Kim von Vegan Wonderland müsste mittlerweile vielen ein Begriff sein. Seit vielen Jahren kocht sie sich durch sämtliche Festivals und Voküs und seit einiger Zeit auch durch Hochzeitscaterings und andere Großveranstaltungen. Außerdem betreibt sie mit der Vegan Wonderlang Crew einen veganen Supermarkt, ein Cafe und natürlich den Onlineshop.

Kim war in den letzten Monaten in vielen Medien präsent, darunter nicht nur Szenemagazine, sondern auch Mainstreammedien wie Tageszeitungen, Regionalsender und sogar in einigen Beiträgen bei den Privaten, zB in der Sendung Galileo.

Nun hat Kim der Bildzeitung Ruhrgebiet ein Interview gegeben, was bei Facebook eine riesige Diskussionswelle los trat. Viele Menschen dort waren der Meinung, dass dies ein sinnvoller Schritt war, um Veganismus bei den "normalen Menschen" bekannter und sympatischer zu machen, Andere hingegen übten scharfe Kritik an Kim, da die Bildzeitung ja nicht nur innerhalb der Punkszene als Hetzblatt bezeichnet wird, mit dem man am Besten überhaupt nicht redet.

Auch innerhalb der Plastic Bomb Redaktion gab es Diskussionen, schließlich ist Kim seit vielen Jahren mit uns befreundet und kocht 2012 nicht zum ersten mal auf der Plastic Bomb Party. Die ganze Diskussion ist jetzt ungefähr 3 Wochen alt und mit diesem Abstand bat ich Kim, hier einige Interviewfragen zu beantworten, wozu sie auch gerne bereit war, um ihre Meinung zum Thema "Interview in der Bild Zeitung" nochmal etwas ausführlicherzu sagen. Vielen Dank dafür! Das Bild-Interiview könnt ihr übrigens HIER nachlesen. Und hier gehts weiter mit unseren Fragen:

Kim, die Bildzeitung, oder um genau zu sein die Bildzeitung Ruhrgebiet hat im Rahmen eines Kurzinterviews mit dir berichtet.
War deine Entscheidung direkt klar, das Interivew zu geben oder musstest du da länger drüber nachdenken?
Was waren deine persönlichen Pros und Contras?


Seit der Eröffnung des Vegilicious Veggie Shops und des Cakes n Treats sind wir
regelmäßig in den Medien. RTL,SAT1,WDR,ZDF,Pro7, kommend VOX, dazu
dann von örtlichen Tageszeitungen über Fanzines bis hin zur Brigitte.
Das liegt allerdings nicht daran das wir eine tolle PR-Agentur damit
beauftragt haben uns zu promoten - wir werden einfach angerufen.Ich
habe mich noch nie irgendwo zu einem Interviw angeboten. Dabei
geht es den Medien ganz klar um Quoten, und das ist uns auch klar.
Allerdings versuchen wir diese mit zu nutzen - und zwar nicht, um
möglichst Profit aus der ganzen Sache zu schlagen sondern den
Veganismus zu puschen. Denn das ist ja der Grund der ganzen
Unternehmung. Mir persönlich geht es darum etwas Grundlegendes in
unserem System zu ändern, und das ist die Ausbeutung, die Folter und
der Mord an Mensch & Tier. Das fängt beim Essen an und dank den Läden
fehlen den Menschen die Gegenargumente ( schmeckt nicht, ist
langweilig, kannste ja nix mehr essen...) und sie fangen an zu
reflektieren. Jede/r trifft da eigene Entscheidungen, aber das
tägliche Feedback ist enorm.
Dazu kommt das jede Berichterstattung bisher Folgeinterviews nach sich
gezogen hat.

Allerdings ist es so das wir im Team die Bild sehr kritisch sehen.
Keiner von uns liest sie und ich habe persönlich keinerlei gutes Wort
für dieses Blatt. Daher ist eine Zusage nicht einfach gewesen, ich habe da
auch Pro & Contra abgewogen.
Dabei ging es nicht um die Angst selbst verrissen zu werden sondern
das der Veganismus ins Lächerliche gezogen wird und das ganze umsonst
ist.

Die Bild ist dafür bekannt Themen auszuschlachten, Tatsachen zu
verdrehen, kalt und grausam mit Menschen umzugehen und fragwürdige
Methoden bei der Informationenbeschaffung zu nutzen.
Sie ist aber auch die auflagenstärkste Zeitung die jeden Tag gelesen
wird (wobei doch alle sagen sie lesen sie nicht...). Die Informationen
in ihr sind reisserisch aber auch einfach und prägnant.
Daher habe ich mich nach einigem hin & her entschlossen das Interview
zu geben, welches nicht mehr als 5 Minuten meiner zeit verschwendet
hat.

