Dat ist Punk, dat raffste nie !
Über das Todesröcheln der Wanduhren und Penisbeschneidungen durch Peperoni-Schnaps. Wer fängt panisch durch den Raum rennende Töne ein, zu denen Godzilla mit einer Kreissäge auf deinem Trommelfell tanzt? Und watrum gehen Ameisen eigentlich nicht in die Kirche? Mit dem "Fight"-Bus bis nach Wien. PLASTIC BOMB berichtet die ganze Wahrheit:
Ein exzessives Wochenende mit PESTPOCKEN, AUWEIA! und VERSUS

Das Wochenende war schon lange geplant. 50 Pünke in einem Reisebus machen sich auf den Weg in die österreichische Hauptstadt Wien. Darunter befindet sich die Band PESTPOCKEN, die zusammen mit Freunden und Anhang die Hälfte der Plätze belegt. Die andere Hälfte rekrutiert sich aus den Kölner Bands AUWEIA! und VERSUS sowie deren Freunden aus Köln, Duisburg, Hamburg, Göttingen, Cuxhafen und weiss-der-Deibel woher sonst noch.

Die Duisburger Reisegruppe bestehend aus Dirk, Tröööt, Ronja, Henni und mir macht sich bereits Donnerstagabend auf den Weg nach Köln. Wir übernachten bei Hennis Bruder Emanuel in der WG, der praktischerweise auch noch der neue Sid Vicious am Bass von AUWEIA! ist. Das Einschlaf-Video mit den 300 schönsten "Toren des Monats" finden wir leider erst am nächsten Morgen. Schade. Ich dachte eigentlich, dass mein Schnarchen der Grund für eine recht kurze Nacht sein würde. Doch weit gefehlt. Das Todesröcheln bleibt aus. Vielmehr spielt sich eine äusserst vorwitzige Wanduhr mit dermaßen lautem Ticken penetrant in den Vordergrund, dass ich ihr am liebsten die Zeiger ums Gehäuse gewickelt hätte. Als würde jede Sekunde ein kleiner Hammer gegen meine Schläfe pochen. Grausam. Dirk träumt, dass wir alle zusammen bei der Bundeswehr wären. Ausser Henni, dem Muskelschwund attestiert wird. Welche heimlichen Sehnsüchte in dieser Art Träume stecken, möchte ich lieber gar nicht wissen. Unsere Kaserne für die nächsten Tage sollte jedenfalls der Reisebus werden.

Um 8.30 Uhr sind wir pünktlich am Treffpunk beim "Sonic Ballroom", einer Kölner Punkkneipe. Der erste, den ich sehe als ich um die Ecke biege, ist der alte Duisburger Strassenpunk Mütze, der bereits das erste Bier am Hals hat. Ich traf ihn letztens nach 3 oder mehr Jahren zum ersten Mal wieder. Auf einem Umsonst-Konzert in einem Park in Duisburg. Und das erste, was er mir nach all den Jahren sagte, war: "Wo warst du bei EISENPIMMEL in Peine. Ich bin erst mal auf die Bühne gegangen und hab den Schwanz rausgeholt". In diesen Sekunden vor dem "Sonic Ballroom" ahne ich, dass die Fahrt ein Hit wird.

Der Busfahrer ist mit seinem Gefährt, einem feisten Doppeldecker, auch pünktlich vor Ort. Ein unsympathischer Schnauzbart-Prollo mit Krawatte, Mittelscheitel und Spiegelbrille. Rein optisch hätte er in den 70ern als Pornodarsteller eine große Karriere machen können. Bereits kurz nach der Abfahrt kommen durchs Bordmikro so seltsame Sprüche, man solle während der Fahrt nicht Aufstehen, nicht Rauchen, vorsichtig

trinken, keine Rucksäcke auf die Sitze legen und nicht in den Gängen stehen. Es wären schon Brandblasen in den Polstern. Ich stelle mir das ehrlich gesagt physikalisch recht schwer vor, dass ein Polster Blasen werfen kann. Auf jeder Etage des Doppeldeckers sind Kameras angebracht, durch die der Fahrer uns kontrollieren kann. Atmen ist aber, glaub ich, erlaubt. Was haben wir gelacht. Es bedarf keiner näheren Erklärung, dass alle Regeln spätestens nach 5 Minuten im allgemeinen Tohuwabohu missachtet und für den Rest der gesamten Tour ignoriert werden. Mit Ausnahme des Rauchverbots, das in einem Bus durchaus Sinn macht, in dem man kein Fenster öffnen kann.

