Nachdem ja ne Menge Leute scheinbar Probleme mit dem Pascal-Layout hatten... hier das ganze Interview nochmal online!!

Maaaann, war das eine schwere Geburt. Eigentlich hatten  Pascal und ich uns vor seinem Konzert im Wageni Bochum zum Interview verabredet. Das war ziemlich am Anfang der Tour. Leider hatten wir viiiel zu wenig Zeit und Ruhe, als dass ich nach wirklich persönliche Dinge hätte fragen wollen. Irgendwie war das alles zwar ... super professionell, hatte aber beim besten Willen keinen Tiefgang.
Der zweite Interviewtermin zu dem wir uns vier Wochen später im Plastic-Bomb Büro trafen, gefiel mir um Längen besser. Außerdem war´s ganz interessant dass noch ein paar Eindrücke und Erfahrungen von der langsam zu Ende gehenden Tour dazu kamen.
Nach so einigem hin und her, abtippen, gegenlesen, verbessern und abändern ist nun doch ein sehr eindrucksvolles Interview draus geworden, in dem Pascal ne Menge über sich selbst, seine Musik und seine Lebensgeschichte erzählt.
Mir persönlich gefällt natürlich die Musik, die er mit Public Toys, District und Spittin Vicars gemacht hat um längen besser als das neue Album, aber nachdem ich ihn auf der Tour mit 2nd District, im T5 oder im Wageni live gesehen hatte, war ich auch von seiner Akkstik-Show überzeugt und hab mich seeehr gefreut, im Rahmen eines Interview und dem ein oder anderen Gespräch mal ein wenig mehr über Pascal zu erfahren.

 


Du hast eine neue Platte raus, wie wir alle aus dem umfangreichen Medienecho erfahren haben. Die Songs hast du an verschiedenen Orten aufgenommen...Wo?
Wirklich? Ihr habt alle davon erfahren? Das ist wohl Grund zur Freude für mich. Aber es stimmt, Drumming Monkey Records haben nen guten Job gemacht.
Einen Teil davon hab ich in verschiedenen Studios in Berlin aufgenommen, bei Smail Shock productions, Kozmic Sound, mit Tom Schwoll im „Schaltraum“, aber viele auch auf den Konzertreisen die ich unternommen habe. Im Baskenland, ein bisschen in Bremen, in London...

Hast du das jeweils spontan entschieden? Oder hattest du dir die Leute, bzw Studios schon vorher ausgesucht?
Beides. Die Session im Baskenland, von der auch tatsächlich ein Song auf der Platte gelandet ist, war eher so ne spontane Sache. Und mit anderen Leuten, wie zum Beispiel Tim Shapland aus Bremen, hab ich mich natürlich vorher verabredet. Aber da bin ich auch zwei, drei Tage hängen geblieben, bis wir was vernünftiges im Kasten hatten.
Aber klar, einige Dinge visiert man an, andere entstehen spontan. Und meistens kommt´s dann doch anders, als ich es mir gedacht hab.

Aber du hattest im Vorfeld schon recht konkrete Vorstellungen für die Platte...dir war´s wichtig, dass es verschiedene Studios sind, und dass der Typ der das am Ende alles gemastert hat, dich auch garnicht so gut kennt, oder?
Ähm, ich könnte jetzt nicht sagen dass es mir wichtig war, dass es verschiedene Studios sind. Das hat sich eigentlich eher ergeben. Aber am Schluss des Ganzen hatte ich tatsächlich das Gefühl dass ich jemanden wegen des masterns fragen sollte, der nen ganz neutralen Standpunkt hat und nicht so viel mit dem zu tun hat, was ich so mache. Das war dann der Flo, vom „Zeitstrahlstudio“ aus Willich. Und der hat´s eben geschafft, alles auf einen Nenner zu bringen.
Denn dadurch, dass es eben so viele verschiedene Studios waren, war das Ergebnis erst mal eher Kraut und Rüben. Und das merkt man der Platte nun am Ende überhaupt nicht mehr an. Von dem her glaub ich eben, dass es die richtige Entscheidung war und ich bin wirklich sehr zufrieden.

In wie weit war´s dir denn wichtig, dass das ganze Album Mainstream-tauglich ist...also auch mal in größeren Magazinen, für ein größeres Publikum besprochen wird...? Und vielleicht auch von mehr Leuten gekauft werden kann?
Natürlich versuch ich viele verschiedene Leute zu erreichen. Aber wenn ich die Musik mache, denk ich da nicht so sehr drüber nach. Ich finde auch, dass es ein relativ sperriges Album ist. Und dass es eigentlich gar nicht so einfach kommerziell zugänglich ist.
Es ist jetzt zum Beispiel kein Song drauf, der sich wirklich als Radio-Single eignet und es ist kein wirkliches Genre, was ich mit dem Album bediene. Es ist von den Musikstilen so sehr durchmischt, dass mir Leute schon gesagt haben, dass man das unmöglich verkaufen kann.
Aber anders rum merke ich doch, dass ich viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen ansprechen kann und genau das find ich eigentlich auch das Interessante daran.
Aber es gibt auch einige Reviews, die die Platte als mittelmäßig darstellen.
Was mich daran enttäuscht ist eben nicht, dass die Platte nicht von jedem geliebt wird! Wenn jemand geschrieben hätte dass ihm die Platte zu melancholisch ist oder zu fragmentarisch, weil ich kaum ein Lied komplett straight durch spiele, hätte mich das überhaupt nicht gestört. Aber einfach zu sagen: „er versucht so zu sein wie Johnny Cash etc“ oder belächelnd „einer der noch immer noch an die große Liebe glaubt...“ ist doch scheiße. Ich hab mich bei vielen gefragt, ob sie sich die Platte überhaupt angehört haben.
Aber der Alltag eines Musikjournalisten ist ja sicher total voll gepackt. Und darum werden wohl oft einfach ein paar Sachen aus einem -vielleicht nicht so glücklich gewordenen- Pressetext und ein paar Namen von bekannten Musikern mit rein geschmissen, und das war´s dann.

