Dieser Oliver! Auf den allerletzten Drücker kam dann doch noch die Freigabe für das Interview. Aber er darf das, denn er ist Jude. Wer sich jetzt fragt, was das für ein dummer Spruch ist, kennt wahrscheinlich Oliver Polak bisher nicht. Sein erstes, autobiographisches Buch trug den Titel „Ich darf das, ich bin Jude“ und erschien 2012. Dort beschreibt der ambitionierte Jogginghosenträger ziemlich schonungslos seine traurige Jugend im tristen norddeutschen Kaff Papenburg. Daraufhin folgte ein Stand-Up-Programm gleichen Inhalts. Mit Oliver Polak wurde sogar Antisemitismus zum Gagfeuerwerk. Die Schattenseiten des plötzlichen Ruhms waren allerdings, dass er irgendwann ausgebrannt war und mit schweren Depressionen in der Psychiatrie landete. Und Herr Polak wäre nicht Herr Polak, wenn er daraus auch nicht wieder ein lustiges Buch gemacht hätte: „Der jüdische Patient.“ Darauf folgte die Stand-up-Tour „Krankes Schwein“ und jetzt, basierend auf seiner neuen Kolumne in der Welt am Sonntag das neue Programm „Supersad.“ Aber vorher gab es noch ein nicht ganz kontroversloses Interview, welches hier auszugsweise erscheint. Komplett erscheint es dann am 24. November in der aktuellen Plastic Bomb #93.

 

 

Du bist Stand-up-Comedian. Deinen Berufsstand haben wir meines Wissens nach noch nie im Plastic Bomb-Interview. Vielleicht beschreibst du mal deinen heutigen Tag, damit die Leserinnen und Leser ein Bild davon bekommen, wie dein Alltag aussieht.

Nicht so interessant. Ich bin heute erst um vier Uhr eingeschlafen, weil ich spät aus Köln wieder gekommen bin. Dort habe ich im Rahmen des Comedy-Festivals mein Programm „Krankes Schwein“ gespielt.
Außerdem musste ich meine Kolumne „Supersad“ für die Welt am Sonntag fertig schreiben. Nach dem Aufstehen war ich beim HNO-Arzt und habe meine Schwester getroffen, die gerade in der Stadt ist, und danach bei einem anderen Arzt. Anschließend habe ich rumgehangen und ein Treffen mit meinem Filmproduzenten und meinem Management gehabt und jetzt bin ich hier. Danach fahre ich in die Scheinbar, um ein Plakat aufzuhängen und dort heute auch noch aufzutreten.

Um mal einen Schritt zurück zu gehen: Du bist mit deinem Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ und dem anschließenden Programm „Jud Süß Sauer“ bekannt geworden. Jetzt tritt in deinem Werk deine jüdische Identität eher in den Hintergrund. Hast du dazu einfach alles gesagt?

Das erste Buch war ja sehr bewusst biographisch. Ich habe einfach meine Geschichte mit Humor aufgeschrieben. In Deutschland ist es eigentlich eher so: Der Humor hier ist immer über „die anderen“ und „die da draußen“ definiert. Auch viel über nicht Schadenfreude. Bei mir ist das anders. Das was ich mache, ist eher von Woody Allan oder Sarah Silverman inspiriert. Bei mir gehen die Lacher auf mich und im besten Fall geht der größte Lacher am Ende des Abends auf meine Kosten. So würde ich meinen Ansatz beschrieben. So war das erste Buch. Das Konzept der ersten Show „Jud Süss Sauer“ war auch so ausgelegt: 35 Jahre dumme Fragen – jetzt gibt’s die dummen Antworten.

…und jetzt geht es um deine Depressionen…

Ja, im zweiten Buch „Der jüdische Patient“ ging es eben um meine Depressionen. „Jüdisch“ deshalb, weil der Titel etwas philosophischer Klingt als wenn ich das Buch einfach nur „Der Patient“ genannt hätte. Und im „kranken Schwein“ wird halt alles behandelt: Pädophilie, Sodomie, Rassismus, Antisemitismus… In meinem Leben gibt es immer wieder Schwerpunkte. Die neue Show „Supersad“ ist quasi eine Übergangsshow. Ich lese meine Kolumne, aber auch 20 Minuten neues Stand up und ein kleines Best of. Es geht um alles Mögliche was mich gerade bewegt und was in meinen Gedanken rumschwirrt.