Nach 3 Stunden erreichen wir Giessen, wo circa 30 gut gestylte Nietenpunks zusteigen. Wie sich herausstellt, hat der Bus über 80 Sitzplätze. Wir waren bisher von 50 Plätzen ausgegangen. Deshalb wurden im Vorfeld auch nicht mehr Karten für die Fahrt verkauft. Das entpuppt sich allerdings als glücklicher Zufall heraus, denn Punks brauchen Platz. Erstmal für die vielen Bierkästen, aber auch für Schlafsäcke, Rucksäcke und diversen anderen Kram. Insofern ist der Bus auch mit 50 Insassen sehr gut gefüllt.

Alle sind bester Dinge. Und das Niveau sinkt erwartungsgemäß bedenklich schnell unter die Grenzen der Ästhetik. Dazu trägt nicht nur die HAMMERHEAD-DVD "sterbt alle" bei, die im Luxusliner über die Monitore flimmert. Standesgemäß kursieren auch BRAVO und BLITZ-ILLU. Kaum zu glauben wie viel Stunden Spaß man mit derlei Schrott haben kann. Dr. Sommer gibt wieder alles, und lautstark werden Highlights belacht. Ein 12-jähriges Mädchen hat Angst unnormal zu sein, weil sie mit ihren Freund nur einmal pro Tag Sex hat, während "es" ihre Freundin viel öfter tut. Naja, solche "Höhepunkte" sind das. Und das geht stundenlang so weiter. Spätestens als aus dem Leadgitarristen der PESTPOCKEN der Gliedgitarrist wird, halte ich es ohne Bier nicht mehr aus und köpfe ein lecker lauwarmes Gebräu.

Das Klo ist nach nicht mal 4 Stunden Fahrt verstopft und kann nicht mehr benutzt werden. Ab jetzt heisst es mit System zu trinken. Der Fahrer wird ungefähr alle 2 Stunden eine Pause einlegen. Also nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam trinken. An der ersten Raste hole ich mir präventiv eine  Flasche Punica. Die hat eine so wunderbar große Öffnung, dass man da zur Not reinpullern kann wenn die Blase kurz vor der Explosion steht. Sicher ist sicher.

An den Raststätten ist das Aufsehen groß, wenn 50 Punks aus dem Bus klettern. Angewiderte bis staunende Blicke sind dir gewiss. Manchmal schnappt man im Vorbeigehen auch ein "Mein Gott..." auf. An der Raststätte "Im Spessart" halten sich ein paar MSV-Fans auf, die zum Spiel nach Fürth reisen. Da fährt man soweit weg und trifft plötzlich doch die Trottel aus der eigenen Stadt... Erst kommen ein paar blöde Sprüche. Sowas wie "Was sind das denn für welche...?". Als dann aber eine schier endlose Lawine Punks aus dem Bus klettert, werden die Fußballprolls merklich still.
Es ist ein göttlicher Anblick wie an jeder Raste Dutzende Punks zum nächsten Gebüsch rennen und dort aufgereiht wie bei der Bundeswehr versuchen einen Wassergraben voll zu pissen. Die Botanik sagt danke für diese Segnung.

Jemand von uns versucht bei einer Frau einen Euro zu schnorren. Die winkt ab und verschwindet. Allerdings kommt sie nach wenigen Minuten wieder und wirft der Person lautstark vor ihr Portemonnaie aus der Tasche geklaut zu haben. Er bleibt ruhig und bittet sie noch mal nachzusehen. Wiederum ein paar Minuten später kommt die Frau erneut an, drückt ihm einen Euro in die Hand und entschuldigt sich, weil sie ihr Geld dann doch noch in der Tasche gefunden hat. So ist das mit den Vorurteilen... Wenigstens hat sie´s kapiert und war so nett sich zu entschuldigen.

Im Bus läuft weiterhin exzellenter Punk aus den Boxen. Der Porno-Schnauzbart hat vorne seinen eigenen Sound, so dass er durch Pünkrock nicht in seiner Konzentration gestört wird. Seinen Namen will er uns nicht nennen. Er hat wahrscheinlich Angst ständig verarscht zu werden wie der Fahrer auf der PESTPOCKEN-Expedition letztes Jahr. Der hieß Hans. Und ständig wurden ihm Sprüche reingedrückt wie "Hans Maul" und "Hanste ma ´ne Mark".