Ich hab schon das Gefühl, dass ich ein sehr tiefes und persönliches Album aufgenommen habe. Ich hab inzwischen gemerkt, dass ich mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster gelehnt hab... man muss ja immer ein wenig auf seine Verletzbarkeiten achten.
Und als ich diese Reviews dann nach und nach gelesen hatte war ich eben schon etwas geknickt. Aber eben auch nur für ne ganz ganz kurze Zeit, danach hat sich das alles ein wenig umgedreht.
Mich sprechen immer wieder Menschen auf Konzerten an, wie sehr sie einer meiner Songs zum Beispiel in einer schwierigen Zeit begleitet hat. DAS ist die Resonanz, die mich bestärkt, weiter zu machen. Ich will ja kein neunmalkluger Besserwisser sein. Ich will darüber singen, was JEDER Mensch tief drinnen ohnehin weiß, wenn es bloß nicht so schwer wäre, einen Ausdruck dessen zu finden. Was bleibt ist die Musik
Und der Eindruck, dass in vielen großen Zeitschriften nur die Musiker ein gutes Review bekommen, die schon nen Namen haben. Ich glaub, anders ist das fast unmöglich. Aber klar, klar hätt ich mich gefreut wenn das Album auch in der Presse ein wenig mehr Anklang gefunden hätte.
Ich hab aber jetzt auf der Tour erst richtig gemerkt, dass die Unterstützung die ich bekomme, von Leuten ist, die Musik leben, aber eher im Underground unterwegs sind. Das sind auch Leute die mich noch aus der Zeit kennen, als ich bei District gespielt habe, oder bei den Public Toys. Und die selber in Bands spielen wie Cortona in Lyon, die Snazzy Boys in Italien, die Gumbabies oder die Garden Gang in München, oder Sala Strummer im Baskenland. Das sind die Leute, die mich im Moment tragen. Und gar nicht so sehr die Musikpresse.

Also zurück zur Szene?

Ich hab nicht das Gefühl, den Leuten je den Rücken gekehrt zu haben. Ich wunder mich natürlich, dass grade die Leute, denen ich nicht zugetraut hätte, dass sie diese oft ruhigere Musik mögen und die eher das mochten, was ich vorher gemacht hab, mir eben als Hörer treu geblieben sind und für mich Sachen organisieren. Shows, Werbung und sowas.
Es sind aber jetzt auch nicht nur Punks, sondern auch Leute die zum Beispiel ein World Music Festival in Tschechien veranstalten. Und ich merk natürlich, dass ich mit vielen solcher Leute die selbe Sprache spreche, dass ich da immer direkt so reden kann, wie ich eben normalerweise rede.

Möchtest du denn kommerziellen Erfolg haben?
Klar versucht man, mit einem fertigen Album aktiv zu werden, es zu bewerben und an den Mann zu bringen. Aber...ganz so gut läuft das hier nun auch noch nicht für mich, als dass ich sagen könnte, dass ich da gut von leben kann.
Aber ich hab auf alle Fälle das Gefühl, dass es ein guter Anfang ist.
Ich würd mich da eher in der Tradition von so Leuten sehen, die versuchen mit Rock´n´Roll ihren Lebensunterhalt zu verdienen und versuchen aus der Situation, in der sie sind, raus zu kommen. Die eine Seite ist, dass mich die Musik total antreibt. Aber die andere Seite ist, dass ich halt auch gar nichts anderes ...kann. Und nichts anderes gelernt hab. Und es ist einfach meine Realität, dass ich sehr froh bin, wenn ich mit Musik Geld verdienen kann. Da stellt sich auch gar nicht mehr die Frage, ob das jetzt Punkrock ist oder nicht...weil ich für mich auf Dauer gar keine andere Möglichkeit sehe.
Aber ich konnte zum Beispiel das ganze Chaos das es gab, bis diese Platte mal fertig war so drehen, dass ich es als Werbung verwenden konnte. Als ob das ne riesen Sache gewesen wäre, das Album fertig zu kriegen, hähä.
Eigentlich war´s immer nur mein Unvermögen, ne Band zusammen zu halten oder mal genug Zeit,  Energie, und natürlich Konzentration aufzubringen, mal 14 Tage ins Studio zu gehen und ne Platte aufzunehmen...

Okeee, erzähl mal, wie du zur Musik gekommen bist. Wann hattest du zum ersten mal ne Klampfe in der Hand?
Hm, ich weißes gar nicht mehr so ganz genau. Ich war vielleicht so...11, 12. Ich hatte schon immer Musik gehört, Musik geliebt, mir im Kopf Melodien ausgedacht. Dann hab ich, über meine älteren Geschwister angefangen, mich für Rockmusik zu interessieren. Ich hatte da so ein kleines rotes Radio, so nen Kassettenrecorder, und mit dem hab mir dann immer Kassetten aufgenommen. Ich fand auch die NDW Sachen die zu der Zeit liefen total geil.
Und wovon ich dann Fan war, was für mich so ne richtige Offenbarung war, war „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Ich war da grad in Belgien, bei Freunden meiner Mutter, und da hab ich eben diese Platte gehört.
Ein Freund meinte dann irgendwann zu mir, dass da einer ne Gitarre zu verkaufen hätte, und das war eben so ne Telecaster Kopie, also genau die Gitarre, die Bruce Springsteen hatte, irgendwo vom Lastwagen gefallen. Und die fand ich eben total geil, hab sie mir für 40 Mark gekauft.
Die hatte aber nur fünf Saiten, die dünne E-Saite hat gefehlt. Aber ich wollte auch garnicht spielen, ich wollte die nur im Zimmer haben, weil ich cool sein wollte. Aber dann hat´s mich eben doch interessiert und darum bin ich in nen Gitarrenladen gegangen und hab gefragt, ob man die Gitarre reparieren kann. Weil ja ne Saite fehlt. Da ham die sich natürlich kaputt gelacht.
Ja, dann hatte ich ne komplette Gitarre und war glücklich. Ich denke das war so ´87 oder ´88.

Kannst du nach Noten spielen?
Nein, garnicht. Also zuerst hab ich versucht, von nem Bruce Springsteen Fotobuch, das ich aufm Flomarkt gekauft hab, Akkorde abzugucken. Wie der die eben auf den Bildern macht, mit haarsträubendem Ergebnis. Später hatte ich dann das Glück, dass meine Schwester ´89 oder ´90 mit dem Gitarristen von Daily Terror zusammen war. Und der hat mir auf die Sprünge geholfen. Der sagte dann eben „so“, „und so“, und „so nicht“. Das war ein guter Start.
Ich war dann auch mal bei denen im Proberaum. Und fand das alles sehr faszinierend. Da war ich dann aber ohnehin schon auf Punk und Rockabilly fixiert, und fast alles was es so an Underground gab. Aber Noten kann ich bis heute nicht lesen, weshalb meine letzte Schulnote im Fach Musik auch eine 5 war.

