Wir haben vor einiger Zeit davon berichtet: Das Archiv der Jugendkulturen ist von der Schließung bedroht, wenn nicht innerhalb kurzer Zeit eine große Summe an Spendengeldern zusammen kommt. Dann folgte tatsächlich die erfreuliche Nachricht "wir haben´s geschafft, das Arichiv ist gerettet!"

Wie es dazu kam, ob die Freude von langer Dauer ist und welche Änderungen im Archiv vorgenommen werden, hat mir Archiv-Mitglied Corinna erklärt:

Ist es wahr, dass das Archiv gerettet werden konnte?

Es ist wahr, dass wir durch zahlreiche Spenden die angestrebte Summe von 100.000 € zusammenbekommen haben, um nun eine Stiftung gründen zu können. Durch die Stiftung werden wir in ein paar Jahren (hoffentlich) in der Lage sein, unsere Grundkosten zu decken und wenigstens eine oder zwei hauptamtliche Stellen einzurichten, um so den Fortbestand des Archiv zu sichern. Denn bis heute erhält das Archiv der Jugendkulturen zwar viel Lob und immer mal wieder Preise für seine Arbeit, jedoch keinen Cent Regelförderung. Seit unserem 12-jährigen Bestehen arbeiten wir mit auf Zeit geförderten Stellen und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Und immer wieder muss der Leiter des Archivs, Klaus Farin, privates Geld aufbringen, um die laufenden Kosten zu zahlen. Da das auf Dauer so nicht weiter gehen kann, hat sich das Archiv für die Stiftungsgründung entschieden, für die nun die Weichen gestellt sind.

Wie kam’s denn nun genau dazu? Anonyme GönnerInnen? Werbeverträge?
Oder einfach nur die Solidarität der Spendenden?

Der angestrebte Betrag von 100.000 € ist durch Spenden von Vereinen, Stiftungen, Universitäten und zahlreichen Privatpersonen, die unsere Arbeit schätzen und für unterstützenswert erachten, zusammen gekommen. Insgesamt spendeten mehr als 1250 Menschen und Institutionen Geld für das Fortbestehen des Archivs. Darunter 857 Spenden bis zu 50,- €.


Im Juni 2010 haben wir damit begonnen, Newsletter an die Presse und an Mitglieder sowie Freunde des Archivs zu verschicken, um auf unsere finanzielle Notlage aufmerksam zu machen. Nachdem im Neuen Deutschland ein längerer Artikel über uns erschien, zogen andere Medien nach. Viele Zeitungs-, Radio- und Fernsehvertreter waren hier vor Ort, führten Interviews mit Klaus Farin und anderen Mitarbeitern und berichteten anschließend über unsere Einrichtung und unsere finanzielle Lage. Auch in diversen Fanzines wurden wir mit unserem Anliegen erwähnt. Dadurch wurden viele Leute auf das Archiv aufmerksam und spendeten Geld.

Werbeverträge hatten wir nur in sofern, dass wir in der taz eine vierseitige Beilage geschaltet haben. Die mussten wir zwar bezahlen, aber die Investition hat sich gelohnt, da wir dadurch ein großes Publikum ansprechen konnten und anschließend noch mal einiges an Spenden rein kam. Hilfreich war auch der Einsatz von Motor FM. Die haben von sich aus auf eigene Kosten einen Trailer über das Archiv gemacht, der einen Monat lang immer wieder gesendet wurde.

Außerdem haben wir am 25. September einen „Tag der offenen Tür“ angeboten, bei dem die Öffentlichkeit einen Einblick in unsere Arbeit nehmen konnte. Die Besucher hatten die Möglichkeit, an verschiedenen Workshops (wie z. B. Streetdance, Rap, Hardcore-Gesangstraining), Führungen durch das Archiv und Grafitti-Spaziergängen teilzunehmen. Abschließend gab es ein Konzert mit dem israelischen Punkrock-Duo „Next Attack“ und den legendären Berliner Rotzgören „ The StattMatratzen“. Durch den Verkauf von Speisen, Getränken und Flohmarktartikeln konnten wir auch hier noch mal Geld fürs Spendenkonto sammeln.

Das Verzeichnis der SpenderInnen (nicht alle wollten genannt werden) findest du übrigens auf unserer Homepage www.jugendkulturen.de.

Wie geht’s denn jetzt weiter, ist das Archiv wirklich in trockenen Tüchern oder nur vorerst gerettet?

Am 31. Oktober 2010 musste die Entscheidung gefällt werden, ob wir unseren Mietvertrag um drei Jahre verlängern oder ob wir kündigen. Deshalb war dieses Datum auch der Stichtag für unsere Spendenaktion. Wären die für die Stiftungsgründung nötigen 100.000 € bis dahin nicht zusammen gekommen, hätte Klaus Farin den Mietvertrag in der bestehenden Form nicht verlängert. In dem Fall hätten wir ausziehen oder uns zumindest räumlich sehr verkleinern müssen, was bei unserem derzeitigen Bestand an Materialien kaum möglich ist.

Aufgrund der erfolgreichen Spendenaktion hat sich Klaus Farin dann entschlossen, den Mietvertrag zu verlängern, so dass wir mit unserer Arbeit erst einmal in gewohnter Art fortfahren können. Da das gesamte bisher gespendete Geld in die Gründung der Stiftung fließt und damit fest angelegt ist, sind wir momentan nach wie vor auf Spenden und Fördergelder angewiesen, weshalb wir auch gerade wieder damit beschäftigt sind, Projektgelder für die kommenden Jahre zu beantragen. Die Stiftungsgründung bietet uns aber die Perspektive, dass wir zukünftig weniger auf die Vergabe von Fördermitteln angewiesen sein werden und unsere Festkosten selber tragen können.

Zudem war der Erfolg unseres Spendenaufrufs auch in moralischer Hinsicht wichtig. Die  Unterstützung der zahlreichen Spender hat uns auch gezeigt, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird und dass es sich lohnt weiterzumachen. Diese Bestätigung motiviert natürlich und ist gerade auch für das Engagement ehrenamtlich Tätiger nicht zu unterschätzen.

Welche Änderungen werden angestrebt, um die Existenz des Archivs zu sichern?


Also zunächst rufen wir weiterhin zu Spenden auf. Interessierte können dabei bestimmen, zu welchem Zweck das Geld verwendet wird. Entweder für die Stiftung; denn je höher das angelegte Kapital, desto höher die Zinsen, mit denen man zukünftig arbeiten kann.
Klaus Farin sammelt aber auch Geld, um konkrete Stellen einzurichten. Gerne würde er zwei Mitarbeitern, die zurzeit ehrenamtlich im Archiv tätig sind, Jobs auf 400-Euro-Basis anbieten. Dazu würden Spenden in Höhe von jeweils 4800,- € benötigt. Außerdem sammeln wir Geld, damit ein engagierter junger Mensch ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur oder Politik im Archiv der Jugendkulturen absolvieren kann.
Alle Infos dazu finden sich auf unserer Homepage www.jugendkulturen.de.

Vielen lieben Dank für das Interview!! Ronja