Hier und an dieser Stelle nun das recycelte Interview mit den AGGRESSORS BC aus der #89...

AGGRESSORS

 

Von der „neuen“ (neu in Anführungszeichen deshalb weil das gute Stück nämlich ursprünglich (allerdings nur auf CD) schon im August 2013 erstmalig veröffentlicht wurde) Platte der AGGRESSORS ("The tone of the times") ist nicht nur der Micha in seinem Review ziemlich begeistert. Die Band ist in musikalischer und textlicher Hinsicht auch wirklich mehr als fitt, tanzbar und dazu noch schlau in Personalunion sozusagen. Die 5 Herren und die Dame kommen übrigens aus dem nordirischen Belfast. Einer Stadt mit Geschichte, in welcher der Nordirlandkonflikt (englisch The Troubles, irisch Na Trioblóidí) auch heutzutage noch unter der Oberfläche brodelt und dessen Nachwirkungen bis zum heutigen Tag in vielerlei Hinsicht eine Rolle im Alltag der Menschen spielen. Die Herkunft der Herrschaften ist insofern nicht ganz unwichtig, da sie sich in ihren Texten unter anderem auch ziemlich kritisch mit der sozialen und politischen Lage ihres Landes und ihrer Stadt auseinandersetzen. Hört euch nur beispielsweise mal den Song „Hope“ oder „29“ Years an. Trotz der Beschäftigung mit mehrheitlich eher ernsteren Themen und der Tatsache aus Titanic Town zu stammen, wirken die AGGRESSORS aber nie entmutigt. Die Grundhaltung ist immer vorbildlich kämpferisch. Grund genug um den grundsympathischen Kollegen via ein paar flapsiger Fragen mal etwas mehr auf den Zahn zu fühlen. (Wirklich ausführliche) Rede und Antwort stand Sänger /Gitarrist Marty und geführt wurde das Ganze per E-Mail von Micha (hier geht es zu Michas Review...) und mir.

 


PB: Auf eurer Facebook-Seite steht geschrieben, dass ihr euch 2009 erst nach vielen Diskussionen gegründet habt, worum ging es denn bei diesen Diskussionen?

Marty: Naja, alle Mitglieder der AGGRESSORS spielen, oder haben zumindest zuvor in anderen Belfaster Bands gespielt. Ich selbst habe beispielsweise bei der Streetpunk Band RUNNIN' RIOT (2002-14) gespielt. Dan der Drummer und Keyboarder Cormac verdingen sich noch zusätzlich bei der Hardcorepunk Kapelle 1000 DRUNKEN NIGHTS die Zeit. Unser Bassist Steve spielt noch bei einer zehnköpfigen Ska-Punk Combo mit Namen POCKET BILLARDS und Sauce spielt ebenfalls Gitarre bei einer authentischen Reggae-Band namens BOSS SOUND MANIFESTO. Wir sind alles gute Kumpels und kennen uns alle bereits ziemlich gut aus der Szene von Konzerten etc.. Es gab da vor 5 Jahren eine Zeit, in welcher ich mit Dan unserem Drummer zusammengewohnt habe. Ich hatte einige Ska-Songs geschrieben und die haben wir dann gemeinsam zuhause gejammt. Ich hatte zuvor noch nie mein eigenes Zeug gesungen, aber Dan dachte, dass das Material etwas taugen würde. So haben wir uns schließlich dafür entschieden, dass wir versuchen wollen ein SKA-Projekt auf die Beine zu stellen, welches sich musikalisch doch sehr stark von unseren anderen, bisherigen Punk und Oi! Sachen unterscheiden sollte. Wir tätigten schließlich ein paar Anrufe und alle schienen interessiert zu sein. Wir wussten, dass Belfast einfach eine Band fehlte, welche mit ihrem Sound viele verschiedene Stile wie zum Beispiel schnellen Ska, Reggae, Dub und Rocksteady abdeckt. Wir wollten auf jeden Fall eine Band, in der wir unsere unterschiedlichen musikalischen Einflüsse und Erfahrungen einfließen lassen konnten. So mieteten wir schließlich einen Proberaum und nach der ersten Probesession hatten wir bereits 3 Songs. Wir waren uns alle einig, dass wir ausgezeichnet miteinander harmonieren wenn wir zusammen jammen, die Geburt der AGGRESSORS war in Wirklichkeit eher ein großer Spaß.