Gut, dann frag ich dich auch noch das, was dich alle Anderen Interview-Menschen auch schon gefragt haben... Du wohnst ja grade nirgendwo, also hast keinen festen Wohnsitz und bist eigentlich nur unterwegs. Nervt´s dich schon?
Nööö, ich bin das ja eigentlich gewohnt. Diese Wohnung, die ich jetzt anderthalb Jahre in Berlin bewohnt hatte, war mein erster fester und legaler Wohnsitz, den ich seit langem hatte. Von daher ist das schon so ein bisschen etwas, das ich eigentlich gut kenne. Also, unterwegs zu sein.
Wärst du am liebsten immer auf Tour?
Hmmm, na ja. Jetzt zur Zeit hab ich ein wenig Heimweh nach Berlin, muss ich ganz ehrlich gestehen. Und natürlich werd ich mir, wenn ich bald nicht mehr so viele Konzerte an einem Stück habe, auch wieder ein Zimmer dort suchen.....inzwischen halten mich da ja schon...ein paar Lebensumstände.

Wie lange hast du denn hier im Pott gelebt, bevor du nach Berlin gegangen bist?
Ich bin so mit 17 in den Pott gekommen, hab vorher im Münsterland gelebt. Aber da wars nicht so rosig. Ich hatte ne Freundin, die war n bisschen älter, kam grade aus England und hatte hier in Recklinghausen einen Ausbildungsplatz bekommen. Da bin ich eben mit ihr hier her gezogen, hatte mir auch ne Lehrstelle als Tischler gesucht. Das hab ich aber nicht lang gemacht, weil´s mich einfach depressiv werden ließ. Ich hab mir da immer diese älteren Gesellen angeschaut, die wahrscheinlich so alt waren wie ich jetzt und immer nur über ihre Autos geredet und über ihre Frauen hergezogen haben. So wollte ich nicht werden und hab dann ´96 mit Jeschke diesen „Dirty Faces“ Plattenladen in Bochum eröffnet. Und so bin ich eben nach Bochum gekommen.

Wie schaust du denn auf diese ganze Hoch-Zeit der Bochumer Glampunk Szene zurück?
Du hast da ja maßgeblich dran Teil gehabt... Also Dirty Faces und so...

Also, ja an Gründung des Ladens war ich maßgeblich beteiligt. Der Jeschke meinte auch, dass er´s nicht ohne mich gemacht hätte. Aber dass der Laden über die Jahre Bestand hatte, und das Label immer noch besteht, daran bin ich nicht beteiligt gewesen. Weil ich auch gar kein Geschäftsmann bin. Da will ich mich gar nicht mit Ruhm bekleckern. Ich hab da vielleicht eher die kreative Seite übernommen, wenn überhaupt.
Aber der Laden hatte je auch noch eine andere Funktion, war ja auch eher ein Treffpunkt...und das ist dann vielleicht auch mit mir irgendwie...oder zumindest zeitgleich mit mir gegangen. Danach war wohl alles ein bisschen nüchterner.
Als Ladeninhaber war ich aber zu der Zeit echt nicht haltbar. Auch gar nicht fit, sowas zu machen. Und darum war´s auch besser, dass Jeschke das dann allein weiter gemacht hat.
Dirty Faces hat sich dann in ne sehr gute Richtung weiter entwickelt. Aber früher waren da eben auch manchmal 30, 40 Leute im Laden und davor. Am Wochenende haben sich alle dort getroffen, und später ist man losgezogen auf irgendwelche Konzerte oder Partys.
Es konnte aber eben auch passieren, dass man zu den Öffnungszeiten, an den Tagen für die ich zuständig gewesen wäre, nicht in den Laden konnte. Weil ich noch in Düsseldorf besoffen irgendwo in der Ecke lag oder im Dirty Faces Schaufenster gepennt hab. Das konnte auch passieren und ist für die geschäftliche Seite sicher nicht so gut gewesen. Aber das war vielleicht auch etwas, was den Laden in ´ner bestimmten Art und Weise auch ausgemacht hat.
Einige meiner engsten, immer noch andauernden Freundschaften habe ich in der Zeit geschlossen. Mosy, der spätere District Bassist, und Long Shot Hooky der mich auf vielen Konzerten begleitet, habe ich dort kennen gelernt. Wir alle haben schon viel auf die Beine gestellt, wenn auch oft schwankend.

Trotz vieler Schwierigkeiten war es für mich auch ne geniale Zeit. Was ich an ihr eben beeindruckend fand war, dass wir uns zwar schon früher Bands angesehen hatten, ich hab zum Beispiel ´93 in Belgien 999 gesehen, oder Chelsea. Und Ende der 90er ist nochmal was ganz entscheidendes passiert, da kamen dann nämlich Bands wie die US Bombs, Generators und D-Generation aus Amiland. Das waren Bands, von denen man wusste dass sie neu sind, die aber Musik machen, auf die wir auch Bock hatten. Das war schon ne spezielle Zeit. Wir von District oder Public Toys dachten ja die ganze Zeit, wir machen ne Musik, die eigentlich schon vorbei ist. Und plötzlich war das dann wieder lebendiger, als wir uns je erhofft hatten.
Mann muss sich das so vorstellen, als ich mir Ende der 80er „Smash the Discos“ von Business geholt hab, war das für mich „ne alte Band“. Von früher. Und wenn ich jetzt drüber nachdenke, war das damals ja fast ne aktuelle Band. Das ist ja jetzt schon 20 Jahre her, und die spielen immer noch.
Das sind jetzt ganz andere Dimensionen. Wenn man Ende der 80er Punkrock Fan wird, weil man aus nem kleinen Dorf kommt, wo alles erst 10 Jahre später passiert dann denkt man, Punk ist etwas, das ich total geil finde, was aber leider vorbei ist. Ich hab fast nur alte Bands gehört. Hardcore und Crossover hab ich eigentlich nie besonders gemocht. Und somit waren dann eben Ende er 90er zum Beispiel US Bombs ne total wichtige Band für mich.
Zum Glam-faktor ist noch zu sagen, dass der in Bochum oft gar nicht so hoch war, klar, es gab Leute die Kajal benutzt haben, aber ebenso gab es Leute, die eher politisch motiviert waren, oder Hausbesetzer. Die Übergänge waren hierbei fließend, das Aussehen oft eher zweitrangig. Bochum und auch das ganze Ruhrgebiet war immer noch eine überschaubare Szene, man kannte sich untereinander. Es gab Berührungspunkte auch mit der Obdachlosen- und Junkieszene. In Düsseldorf war hingegen schon immer alles etwas stylischer.

