mit dem wird es noch Unannehmlichkeiten geben. Wie sich bald herausstellt, habe ich mich nicht geirrt. Wir betreten die Bühne, der Alkohol siedet im Blut, es geht ab. Ein kleiner Zusammenstoß vor der Bühne und wie ich vermutete, ist es unser russischer „Freund“, der was von Olaf von den Stage Bottles will. Ich werfe das Mikrofon weg und sage ihm ein paar Worte der Zärtlichkeit. Anscheinend beruhigt er sich. Wir spielen noch zwei Songs, wieder dasselbe, Zusammenstoß, wieder dieser Bursche. Jetzt unterbrechen wir das Konzert. Eine weitere Unterbrechung wird für ihn die letzte gewesen sein, denn kaum haben wir wieder angefangen zu spielen, versucht er an Dennis ranzugehen. So, das war’s, du Arsch, ich mach dich kaputt. Ich springe die Bühne runter, pack den Trottel an der Gurgel und befördere meine Faust in die Mitte seines Gesichtes. Alle im Saal packen mit an und werfen die Persona non grata aus dem Klub. Seine Freundin kann einem Leid tun, aber für solche Arschlöcher ist kein Platz hier. Mit einem gewissen Adrenalin-Pegel beenden wir das Hammerkonzert. Ab nach Hause, schlafen. Ein geiler Anfang!



27.04 — Kassel. Das Kultur-Zentrum K19. Der pathetische brasilianische Schlagzeuger.

Zu neunt fahren wir zu unseren alten Freunden in Kassel – Dennis hat sich uns als kostenloser Helfer und Mittrinker angeschlossen. Wir sind verdammt froh, haben wir doch diesen Schröda zum Fressen gern! Die Anfahrt verläuft ohne Abenteuer und wir sind pünktlich vor den Toren des Klubs. Uns empfängt Julian, der Mensch, der schon fünf WWF-Konzerte bei sich in der Stadt gemacht hat. Wir speisen prächtige Pizza und die Filmvorführung fängt an: noch ohne Untertitel, aber mit der Übersetzung und den Kommentaren von Dennis. Später bin ich im Begriff, die Bands des Abends kennenzulernen. Heute teilen wir die Bühne mit Black Heart (gute Jungs, aber nicht meine Musik), Bitter Verses (sehr guter Hardcore mit Mädels am Gesang und Bass) und der brasilianischen Truppe Paura. Mit Letzteren ist die Konversation eher angespannt, da ihr Schlagzeuger sofort sagt, er werde auf seinem eigenen Drumset spielen und wir drei übrigen Bands auf unserem. Für uns hört sich diese Variante im Allgemeinen auch annehmbar an, wäre da an diesem Abend nicht ein „aber“: Da die Brasilianer als dritte spielen und wir danach, müssten wir mittendrin unser Schlagzeug wieder ab- und aufbauen.
Ich habe dann angeboten, die Reihenfolge der Bands zu tauschen, um das sinnlose Unterfangen zu vermeiden. Uns war es immer absolut egal, ob wir als Erste oder Letzte auftreten. Aber der Paura-Drummer zeigte sich unbeugsam und wimmelte all unsere Argumente einfach ab: er werde es so handhaben, wie es seiner Band besser passe, und alles andere sei ihm egal. Aber andererseits – was ist schon von einem zu erwarten, der SEINE DRUMSTICKS MIT DEM SCHRIFTZUG SEINES NAMENS UND AUTOGRAMM AM MERCH-STAND VERKAUFT?? Die anderen brasilianischen Bandmitglieder waren weit angenehmer im Gespräch, doch einen faden Beigeschmack im Gemüt bin ich nicht los geworden. What We Feel sind eine Punkband aus dem Underground, wir mögen diese sämtliche „professionelle“ Scheiße überhaupt nicht, den launischen Eigensinn und die Verneinung aller Kompromisse zum Schaden sowohl der auftretenden Bands als auch des Publikums. Im Übrigen lief das Konzert ganz normal ab, obwohl Julian  traurig war, dass „Hardcore in Kassel gestorben sei“. Mich hat dabei die Tatsache belustigt, dass wir im musikalischen Sinne an diesem Abend eher Pop waren – die Brasilianer und noch eine Band spielten dagegen ein Beatdown-Hölleninferno. Ich meine auch, dass hundertfünfzig Menschen bei einem solchen Konzert ein vollkommen zufriedenstellendes Ergebnis ist.

28.04 — Passau. Klub Zakk. Der fiese Hund aus der Hölle.
Mit Vollgas durch ganz Deutschland fahren wir in die wilden Wälder Bayerns zu unserem Freund Felix. Felix hatte mit uns in Moskau mal ein Interview für ein Fanzine gemacht und später organisierte er für uns ein paar Gigs. Insgesamt ist es ein gewöhnliches sonntägliches Konzert in Passau, nichts Herausragendes, aber die 50 Menschen im Zakk unterstützen uns mehr als eifrig. Nach dem Auftritt trinken wir noch einiges an Bier und einheimischem Blutwurz (ein Kräuterlikör) – und ab mit meiner Frau zum Schlafplatz.
Damit haben wir beide nicht sehr viel Glück gehabt, denn es war eine unglaublich SCHMUTZIGE Wohnung! Glaubt mir, ich bin kein Snob und kein Pedant, aber wenn ich auf dem Tisch in der Küche Essensreste eines unbestimmten Alters finde, dann bleibt es nicht beim Würgen. Abgesehen davon verweilte in der Wohnung ein höllischer Hund, der augenblicklich begann uns zu belästigen und terrorisieren. Niemals werde ich den kleinen Pitti (so hiess das Wesen) vergessen. Insbesondere als am nächsten Morgen, als ich noch nicht ganz wach war und meine Frau umarmen wollte, ein Knurren ertönte. „Krass, so viel habe ich also gestern gesoffen, hab wohl Scheisse gebaut“, dachte ich erst und öffnete die Augen. Aber statt meiner geliebten Frau sah ich vor mir die zähnefletschende Fratze des Hundes – in ihrem Schlafsack, während sie im Bad war! Zum Abschied biss Pitti mich noch und später fanden wir zwei Flöhe und eine riesige Zecke in unseren Sachen, übelster Pennplatz der letzten 5 Jahre! Pitti, brenne in der Hölle, du Hund!