Und vermutlich hab ich noch Glück bei dem Bericht, trotz der für mich
nicht náchvollziehbaren Lügen ich würde
die Ärzte mögen, mache alles alleine, mein Hobby seine nur Tattoos oder ich hätte gar
studiert (wann das denn noch?)

 

 

 

Du hast ja mehrfach betont, dass der Grund für die Zusammenarbeit mit Bild nicht Existenzsicherung oder Werbung für Vegan Wonderland als Unternehmen ist, sondern es dir darum geht, Veganismus zu erklären und zu verbreiten. Warum kann das deiner Meinung nach grade in der Bild-Zeitung gut funktionieren?


In unsere Szene schreien alle gleich "Kapitalisten" wenn ein DIY
Unternehmen größer wird. Allerdings geht das auch mit etwas ziemlich
Wichtigem einher: wir bieten dezeit 23 Menschen Arbeitsplätze, die
Hälfte davon Vollzeit. Und bei uns kann jeder so so sein wie mensch
möchte. Da geht es nicht um Kleidung, um Aussehen oder um
Geschlechterrollen. Und auch nicht um die Ausbildung vorher. Das ist
eine tolle Sache und ganz ehrlich: Es ist einfach nicht möglich sich
mit veganen Lebensmitteln eine goldene Nase zu verdienen. Aber geredet
wird gerne, klar.

Der Veganismus fand vor 5-10 Jahren fast ausschliesslich in der Szene
statt. Bei vielen sicher aus ethischer Motivation, bei anderen war es
der Wunsch zum "Anderssein". Langsam setzt sich aber auch die Mitte
der Gesellschaft mit dem Thema auseinander, egal mit welchem Anspruch:
Tierleid verhindern, Gewissen beruhigen, gesünder Leben oder in
Einklang mit der Natur leben. Und da müssen wir uns in der Szene fragen mit
welchem Anspruch wir den Veganismus als Szeneding sehen und für uns
beanspruchen. (Ich bin veganer Stufe 5 - ich esse nichts was einen
Schatten wirft.;-)) Wer vegan
lebt ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Veganer/innen sind
schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen, allerdings
bisher eher über reflektiertere Medien wie z.B. die TAZ (die aber
mind. genauso oft darüber negativ berichtete).
Die Bild wird von ganz andern Leser/innen gekauft und ich denke das
dort viele Menschen dabei sind, die bisher noch nicht viel mit dem
Veganismus anfangen konnten.


Hosen runter: Wie stehtst du selbst zur Bild-Zeitung, wie war bisher deine Meinung drüber, ließt du sie vielleicht sogar selbst? Oder teiltest du vielleicht eher die Ansicht, dass die Bild in den letzten Jahren viel Unheil angerichtet hat und eher von -äh- schlichten Gemütern gelesen wird?


In den letzten Tagen habe ich diverse Kommentare zum Artikel erhalten.
Viele fanden es gut, das auch die Bild darüber berichtete, andere
waren der Meinung das der Artikel selbst sexistischer Müll ist und ich
mich instrumentalisieren lasse. Die für mich krasseste Argumentation
war aber die immer wiederkehrende Verallgemeinerung der Leserschaft,
die eben von schlichten Gemütern, über Untermenschen bis hin zu Nazis
ging. Und da frage ich mich dann wieder auf welchem hohen Ross so
manche in der Szene sitzen. Einerseits ein bedingungsloses
Grundeinkommen und mehr Bildung fordern, andererseits dann Menschen
mit evtl. niedrigerem Bildungsstandart so herabstufen das zwei Klassen
entstehen. Sorry, aber
wenn jemand nicht in der Lage ist, die TAZ oder was auch immer zu lesen oder es
einfach nicht möchte da das Verstädnis fehlt, dann ist das so.

Persönlich empfinde ich die Bild als ein meinungsbildendes Hetzblatt,
das skrupellos arbeitet und dabei selbst vor Sexismus, Homophobie und
Rassimus nicht halt macht. Allerdings sind sie dabei so konsequent das
sie einfach gegen alles und auch wieder für alles berichten, über alles und immer
wieder.
Nicht umsonst wird die Bild immer wieder abgemahnt.

Ich habe noch nie eine Ausgabe gekauft.
Allerdings ist dieses Blatt auch der Spiegel der Gesellschaft - und
alle wissen was drin steht, auch wenn keine/r sie zu lesen scheint.


Hast du Verständnis dafür, dass vielen Leuten die Bild-Zeitung als Fläche zur Verbreitung von Veganismus, Tierrecht usw einen Schritt zu weit geht? Oder ist für die "gute Sache" jedes Mittel legitim?
Wo wär für dich persönlich die Grenze, was würdest du NICHT machen, auch wenn du die Chance hast, viele Menschen zu erreichen?


