Der Künstler, der das Punkcomic "Punkrock Heartland" hervorgebracht hat nennt sich Andi Lirium, ist 29 Jahre alt, kommt aus Hamburg und veröffentlichte hiermit sein erstes Werk. Er war so nett, mir ein paar Interviewfragen zu beantworten. Vielen lieben Dank dafür!!

Punkrockheartland ist deine Abschlussarbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, in dem es grob um Punx, tote Faschos, Familienprobleme, Musik,
katholische Priester und nicht zu letzt um Liebe und Leidenschaft geht.
Warum strickt sich die ganze Geschichte ausgerechnet um einen schwulen Punk?


Naja, sie ist ein bisschen autobiographisch, und wenn mir schon diese Geschichten so im Einzelnen nicht passiert sind, war ich zumindest ein Punk. Und schwul bin ich immernoch. Es war mein erstes Buch. da ist es leichter sich eine Hauptfigur zu suchen, in die man sich gut einfühlen kann.

Im Vorwort steht ja das alle Figuren und Orte reale Vorbilder haben und das auch die Handlungsstränge auf realen Vorbildern beruhen. Allerdings sei alles überzeichnet und
somit nicht als Referenz für tatsächlich passiertes zu nutzen. Kannst du da nochmal ins Detail gehen? Hat das Comic autobiografische Züge?

 



Die Geschichten, die ich in PunkRock heartland erzähle, sind SO, in Diesem Zusammenhang und vor Allem nicht Mir passiert.
Davon abgesehen, sind sie wahr. - Das heisst:Es gibt den Fall von Jemandem, der den Vergewaltiger seiner Freundin Tötet, oder seiner Schwester, Es gibt den Fall, von schweren Fehlurteilen und das schwererziehbare Kinder gerne in Heime gesteckt werden, wissen wir. Es gibt selbstverständlich Fälle von Verzweifelter Liebe in all ihren Formen und so weiter. - Es gibt diese Typen.

Die heissen nicht Zottel, Bass und Heike, und ich habe darauf geachtet, dass sie sich selbst nicht zu ähnlich sehen . Es wäre mir peinlich, wenn sich jemand 1 zu 1 wiedererkennen würde. Bei Anne war das schwierig, Als ich mit dem Buch schon fertg war, fiehl mir plötzlich ihr Name wieder ein. Es war ein sehr schöner, sehr passender Name. Aber ich wusste, wenn ich sie so hätte nennen wollen, dann hätte ich sie nicht so zeichnen dürfen.
- Das wäre wie Verrat .  Das alles sind ja mehr oder weniger Geschichten, die man vielleicht seinem besten Freund erzählt, aber nicht der ganzen welt.
So ist das gemeint.

Gib mal ein paar Infos zu dir selbst preis. Was hast du selbst mit Punk, Homosexualität, Faschos und katholischen Priestern zu tun?


Tja.
Dazu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen.
Ich identifiziere mich selbst ganz stark mit der Punk-Szene, (auch wenn ich nicht mehr alles gut finde, was da hochgehalten wird.), deswegen hasse ich Faschos. Ich bin schwul, deswegen hasse ich katholische Priester. - Na, das ist vielleicht zu strark. Manche sind sicher gute Kerle, die einfach nur hoffnungslos verblendet sind.


Wie kamst du auf die Idee, das Ding danach zu veröffentlichen, dir sogar nen Verlag zu suchen...?
Wolltest du schon immer was im größeren Stil veröffentlichen oder fandest du das Comic einfach so genial? Wie hoch ist eigentlich die Auflage?


Das Projekt war von Anfang an für die Veröffentlichung gedacht.
Ich finde, das ist trotz Allem eine sehr schöne Geschichte, und es wäre egoistisch, sie der Welt da draussen vorzuenthalten. Um deine Frage zu beantworten, ob ich schon immer im grösseren Stil veröffentlichen wollte: Ja, absolut! Ich denke, ich habe der Welt etwas zu geben. So eine Art Medizin.
Manche werden sicherlich kotzen.
Die Auflage ist recht klein: 1.500 Sück. Ich hoffe, du hast dir eins besorgt.

Der Männerschwarm Verlag, bei dem das Buch erschienen ist, sitzt in der Langen-Reihe in Hamburg St. Georg.
Damit sind sie quasi prädestiniert diesen Comic zu verlegen. Bist du auf den Verlag zu gegangen oder hat es sich eher zufällig ergeben das der Comic da raus kommt? Wie hat der Verlag beim Thema Punx reagiert?