29.04 — Prag, Tschechien. Klub 007. Zu spät dran.
Nach Prag sind wir dann voller Optimismus gefahren, wir spielen dort sehr gern und die letzten Konzerte waren spektakulär. Die lokalen Antifa-Gruppen machen alles sehr gründlich und haben uns bei Soli-Touren immens geholfen. Bei der Einreise nach Tschechien mussten allerdings wir feststellen, dass unser Navi, welches uns die Jungs von Wasted Youth mitgegeben hatten, nicht funzte. Eine tschechische Karte hatten wir auch nicht dabei. Aus irgendeinem Grund fiel uns trotzdem nicht ein, zur Tanke zu fahren und uns eine zu besorgen, dafür nahmen wir an der Grenz bloß einen Kasten Becherovka mit. Erster, aber nicht größter Fehler des Tages! Unterwegs zum Klub tranken wir schon zwei Flaschen aus und wurden am Eingang von unseren weissrussischen Freunden, den Hools des FC Partizan Minsk, erwartet. Die tolle Idee flammte auf, Richtung Stadt spazieren zu gehen – zweiter Fehler. In einem nicht ganz nüchternen Zustand vergaß ich, dass der Klub 007 schon um 22.00 Uhr schließt. Um halb acht riefen uns deshalb die beunruhigten Organisatoren an, als wir noch in der Stadt waren. Mir ist seitens der Band niemals im Leben etwas so peinlich gewesen, ehrlich, es ist mir peinlich bis heute.
Um 20.00 Uhr sind wir dann rein galoppiert, mit zwei Stunden Verspätung. Drinnen war es bereits rappelvoll. Über zweihundert Menschen warteten auf solche Scheisser wie uns, an einem Montag! Innerhalb von zwanzig Minuten bauten wir die komplette Backline auf (mir scheint es ein möglicher Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde) und das Konzert begann. Als erstes waren unsere Freunde aus Moskau, Jack Russell, dran, später wir. Die Unterstützung war maximal: Weißrussen, Tschechen, Russen, Slowaken (besonders erinnere ich mich an zwei riesige Kerle mit ebenfalls grossen Messern am Gürteln), alle waren da und es ging heftigst ab! Überpünktlich beendeten wir um 22.00 Uhr den Abend und ballerten dabei fast die gesamte Setlist durch. Das Ganze bleibt eine belehrende Erinnerung daran, dass die minimale Unaufmerksamkeit einer Band ein Konzert kosten kann. Nach tausend Entschuldigungen Richtung OrganisatorInnen stellten wir fest, dass wir Soli-Merch für 1200 Euro verkauft hatten. Nach alldem bin ich kraftlos ins Hostel getorkelt, um komatös zu schlafen.


30.04 — Wien, Österreich. Das besetzte Haus EKH. Der nervöse Tag.

Morgens raus aus dem Hostel, die Jungs beim Frühstück mit Prager Antifas im veganen Cafe getroffen und los zum Zentrum. M.D., unser zweiter Sänger, ist die ganze Nacht mit seinen Kumpels von Jack Russell unterwegs gewesen und immer noch nicht aufgetaucht. Nach kleinem Spaziergang entscheiden wir uns, pünktlich nach Wien zu fahren und versuchen ihn anzurufen: Handy aus, die seiner Clique ebenfalls. Der Typ ist in einem fremdsprachigen Land ohne Geld und ist unerreichbar verschwunden... Warten. Nach drei Stunden finde ich ihn schließlich zufällig; hin- und her laufend auf einem benachbarten Parkplatz. Ich war noch nie so glücklich ihn zu sehen! Mit gigantischer Verspätung und wieder ohne Landkarte starten wir nach Wien, alle Staus auf dem Weg sammelnd. Wir kommen um 22.00 anstelle 18.00 Uhr an, die zweite Verspätung in zwei Tagen, ich bin fertig und zermürbt. Glücklicherweise fangen Konzerte in Wien allgemein spät an und die Moskauer Band Rooftops, auch auf Tour, stellt die Backline, so dass wir nicht ausladen müssen.
Zu unserem eigenen Erstaunen spielten wir ziemlich gut und es waren über hundert Menschen da, was für’s EKH recht viel ist. Alle drehten im Pogo durch, es ging gut ab. Schön war’s! Danke den OrganisatorInnen für das Verständnis und Rooftops für die Backline und die exzessive abendliche Gesellschaft. Um drei Uhr nachts fiel ich mit meiner Frau nach einem abenteuerlichen Weg zum Hotel schließlich ins Bett.

… TEIL ZWEI folgt bald!