Ich habe absolutes Verständnis dafür das viele kluge Köpfe die Bild
nicht mögen und mehr als in Frage stellen. Was allerdings zu weit geht
kann jede/r nur für sich entscheiden und da bin ich verwundert welcher
Anspruch mir auferlegt wird.
Begründungen wie "und morgen wird wieder gegen Punker und
Linksextremisten gehetzt" oder "und wann gibts dich bald auf Seite 1 -
nackt? Bild ist Sexismus pur!" sind gekommen - ich häte es also sein
lassen sollen?
Hm, da muss ich mich auch fragen ob ich mir bei so einem Artikel
darüber Gedanken machen sollte, das von mir erwartet wird, nur coolen Fanzines
und Szenemagazinen Interviews zu geben. Warum? Damit wir uns wieder
alle gegenseitig auf die Schulter klopfen können wie schlau wird doch
sind, wie politisch, wie vegan?

Mir kommt es doch nicht darauf an mich als ultra-PC darzustellen
sondern eine Plattform zu nutzen, die extrem viele Menschen erreicht.
Dabei ist die BILD die schwierigste Entscheidung gewesen die ich
bisher treffen musste, knapp gefolgt von VOX mit dem perfekten Dinner,
wo ja absolut in mein Privatleben abgetaucht wird.

Ich kann mir keine schwierigere Entscheidung im medialen Bereich
vorstellen, denn Grenzen gibt es da sehr wohl. Sektenmagazine wie z.B.
vom Universellen Leben, Parteipropaganda, generell religiöser Kram oder jeglicher rechter Müll
bekommt und bekam auch schon von mir den gestreckten Mittelfinger.

Es gibt ja mittlerweile auch viele vegane Nazis. Die meisten neuen
Demobilder zeigen Autonome Nationalisten mit Tierrechts-Merchandise.
Deshalb fühle ich mich noch lange nicht dazu hingerissen dort
irgendwie Interviews zu geben oder für unsere Läden zu werben. Dieses
Oxymoron von faschistoidem Gedankengut und der Kritik am Speziesismus
ist mehr als abstrakt und da kann ich niemals mit Hand in Hand gehen.
Ganz im Gegenteil.

Wie gehst du mit fundierter Kritik um, interessierst du dich im  Nachhinein für ernst zu nehmende, kritische Kommentare oder denkst du dir "jetzt isses ja eh gelaufen..."?
Würdest du´s wieder machen?


Klar lese ich interessiert das Feedback - aber die Erfahrung hat mich
gelehrt da zu differenzieren. Ernstgemeinte Kritik nehme ich gerne an
und diskutiere da auch, allerdings weiß ich selbst auch am besten was
wir hier jeden Tag leisten. Mich erreichen seit ca. 2 Jahren jeden Tag
ca. 3 Emails das Menschen wegen uns nun versuchen vegan zu leben, an
manchen Tagen auch einige mehr. Das ist eine Menge und das treibt mich
an. Klar stecken wir dabei mit in einem System
von Staat, Finanzamt und Banken, aber wir versuchen derzeit das beste
daraus zu machen. Es ist daher einfach ermüdend, sich sagen lassen zu
müssen wir seien nun kapitalistisch, aber die Spenden für das
Antifa-Camp oder das Soli-Konzert dürfen wir weiter gerne schicken und
die Bestellungen der Voküs weiter zu günszigen Konditionen raushauen.
Da passt doch was nicht.
Wir sind hier in Dortmund ja auch ausserhalb unseres Jobs aktiv, egal
ob bei Demos, polit. Veranstaltungen oder zur Vokü.
Wir machen z.B. eine Vokü in der Dortmunder Kneipe Hirsch
Q. Unsere Gruppe nennt sich "Cruelty Free Food Guerilla" und das
machen wir privat um die Szene hier zu puschen, die Hirsch Q (die
immer wieder angegriffene Antifa-Kneipe - mind. bekannt von indymedia) zu supporten und Soligelder zu
sammeln. Mittlerweile geben wir jeden Dienstag an die 90 Essen raus -
an Leute in unserer Szene.
Wir bzw. ich sind also neben dem Job weiterhin aktiv - aber muss ich
damit hausieren gehen um die Szene bei Laune zu halten?

Rückblickend denke ich das ich der Bild nochmal ein Interview geben
würde - denn wir bekamen viel Feedback diverser Leser/innen ( die
übrigens ALLE (!!) schrieben/sagten sie hätten den Bericht über mich "in einer
Zeitung" gelesen;-)
das sie bisher dachten Veganismus sei nur Verzicht, Gras und Körner und sie nur einen
Einstieg in den Veganismus bzw. einen Ausstieg aus der Tierausbeutung
gesucht haben und sie mehr Infos brauchen. Und da können wir ansätzen
- abseits der Bildzeitung. Go Vegan.