Für Freitagabend ist ein Konzert der 3 Bands in Bayern geplant. Wo genau, dass konnte mir in den vorigen Wochen niemand sagen. Irgendwo mitten im bayrischen Nirgendwo, wo der Papst einen langen Schatten wirft. Einen Tag vor der Abfahrt erfuhr ich, dass das Konzert in Peißenberg vom Veranstalter abgesagt wurde. Ersatz wurde zum Glück gerade noch rechtzeitig gefunden, und zwar in Ohlstadt. Bei mir wurde ein Fragezeichen durch ein anderes ersetzt. Wo zum Henken liegen die Käffer?! Ein Blick ins Internet verschaffte einen ersten Eindruck. Ohlstadt liegt im Zugspitztal in Oberbayern, also ziemlich weit im Süden. Ein Blick auf die Veranstaltungshighlights im Onlinekalender der Stadt offenbarte kulturelle Sternstunden ungeahnten Ausmaßes. Punkt 1: "Tanzmusik in der Wurzelstube". Punkt 2: "Bäriger Flohmarkt". Punkt 3, haltet euch fest: "Pferdesegnung auf der Alm". Und mitten in diese Idylle platzt ein Haufen Gestörten auf dem Weg zu einem PESTPOCKEN-Konzert. Das konnte ja heiter werden. Kulturschockattacke olé.

Nach fast 12-stündiger Fahrt erreichen wir das erste Ziel der Tour. Fachwerkhäuser pflastern den Wegesrand, Hirschgeweihe und Wagenräder aus Holz verzieren selbige. Inmitten der Dunkelheit kommt plötzlich ein Solar-Freibad in den Blick. Davor stehen ungefähr 100 Punks. Das sind knapp 95 mehr als ich in der Diaspora erwartet hatte. Mit Merchandise, Band-Equipment, Penntüten und Rucksäcken stürmen wir den Laden. Die Typen an der Kasse sind sichtlich überfordert und schicken uns alle in den Keller, obwohl das Konzert in der Kneipe im ersten Stock ist. Chaos, Durcheinander, Fluchen. Es ist schon spät, und wenig Zeit bleibt um sich zu akklimatisieren. Der Veranstalter ist nett, und die Frauen hinter der Theke sind es auch. Was man über die Bierpreise nicht sagen kann. 2,60 Euro für den halben Liter ist jedenfalls jenseits der Toleranzgrenze. Bandessen gab´s auch keins, wie lieblos...

Die erste Band war irgend so ein lokaler Deutschpunk-Kram. Nicht schlecht, aber bestimmt auch nicht gut. Den Namen hab ich passenderweise vergessen. Die 2.Band sind AUWEIA !, die sich mit "Wir sind COTZBROCKEN aus Köln" ankündigen, was sogar ein paar örtliche Besoffski-Punks ernst nehmen. AUWEIA! sind absolut räudiger Gröhl-Deutschpunk. Der perfekte Soundtrack für all diejenigen, die gerne schales Bier aus einem 12 Jahre alten Springerstiefel trinken, mit dem ein übergewichtiger, extrem schwitzender Punk seit einer Woche auf dem Force Attack-Festival unterwegs war. Großartig. Sänger Ullah ist ein charismatischer Strassenköter mit der richtigen Ausstrahlung. Ein humorvoller Entertainer, der auf der Bühne sowohl Witz als auch Aggressivität ausstrahlt. Alles zu seiner Zeit halt. Das Lied "Köter" widmet er Danny von den PESTPOCKEN. Sowieso gibt es die ein oder andere Neckerei zwischen den beiden. Immer mit einem Augenzwinkern. Die Ansagen sind gelegentlich ernster Natur, da zum Beispiel das TIN CAN ARMY Cover "dead born babies" allen "unpolitischen" und rechtsoffenen Wichsern gewidmet wird. Mit dem Bauernfängerspruch "Pogo gegen Nazis" bringt man das Publikum in Bewegung. Das ist ebenso billig wie wirksam. Manchmal kommt auch der kölsche Karnevalshumor durch. "Warum gehen Ameisen nicht in Kirchen? - Weil sie in-Sekten sind". Uiuiui, har har har... Ich muss gestehen, dass mich AUWEIA! live echt begeistert haben. Das ist recht abwechslungsreicher Deutschpunk mit Rotz und Minimalismus. Nichtskönnen als Maxime. Und Stücke wie "Dat is Punk, dat raffst du nie", "Mutti" und "Selbstzerstörung" sind alle komplett anders und richtig geil. Mal kommt auch ´ne Kindertröte zum Einsatz und untermauert noch den Dilettantismus. Es sind jedoch fast nur Leute aus unserem Bus am Pogen. Keine Ahnung ob die Bayern mit soviel Humor und Chaos überfordert sind. Vielleicht lag´s auch am Hochdeutsch.