Was ist das Lustige am traurig sein?

Es ist ja nichts Neues, dass Tragik und Komik sehr nah beieinander liegen und die Tragik oft mit Komik zu überbrücken ist. Wenn zum Beispiel jemand gestorben ist, sind zwar alle traurig, aber man sitzt danach auch oft beieinander und erzählt lustige Geschichten über den Verstorbenen und lacht.

Du beschreibst ja häufiger Publikumsreaktionen. Wie waren denn die ersten auf „Supersad“?

Das wandelt sich gerade im positiven Sinne. Mit meinem ersten Buch und meiner ersten Show wurde ich immer in Kabarettläden gebucht und, ich würde sagen, ich bin vor dem falschen Publikum aufgetreten. Die Leute dachten, dass da der jüdische Kabarettist kam und dann stand ich da. Das war für die schon eine Beleidigung. Ironie wird auch selten verstanden in Deutschland. Die Leute haben nicht das Bewusstsein dafür, in einem Comedy Club oder Kabarettladen sitzen und das, was du da sagst, nicht 1 zu 1 so gemeint sein muss. Wissen ist wichtig, um gute Comedy zu verstehen. Jemand, der kein Wissen hat, sieht in mir nur einen dicken Juden vorm schwarzen Vorhang.
 Ich hab mich selber immer eher in der  popkulturellen Ecke gesehen und einige andere mich auch. Bei meinem neuen Management Beat The Rich, die ja auch Casper, Kraftklub, K.I.Z. und so weiter haben, fühle ich mich da richtig aufgehoben, auch wenn das der steinigere Weg ist. Aber jetzt, durch die Kolumne, das Buch oder auch „Durch die Nacht“ mit Haftbefehl checken die Leute, dass es um Humor und nicht um „das Judentum“ geht. Ich habe in den letzten Jahren auch bewusst Anfragen abgewehrt, bei denen ich meine Meinung zu Israel sagen sollte. Ich finde es viel interessanter von den Leuten zu erfahren, was die so sagen.

Wir haben jetzt schon öfter über deine Kolumne in der Welt am Sonntag gesprochen. Wie kam die zustande? Dort würde man dich ja nicht verorten.

Ulf Poschardt (Anmerkung: Stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag) ist Fan und bot mir an, bei deinen schreiben und tun zu können, was ich will. Das ist für mich wichtig, weil man ja auch oft zensiert wird, zum Beispiel bei Fernsehsendungen. Da sagt mir aber keiner, was ich darf und was nicht. Natürlich gibt es Leute, die sich darüber aufregen, dass es bei Axel Springer ist. Hey, Tocotronic ist auch auf dem Titel vom Rolling Stone und das ist auch Springer. Und ich finde, die BILD-Zeitung ist immer noch was anderes als die Welt am Sonntag. Manchmal finde ich die Süddeutsche ehrlich gesagt fragwürdiger als die Welt.

Was könnte kommen, wenn du das Thema Depressionen durch hast?

Es ist ja wie gesagt kein Thema, sondern dass, was mich beschäftigt. Ich kann ja nur über Dinge sprechen, die mich interessieren und überlege mir daher vorher keine Themen. Ich weiß schon, worum es in meinem nächsten Buch geht, das in anderthalb Jahren rauskommen wird. Ich verrate es aber noch nicht. Und meine nächste Stand-up-Show hat es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben. Ich kann aber auch nicht mehr verraten.

Wer Oliver in den nächsten Tagen live sehen will, kann das überall hier tun:

8.11.2015 Berlin Scheinbar
12.11.2015 Hamburg Uebel & Gefährlich
19.11.2015 Frankfurt/ Main Brotfabrik ticket
20.11.2015 Nürnberg Club Stereo
21.11.2015 Wien Rabenhoftheater
22.11.2015 München Ampere
23.11.2015 Solothurn Kofmehl
24.11.2015 Basel Häbse Theater
25.11.2015 Zürich Papiersaal

Karten und weitere Infos unter http://www.oliverpolak.de/