Kurz vor dem Redaktionsschluss bekomme ich immer noch Last Minute Platten auf den Tisch, die unbedingt noch fürs kommende Heft besprochen werden sollen. Das ist manchmal etwas stressig und nervig, weil man sich ja Zeit für die Platten nehmen möchte. Zeit, die konstant knapp ist. Die CD von TINTA LEAL war so ein Teil, das kurz vor Toreschluss eintraf. Aber die Platte hat mich derart umgehauen, dass ich sie in der Folgezeit ständig hörte und immer noch höre. Zuhause, im Auto, auf der Arbeit, beim Sport. TINTA LEAL spielen wuchtigen Old School Hardcore, der mich ein bisschen an AGNOSTIC FRONT erinnert. Spontan beschloss ich der Band ein paar Fragen zu stellen, um mehr über sie zu erfahren.


Ihr seid laut eigener Aussage alle seit langem in der Szene zuhause. Erzähle bitte was zum Werdegang der Band. Warum hat es nach Gründung der Band 2 Jahre bis zur ersten Platte gedauert?
Ralf: Wir machen halt alle schon seit langer Zeit Musik in diversen Bands und auch in verschiedenen Stilrichtungen, aber eigentlich immer in der Schnittmenge zwischen Punk, Hardcore und Metal. Das dürften fast so um die 25 Jahre sein, wenn man mal die ganz frühen Lärmaktivitäten als Teenager mitzählt. Der Altersdurchschnitt jetzt in der Besetzung liegt irgendwo bei 42 glaube ich, von daher, ja wir sind schon alle eine Zeit lang unterwegs. Das mit Tinta Leal begann im Winter 2011, als ich den Entschluss gefasst hatte bei meiner alten Band auszusteigen und was ganz Neues von Grund auf zu starten. Der Rest ging dann eigentlich relativ schnell. Ich begann Songs zu schreiben und konnte meinen alten Freund Steve (Drums) dafür gewinnen, da mitzumachen. Gemeinsam nahmen wir dann das Debutalbum ‚Take Control!’ auf, welches ja im Februar 2013 dann erschien. Im Studio spielte noch ein alter Freund von uns ein paar Gitarrenparts mit ein, konnte aber damals aus Zeitgründen nicht weiter mitmachen. Kurz vor der Veröffentlichung von „Tale Control!“ bildete sich dann die jetzige Besetzung mit Westi am Bass und José an der Gitarre. Beide kannten wir aber bereits vorher schon von anderen Bands. Also von meiner ursprünglichen Idee, endlich mal wieder den Sound meiner Jugend zu spielen, bis zum ersten Album vergingen also so ungefähr 15 Monate. Die EP ‚Dog Eat Dog’ welche jetzt erscheint, ist rein musikalisch auch schon kurz nach dem Studioaufenthalt für das Debutalbum entstanden. Kreativ scheint es bei mir momentan sehr gut zu laufen, schätze ich mal.



Was hat der Bandname TINTA LEAL für eine Bedeutung?
Ralf: Tinta Leal ist spanisch und bedeutet direkt übersetzt einfach mal „Loyale Tinte“, eine Anspielung auf meine bzw. unsere Vorliebe für Tattoos. Ausserdem ist es noch in etwa das Äquivalent zum Englischen Ausdruck für „das wahre/echte Gesicht zeigen“. Also damit ist gemeint, dass wir da musikalisch und von den Texten her nur echte, ehrliche und reale Sachen machen. Nix mit Lach- und Sachgeschichten oder Imagekram usw. Die Musik soll rein für sich sprechen, so wie das meiner Ansicht nach eigentlich sein sollte.

“Never trust a hardcore kid that's never listened to punk rock” hat Roger Miret von AGNOSTIC FRONT mal gesagt. Wo liegen eure musikalischen Wurzeln?
Ralf: Guter Spruch mit hohem Wahrheitsgehalt, meiner Meinung nach. Unsere Wurzeln liegen alle in den 80ern. Dies ist nun mal das Jahrzehnt in dem wir hauptsächlich bzw. wirklich bewusst aufgewachsen sind. Ich könnte da jetzt sehr viele Bands aufzählen, aber vermutlich würde jeder von uns Vieren da noch zig andere Namen dazufügen. Sicherlich spielen Spermbirds, Poison Idea, Cro-Mags, Black Flag, Crumbsuckers, GBH, Dead Kennedys, Minor Threat, Youth Of Today, Society System Decontrol, Suicidal Tendencies, Fear, Exploited, Mucky Pup usw. und unter anderem eine grosse Rolle. Ausserdem bin ich sicherlich auch noch von den ersten drei „Schlachtrufe BRD Samplern“ beeinflusst, die ein sehr guter Freund damals in Konstanz ständig laufen liess, als wir uns mal wieder fürs Schule schwänzen entschieden hatten...Bei den anderen und auch bei mir haben aber sicherlich und ehrlich gesagt auch einige 80er Metalbands ihre Spuren hinterlassen wie Slayer, Exodus und Konsorten, was man aber den Tinta Leal Songs sicherlich jetzt nicht und nie anhören wird.

Wenn du jemandem eure Musik beschreibst, der euch nicht kennt, welche Worte findest du?
Ralf: Räudig – Echt – Ehrlich, eben Hardcore Punk oder was auch immer mit einem fetten Schuss Street-Punk mit einer klaren Ansage.