Ein zugedrogter Vollidiot dreht ziemlich ab, packt Frauen an den Arsch, fasst den Punks in die Iros, tanzt mit nackten Oberkörper ziemlich rücksichtslos und macht sich auch sonst nur Feinde. Nervige Angelegenheit. Das drückt etwas auf die Stimmung. Wir überlegen kollektiv dem Typen eine reinzuhauen und ihn rauszuschmeissen. Aber dann kriegt der Veranstalter vielleicht Ärger und darf in der Kneipe eventuell keine Konzerte mehr machen. Das wollen wir auch wieder nicht riskieren. Es bleibt bei Drohungen, Ellbogenchecks und Bier ins Gesicht schütten. Wir bitten den Veranstalter das Problem für uns zu lösen, bevor wir´s selbst tun. Was er auch einigermaßen effektiv schafft. Dann kommen VERSUS. Drummer Ruben schwingt auch bei AUWEIA! die Drumsticks und sieht sich somit einer doppelten Herausforderung ausgesetzt. Markant ist an VERSUS dieses riesige Dudelsack-Monster, das Sänger Dennis hauptsächlich beim Intro und Outro benutzt. Singen und gleichzeitig Dudelsackspielen ist nämlich nicht sooo leicht. Der beste und schnellste Song "riot" wird gleich zu Beginn rausgehauen. Nach technischen Problemen ist etwas die Luft raus. Aber Band und Publikum fangen sich wieder. VERSUS werden immer besser. Sie haben einen etwas längeren Song mit so CONFLICT-mäßigem Sprechgesang, der mich immer wieder begeistert. Ein Lied mit spanischen Text kann auch so einiges. Und am Schluss die Dudelsack-Version von "Was wollen wir trinken..." von den BOTS ist der perfekte Pogo-Song und sorgt jedes Mal für einen perfekten Partyausklang. Jedesmal? Fast jedes Mal. Nur nicht in einem kleinen bayrischen Dorf. Diesmal setzen sie noch einen drauf. Denn ganz am Ende werden die Kumpels von AUWEIA! auf die Bühne gebeten. Und gemeinsam brettert man eine chaotische Pogo-Version von WTZs "Deutschpunkrevolte" durch den Raum, die einfach nur der Hammer ist. Anschließend heißt es "Servus Versus". Passend dazu stänkert Ullah erst mal in richtig von Danny: "DAS musst ihr Pestpocken erst mal toppen!". Da hat der Sportsfreund ein wahres Wort gesprochen.

Dann kommen die PESTPOCKEN, die schlimmste Seuche aller Zeiten. In einer Duisburger Tageszeitung wurden sie einmal als "Pestrocker"

angekündigt. Sie sind so einfühlsam wie ein Panzer in einem Gänseblümchenbeet. Der Gesang ist markerschütternd, gerade so als würde Godzilla mit einer Kreissäge bewaffnet auf deinem Trommelfell Pogo tanzen. Ufta ufta rumpel peng - Ufta schepper schrei. Parolen, Pogo, Peng. Es ist als würden alle Töne panisch durch den Raum rennen sobald sie aus den Boxen kommen. Und niemand kann sie mehr einfangen und in die richtige Reihenfolge bringen. Die Kids stehen drauf, und das ist auch gut so. Als "Einstiegsdroge" sind die Giessener vortrefflich geeignet. Nun bin ich es, der überfordert ist. Vielleicht bin ich zulange damit beschäftigt die Töne einzufangen statt mich einfach dem Strudel der Disharmonie zu ergeben. "Auf die Fresse" und "Tekkno-Wichser" dürfen natürlich als unerbittliche Klassiker nicht fehlen. Das Deutschpunk-Gewitter hat sich abgeregnet.

Ich treffe einen Nietenpunk mit einem riesigen "Schalke"-Rückenaufnäher. Natürlich spreche ich ihn sofort an, und er outet sich als regelmäßiger PLASTIC BOMB-Leser. Manch einer wird jetzt behauptet, dass er gleich in doppelter Hinsicht an Geschmacksverirrung leidet. Ich hingegen freue mich natürlich über den Gesinnungsgenossen.