Wo du schon bei Düsseldorf bist: Wie bist du denn zu den Public Toys gekommen?
Ich hab ja in ner Deutschpunk Band Gitarre gespielt, bei Vexation. Das war die erste richtige Band in der ich gespielt hab. Wir haben dann irgendwo in Ostdeutschland vor den Public Toys gespielt und haben uns da angefreundet. Und ihr Bassist Roman hatte bei uns auf der Platte dann auch ein paar Backings gesungen.
Und dann hatten die Public Toys nen Gig zugesagt, wo aber deren Sänger keine Zeit hatte. Das war n Support für irgend ne Metalband, die die halt aus diesen Katakomben kannten, wo die in Düsseldorf immer geprobt hatten. Jedenfalls haben die mich gefragt, ob ich an diesem Abend bei ihnen singen kann. Die haben das alles garnicht so ernst genommen, ham das nur gemacht, damit diese Metalband eben nen Support hat und um denen nen Gefallen zu tun. Wir sind dann alle in Frauenkleidern aufgetreten, mit Perücken und allem Schnickschnack, offiziell als „die toten Heldinnen“.
Da haben wir uns eben alle schön gemacht, ich hab nur leider keine Pumps in meiner Größe gefunden, 44 gab´s nicht. Aber ich sah sehr geil aus und alle Frauen haben gesagt, ich hätte beneidenswerte Beine. In meinem Minirock.
Und dann haben sich die Public Toys eben überlegt, das mit mir weiter zu machen. Weil Fossi, der alte Sänger, sich in ne andere Richtung entwickelt hat.

Aber Public Toys doch dann auch?! Erst Deutschpunk und dann...
Ja, das war denen da aber nicht so bewusst. Dass sich der Wind dann so gedreht hat, also dass sie sich da so´n Kuckucksei gelegt haben...das war denen nicht so bewusst. Weil ich dann eben gesagt hab, dass ich diese ganzen beschissenen Fußball-Lieder nicht singen will. Die ham versucht mich zu überreden, diese blöden Fortuna-Songs zu singen!
Es gibt vielleicht beschissenere Vereine. Aber ich interessiere mich nun mal gar nicht für Fußball. Und ich war noch nie auf nem Fortunaspiel. Und ich wollte so beschissene Lieder wie „Antialkoholiker“ auch nicht singen, das war mir zu stumpf.
Eigentlich wollte ich gar keine deutschen Lieder singen, außer „seid betroffen“, weil ich das ganz gut fand. Und im Nachhinein sagt der Roman selbst, dass „Rock´n´Roll Parasites“ die einzige Public Toys Platte ist, die er sich wirklich anhören kann.
Aber ich war damals überhaupt nicht glücklich über die Platte. Wir haben´s ja noch nicht mal geschafft, ne ganze Platte zu machen. Wir hatten auch nur 9 Stücke, das ist uns aber erst im Studio aufgefallen. Dann haben wir schnell noch ein Zehntes gemacht, im Studio.

Im Nachhinein betrachtet waren die Public Toys vorher eine Band die versucht haben, auf viele Züge aufzuspringen, nicht nur Deutschpunk. Manche Lieder waren so Adicts-mäßig, andere eher Lokalmatadore-, Kassierer-Artig. Und einige waren eher OI oder am alten England Punk orientiert.
Bei vielen Ideen standen wohl auch die Toten Hosen Pate. Also für mich keine Band, die so was eigenes hatte. Außer dass die halt aussahen wie Postkarten-Punker. Das war das Besondere an denen. Aber ich war kein wirklicher Fan von der Band, als ich in die Band kam.
Ich war eigentlich ein paar Wochen vorher bei District eingestiegen und dachte mir dann, ich probier das jetzt trotzdem mal aus. Und wollte halt auch mehr Gigs vor mehr Publikum spielen. Das hat mich geflasht. Es gab ne Zeit, wo ich dann sehr motiviert war, und am Anfang sogar etwas überfordert. Wenn ich mir die alten Videos so anschau, wo ich vorher noch nie in ner Band gesungen hatte, und dann plötzlich mit dieser, schon etwas bekannteren Band auf der Bühne stand....das war schon komisch.Ich glaub, wir haben zum ersten mal zusammen in Belgien gespielt, mit Vice Squad. Und dann ging das aber ganz gut, wir haben die Single gemacht und waren ´98 so richtig in Hochform.
Danach haben wir die 10inch „Rock´n´Roll Parasite“ aufgenommen, aber die gefiel mir überhaupt gar nicht mehr. Ich hab nicht gesehen, dass das irgendwo hin führt. Ich bin dann ziemlich depressiv geworden und hab einfach alles hin geschmissen. Und ich hab die Band dann auch verlassen. Wir habe nach der Veröffentlichung dieser 10inch noch ein einziges Konzert gespielt. Das Label war natürlich... „begeistert“.

Hattet ihr euch menschlich nicht mehr verstanden? Oder lag´s nur an dir?
Wir haben uns menschlich nie besonders gut verstanden. Zumindest Uwe und ich. Zu Roman und Usenburger hatte ich meist einen guten Draht, auch mit Guido. Im Proberaum und auf Tour stieß aber auch das oft an seine Grenzen. Trotzdem ging das mit der Band erstmal gut los. Diese 10inch sollte auch in Amerika raus kommen, auf BombRec. Das hatte Duane Peters für uns angeleiert. Und wir hatten da echt guten Zuspruch. Aber ich hab damals das Artwork für die Amipressung einfach nicht mehr abgeschickt. Ich hatte da einfach keinen Bock drauf, weil ich die Platte so schlecht fand. Ich fand ich konnte nicht singen, ich fand das irgendwie einfach alles scheiße.
Aber jetzt im Nachhinein finde ich, dass das echt ne großartige Platte ist....

Aber im Nachhinein ist der Wandel der Band schon bizarr...
Klar.Usenburger hat sich vom Sid Vicious in so´n Glam-Monster verwandelt. Aber wir hatten schon auch gemeinsame Nenner. Wir fanden zum Beispiel alle die New York Dolls geil.
Uwe Umbruch würd aber wohl am liebsten heut noch Deutschpunk machen. Die verschiedenen Einflüsse sind eben schon auch immer da gewesen.