PB: Es gab mal eine Zeit in welcher der Nordirlandkonflikt auch in Deutschland die Nachrichten und Reportagen der Mainstream-Medien füllte. Heutzutage ist es hierzulande in den Medien eher still geworden. Unsere Leser, gerade die jüngeren, werden wahrscheinlich beispielsweise recht wenig mit dem Begriff „Peace Line“ anfangen können. Könnt ihr uns etwas über das alltägliche Leben in den Arbeitervierteln von Belfast erzählen?

Marty: Belfast ist eine uralte Industriestadt. Der Ursprung des Namen der Stadt ist gälisch. „Beal Feirste“ bedeutet übersetzt ungefähr soviel wie Mündungsbereich oder an der Flussmündung gelegen. Die ärmeren Arbeiterviertel trennt auch heutzutage immer noch eine tiefe religiös motivierte Kluft voneinander. Es gibt die Loyalisten und Unionisten auf der einen Seite und auf der anderen Seite stehen die Gemeinden der irischen Nationalisten. Die jeweiligen Gebiete sind zum Teil durch 30 Fuß (über 9 Meter) hohe Mauern aus Stahl und Beton voneinander getrennt, was Angriffe jedweder Seite verhindern soll. Ich bin in einem dieser irischen Arbeiterviertel aufgewachsen. Meine Familie war weder besonders religiös noch politisch. Meine Eltern haben wirklich ihr bestes versucht um uns stets aus diesem Konflikt rauszuhalten. Während unserer Kindheit waren Armee-Patrouillen auf den Straßen völlig normal und jede Nacht flogen Hubschrauber mit Suchscheinwerfern durch die Luft. Jede Menge Schießereien, Attentate und Bombenangriffe und all das fast täglich und dazu nachts noch Loyalistische Mörderbanden auf den Straßen. Furchterregende, schlimme Zeiten. All das fühlt sich heutzutage verdammt lang her an, fast so lang wie ein ganzes Menschenleben. Ich glaube, dass meine Generation diejenige ist, welche die letzten Tage dieses Konflikts gesehen hat. Das Karfreitagsabkommen wurde im April 1998 unterzeichnet und (durch getrennte Referenden in der Republik Irland sowie Nordirland) bestätigt. Die IRA wurde ein paar Jahre später stillgelegt. Es gibt zwar noch gelegentliche Schießereien und Bombenattentate, aber das ist in keinster Weise vergleichbar damit wie es hier in den 70ern und 80ern abging. Heutzutage haben die Menschen in den Arbeitervierteln Belfasts eher die gleichen Probleme wie alle Menschen überall. Armut, Arbeitslosigkeit und Verbrechen. Es gibt jede Menge gute Menschen dort, aber eben auch einige schlechte Menschen.

PB; ...und wie ist es sonst so heutzutage mit dem Nachtleben im allgemeinen aus? Bleiben die Menschen immer noch in ihren Vierteln und ist die Innenstadt von Belfast auch heute noch zur nächtlichen Stunde wie ausgestorben?

Marty: Belfast bei Nacht ist heutzutage eigentlich wie jede andere Stadt auch, die Clubs und Bars spielen die gleiche Scheiß-Musik wie überall! Allerdings gibt es bei uns andererseits auch noch jede Menge live Musik und die Gelegenheit großartigen irish Trad-Sessions zu lauschen. Tolle Blues-musiker gibt es bei uns übrigens auch noch, obwohl es sicher noch einige Leute hier gibt, die lieber in ihrer eigenen Gegend bleiben. Das ist dann aber auch die Art von Leuten, die glauben das sie für den Besuch der Innenstadt einen Pass benötigen.

