Audio88 Yassin Halleluja Album CoverAuf einmal ging alles ganz schnell. Nachdem den Berliner Rappern Audio88 & Yassin sich für ihr Erfolgsalbum "Normaler Samt" im letzten Jahr viel Zeit gelassen haben, erscheint morgen mit "Halleluja"der Nachfolger. Dazu haben wir uns ein bisschen gemeinsam an den einzelnen Liedern abgearbeitet.

Zur Feier des Tages gibt es hier bereits eine Kurzfassung des Interviews. Was die Rap-Nörgler an Punk Scheiße und an Cloudrap gut und wie sie es mit der Religion, die ja das zentrale Thema auf "Hallelujah" ist, halten, erfahrt ihr dann in der nächsten Plastic Bomb Nr. 96.

Am 10. Juni ist euer neues Album „Halleluja“ erschienen. Nachdem ihr euch mit dem letzten Album „Normaler Samt“ ja fünf Jahre Zeit gelassen habt, ging es diesmal ziemlich schnell. Wo nehmt ihr die plötzliche Disziplin her?
Audio88: Ich würde es nicht Disziplin nennen. Da wir jetzt Berufsmusiker sind, haben wir nun etwas mehr Zeit, um Musik zu machen. Diese Zeit haben wir scheinbar großartig genutzt.

Yassin: Das letzte Album ist ja noch nicht so alt. Daher wussten wir bei dieser Platte, was zu tun ist. Es gab keine große Überraschungen und man konnte besser planen. Das hat uns insgesamt den Kopf frei gehalten.

Insgesamt ist das neue Album mit acht Stücken ja sehr kurz geworden. Wäre es nicht besser, es als EP zu benennen?

 



Audio88: Wir selber haben an keiner Stelle gesagt, dass es ein volles Album ist. Wir haben aber auch nie gesagt, dass es eine EP ist. Das kann jeder für sich entscheiden. Für Rap ist das sicher untypisch, so ein kurzes Album zu machen. In anderen Genres ist es das nicht. Wenn Björk ein Album rausbringt und da sind acht Lieder drauf, ist nicht überraschend. Wir sind jetzt zwar nicht Björk…

Yassin: …aber nah dran!

Audio88… aber als wir diese acht Lieder fertig hatten, wirkte die Platte einfach fertig. Man hätte noch drei, vier Songs unmotiviert dazu schreiben können. Wir haben es gelassen, weil es für uns eine runde Platte geworden ist, auch wenn sie nur acht Lieder hat.

Nach dem hören des Titeltracks frage ich mich schon wie ihr es schafft, ohne einen Amoklauf zu starten durch Berlin zu kommen?
Yassin: Wir halten uns an die Regeln. Aber es geht ja wahrscheinlich jedem so. Es hat vielleicht nicht jeder genau diese Maßstäbe im Kopf, die wir da artikulieren, aber das Lied ist ja eine Projektionsfläche für den kleinen Spießer in jedem von uns: Der eine stört sich vielleicht daran, dass die Leute sich beim Husten nicht die Hand vor den Mund halten. Dem anderen ist das egal aber der findet es schlimm, wenn jemand Nikeschuhe trägt. Jeder hat so seine Maßstäbe.

Audio88: Wir haben halt die richtigen Maßstäbe.

Yassin: Ja, unsere kommen halt von ganz oben.



Das Lied „Kohle regiert alles um mich herum“ auf dem neuen Album ist eine Reaktion darauf, dass ihr seit einem Jahr auch kommerziell erfolgreich und ihr von der Musik leben könnt?
Audio88: Naja, davon lebt man ja schlechter, als wenn man wirklich arbeiten gehen würde. Jetzt merkt man erst recht, wie sehr Kohle alles um einen herum regiert.

Yassin: Wir haben nicht so darüber nachgedacht, aber wenn du arbeiten gehst, machst du das für die Kohle. Wenn Du damit aufhörst und etwas machst, was du liebst liebt und darin all deine Energie steckt, aber dabei weniger rum kommt, geht’s noch mehr um Kohle. Dann muss man noch mehr darauf achten, jeden Cent umzudrehen. Im Endeffekt ändert die Entscheidung daran also nichts. Du bleibst in einem Korsett und kannst daran nichts ändern. Man könnte komplett aufs Geld scheißen, aber das ist ja noch schwerer. Auch wenn man die 30 überschritten hat, wird’s immer schwerer und dann holt es einen spätestens mit der Rechnung der Krankenkasse wieder ein. So gesehen bleibt es immer dabei, dass Kohle alles um einen herum regiert.

In welcher Laune warst du, als du das Lied „Jammerlappen“ geschrieben hast, Yassin?
Yassin: Das sind ja zwei Strophen. Eine ist schon so sieben Jahre alt und die zweite Strophe habe ich ein paar Jahre später geschrieben. Aber beides Mal war ich dabei mit mir selbst unzufrieden uns mit dem was ich so leiste, weil ich meinen Ansprüchen nicht gerecht geworden bin. Das waren dann immer diese Abende, an denen man alleine was trinkt. Das bedeutet bei mir immer, dass mich gerade irgendwas beschäftigt. In dem Fall hatte ich dann Glück, dass ich den Song, ohne ihn noch einmal groß umschreiben zu müssen, nochmal aufnehmen konnte. Audio mich dann auch mal dazu gedrängt. So ein Seelenstriptease ist natürlich auch immer ein bisschen unangenehm. Wir haben den dann auch mal live gespielt und dann habe ich gemerkt, dass ich noch dahinter stehe und die Leute ihn auch annehmen. Auch wenn es jetzt etwas nach Klischee klingt: Ich habe es mir einmal von der Seele geschrieben habe und da es jetzt einmal da steht, sehe ich die Sache auch anders. Ein bisschen Selbsttherapie mit deutschem Rap. Und wenn ich sowas kann, gibt es für mich vielleicht auch gar nicht so viel Grund, mit mir unzufrieden zu sein.