Erzähl mal von dir selbst...Du warst früher schon mal anstrengender, oder?
Hähä, ich selbst war vielleicht schon mal -noch- anstrengender. Mittlerweile bin ich vermutlich musikalisch immer noch anstrengend.
Also ich meine, weil dir ja auch immer so Geschichten anhängen, von Bandinternen Querelen und persönlichen Ausfällen....
Also...es gibt sicher Leute, die schlauer sind. Die das alles schlauer angehen. Aber andererseits, wenn man nicht so schlau ist, und dann auf die Schnauze fliegt, hat man nochmal ne andere Art von Schlauheit, als Leute die von vorne herein schlau waren.
Ich hab halt viel Dreck gefressen, den ich mir aber auch selbst eingebrockt hab. Und mit den Jahren kam dann die Erkenntnis, dass man die Schuld nicht immer bei den Anderen und bei den Umständen suchen kann. Sondern dass es eigentlich NUR an einem selbst liegt.
Ich hab im Gegensatz zu früher ne sehr positive Lebenseinstellung, an die kommt man nur, glaub ich, wenn man nen Weg findet zu sagen, dass alles für irgendwas gut ist. Was man erlebt hat und was man gemacht hat. Die Guten und die schlechten Sachen. Egal was man gemacht hat. Aber ich bereue nichts...oder nur ganz, ganz wenige Sachen. Ich glaub, ich bin inzwischen aber ein wenig reflektierter. Und pass ein bisschen darauf auf, wie lang ich wen vor den Kopf stoßen kann.
Und früher hab ich so gelebt, hab ich so gedacht: „ich werd eh keine 30“. So hab ich mein Leben ausgerichtet und dementsprechend bin ich eben auch durch die Welt gegangen.
Wenn ich mir heute Sachen von früher angucke, was ich zum Beispiel in Interviews gesagt hab, dann pack ich mir schon an den Kopf. Ich hab früher teilweise...garnichts gemerkt. Und viele Dinge waren mir auch einfach egal.

Wie kam das denn dann, dass du plötzlich nur noch allein sein wolltest und deine ganze Kontakte gekappt hast?
Als die Jahrtausendwende kam war ich total frustriert. Für mich hatte das alles nicht geklappt. Manchmal weiß man auch nicht, woran das liegt dass man das Licht am Horizont einfach nicht mehr sieht. Für mich war alles vor die Wand gefahren. Ich war aber von meiner Einstellung her so, dass ich alles vor die Wand fahren musste. Ich konnte nichts... Gutes machen. Es musste immer alles scheitern. Wenn ich das so im Nachhinein betrachte, wie das alles gelaufen ist.
Es gab immer erst einen Aufwind, und ich musste das dann alles kaputt machen. Die Band war ja auch total enttäuscht darüber. Die dachten, es geht jetzt los. Und ich hab gesagt, ich will jetzt nicht mehr. Mit District und dem Dirty Faces Laden wars ja damals genau so.

Du warst dann ja ne Zeit lang ganz schön am Ende. Wie kam´s damals zu deinem...Umbruch? Gab´s damals ein Schlüsselerlebnis, wo du dir dachtest: „So wie ich jetzt lebe, geht’s nicht weiter?
Na, das war schon zwangsläufig. Das war damals so ne Zeit, wo ich mich mit allen möglichen Leuten überworfen hatte und mich immer tiefer in so ne Welt manövriert hatte, wo´s eigentlich keinen Ausweg mehr gab. Ich hab dann alle meine Kontakte abgebrochen. Und ich glaub, Weihnachten 2005, da kam dann der Wendepunkt. Wenn ich das an einem Erlebnis fest machen kann, oder an einer Zeit, dann war das wohl Weihnachten 2005. Ich war in nem Obdachlosenheim in Berlin gestrandet und hatte Wochen lang, Monate lang mit keinem mehr Kontakt.
Und da hab ich mich dann entschieden, zu ner guten Freundin hier in´s Ruhrgebiet zu fahren. Ich hab aufgehört zu trinken und bin dann auch wieder auf Tour gegangen, mit den Spittin Vicars. Das war natürlich ein Sprung ins kalte Wasser, das war den Jungs wohl auch garnicht so bewusst wie mir. Das hat mich aber wieder zurück ins Leben geholt.

Was hat dir denn beim Durchhalten geholfen, das alles so hin zu kriegen?

Auch da natürlich wieder Freunde, die für mich da waren. Und auch... die Musik. Und das Singen. Nicht irgendwelche Punkrock-Sachen, denn dazu hatte ich keinen Zugang mehr. Die Tour mit Spittin Vicars hat mir trotzdem geholfen, weil ich da auch wieder unter Menschen gekommen bin. Und weil ich wieder ne Aufgabe hatte, weil ich unterwegs war und mich verhalten musste. Es war nicht unbedingt so, dass ich genau diese Musik zu diesem Zeitpunkt spielen wollte....obwohl das ne großartige Band ist. Aber was mir geholfen hat war die Musik an sich, und vor allem die Musik von Hank Williams.
Also wenn ich an die Zeit in diesem Obdachlosenheim denke, oder vorher war ich auch nen Monat lang in ner leeren Wohnung in Berlin. Da hab ich ausschließlich Radio gehört, und hatte wieder so nen kleinen Radiorecorder, mit dem hab ich mir eben Kassetten aufgenommen, da gab es so gute, regional -Sendungen. Und da hab ich z.B. auch die Musik von Neil Young nochmal neu für mich entdeckt. Und meine halb fertigen Demos durchgehört. Danach hab ich erst angefangen, diese Art von Musik wirklich vor Publikum zu spielen. Das hatte ich vorher nur mit Long Shot Hooky gemacht, in langen Nächten haben wir diese Songs gespielt, ohne Publikum, nur für uns.

Aus manchen deiner Texte könnte man ja schon nen religiösen Hintergrund raus lesen, ich hab dich auch schon mal christliche Lieder covern hören...
Gehört das zum Gesamtkunstwerk? Oder bist du echt gläubig?