PB: Ihr mögt Irish Folk?

Marty: Wir lieben Irish Folk! THE DUBLINERS, CHRISTY MOORE, THE FUREYS, ANDY IRVINE... Ich liebe die Ehrlichkeit in den Texten, außerdem liebe ich einfach Songs übers Saufen!

PB: ...und was ist mit Punk Rock?

Marty: Was mit Punk Rock ist, ich spiele jetzt schon eine ganze Weile Punk Rock und gedenke auch nicht in nächster Zeit damit aufzuhören. Das beste aus beiden Welten, meine beiden musikalischen Lieblingsgenres sind Punk und Reggae.

PB: Zur Zeit der „Troubles“ soll die Skinheadszene in Belfast so gespalten gewesen sein wie der Rest der irischen Arbeiterklasse. Gibt es inzwischen so etwas wie eine überkonfessionelle nicht rassistische Skinheadszene in Belfast?

Marty: Von diesen Skinheads sind heutzutage wirklich nur noch sehr wenige übrig.Von denen waren allerdings auch nur sehr wenige echte Skinheads, das waren mehrheitlich bloß Boneheads. Ich habe viele Geschichten über diese Skinhead Gangs gehört. Zwei sehr bekannte rivalisierende Gangs waren die Castle street Skins und die Shankill road Skins. Die trafen sich Samstags immer in der Stadtmitte um sich aufs Maul zu hauen. Die Skankill Skins hatten den jungen Johnny „Mad Dog“ Adair in ihren Reihen, der irgendwann an einem NF Aufmarsch in Belfast teilnahm und danach in der Nazi Band OFFENSIVE WEAPON spielte. In den 90ern wurde er später ein berüchtigter Pate der loyalistischen Paramilitärs. Wie bereits zuvor erwähnt, das waren alles Klebstoffschnüffler, armselige Kleinkriminelle und Alkoholiker. Heutzutage gibt es einige echte Skinheads bei uns. SHARP Skins und traditionelle Skins und es gibt sogar einige neue Gesichter im Publikum, was echt ein großartiger Anblick ist. Bei uns werden die Faschisten und Boneheads nicht geschont, wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Wir sind Teil einer großen Familie von Freunden! Wir alle spielen schon seit Jahren in irgendwelchen Bands und wir haben bisher auf unserem Weg schon so viele großartige Leute durch unsere Musik, Gigs und Reisen getroffen! Wir haben zudem eine großartige Crew in Belfast, die uns viel Unterstützung auf unseren Gigs entgegenbringt und es außerdem liebt lauthals mitzusingen! We love dem!

aggresso


PB: Ich habe gehört, dass es damals immer Ärger gab, wenn Bands wie beispielsweise die BAD MANNERS in Belfast spielten. Wie sieht das heutzutage aus? Spielt ihr oft in eurer Heimatstadt?

Marty: Sehr wenige Bands hatten damals überhaupt die Eier in Belfast während dieser Zeit zu spielen. Außer einigen Punk-Bands, die im Laufe der Jahre hier aufgetreten sind. Ich glaube, dass in den 80ern die Kids eher Skinheads wegen dieses gewissen Tough Guy Images geworden sind und nicht wegen der alten jamaikanischen Sounds oder des Stils. Ich habe gehört, dass damals während der Punk Gigs für gewöhnlich immer Boneheads aufgetaucht sind um Ärger zu machen. Seinerzeit war das leider glaube ich eine ziemlich alltägliche Angelegenheit. Ich erinnere mich noch, dass man, als ich ein Kind war, viele dieser Skins auf der Castle Street im Bereich der Innenstadt sehen konnte, wo sie allesamt damit beschäftigt waren Klebstoff zu schnüffeln und zu betteln. Viele von den Typen sind heutzutage entweder tot oder chronische Alkoholiker. Belfast selbst ist heute echt ein großartiger Ort um Konzerte zu spielen! Wir helfen dabei unser eigenes Jugendzentrum namens Warzone am laufen zu halten. Wir sind ein Kollektiv von Anarchisten, Musikern und Aktivisten. Wir haben einen Veranstaltungsort mitten in der Stadt und im Laufe des Jahres veranstalten wir dort einige Punk und Ska Konzerte. Die Konzerte der AGGRESSORS sind immer eine gigantische Party. Jede Menge Alk und Tanz. Du hast die BAD MANNERS erwähnt, die spielen hier in heutiger Zeit ziemlich regelmäßig bei uns und bekommen immer eine großartige Resonanz. In Belfast gibt es nämlich wirklich einen ganzen Haufen 2-Tone Fans. Buster Bloodvessel vergaß sogar vor ein paar Jahren mal abzureisen und wurde auf einer Sauftour in Belfast gesichtet und das eine ganze Woche nach dem eigentlichen Gig. Er muss wohl Freunde hier haben.