Ihr gebt euren Wohnsitz mit Konstanz in Deutschland und Zürich in der Schweiz an. Pendelt ihr zwischen den beiden Städten? Oder wie muss man sich das vorstellen?
Ralf: Dazu gibt es auch eine Geschichte. Ich komme ursprünglich aus Konstanz vom Bodensee, unser Bassist ist ursprünglich Kölner, unser Gitarrist Spanier und unser Drummer Schweizer. Wir alle wohnen aber mittlerweile bzw. schon länger oder lebenslang zum Teil in Zürich. Ganz am Anfang stand ich ja alleine mit der Band da, weswegen ich Konstanz eigentlich immer noch als Ursprungsort der ganzen Idee betrachte. Ohne meine Erlebnisse im örtlichen AJZ (R.I.P) und all dem was in den Jahren danach dort noch so geschah, wäre die Idee für Tinta Leal vermutlich nie so entstanden.
Und pendeln müssen wir auch nicht, was ja sehr praktisch ist.
Ein Text eurer Platte „Dog eat dog“ besitzt einen spanischen Text (Anmerkung: Er ist auch auf der CD-Beilage von PLASTIC BOMB #85). Das klingt von der Aussprache schwer nach Muttersprache. Erzähle uns bitte Näheres dazu.
Ralf: Ein Teil meiner Familie und auch unser Gitarrist sind aus Spanien. Ich mochte diese Sprache schon immer sehr, vor allem auch als Gesangssprache für härtere Musik. Von daher war für mich klar, dass es auch immer mal wieder Songs in dieser Sprache geben wird. Zum Beispiel sind auch zwei Songs vom Debutalbum „Hacemos Lo Que Queremos“ und „Tinta Leal“ auf spanisch. Und jetzt auf der EP ‚Dog Eat Dog’ eben auch. Muttersprachler bin ich selbst nicht, aber ich habe da wohl ein wenig Talent und lerne recht schnell was die Aussprache angeht und auch das Schreiben neuer Lyrics.

Viele Hardcorebands haben kaum noch eine Aussage. Oberflächliche Worte, wenig Taten. Was ist dir im Leben und in der Szene wichtig?
Ralf: Am allerwichtigsten ist mir persönlich Ehrlichkeit (zu mir selbst und anderen), Kreativität und Selbstverwirklichung. All den ganzen Aufwand aus den richtigen Gründen zu machen ist mir wichtig. Es geht mir einzig und allein darum Spass und Freude zu haben neue Songs, Riffs, Texte usw. zu entwickeln. Und dabei ehrlich zu sein, eben das wahre echte „Gesicht“ zu zeigen. Auch wenn das meinetwegen nicht besonders spektakulär ist für manche Musikhörer oder Konzertgänger. Ich kann persönlich einfach nichts mit Images oder gekünstelten Aussagen anfangen. Eben die Musik und die Texte sollen für sich sprechen, unabhängig davon ob ich/wir jetzt aus Konstanz am Bodensee, Buxtehude, New York City oder LA kommen. Die Aussagen unsere Texte erzählen von realen Erlebnissen und Tatsachen, die wir/ich so erlebt haben und sich evtl. der eine oder andere beim Lesen darin wiederfindet oder erkennt. Wie eben die Stories von den dubiosen Plattenfirmen, dem inkompetenten Boss bei der Arbeit, der seine Unsicherheiten/Unzulänglichkeiten an einem auslässt und das Thema der verdammten menschlichen Gier mancher Vollidioten, was uns je länger je mehr das Leben auf diesem sterbenden Planet zur Hölle werden lässt. Das mag jetzt etwas übertrieben klingen, aber tendenziell ist das ja genau so. Im Juni kommt noch mal eine EP von uns raus, mit Namen „Justicia Ya!“ (spanisch für Gerechtigkeit – jetzt!). Dabei geht es noch mehr um die Auswirkungen der Gier, um die Häuservertreibungen in vielen Ländern usw.
Um es kurz zu machen: Es geht einfach um Echtheit in jeglicher Form. Alles andere kann man zwar gerne machen, auf mein Interesse und meine Gegenliebe wird dies aber jedenfalls nicht stossen.

Gibt es „Dog eat dog“ eigentlich auch auf Vinyl?
Ralf: Es ist geplant, dass wir „Dog Eat Dog“ zusammen mit der im Juni erscheinenden „Justicia Ya!“ dann zusammen auf 12“ Vinyl rausbringen. Halt ne limierte, nette Sache mit schönem Cover vorne und hinten usw. Limitiert, weil wir das ja alles selbst finanzieren und der Spielraum da nicht so gross ist. Aber Vinyl: JA, auf alle Fälle!

Was sind zur Zeit deine 3 Lieblingsplatten?
Ralf: Gute Frage und zugleich schwierige Frage. Ich habe da immer so Phasen.
Aber aktuell sind das jetzt Casualties - En la Línea del Frente, Tragedy (das Debut), Rejected Youth – Black Army EP, Venomous Concept – Poisoned Apple und Negative Approach – Total Recall. Also gut das waren jetzt mehr als 3., aber eigentlich sind es auch noch viel mehr aktuell...

Danke, dass du dir die Zeit für ausführliche Antworten genommen hast.
Micha.-