Gerade aus Mexiko zurück gekommen, denke ich, jetzt ist eine gute Gelegenheit um ein wenig über den Zapatismus zu philosophieren. In Mexiko war ich sowohl in einer zapatistischen Gemeinde als auch auf dem „Treffen der zapatistischen Dörfern mit den Völkern der Welt“. Ich hab also nicht nur  die zapatistische Realität kennen gelernt sondern auch Gelegenheit gehabt, mich über die zapatistische Organisation und Selbstverwaltung zu informieren. Die Zapatistas sind ja bei der europäischen Linken recht in Mode, von daher war es schon super, sich mal selbst ein Bild zu machen. Jetzt werden sich sicher einige fragen, Ja wie war das noch mal mit diesen ZapatistInnen? So eine Guerilla mit Schimasken??? Ja, das mit den Schimasken war schon mal richtig! Die sind sozusagen das Markenzeichen der Zapatistas geworden. Denn wie sie sagen, wurden sie erst von der Welt wahrgenommen, als sie ihr Gesicht versteckten. Bringen ihnen aber sicher auch Sympathien bei den Autonomen ein...

Das mit der Guerilla wird schon schwieriger zu beantworten. Einerseits sind sie definitiv eine Guerillabewegung. Die EZLN ( Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) ist ein wichtiger Bestandteil der zapatistischen Organisation, andererseits wurde seit über zehn Jahren von zapatistischer Seite kein Schuss mehr abgegeben. Und vielleicht liegt darin auch die Faszination, die der nur ein paar Tage dauernde Aufstand ein paar Tausender mexikanischer Bauern rund um die Welt ausgelöst hat. Es geht ihnen nicht darum mit Gewalt die Macht im Staat zu erobern. Es geht nicht darum, mit Gewalt die eine beschissene Regierung zu stürzen und sie durch eine andere, genauso korrupte, zu ersetzen. Stattdessen ist der Zapatismus von zwei Prinzipien getragen, die schon darauf hindeuten, dass man es hier mit etwas ganz neuem zu tun hat. Ein Prinzip lautet: „ Caminamos preguntando“, was soviel heißt wie „ Fragend schreiten wir voran“.  Gemeint ist damit, dass die ZapatistInnen kein Programm zur Weltrevolution haben, wie es beispielsweise kommunistische Gruppen zu haben glauben. Neu ist auch, dass sie gar keines haben wollen. Das bedeutet auch, das man aus seinen Fehlern lernen darf. Vor allem bedeutet es aber, dass eine Revolution nicht von außen oder von oben herab gemacht werden kann. Sie muss von unten kommen, von den Menschen, aus der Überzeugung heraus, dass es so nicht mehr weiter gehen kann und dass eine andere Welt möglich ist. Der Zapatismus widerspricht hier der klassischen Guerillatheorie, die davon ausgeht, das eine kleine Gruppe eine Revolution auslösen kann. Hier und in einigen anderen Punkten lassen sich Vergleiche zum Anarchismus ziehen, und einige Leute sehen im Zapatismus auch anarchistische Grundzüge. Darüber lässt sich streiten, auf jeden Fall geht auch der Anarchismus davon aus, dass eine Revolution nicht geplant werden kann sondern spontan entstehen muss. Zumindest in der internationalen Anarchopunk-Szene gibt es große Unterstützung für die zapatistische Sache. Und bei dem „ Treffen der zapatistischen Dörfer mit den Völkern der Welt“ diesen Sommer war diese Fraktion mit Leuten aus Mexiko, den USA, Deutschland, Spanien, England...recht zahlreich vertreten.


Das zweite zapatistische Prinzip lautet „Mandar obedeciendo“, was soviel heißt wie „gehorchend befehlen“. Gemeint ist damit eine wirkliche Demokratie, in der die Leute anschaffen, und die Regierung genau das macht, was das Volk ihr befiehlt. Eine Basisdemokratie eben, die es in einer anarchistischen Selbstverwaltung auch geben sollte.