Also religiös bin ich ganz sicher nicht. Aber ich hab schon so ne spirituelle Seite an mir entdeckt, und das scheint vielleicht manchmal so durch. Ich beschäftige mich in meinen Texten schon oft mit Tod und Verlust. Ich bin ja kein Protestsänger, ich hab zwar Respekt vor Leuten, die DAS machen.
Aber die Texte, die jetzt auf der Platte sind, die sind geprägt von einer Zeit, wo ich sehr nach innen geschaut hab. Wo ich Probleme mit mir selbst hatte und auch an Grenzen gestoßen bin. Auch an lebensbedrohliche Grenzen. Ich glaub, wenn man an den Punkt kommt wo man merkt, dass man einfach nicht mehr weiter kommt in dieser Welt, dann merkt man, dass da schon noch was ist.
Aber ich bin nicht getauft und lehne Religionen, vor allem die Katholische Kirche, absolut ab. Kommt für mich überhaupt nicht in Frage.
Spiritualität ist für mich das, was für den Menschen NICHT greifbar ist. Kirchen und Religionen, und die, die darin organisiert sind, versuchen aber genau das und sind deshalb zum Scheitern verurteilt. Sie stellen sich über die Menschen und instrumentalisieren ihre Sehnsüchte und vor allem Ängste für ihre Zwecke. Ich bin als Atheist in einem sehr katholischen Kleinstadt Milieu aufgewachsen und habe diese Mechanismen schon früh zu spüren gekriegt. Du findest auf meiner Platte einige klare Absagen an genau diese Strukturen, wenn du genau hinschaust, zum Beispiel an diese ganze „gut“ und „böse“ Aufteilung. Andere Fragen, die die Kirche zu beantworten versucht, lasse ich lieber offen, bis zu meinem Tod. Ich denke, dass ist die bessere Strategie. Das Thema an sich ist mir also nicht fremd, wobei ich natürlich versuche diese eindimensionale „Scheiß Kirche, Scheiß Staat, Scheiß Bullen“ Polemik zu umgehen.

Aber du hast Recht, und das ist vielleicht das verwirrende daran, ich bediene mich vieler dieser religiös vereinnahmten, geistigen Bilder. „The Third Song“ ist zum Beispiel musikalisch von einer Passage aus Franz Schuberts`„Ellens dritter Gesang“ inspiriert, besser bekannt als „Ave Maria“. Gospel hat eine starke Wirkung, nicht nur auf mich. Ich denke die darin enthaltenen Bilder und den Ausdruck des Glaubens, hat es schon vor den modernen Weltreligionen in anderen Formen gegeben. Oft ändern sich nur die Begrifflichkeiten. Ich denke z.B. auch, dass die Bibel ein interessantes Buch ist in dem viel Wahrheiten stecken, wenn man sie als das sieht was sie ist: Eine über Jahrtausende zusammengetragenes, von Menschenhand geschriebenes Märchenbuch. Ich kann mich als freier Mensch dessen bedienen, eben weil ich keinen Respekt vor den angesprochenen Institutionen hab.
Wenn ich das von dir angesprochene „I saw the light“ live spiele, gibt es meinem Set oft eine erstaunliche, positive Wendung, und selbst der Nietenpunk mit Crass T-shirt singt mit. Lediglich das Wort Jesus fällt in der ersten Strophe weg. In meiner Version heißt es „Hank Williams came like a stranger in the night“. Das passt für mich besser, in verschiedener Hinsicht.
Ich kann zum Beispiel auch in vielen buddhistischen Weisheiten für mich viele Wahrheiten entdecken, die nicht so sehr religiös ist, sondern aus dem Leben selber kommen.
Aber natürlich sind wir eben als Europäer in unserem Weltbild alle doch irgendwie christlich geprägt, unfreiwillig, ob wir die Kirche nun ablehnen oder nicht. Als Kind durfte ich gar nicht in die Kirche, und wenn doch mal, hab ich diesen komischen Keks nicht bekommen wie alle Anderen. Zusammen mit dem einzigen türkischen Mädchen im Dorf war ich meist auch vom Religionsunterricht ausgeschlossen. Deshalb hab ich mir meinen eigenen Jesus gebastelt.
Dann kam Punk und das ganze war für mich ohnehin erstmal passé. Aber mittlerweile fang ich auch wieder an, mehr nach außen zu schauen. Und hab ganz neue Gedanken und Ideen im Kopf. Und darüber schreibe ich auch. Und ich glaub auch, dass ich mich in der nächsten Platte wieder mit ganz anderen Dingen auseinander setzen werde.

Was war denn eigentlich mit deinen vielen guten Vorsätzen? Kein Kaffee mehr, nicht mehr rauchen...ist ja alles schon wieder weg!
Damit hast du dir die Frage ja schon selbst beantwortet...
Wie geht das denn weiter?
Na ich merk das ja selbst, dass ich für sowas sehr anfällig bin. Ich hab neulich zu jemandem gesagt, dass ich grade das Gefühl hab mich so Stück für Stück wieder zurück zu entwicken ....und die Antwort war: „aber so komplett zurück entwickeln musst du dich jetzt nicht...!“ Und der Typ kannte mich noch nicht mal sooo lang. Ich weiß aber auch, dass ich zu viel Verantwortung trage, um mich wieder total gehen zu lassen. Und ich möchte auch nicht mit über 30 noch so´n Opfer sein, dass ich anderen Menschen zur Last falle. Und das ganze Selbstmitleid, das ja mit dem Drogenkonsum so oft einher geht... würd mir jetzt wohl auch nicht mehr so gut stehen. Darum pass ich da ein wenig auf.

Also bist du willensschwach? Und vergnügungssüchtig?
Beides! Total! Jeder Mensch ist ja in manchen Sachen willensstark und in anderen nicht. Es gibt ganz wenig Menschen die in allen Bereichen keinen Willen haben oder sich immer total beherrschen können. Und ich weiß halt mittlerweile, dass ich einfach dieses Junkie-Gen hab. Und kann damit umgehen. Mal mehr, mal weniger. Das heißt jetzt nicht, das ich mit Heroin experimentiert habe, sondern dass mir ALLES was ich anrühre nur allzu leicht das Genick brechen kann. Ich kann das Maß nicht finden, wenn sich der Schalter erstmal umgelegt hat. Deshalb war ich die letzten drei Jahre komplett clean. Aber ich muss halt auch immer wieder was anders machen in meinem Leben. Das ist nicht nur in der Musik so.