PB: Belfast wurde in den britischen Medien schon des öfteren als „race-hate capital of Europe“ gebrandmarkt („In the past year there has been a surge in reported attacks on ethnic minorities across Northern Ireland, with figures jumping by 43%. However, the vast majority of race hate crimes (70%) took place in Belfast.“) Eurer Text zum Song „Pflight“ ist ein klares Plädoyer für Menschlichkeit im Umgang mit Einwanderern. Habt ihr eine Erklärung dafür warum es in Belfast zu so vielen rassistischen Übergriffen kommt?

Marty: Das ist wirklich eine gute Frage. „Pflight“ ist in der Tat ein klares Plädoyer für Menschlichkeit. Die Mehrheit der Leute hier ist ganz klar angewidert vom Anstieg dieser Übergriffe und dem damit verbundenen Rassenhass. Traurigerweise ist das Ganze aber keine echte Überraschung. Hass und Bigotterie existieren hier in dieser Gegend schon seit Jahrhunderten. Dieser Hass manifestiert sich nun neu in Form von Rassenhass und Xenophobie. Der Hauptgrund für den Anstieg der Attacken ist Furcht. Furcht, Paranoia, Hörensagen, ein Mangel an Erziehung und Aufklärung und die totale Abwesenheit von Political Leadership („Basierend auf dem jeweiligen politischen Kontext meint Political Leadership das Wollen und die Fähigkeit einer Person oder Gruppe gesellschaftliche Prozesse nachhaltig zu gestalten, wobei gilt: Einhaltung der Menschenrechte, Allgemeinwohl vor Eigennutz und Einbindung der Beteiligten vor Alleingängen.“ (Wikipedia)). Viele der neuen Immigranten sind in loyalistische Arbeiterviertel gezogen, hauptsächlich weil die Mieten dort günstiger sind, obwohl diese Gemeinden eng verbunden und geradezu verschworen und dazu noch sehr misstrauisch gegenüber Außenstehenden sind. Viele dieser Leute wissen auch  nicht, dass diese Areale immer noch von Paramilitärs wie der Ulster Volunteer Force (U.V.F) und der Ulster Defence Army (U.D.A) kontrolliert werden, deren Mitglieder ihrerseits starke Verbindungen zu rechtsextremen Organisationen pflegen. Es gibt in Teilen der loyalistischen Gemeinde diese Mentalität, die ihre Wurzeln ganz klar in der Furcht hat. Eine Furcht, die von unverantwortlichen unionistischen Führern absichtlich eingepflanzt wurde. Sie haben den Menschen erzählt ihre Identität sei in Gefahr und das ihre Kultur erodiere und wenn diese Leute dann sehen, dass eine afrikanische Familie in ihre Straße zieht, schüchtern sie die Menschen ein, greifen diese Leute an, oder vertreiben sie sogar gewaltsam aus der Gegend, weil sie diese Menschen als Bedrohung für ihre Gemeinschaft ansehen. Was selbstverständlich alles Bullshit ist und auch nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, denn eine bunt gemischte Gemeinde ist auch eine gedeihende Gemeinde. Es wäre aber unverantwortlich und auch ziemlich faul von mir zu behaupten, dass dies nur ein Problem der loyalistischen Viertel wäre. Rassismus und rassistische Übergriffe häufen sich im gesamten Stadtgebiet von Belfast. Sowohl in loyalistischen als auch in nationalistischen Gegenden. Leider ist da in nächster Zeit wahrscheinlich auch kein Ende in Sicht. Der Wandel muss auch aus den Gemeinden selbst kommen. Vor allem müssen die Paramilitärs abgesetzt werden und endlich ordentliche Gerichtsverfahren stattfinden und zusätzliche Gesetze gegen diese Form von Verbrechen erlassen werden. Erst letzte Woche musste ich lesen, dass bisher kein einziger Fall von Hassverbrechen durch Belfaster Gerichte abgeurteilt wurde. Sie behaupten einfach, dass es zu schwer sei rassistische Motive nachzuweisen und dass die Staatsanwälte die Anklage deshalb in der Regel auf schwere Körperverletzung oder Einschüchterung beschränken würden. Ich halte das schlichtweg für skandalös! Es gibt allerdings auch viele antirassistische Kampagnen, die versuchen die Menschen in unserer Stadt aufzuklären und zu mobilisieren, was schon ein wenig Anlass zur Hoffnung gibt und mich auch ein bisschen stolz macht. Die Leute müssen einfach endlich aufwachen und aufhören an diese Propaganda zu glauben.