Bei dem sauteuren Bier ist an große Parties nach dem Konzert nicht zu denken. Also wohin legen wir uns zum Schlafen. Ist der Whirlpool noch aktiv? Was geht mit Sauna? Und in welche paradiesischen Gemächer dürfen sich unsere edlen, anmutigen Körper betten? Trotz intensiver Diskussionen will uns das Personal nicht mehr so richtig dahaben. Wir müssen aus allen Räumen verschwinden. Was uns bleibt ist das Treppenhaus und die Eingangshalle des Schwimmbads. Geile Sache, denke ich mir. Ich wollte schon immer mal mit 70 Punks in einer Eingangshalle übernachten. Zu unserer Ladung Bus-Punks gesellen sich nämlich noch rund 20 Einheimische, deren Zug erst in den frühen Morgenstunden wieder fährt. Ungefähr 60 Personen liegen flach und wollen schlafen, während 10 Unverwüstliche saufen, quatschen und rumlärmen bis es hell wird und das Bier alle ist. Das ist schon reichlich nervig.
Kaum habe ich meinen Schlafsack neben der Eingangstüre ausgerollt, da springt plötzlich eine völlig irre Frau mit den Springerstiefeln voraus in den Sack und will es sich da drin gemütlich machen. Ich wäre ja so reich und hätte einen Schlafsack. Und da kann man ja auch zu zweit drin schlafen. Ähem... tja... äh... was sagt man dazu? Ich befördere sie sanft aus dem Schlafsack und rolle mich ab. Dafür benutzen mich in der Folgezeit gleich 5 Personen als Kopfkissen und schmiegen sich an meinen Schlafsack. Mit dem Ergebnis, dass ich mich eigentlich die ganze Nacht im Schlafsack weder umdrehen noch bewegen kann. Tolle Sache. Bewegungsunfähig und dem 2 Meter entfernten, permanenten Gegröle ausgesetzt. Aber mal ehrlich, solche Fahrten müssen genauso sein. Ich will´s ja auch nicht anders. Schön mal wieder den Geschmack der Strasse zu schmecken, auch wenn´s im Endeffekt nur die Bierlache auf dem Fliesenboden einer Schwimmbadhalle ist, in der man sich wälzt.

Gegen halb 8 werden die ersten wach. Ein emsiges Durcheinander entsteht, auch wenn manche Personen eher zombieähnlich und gezeichnet von den Strapazen der Nacht durch die Gegend taumeln. Jetzt ist es an der Zeit den auf mir liegenden Personen sanft meinen Schlafsack unter den Köpfen wegzuziehen. Nacheinander klacken ihre Schädel halbwegs behutsam auf die Fliesen.
Der Busfahrer musste es sich im Bus bequem machen und sieht in etwa so ausgeschlafen aus wie ein Taxifahrer nach der Nachtschicht. Wahrscheinlich fährt er uns gleich alle zu Tode. Da müssen wir wohl durch. Es ist sowieso ein Irrsinn, dass der Typ die ganze Strecke alleine fährt. Ich hab so meine Bedenken, ob das überhaupt legal ist.

Früh morgens geht es am Samstag weiter ins Ösiland. Auf die Wahl der "Miss Augenring" wurde diesmal verzichtet. Die DVD vom HUMAN PARASIT Festival bietet feinste Punkrock-Unterhaltung. Als die OI! WARNING DVD vom Player nicht akzeptiert wird, ist die Erleichterung in vielen Gesichtern abzulesen. Beim ersten Stopp fallen wir wie die Heuschrecken über einen Supermarkt her. Die Biervorräte werden aufgestockt. Ab jetzt gibt´s lauwarmes Oettinger Ekel-Pils. Auf Festivals, Verrottungsfahrten oder Touren wie dieser muss das so sein. Ein liebgewonnenes Ritual.

Vor der Grenze muss der Busfahrer eine Autobahn-Vignette kaufen. Die braucht man für Österreich. Nun sind bayrische Beamte dafür bekannt in Grenznähe des öfteren Autos zu verfolgen und auf Rastplätzen Kontrollen durchzuführen. Unser Bus samt Inhalt ist nicht gerade unauffällig. Und als der Busfahrer kurz weg ist, kommen auch prompt 2 Polizeibeamte in zivil in den Bus. Einer von ihnen ist extrem unfreundlich. Das Wort "Bulle" kostet in Bayern 1.500 Euro, raunzt er uns an. Von den Minderjährigen will er eine Erlaubnis der Eltern sehen und führt sich auch sonst recht willkürlich auf. Wir nehmen die Sache äusserst gelassen und amüsieren uns köstlich über den Trottel, der mit seinen Einschüchterungen keinerlei Erfolg hat. Schließlich bemerke ich, dass "Bullet" auf Deutsch "Kugel" heißt, und warum soll diese 1.500 Euro kosten? Bauernschläue, okay.