Wie heftig ist das denn eigentlich, alleine auf ne Bühne zu gehen? Wolltest du mal deine Grenzen testen? Warst du anfangs sehr nervös?
Also wenn ich mir das jetzt im Nachhinein so ansehe, find ich das eigentlich auch unglaublich. Aber in dem Moment, als ich das zum ersten mal gemacht hab war das doch das einzig Mögliche.
Also die Phase, in der ich angefangen hab alleine zu spielen war jetzt nicht unbedingt die Hoch-Zeit in meinem Leben. Das war eigentlich zeitgleich mit so ner Phase, wo ich mich aus nem ziemlichen Loch befreit hab... das war irgendwie so mein Weg da raus. Und da hat es eben einfach so dazu gehört, endlich wieder anzufangen, Musik zu spielen. Und zu singen. Und ich hatte da halt grade keine Band. Ich hab zwar immer mal wieder was gemacht, hab´s auch immer wieder mit Bands versucht. Das hatte alles nicht geklappt...und so kam das in dem Moment für mich ganz natürlich. Ich hatte nichts zu verlieren. Wobei ich auch bei einigen frühen, akustischen Gehversuchen musikalische Rückendeckung hatte, zum Beispiel von Smail und Hooky.
Aber wenn ich mir das jetzt so angucke, dass so viele Leute zu mir kommen und sagen: „Oh krass, dass du das machst, so ganz alleine...“ denk ich mir jetzt inzwischen und mit etwas Abstand auch: „oh, krass!“

Hast du denn keine Angst dass du mal abends in nen Laden kommst und die Veranstalter sind alle doof, Gäste komisch, du findest keinen mit dem du n alkfreies Bier trinken kannst und alles ist scheiße?
Na ja, das ist mir natürlich öfter schon mal passiert, dass ich irgendwo gestrandet bin, wo alles scheiße war. Wo ich mitten in der Nacht los gelaufen bin, 20 Kilometer bis zum nächsten Tag, von Belgien nach Frankreich rüber, weil kein Zug mehr fuhr. Oder dass ich irgendwo hin gekommen bin und das Publikum mich nicht so freundlich aufgenommen hat.
Manchmal hol ich das Publikum auch auf einer anderen Ebene ab. Wenn ich zum Beispiel merke, dass da viele besoffene Leute sind, denen die Musik eigentlich relativ egal ist und die mich anpöbeln während ich spiele, lass ich die Songs, die eher die verletzliche Seite zeigen weg, dann spiel ich ein paar Songs oder das ganze Set einfach ein wenig aggressiver. Weil ich selbst dann auch böse werde... und wo den Prolls dann vielleicht auch die Spucke weg bleibt.
Aber letzten Endes, wenn man auf ner Bühne steht ist das eigentlich wie im alten Rom, mit den Gladiatoren. Da hast du das Publikum und das hält entweder den Daumen hoch, oder den Daumen runter. Und wenn dich keiner sehen will, bist du raus....aus dem Geschäft. Sag ich jetzt mal ganz blöd. Ob man das jetzt kommerziell betreibt oder nicht.
Aber natürlich legt man´s drauf an, dass es den Leuten gefällt. Aber ich mach das so auf meine Art, ich bin nicht so dass ich da so Kalauer erzähle oder sowas.

Wer kümmert sich denn eigentlich drum, wie du von A nach B kommst? Die Leute, die die Konzerte gebookt haben, also „Muttis Booking“? Oder musst du dir die ganzen Bahnfahrten, Mitfahrgelegenheiten und so selbst raus suchen?
Hähä...also Muttis Booking macht viel für mich. Aber die Bahnfahrten und so organisier ich mir schon meistens selber. Allerdings hat es sich auf dieser Tour bisher kaum so ergeben, dass ich allein mit der Bahn unterwegs war, wie noch vor nem Jahr.
Also da gab´s meistens Leute die mich mitgenommen haben, die mich gefahren haben... zum Beispiel bei den Konzerten nach Mannheim und Augsburg, fährt Mosy, der ehemalige District-Bassist... und er hat mir auch versprochen, sich zu benehmen.
Ich find das auch super dass da jemand dabei ist, der zum Beispiel auch das Merchandising für mich macht. Ich hätte das vorher nicht gedacht aber es ist mir doch relativ unangenehm, den Merch selbst zu machen. Wenn man da erst auf der Bühne steht, und dann ansagt: „Ich hab hier auch noch was zu verkaufen!“ dann ist das doch sehr wie so´n Vertreter....
Aber für mich war das unterm Strich auch wichtig, ne Zeit lang allein unterwegs zu sein. Das war auch so n Ding um wieder klar zu kommen, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Alleine bis ins Baskenland zu reisen und so, das war schon geil.

Ist es denn auch musikalisch besser für dich, dass du dich auf niemanden einstellen musst?

Mal so, mal so. Der Punkt, da allein mit der Gitarre zu stehen...da muss man was mobilisieren. Und wenn du das machen kannst, kommst du klar.
Aber es ist ja auch schon bei der aktuellen Tour so, dass ich sie garnicht komplett alleine mache, und es wird vermutlich die Letzte sein die ich so alleine geplant hab.
Ich merk dass ich Lust verspüre, wieder mit ner Band zu spielen! Ich kann halt nicht immer das Gleiche machen, mich so auf eine Sache einschießen. Da gibt’s andere Leute, die das auch gut machen, die nur die eine Sache machen wollen.... also Motörhead oder Social Distortion, die verbessern sich selbst immer weiter, die haben ihren Nenner gefunden.
Aber die Leute, an denen ich mich orientiere ....also was heißt orientiere... Ich hab halt festgestellt dass ich eher so jemand bin wie Nick Lowe oder David Bowie --nicht, dass ich mich jetzt mit einem dieser Künstler in eine Reihe stellen möchte- aber das beeindruckt mich eben am meisten: Leute, die sich ständig selbst neu erfinden.
Und jetzt hab ich eben ne Zeit lang diese Folk-Musik gemacht, und ich werd sie auch noch weiter machen, weil das einfach meinem Lebensgefühl entspricht. Aber genau wie sich das Lebensgefühl verändert, verändert sich eben auch die Musik. In der ich dann eben auch den Ausdruck davon finde. Ich hab aber auch wieder Bock auf ne tighte Rockband … und ich werd gleichzeitig auch mein Akustik-Ding weiter machen.

Du hast ja schon recht viele Ideen, denkst dir immer wieder was neues aus, was aber, glaub ich, auch viel mit deinen Launen zu tun hat. Wie ist das denn, mit Leuten unterwegs zu sein, die ja selbst nen ziemlichen Dickkopf haben? Also Marc Ader, Uwe Umbruch... die ja selbst ziemlich konkrete Vorstellungen haben.... wie kriegt man das denn hin?
Garnicht! Also, das war früher natürlich immer Zeter und Mordio. Ich muss aber mal sagen, die Konzerte die ich in der letzten Zeit mit 2nd District gespielt hab, waren super. Vor allem weil ich mit Marc Ader auch immer am wenigsten Reibungspunkte hatte, oder zumindest hat es nie an mangelnder Sympathie gelegen. Und wir waren ja jetzt auch alle viel entspannter als noch vor ein paar Jahren. Man wird ja auch einfach entspannter. Ich hab ja neulich sogar mit Uwe auf der Bühne gestanden und wir ham ein paar Songs gespielt. Da gabs im Vorfeld kein böses Wort und im Nachhinein auch nicht... das wär vor 10 Jahren undenkbar gewesen.