PB: Im Song „29 Years“ beschreibt ihr die Auswirkungen des Konfliktes bis in die heutige Zeit. Ich habe eine relativ aktuelle Dokumentation gesehen in der eine Gruppe  protestantischer Teenager aus Belfast gefragt wurden, ob sie vorhätten einmal zu studieren, worauf sie einhellig antworteten, dass sie lieber ihr Viertel verteidigen würden. Gibt es es zwischen solchen Einstellungen und den Scheiterhaufenritualen und Paraden auch kleine Zeichen der Annäherung, die Anlass zur Hoffnung geben wie beispielsweise mehr interkonfessionelle Beziehungen etc.?

Marty: Natürlich gibt es hier immer noch alte bigotte Traditionen. Traditionen, die auf der Vorherrschaft der einen Menschen über die Anderen basieren. Es gibt so viele Leute, die immer noch in der Vergangenheit leben. Diese Traditionen dienen hauptsächlich dazu Furcht, Paranoia und diese „Wir gegen die Anderen“-Mentalität in die Köpfe der Leute einzupflanzen. Die Marsch-Saison generiert jede Menge Anspannung im Norden und verstärkt dazu auch noch jedes Jahr das religiöse Sektierertum. Diese Paraden sind schon von Natur aus sektiererisch und ärgern jedes mal den katholischen Teil der Bevölkerung. Wenn so ein Marsch verboten wird, gibt es einen Aufruhr und falls der Marsch stattfindet, gibt es selbstverständlich auch Krawall. Es gibt auch noch vieles, was in die Kategorie Markierung von Territorien fällt. Die Flaggen und Wandgemälde, für mich sind das Mahnungen aus der Vergangenheit, die den jungen Leuten einen flüchtigen Eindruck aus der Zeit der Troubles geben. Meiner Meinung nach sollten all diese Paraden verboten werden. Ich denke auch, dass das hissen von Flaggen verboten werden müsste. Die gegenwärtig herrschenden religiösen und politischen Dinosaurier müssen ebenfalls verschwinden! Wir haben immer noch Politiker, welche ernsthaft glauben, dass die Erde erst 6000 Jahre alt ist. Es ist wirklich eine sehr schwierige Situation. Wie können wir vorwärts schreiten ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen? Die Leute, die uns daran hindern, ist die Minderheit der Extremisten. Die Mehrheit der Leute haben einfach genug von dem Bullshit und wollen einfach ihr Leben leben. Es gibt zum Glück mehr und mehr interkonfessionelle Schulen. Viele meiner Freunde haben einen unterschiedlichen Hintergrund und wir kommen trotzdem alle gut miteinander klar. Es gibt viele brillante Community übergreifende Projekte, die versuchen die benachteiligten Jugendlichen davor zu bewahren die immer gleichen Fehler zu machen. Es gibt Hoffnung, es gibt immer Hoffnung!