Alle Ausweise werden eingesammelt und einzeln überprüft. Das kann dauern. Wir verbringen die Wartezeit draussen vor dem Bus, geniessen die Sonne und lassen es uns gut gehen. Sowieso hat es auf der kompletten Tour keine einzige Minute geregnet, was die Sache sehr sehr angenehm macht. Irgendwann kriegen wir die Ausweise zurück. Gute Fahrt, und tschüss. Einer von uns hat diesen riesigen Stapel Ausweise in der Hand und will sie verteilen. Es geht zu wie beim Bund. Mit lauter Stimme ruft er die Vor- und Nachnamen. Danach kucken sich alle gemeinsam die zum Teil urkomischen Passfotos an und brechen vor Lachen zusammen, bevor der oder die InhaberIn das gute Stück zurück bekommt. Teilweise sind das extreme Punkfotos. Oder Ullah hat, glaub ich, eine Krone auf seinem Kopf, leider ist ihn der Papagei im Augenblick des Knipsens von der Schulter gefallen. Andere sehen aus wie Kinder, bei machen weiss man nicht mal ob der Halter ein Junge oder Mädchen ist. Es gibt tschechische Ausweise und Kinderausweise. Eine Person hat gar keinen Pass dabei und gab den Bullen eine Sparkassenkarte. Unglaublich ! Wie sich herausstellt ist der Älteste im Bus schon 50 Jahre alt, während der Youngster zarte 14 Lenze zählt. Geburtsjahr 1991, Wahnsinn... Die Mischung macht´s. Tolle Sache. Jetzt erfahren wir auch endlich auch wie unser Busfahrer heisst. Ich hätte meinen Namen wahrscheinlich auch verschwiegen, wenn ich Heinz-Oliver heissen würde. Wir brechen fast zusammen vor Lachen. Und als dann im Kasernenton der Ruf erschallt: "Heinz Oliver, dein Ausweis !", da kann sich auch der aus dem Bus kletternde Fahrer ein Lachen nicht verkneifen.

Gegen 17 Uhr erreichen wir das "Moviemento" in Wien. Ein echter Kult-Punkladen. Unser riesiger Doppeldecker platzt mitten in die Planungen für eine türkische Hochzeit. Große Kinderaugen und verdutzte türkische Männer schauen uns staunend an als wir in ihrer Mitte aus dem Bus steigen. 2 Kulturen prallen aufeinander. Aber die Stimmung ist von gegenseitigem Respekt gezeichnet. Wir laden kurz alles aus dem Bus und verschwinden dann von deren Platz. Das "Moviemento" ist noch zu, deshalb gehen wir Bier kaufen und Pizza essen. Die Pizza ist sehr sehr durchschnittlich, aber riesengroß. Hinterher ist uns allen schlecht. Dafür spendiert der verwirrte und chaotische Pizzabäcker noch 4 Liter Cola und diverse Servietten. Er bringt sie uns sogar auf den Bürgersteig raus, auf dem wir rumasseln. Naja, netter Zug, aber...

Die Tankstelle gegenüber ist seit einer Woche Tabuzone für alle Punks. Hausverbot für alle Besucher des "Moviemento" ! 5 Security-Schränke halten Wache und hindern jeden daran auf das Gelände zu gelangen. Keine Ahnung was da vorgefallen ist. Aber mal ehrlich. 5 Typen rund um die Uhr zu beschäftigen kostet ohne Ende Kohle. Wäre es da nicht sinnvoller die Typen IN der Tankstelle zu postieren und zu kucken das niemand klaut. Dann hätte die Tanke wenigstens noch Umsatz. So schneidet die sich doch nur ins eigene Fleisch. Aber mit Logik ist denen wohl nicht beizukommen. Was soll´s, ist ja nicht mein Problem.

Ich laufe Gefahr von Ronja und Henni gnadenlos abgefüllt zu werden. Irgendwie haben es die beiden heute auf mich abgesehen. Die führen was im Schilde. Ständig muss ich mit ihnen anstossen. Wahrscheinlich wollen sie meinen besinnungslosen Leib später vorne an den Bus binden. Ich lerne den 50-jährigen Nietenpunk Knox kennen, der auch mit uns im Bus fährt. Hurra, endlich bin ich mal nicht der Älteste ! Er hat ein eigenes Internet-Punkforum (http://6736.rapidforum.com/) und ist ein sehr netter, unterhaltsamer Typ, der Unmengen Fotos schiesst. Er hat einen ultrascharfen Peperoni-Schnaps am Start. Mit dem vertreibt er sich auf Festivals im Sommer immer seine Nachmittage, wenn noch keine Band spielt. Er stellt die Flasche auf sein Autodach und wartet ab wer vorbeikommt und fragt ob er einen Schluck nehmen darf. "Klar", sagt er dann und kuckt zu, wie die betreffenden Personen einen tiefen Schluck nehmen. Und das Zeug entspringt einer Quelle direkt in der Hölle, sag ich euch. Das Feuer in der Kehle und auf den Lippen ätzt dir alle Geschmacksnerven weg. In Krankenhäusern könnte das Mittel bei richtiger Dosierung auch zu Penisbeschneidungen und anderen Amputationen angewendet werden. Ein paar Tropfen reichen schon. Insofern hat der gute Knox den lieben langen Tag was zu lachen. Dabei benutzt er laut eigener Aussage nur die zweitschärfste Peperoni der Welt für den Schnaps. Die Schärfste wird er nächstes Jahr direkt aus Mexiko bekommen.