Aber was ist es jetzt wirklich, das westliche Großstadtkids mit diesen Bauern im Süden Mexikos verbindet?

Vielleicht ist es der Kampf gegen den Neoliberalismus und das kapitalistische System an sich. Denn auch die ZapatistInnen haben erkannt, dass dies die Grundlage für ihre Jahrhunderte lange Unterdrückung und Ausbeutung war. Die von der mexikanischen Regierung versprochene Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse hat es nie gegeben, vom Neoliberalismus haben sie sich nichts zu erwarten als ein Leben in Elend und Hunger.
Vielleicht identifizieren sich so viele Menschen aus den industrialisierten Ländern mit den mexikanischen indígenas (also denjenigen, die schon in dem Land lebten, bevor die Europäer es plünderten und sie versklavten), weil sie ihre Forderungen nicht nur für sich selbst stellen. Sie wollen für alle Unterdrückten der Welt sprechen. Wie ihr Namensgeber, der mexikanische Revolutionär Emiliano Zapata  zu Anfang des 20. Jahrhunderts, fordern die Zapatistas Land und Freiheit. Nicht nur das Land soll denjenigen gehören, die es bearbeiten, sondern auch die Fabriken denjenigen, die darin arbeiten. Auch Demokratie und Gerechtigkeit gehören zu ihren Forderungen. Gerechtigkeit ist deshalb so wichtig, da sie den  indígenas in einer zutiefst rassistischen mexikanischen Gesellschaft Jahrhunderte lang versagt blieb. In diesem Zusammenhang ist Würde eine weitere Forderung, für die sie kämpfen. Ein Leben in Würde wünschen sich wohl alle auf Grund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, Aussehens, Herkunft, ihrer politischen oder religiösen Überzeugung Ausgegrenzten dieser Welt.

Vielleicht haben die Zapatistas auch ihre Fans in der Anarchopunk-Bewegung, weil sie nie versucht haben, die Staatsmacht zu übernehmen. Es gab nie so etwas wie eine zapatistische Partei, die das Ganze steuert. Die zapatistische Bewegung ist im Großen und Ganzen die EZLN und die aufständischen Gemeinden in Chiapas. Dazu kommen eben Leute aus aller Welt, die sich damit identifizieren könne. Zudem haben die ZapatistInnen einen Kampagne zur Vernetzung von linken Gruppen aus der mexikanischen Zivilbevölkerung in Gang gesetzt. Diese so genannte „andere Kampagne“ ist extremen staatlichen Repressionen ausgesetzt.