PB: Euren Texten nach zu urteilen („A.G.G.R.E.S.S.O.R.S“, „A Man They Call Horse“) seid ihr anscheinend zumindest in Teilen der Band dem Konsum von jamaikanischen Heilkräutern nicht ganz abgeneigt. Wie ist denn in Irland generell die Gesetzeslage und hofft ihr, dass die amerikanische Legalisierungswelle eventuell nach Europa schwappt?

Marty: Ha! Ja, in der Tat, einige Mitglieder der AGGRESSORS wissen gutes Weed durchaus zu schätzen. Für uns ist das Teil unseres alltäglichen Lebens. Die rechtliche Situation hier ist einfach Scheiße... Vor einigen Jahren wurde Grass zu einer Droge der Kategorie C runtergestuft, was bedeutete dass du lediglich einen Klaps auf die Finger und oder eine kleine Strafe bekommen hast, wenn du mit ein paar Gramm erwischt wurdest. Dann entschloss sich die Regierung jedoch dazu Weed wieder auf B hochzustufen. Begründet wurde dieser Schritt damit, dass heutzutage neuere potentere Sorten wie beispielsweise Skunk existieren und diese ein deutlich höheres Gefährdungspotential aufweisen würden. Das bedeutet im wesentlichen höhere Strafen und Knast, wenn du dein eigenes Zeug anbaust. Die Cops hier drüben haben in letzter Zeit jede Menge Gewächshäuser in Belfast und Umgebung ausgehoben, was dazu geführt hat dass der Preis für ein Gramm Grünes bei uns derzeit zwischen 12,50 und 15 Pfund liegt. Von Seiten der Cops wird dies selbstverständlich als Fortschritt gefeiert, dabei haben diese Aktionen nachweislich einen Nebeneffekt, nämlich das viele Leute jetzt im Kleinen dealen um ihren eigenen Konsum zu finanzieren. Ich glaube auch, dass der Preis irgendwann wieder sinken wird. Letzte Woche wurde das Budget der Bullen um 51 Millionen Pfund geschrumpft, was über die Hälfte des Gesamtbudgets der Polizei bei uns ausmacht. Ich zweifele sehr daran, dass die Herrschaften fortan mit den Weed-Farmern mithalten können. Belfast ist einfach eine Stoner-Stadt. Durch Waffenlieferungen aus dem Libanon und dergleichen gab es bei uns immer einen stabilen Nachschub an Haschisch, auch in den 70ern, 80ern und 90ern. Wir alle hoffen auf Entkriminalisierung. Der Krieg gegen Drogen ist einfach gescheitert und er führt bloß zur Dämonisierung und Kriminalisierung der Armen! Ich würde es wirklich lieben, wenn in Belfast ein paar Coffeeshops so wie in Amsterdam aufmachen würden. It would help people chill the fuck out! Vielleicht könnte ich auch so einen Laden aufmachen :)

PB: Warum ist Sally eigentlich nie mit dem zufrieden, was sie kriegt („What She Gets“)? Ist Sally eine reale Person, die ihr kennt und wenn ja wer ist diese Person, die euch scheinbar so sehr beeindruckt hat, dass ihr der Dame gar einen ganzen Song gewidmet habt?