Als die Arbeit meiner Meinung nach fertig war, habe ich zunächst 14 Verlage angeschrieben. 13 waren Comic-verlage, zwei davon in Frankreich einer in Amerika. Die meisten haben mir freundlich abgesagt, manche weniger freundlich, manche haben sich gar nicht gemeldet, und manche haben mir Mut gemacht.
Der Einzige Verlag, der das Manuskript angefordert hat, war der Männerschwarm-Verlag, den ich wirklich nur als Experiment angeschrieben hatte, weil das ja Thematisch gut passte.
Es hat dann noch eine Weile gedauert, in der ich gezittert habe, aber der Verleger hat Wort gehalten. Der Druck ist nicht besonders gut, aber ohne den Verlag hätte ich das Buch überhauptnicht veröffentlichen können. Es würde in meiner Schublade vergammeln. Der Verlag hat auf das Thema Punx weder positiv noch negativ reagiert. Ich muss sagen, dass ich sehr angenehm überrascht war, wieviel Freiheit mir gelassen wurde. Es musste an den "Politischen" Stellen praktisch nichts geändert werden.
Bis auf eine kleine Kleinigkeit, über die wir uns lange gestritten haben...


Für die Handlung sind Frauen nicht gerade unwichtig, aber fast alle Sexszenen spielen sich nur zwischen Männern ab. In den Szenen selber wird wiederum an keinem Detail gespart. Absicht? Provokation? Zufall?

Povokation.
Ausserdem macht es mir mehr Spass Sex-Szenen zwischen Männern zu zeichnen.
Das müssen die Heten jetzt eben mal ertragen! Wir ertragen das umgekehrt doch in jedem Film!
-Ausserdem gibt es da für die Mädchen auch mal was zu kucken, -Oder? Aber cool dass es euch aufgefallen ist...Meine weiblichen Freunde fanden immer, dass die Frauen viel zu schlecht weg kämen...


In der Geschichte geht es ja nicht nur um Coming Out, sondern zum Teil auch um Unsicherheit für was oder wen man sich denn nun entscheidet und um Selbstfindung im Allgemeinen.
Wie würdest du die Geschichte kurz umreißen?


Bass liebt Zottel, aber Zottel, weiss nicht was er will. Als die Beiden sich nach Jahren wiedertreffen, ist eins noch das Gleiche : Bass liebt Zottel, aber Zottel, weiss nicht was er will.

Sorry, was Besseres fällt mir nicht ein.


Wie waren denn bisher die Reaktionen, was sagt die Presse, gibts nen Unterscheid zwischen Rezensionen
auf Gay-Seiten und in der normalen Tagespresse? Hast du schon viele Interivews gegeben und Anträge bekommen?


Die ersten Reaktionen waren sehr gut.
(Ich neiger dazu Verkaufsankündigungen, die natürlich tendenziell positiver ausfallen, ebenfalls als "Reaktion" zu betrachten. )
Die Leute schienen zu verstehen, worauf ich hinaus wollte. Mit dem Stil und der Struktur, was ja beides recht gewagt war.
Die erste negative Reaktion kam vom Spiegel. Ein gewisser Stephan Pannor rief mich an, - ob ich ihm was über mich erzählen könnte? - ich sag, es wär mir lieber, wenn er was über das Buch schreibt. - er sagt er hätte keine Zeit es zu lesen, ob ich ihm sagen könnte, worum es geht. Dann fragt er mich wegen dem Stil, wer da mein zeichnerisches Vorbild wär. und so weiter. Und dann dreht er mir aber wirklich jedes einzelne Wort im Mund um!

"Krizelige Zeichnungen"! - Der hat sie wohl nicht mehr Alle. Tomaten auf den Augen, oder was? "Anatomische Karikaturen mit riesigen Brüsten und gewaltigen Genitalien" - Ich finde zum Beispiel, dass die Zeichnerin Ulli Lust, deren Stil ihm so gut gefallen hat, gar nicht so viel anders arbeitet, als ich. Die Ulli hat  doch fast genauso dicke Titten, wie die Heike. sowieso, sehen die sich ähnlich. Die haben fast die gleiche Figur, sogar die Frisur ...was ja bei Punks auch irgendwie zu erwarten ist.

Naja,. was kann man vom Spiegel auch erwarten! - peinlich für Stephan.
Danach war PunkRock heartland einen Monat lang Lese-Tipp bei Modern graphics(einer renomierten Buchhandlung in Berlin). In der Ankündigung hat man gemerkt, dass Die nicht nur das Buch, sondern auch den Artikel auf Spiegel-Online gelesen hatten, - und anderer Meinung waren.