Statt die Regierung zu stürzen, um selbst an die Macht zu kommen, beschlossen die Zapatistas, nichts mehr mit dieser schlechten Regierung zu tun haben zu wollen sondern es in Zukunft besser zu machen. Damit begann die Selbstverwaltung. Sie schufen fünf autonome Bezirke, die jeweils von einem „Rat der guten Regierung“ verwaltet werden, der durch basisdemokratische Prozesse zustande kommt und dessen Mitglieder ständig rotieren. Die offiziellen Wahlen werden boykottiert, es wird keine finanzielle oder materielle Hilfe von der Regierung angenommen. Sie zahlen nicht für ihren Strom sondern zapfen die öffentliche Stromversorgung an. Es gibt ein selbstverwaltetes Schulsystem, eine autonome medizinische Grundversorgung und mit Hilfe internationaler Solidarität entstehen in Gebieten, um die sich die mexikanische Regierung Jahrzehnte lang einen Dreck geschert hat, Trinkwasserleitungen, Krankenhäuser und Bibliotheken. Viel Arbeit wird in Kollektiven organisiert, vor alle die Frauen haben dadurch eine Gelegenheit, sich in der recht patriarchalischen Gesellschaft zu emanzipieren. Natürlich funktioniert nicht alles reibungslos und ist schon sehr von internationaler Unterstützung abhängig. Teilweise wirkt die Organisation recht streng und der Patriotismus ist für uns recht befremdlich. Aber trotzdem zeigt uns der Zapatismus, dass es möglich ist, sich erfolgreich ohne staatliche und ausbeutende Strukturen zu organisieren. Es ist möglich, Widerstand zu leisten, ohne dabei in hierarchische Strukturen zu verfallen. Und es ist möglich, NEIN zu sagen, ES REICHT! Ya basta! wie der Schlachtruf der ZapatistInnen lautet. Ya basta! War der Aufschrei mit dem am ersten Januar 1994 der zapatistische Aufstand begann. Die mexikanische Regierung reagierte darauf mit einem brutalen Militäreinsatz, der nur durch den großen internationalen Druck nach knapp zwei Wochen beendet wurde. Seit dem herrscht offiziell Waffenstillstand in Chiapas, tatsächlich gibt es aber einen Krieg niederer Intensität. Das bedeutet, es existieren Militärcamps überall dort, wo zapatistische Dörfer sind. Das allgegenwärtige Militär stellt sowohl einen echte Bedrohung als auch eine psychologische Waffe dar, da die Bevölkerung in den umliegenden Dörfer ständig in Angst lebt. In den letzten Jahren setzt die Regierung verstärkt auf eine andere Taktik. Sie unterstützt paramilitärische Gruppen, die die Bevölkerung spalten und Angst und Schrecken verbreiten. Zu ihren Terrormethoden gehört, dass sie Zapatisten mit der Machete bedrohen, Vieh umbringen oder Felder und die Ernte zerstören. In einer Gesellschaft, in der die Leute nur von dem leben, was sie selbst anbauen, bedeutet das natürlich die Zerstörung der Lebensgrundlage. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Zapatistas ständig in einer Atmosphäre von Gewalt und Angst leben müssen.

Trotzdem steht ihr „ Ya basta!“ felsenfest. Sie haben sich all die Jahre nicht unterkriegen lassen sondern bauen Schritt für Schritt ihre Autonomie auf. Sie kämpfen weiter für eine andere Welt, in der die schlechte Regierung keine Rolle mehr spielt, wo das Volk bestimmt, wo's lang geht und Frauen und Kinder gleichberechtigt sind. Das alles hat mit einem „ Ya basta!“ begonnen. Die Botschaft, die dahinter steckt ist, dass es das Wichtigste ist, den Mut zu haben um zu sagen, mir reichts, so nicht mehr. Man muss einfach anfangen, dagegen zu sein. Und diese Botschaft gilt auf der ganzen Welt. Viele von uns haben schon damit begonnen. Punk bedeutetet ja auch immer, dagegen zu sein. Aber oft bleibt es auch dabei. Man findet alles richtig beschissen, hat aber auch keinen Plan für die Weltrevolution, also macht man sich das nächste Bier auf. Und in der Situation können wir von den ZapatistInnen lernen. Mit ihrem Beispiel zeigen sie, wie wichtig es ist, den Mut zu finden, sich zu organisieren, obwohl man schwach ist. Vor allem zeigen sie, dass es möglich ist, anders zu leben und dass Autonomie keine Utopie ist. Sie zeigen aber auch, dass es ein langsamer Prozess ist und das Fehler dazu da sind, um aus ihnen zu lernen. Der Zapatismus bietet aber auch kein Programm zur Weltrevolution, keinen Leitfaden für eine bessere Welt, und das will er ja auch nicht. Vielleicht findet er deshalb in anarchistischen Kreisen so viel Gehör. Es steckt sicher ein DIY- Prinzip dahinter: Die Zapatistas werden nicht für uns die Welt verändern. Das müssen wir, hier wo wir sind, schon selbst erledigen.


Bettina (aus PLASTIC BOMB #61)


Mehr Infos unter:
http://www.ya-basta-netz.de.vu/ (Deutsch)
http://www.gruppe-basta.de/ (Deutsch)
http://www.ezln.org.mx/ (Spanisch)
http://www.zapatistarevolution.com/ (Englisch)

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