Marty: Sally handelt in der Tat von einer realen Person. Ich arbeite Vollzeit in der Kantine eines Altenheims. Ich bin Koch. Wir kümmern uns hauptsächlich um ältere Menschen, die sich in unterschiedlichen Stadien von Demenz und Parkinson befinden und eine unserer langjährigen Bewohnerinnen war eine Lady mit Namen Sally, ein echtes Original. Obwohl sie krank und recht alt war, besaß sie immer noch diesen beeindruckenden, für eine ältere Dame aus Belfast typischen, Kampfgeist und obwohl sie wirklich niemals kooperierte und mein Essen von Herzen hasste, respektierte ich stets ihre rebellische Seite. Egal wie hart ich es auch versuchte es ihr recht zu machen, es reichte niemals aus. Eines Tages sagte ich "that woman never wants what she gets " (diese Frau will nie das was sie kriegt) und dachte dass das mal ein etwas anderes Thema wäre, welches ich in Form eines Songs verewigen könnte. I fuhr von der Arbeit nach Hause, griff meine Gitarre und schrieb den Text und die Melodie. Besagte Lady weiß übrigens nicht, dass ich den Song über sie geschrieben habe. Wenn sie “What she gets” kennen würde, würde sie wohl aller Wahrscheinlichkeit nach sagen, dass der Song ziemlich Scheiße ist.

PB: Wie kam denn eigentlich der Kontakt mit Mike von Mad Butcher zustande?

Marty: Wir haben Joachim vom ReggaeSteadyska Onlinezine angeschrieben und gefragt ob er eventuell irgendwelche Labels kennen würde, die interessiert wären die Platte mitzureleasen. Er schlug Mike von Mad Butcher vor. Ich feuerte ne E-Mail raus und Mike war auch von der Platte angetan, sodass wir  das Album schließlich auf Vinyl pressen lassen konnten.

PB: Ihr spielt am 31. Oktober das erste mal in Deutschland. Was sind den eure Erwartungen hinsichtlich des Gigs und Land und Leute im allgemeinen?

Marty: Im Laufe der Jahre bin ich bereits zuvor schon oft in Deutschland gewesen und ich liebe Land und Leute. Ich habe viele fantastische Freunde aus Deutschland und ich liebe es wirklich dort zu spielen, obwohl das die ersten Gigs der AGGRESSORS in Deutschland sind. Ich weiß, dass die Deutschen Oi! aus Belfast mögen, ich bin gespannt was sie von Ska aus Belfast halten.

PB: Ihr habt im August dieses Jahres auf dem "Anti Racism World Cup“ gespielt, könnt ihr uns ein wenig über diese Veranstaltung erzählen?

Marty: Der "Anti Racism World Cup" ist ein jährliches Fußballturnier, welches das Bewusstsein für das Problem des Rassismus wecken und eine breite Debatte zum Thema anstoßen soll! Nach den Spielen finden auch immer großartige Konzerte statt. Wir hatten schon viele tolle Bands, die dort zum Tanz aufgespielt haben, wie beispielsweise THE OFFENDERS, LOS FASTIDIOS, DEFCON ZERO, THE WAKES und BOSS SOUND MANIFESTO. Es herrscht dort immer eine großartige Atmosphäre. Die Konzerte finden übrigens im Clubhaus des Donegal Celtic FC statt, welches im Westen Belfasts liegt.

PB: Wenn die AGGRESSORS BC keine Band sondern ein Film wären, welchem Genre würde dieser Film angehören , wer würde euch spielen und wer wäre der Regisseur?

Marty: Wenn die AGGRESSORS ein Film wären, würde es wohl eine romantische, tragische Stoner-Comedy sein. Danny Devito würde mich spielen und der Regisseur wäre David Lynch.

PB: Irgendwelche letzten Worte?

Marty: "We're here for a good time ..not a long time" (sinngemäße Übersetzung: „Wir sind hier um eine gute Zeit zu haben - nicht um eine möglichst lange Zeit zu leben“) (COLIN "RIOT" MC QUILLAN 1968-2014 R.I.P)

PB: Danke fürs Interview und für die wirklich ausführlichen Antworten!

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-Interview von Basti und Micha-     

hier gibt es noch einige Exemplare der "The Tone Of Our Times" LP...

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