Obwohl das also am Ende doch einen positiven Effekt hatte, hat mich das Interview (es war mein erstes) vorsichtig werden lassen. Anfang Juli soll ein Interview von Falk Schreiber im UMag (? (angeblich haben die eine million Leser))  erscheinen. Es sind nur 3 Fragen, von ursprünglich 5, weil meine Antworten wohl etwas zu lang waren, und er sie nicht zu radikal kürzen wollte. gekürzt sind sie allerding trotzdem. Sehr sogar. Aber der Falk hat das Buch ganz bestimmt gelesen. Er sagt, er hat sich 'ne Zeitlang in der Punker-Szene rumgetrieben. Die Fragen waren auch gut. Mal sehen, wie das dann gedruckt aussieht.

Die gay-seiten haben durchweg positiv reagiert. Auch wenn das Schwarzwaldmädel in ihrer Kundenrezension schreibt, es koste höchste Konzentration die Geschichte zu verfolgen, und dass es da wohl mehr darum gehe, wo man ein zuhause finde, als darum, ob man schwul sei oder schwarzweisskariert.
Die Rezension hat mir übrigens gut gefallen. sie hat sich konzentriert, und sie hat verstanden, worum es geht !

Nein, ich habe noch keine Anträge bekommen.
Ich habe eine ziemlich komplitzierte Persönlichkeit. Besonders, wenn ich trinke.


Möchtest du selbst noch was zu Homosexualtiät im Allgemeinen und in der
Punkszene sagen?


Es scheint da im Moment fast so eine Art Krieg zu herrschen.
Die allgemeine Attitüde in der Punk-Szene ist so, als wenn Jemand sagt:"Ein Schwarzer ganz persönlich, kann mein bester Freund werden, aber das ändert nichts daran, dass ein einziger Blick auf die Weltkarte ausreicht um an der Verteilung von Krieg und Elend in der Welt abzulesen, welche Gemeinschaft sich hier offensichtlich nicht im Griff hat." - Kaum einer in der Punk-Szene hat ein Problem damit, wenn einer persönlich schwul ist, aber fast jeder hat ein Problem mit der Oberflächlichen Konsumattitüde der Schwulen-Szene.


Ich finde in diesem zusammenhang bezeichnend, dass in der Punk-Szene mitlerweile zwischen Schwul und Homosexuell unterschieden wird. Das Wort erfährt grade eine Reinessance. Und wir können beobachten, wie eine Bezeichnung, die als Befreiung vom Stigma gedacht war, nun selbst zum Stigma wird.
Das ist traurig, fast so traurig, wie das mit den Skins.
Die Schwulen-Szene weiss es vielleicht nur noch nicht, aber im Grunde wollen wir doch alle das gleiche: Eine moralisch-ethische Neuordnung!


Aber es ist vielleicht doch eher so, dass sich folgendes herausstellt: Nicht alle Skins sind Faschisten,
und nicht alle Homosexuellen (Männer) sind schwul.
Ganz sicher sind nicht alle Schwulen Punks.
Und dass die Schwule-Szene von der Ablehnung (ihres lifestyles) nicht begeistert ist, kann man auch irgendwie verstehen.


In mancher Hinsicht finde ich die Punk-szene auch schlicht arrogant.
Jedenfalls wird man sich als schwuler Punk, wahrscheinlich immer wieder auch in der schwulen-Szene herumschlagen müssen. Man sollte also Frieden schließen. Ich denke, der Krieg kommt von uns.
Die schwulen sind nicht besser oder schlechter, als der ganze dreckige Rest.
Wir sind doch nur beleidigt, weil die Veräter jetzt bei der Spass gesellschaft ganz vorne mit dabei sind.
Da hätten wir mehr Solidarität erwartet. Von wegen anders Leben/Lieben und so.
Aber es ist eben nicht jeder zum Punk geboren. Und wenn man es ist, sollte einen die eigene Homosexualität nicht davon abhalten. Sie kann es auch gar nicht. Weil sie Nichts damit zu tun hat.!
- Das muss sich in Szene aber vielleicht erst noch rumsprechen.

Vielen Dank nochmal und auch Danke an Roman für die Tips!!!


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Das Comic ist im Männerschwarm-Verlag erhältlich, Klappenbroschur
176 Seiten,
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-92-6