In einem Interview zum letzten Album habt ihr sinngemäß gesagt, dass ihr nicht so als die linkspolitischen Zeckenrapper bezeichnet werden wollt. Jetzt veröffentlicht ihr explizite Lieder wie „Weshalb ich Menschen nicht mag“ oder „Schellen“. Gilt das immer noch?
Audio88: So etwas könnte man uns vorwerfen. Das Problem ist viel mehr, dass wir uns bei unseren ersten zwei Alben vor den Karren gespannt und instrumentalisiert gefühlt haben. Da kamen Rückmeldungen wie „Leg ein Feuer“ sei der perfekte Soundtrack, um am ersten Mai Autos anzuzünden. Das ist etwas, was ich einfach scheiße finde. Dafür möchten wir auch keinen Soundtrack liefern. Gerade in diesem Linksrap-Kosmos finden wir die Musik größtenteils sehr sehr schlecht und möchten mit diesen Leuten nicht in einer Reihe genannt werden. Wir behandeln ja auch wesentlich mehr Themen – was aber nicht heißt, dass wir uns nicht selbst als links denkende Menschen sehen und es natürlich auch Themen sind, die aus uns heraus kommen. Wir versuchen aber auch nicht, uns jetzt mit irgendwelchen Menschen zu versöhnen und ein linkes Lied zu schreiben, sondern wir schreiben, was uns einfach persönlich wichtig ist.

Yassin: Man hat ja immer nur bedingt Einfluss darauf, von solchen Interviews mal abgesehen, sich zu positionieren. Wir bieten ja auch nicht die andere Position an, in die man uns bequem hinstecken kann, ohne dass wir damit unzufrieden sind. Aber Zeckenrap war eine Kategorie, wo viele Leute eingeordnet werden, zu denen wir im Vergleich was ganz anderes machen – jetzt mal egal ob man es besser oder schlechter findet. Es ist einfach nicht das gleiche Genre. Und so sehe ich das immer noch. Umgekehrt glaube ich auch, dass Leute aus dieser Kategorie unsere Musik da auch nicht sehen. Viele Sachen von uns sind mit deren Anspruch von Political Correctness wahrscheinlich auch nicht richtig.

Ich glaube, wir haben jetzt alle Lieder abgearbeitet. Das einzige Lied, zu dem mir partout keine Frage einfallen wollte, ist  „Beat Konducta Brandenburg.“ Deswegen drehe ich es einfach mal um und frage euch, was denn eine intelligente Frage zu diesem Lied wäre?
Yassin: Eine gute Frage wäre „Wieso macht ihr einen Song gegen langweilige Boom Bap –Rapper und –Produzenten auf einem langweiligen Boom Bap-Beat?“ Dazu muss man sagen: Boom Bap nennt man diesen 90er-Hiphop-Sound, der mehr sampleorientiert ist und einen simpler ausproduzierten Sound hat. In dem Song geht es eigentlich eher um die Bequemlichkeit einiger Leute, die aus diesem Sound so eine Ideologie oder ein Dogma machen. Man darf nichts anderes mehr machen, weil es sonst kein Rap mehr ist. Dieses Scheuklappen-Denken ist für Rap ziemlich einzigartig.

Das würde ich im Vergleich mit Punk-Diskussionen nicht sagen…

Audio88: Aber bei Rap hat ja die Besonderheit, dass er nur durch andere Musikgenres existieren kann. Gerade in diesem festgefahrenen Boom Bap-Sound ohne ein Soul- oder Funksample würde das gar nicht funktionieren. Dann wird aber so eine künstliche Grenze gezogen, dass zum Beispiel ein Saxophon-Sample OK ist, aber bei anderen musikalische Einflüsse es kein HipHop mehr ist.
Yassin: Wenn man dann Techno mit reinnimmt oder zu viel Electro, ist es Techno oder Electro, wo jemand drüber rappt und nicht mehr real. Da denke ich mir nur, dass die sich mal mit der Kultur, die sie angeblich repräsentieren wollen, beschäftigen sollten.

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Philipp

Am 10. Juni ist euer neues Album „Halleluja“ erschienen. Nachdem ihr euch mit dem letzten Album „Normaler Samt“ ja fünf Jahre Zeit gelassen habt, ging es diesmal ziemlich schnell. Wo nehmt ihr die plötzliche Disziplin her?

Audio88: Ich würde es nicht Disziplin nennen. Da wir jetzt Berufsmusiker sind, haben wir nun etwas mehr Zeit, um Musik zu machen. Diese Zeit haben wir scheinbar großartig genutzt.

Yassin: Das letzte Album ist ja noch nicht so alt. Daher wussten wir bei dieser Platte, was zu tun ist. Es gab keine große Überraschungen und man konnte besser planen. Das hat uns insgesamt den Kopf frei gehalten.