Bist du denn so´n Teamwork-Mensch? Oder musst du schon das machen, wonach dir grade ist?
Also, dass ich das grad so alleine mache, hat natürlich schon was damit zu tun, dass ich so meinen eigenen Kopf hab und es schwer finde, das Menschen zu vermitteln....die mir auf so nem Weg dann folgen sollen...wollen...müssen. Keine Ahnung. Daher würd ich sagen, ich bin es nur bedingt. Andererseits würd ich sagen dass man schon auf alle Fälle Freunde braucht .... und dass der Input von anderen Menschen wichtig ist.
Es gab auch ne Zeit, in der ich mich nur um mich selbst gedreht hab. Da war ich überhaupt gar nicht mehr produktiv. Es ist schon wichtig Menschen zu haben, und ich schätz mich schon in der sehr glücklichen Situation Leute zu haben, denen ich so vertraue und die ich so bewundere, dass ich deren Meinung auch mindestens so hoch stelle wie meine Eigene. Und darum ist es mir auch möglich, mit Leuten zu arbeiten, ohne dass es jetzt immer in dem gleichen kleinen Bandverbund sein muss.
Es ist natürlich auch schön, wenn man sich findet, oder wenn man sich lange nicht sieht. Und dann sind die ersten Begegnungen doch meist sehr inspiriert. Und danach flaut das wieder ab, da kommt dann auch wieder der Ärger. Und darum ist es gut wenn man zusammen reist, aber nur ne begrenzte Zeit was zusammen macht. Außerdem weiß ich, dass ich oft schwierig bin, für Produzenten und Mit-Musiker. Und darum, hab ich die Erfahrung gemacht, ist es ganz gut, dass wenn ich mich Leuten annähere, mit Leuten was mache, und bevor man sich wirklich auf den Keks gehen kann, geh ich dann eben weiter. Und so kommt dann auch ne Platte zusammen.

Und so Kooperationen mit anderen Musikern, wie zum Beispiel mit Duane Peters vor ein paar Jahren? Wie kam´s dazu?
In diesem Fall war das halt so dass wir mit Public Toys zusammen mit den US Bombs gespielt hatten, als die grade ihre ersten Konzerte in Deutschland hatten. Und für mich war das wie gesagt endlich, neben ein paar wenigen Anderen, so ne Band, bei der ich mir dachte, ich kann endlich wieder aktuelle Musik hören, die jetzt grade passiert. Und muss nicht dauernd die alten Scheiben hören. Das war ne Band die mich mal wieder richtig vom Sockel gehauen hat und ich fands immer sehr schade dass der Duane selbst von Fans oft musikalisch degradiert wurde, dass er angeblich nicht singen kann, und bei jedem Song die selben Töne rauspresst. Ich finde der singt ganz wunderbar und hat sehr viel Ausdruck und Seele in seiner Stimme.
Und diesen Tom Waits Song mit ihm aufzunehmen war einfach so ne Idee. Dass er auch mal was singt, was nicht ganz so Punkrock-mäßig ist. Und ein Jahr später haben wir dann dazu noch nen anderen Song aufgenommen, damit man daraus ne Single machen kann. Das war so ne einmalige Sache.
Inzwischen hat sich das leider ein wenig verlaufen, hört sich vielleicht auch ein bisschen komisch an, aber die letzten beiden male wo ich Duane getroffen hab war ich selbst so durch den Wind...
Und er eben so komplett nüchtern (nein, DASS hört sich komisch an -anm), er war komplett saniert als wir mit denen 2005 nochmal auf Tour waren. Und ich war total drüber. Das letzte mal, also wir haben dann doch sogar noch mal was zusammen aufgenommen, was aber nie fertig geworden ist, hatte ich ungefähr zwei Wochen nicht geschlafen und war komplett manisch. Ich weiß gar nicht, was der gute Mann mittlerweile für ein Bild von mir hat. Aber wir haben uns seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen. Mal schaun, im November kommen die ja wieder auf Tour, dann werd ich sehen...ob ich da mal vorbei gucke.

Was hast du denn derzeit noch so für Projekte am laufen? Mit wem willst du noch zusammen spielen und wie lang dauert die Tour noch?

Also morgen spiel ich mit Tim zusammen, also TV Smith, ich mach Support, nehm aber auch mein Akkordeon mit. Damit spiel ich sein Set teilweise mit, bei ein paar Songs spiel ich auch zweite Gitarre. Wir treffen uns immer mal wieder, auch jetzt auf meiner Tour, da spiel ich dann auch mal für ihn. Er hat zur Zeit auch keine Band mit dabei, der macht ja auch immer wieder gern was neues. Das find ich so toll an ihm. Man kann ihn ganz oft sehen, mal mit der Garden Gang, mal mit seiner spanischen Begleitband, dann war er mal mit uns, also den späteren Corner Boys auf Tour, dann spielt er wieder ganz alleine. Er sieht halt auch immer zu, dass es spannend bleibt.
Das hab ich mir eben von Nahem angeschaut und mir auch viel davon abgeschaut, was der Mann so auf die Beine stellt. Und wie er das macht.
Und es kristallisiert sich auch bei den gemeinsamen Konzerten mit 2nd District heraus, dass alle Beteiligten zunehmenden Spaß daran haben. Einerseits hab ich mit Marc ja ohnehin eine gemeinsame Geschichte, andererseits hat er jetzt in meinen Augen endlich das ultimative Line-up gefunden! Grade sieht es so aus als würden wir diese Kooperation vertiefen, wobei die Dinge sich angenehm ungezwungen entwickeln und es keinen konkreten Plan gibt.

Hast du noch ein paar letze Worte? Hab ich was vergessen zu fragen?
Mmmmh, wenn dir nichts einfällt… ich denke an Umfang mangelt es diesem Interview nicht. Ich möchte mich viel mehr für dein Interesse und den für mich unerwarteten Zuspruch in eurem Zine bedanken.
Gerne doch! Und Danke an Ändi für die Bilder und Nerven!        Ronja