Jedenfalls zieht der Schnaps auch heute seine Kreise. Dirk speit Gift und Galle, ist kurz vorm Kotzen. Andere rennen sofort zum Wasserkran oder ihre Augen fangen sofort an zu tränen, während die Stimme versiegt. Immer unter dem spöttischen und schadenfrohen Gelächter aller Herumstehenden. Speichel vermischt sich mit Kotze. Die Wirkung ist verheerend. Alles steht in Flammen. Ich hab das Zeug auch probiert, und es hat mir den Mund dermaßen desinfiziert, dass ich mich wundere überhaupt noch eine Zunge oder Haut auf den Lippen zu haben. Es dauert 20 Minuten bis das Gröbste überstanden ist. Latti, die PLASTIC BOMB-Filiale Wien, hält sich am Tapfersten. Er bleibt ganz ruhig, man sieht etwas Dampf aus seinen Ohren aufsteigen, aber sonst hat er sich unter Kontrolle. Respekt. Ich freue mich auch Maria und Marius wieder zu treffen. Marius spielt bei der Wiener Punkband MALTSCHICKS MOLODOI und ist wirklich ein verdammt netter Kerl. Die anderen Duisburger freuen sich genauso.

AUWEIA! fangen heute an. Sie sind noch ´ne Spur besser als gestern, was daran liegen kann, dass das hier ein Punkladen ist und noch mehr Leute da sind. Viel Pogo, dumme Sprüche, Beschimpfungen des Publikums und Deutschpunk pur. Für heute haben sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Und zwar covern sie "I bin a bösling" von der legendären Wiener Punkband BÖSLINGE. Die Wiener drehen vollkommen durch. "Hast du gehört... Die haben tatsächlich... Wie geil...". Die Nachricht verbreitet sich rasend schnell. Und als Zugabe müssen sie den Song sogar noch mal spielen. Diesmal wird Ullah vom Mikro weggemobbt und der Organisator und gleichzeitig das Geburtstagskind des Abends übernimmt das Mikro.

Der Abend kommt in Schwung. Aber plötzlich stehen 2 Herren in Anzug draussen, die vom Magistrat der Stadt sind oder einer Art Veranstaltungspolizei. So ganz bin ich nicht durchgestiegen woher die nun kommen. Jedenfalls gibt es Ärger. Richtig Ärger. Und lange Diskussionen. Der Konzertraum des "Moviemento" wird inspiziert und für illegal befinden. Unzureichende Fluchtwege und so weitere. Der Raum wird auf der Stelle geschlossen. Das Konzert ist zu Ende ! Keiner weiss so recht wie´s weitergeht. Es sind bestimmt 200 Punks vor Ort. Die Veranstalter telefonieren mit dem EHK, einem anderen Laden in Wien. Es ist möglich das Konzert spontan dorthin zu verlegen. Aber das ist mit viel Aufwand verbunden. Equipment und Leute müssen irgendwie dorthin gekarrt werden. Ausserdem will unser Busfahrer schon um 4 Uhr morgens zurück nach Deutschland aufbrechen. Also was tun?
Angeblich sind auch einige Nazis in der Nähe. Das "Moviemento" wurde bereits in der Vergangenheit Ziel eines rechten Übergriffs mit Baseballschlägern und allem, was dazugehört. Das Gerücht heute erweist sich allerdings als falsch. Alle Punks müssen derweil ins "Moviemento" rein. Es wird überlegt die Türe abzuschliessen. Keiner soll mehr draussen rum stehen. Es soll ganz leer wirken. Und er wird abgewartet bis die Bullenwannen und der Magistrat weg sind. Das passiert dann auch irgendwann. Sofort werden draussen auf der Strasse Posten bezogen, die mit Handys untereinander kommunizieren und bei einem erneuten Eintreffen der Staatsmacht schnell Alarm schlagen können. Derweil geht das Konzert im Inneren des "Moviemento" in angewandelter Form weiter. Alle sind jederzeit auf dem Sprung das Konzert erneut abzubrechen oder zu unterbrechen.

Auch VERSUS sind noch besser als gestern. Und als Drittes spielt eine bayrische Band namens VOLXVERÄTZUNG. Klassischer Deutschpunk, räudig, direkt und unpeinlich. Richtig geiler Sound. Ehrlich und direkt. Ich hatte von der Band noch nie was gehört und bin begeistert. Der Sänger entpuppt sich im persönlichen Gespräch nach den Gig auch als ultra-netter Typ. Das SCHLEIM-KEIM-Cover ist einfach nur genial. Massenpogo, Chaos. Das "Moviemento" tobt. Das "Moviemento" ist längst ein wichtiges Stück Wiener Punkgeschichte. Legendär. Die ganzen Geschichten, die Latti erzählt und mit ein wenig Fantasie so sehr ausschmückt bis man nicht mehr genau weiss, was Wirklichkeit ist oder was Latti gerne als Wirklichkeit hätte... Egal wie lange es noch bestehen wird, der Laden wird unvergänglich sein. Man wird auch noch in 20 Jahren von diesem fensterlosen Keller sprechen, einem ehemaligen Kino in einem heruntergekommenen Bürokomplex. Und die Wiener sind für ihre nicht enden wollenden Dauerparties bekannt. Ich gönn mir die Spezialität des Hauses, einen "Hirschen" oder so ähnlich. In einem größeren Glas ist etwas Red Bull. In diesem Glas steht wiederum ein kleines Glas voll mit Jägermeister. Beim Trinken vermischt sich beides und wird die Kehle hinunter gespült. Süß und süffig. Aber auf Dauer sicher nicht mein Ding.

Die PESTPOCKEN verpasse ich. Und um 4 Uhr heisst es dann etwas überstützt aufzubrechen. Es ist nicht ganz einfach die Meute einzufangen, aber gegen 4.30 Uhr sitzen dann endlich alle im Bus... und schlafen sofort ein. Eigentlich hatte ich mich noch gefreut mit ein paar Leuten ein Bier zu trinken. Aber innerhalb von 5 Sekunden liegt fast der gesamte Bus flach. Also sitz ich da alleine mit meinem Bier, sinniere etwas vor mich hin, bevor auch mich der Schlaf gefangen nimmt.

Erstaunlicherweise wird niemand vor
halb 10 wach. Puh, 5 Stunden haben wir schon mal geschafft. Aber es wird noch ein weiter Weg. Heinz-Oliver sieht immer fertiger aus. Und ich mache mir ernsthaft Sorgen über seinen Zustand. Er sieht überaus müde aus, kriegt die Augen kaum noch auf. Die Gefahr mitsamt Bus durch eine Leitplanke zu donnern, am besten noch auf einer dieser immens hohen Autobahnbrücken, war selten höher. Immerhin hab ich oben im Doppeldecker einen Logenplatz, wenn´s in den Abgrund geht. Das tröstet mich aber auch nur wenig. Heinz-Oliver entwickelt sich rein optisch immer mehr zum TURBONEGRO-Sänger. Die Krawatte ist längst in irgendeiner Ecke gelandet. Das Hemd ist aufgeknöpft, die Plauze quillt raus. Die Harre hängen fettig in Strähnen runter. Und der Schnauz, naja... Der Typ verlottert von Stunde zu Stunde mehr. Er wird mehr und mehr Protagonist in seinem eigenen Albtraum, der schon das ganze Wochenende anhält. Punkrock scheint abzufärben. Wenn wir in Köln ankommen hat er wahrscheinlich ´nen Iro.

Wir sehen uns auf DVD noch den völlig abgedrehten, psychopathischen Film "Fight Club" an. Als wir an der nächsten Raste anhalten sind alle ein paar Zentimeter breiter und würden am liebsten die komplette Tanke aufmischen. So ist das, wenn man aus dem "Fight Bus" kommt. Ich kaufe eine "Bild am Sonntag" in der Tanke, um das Niveau konsequent unten zu halten. Die Verkäuferin fragt mich noch nett: "Gedankt haben sie nicht?" Gedankt? Wem hab ich nicht gedankt? Ach, getankt meint sie. Die Bayern mit ihrem Akzent...
Eine Oma quatscht eine Punkfrau zu, dass es in Amsterdam doch das beste Dope gibt, blablabla. Die Punkerin entgegnet nur: "Keine Ahnung, ich nehme keine Drogen." Sie kifft gar nicht und kuckt etwas verstört. Verkehrte Welt...
Nach 13 Stunden kommen wir endlich in Köln an. Völlig fertig, aber gut gelaunt. Das Wochenende hat sich gelohnt. Es war alles dabei. Solche Exzesse müssen ab und zu einfach sein. Dat is halt Punk, aber dat raffst du nie.

Micha.- (aus PLASTIC BOMB #58)