ACHTUNG: Dies ist kein aktuellen Interview, sondern eines von 2006. Wer ein ganz aktuelles Interview mit NEUROTIC ARSEHOLES-Sänger Dierk lesen möchte, kauft sich am Bahnhof eine Ausgabe von PLASTIC BOMB #91 !!! Ganz neu ist auf PLASTIC BOMB RECORDS die erste NEUROTIC ARSEHOLES LP "Bis zum bitteren Ende" als Neuauflage erschienen.

Ein Platz in der Historie des Punkrocks ist den NEUROTIC ARSEHOLES wohl bis ans Ende aller Tage sicher. Die Band aus Minden spielte zwischen 1980 und 1986 einen unvergleichlichen Stil. Punk, klar. Aber auf einer höher gelegenen Ebene als die oft recht einfach gestrickten Hauruck-Combos jener Tage. Oft schnell, energisch, mit einer einzigartigen Gitarre, intelligenten deutsch- wie englischsprachigen Texten und einem Gesang, den man unter tausenden anderen Stimmen problemlos wiedererkennen kann. Die ARSEHOLES waren ihrer Zeit weit voraus, passten so gar nicht in das Klischee aus Holzhammer-Deutschpunk und dauerbreiten Chaostage-Destroy-Punks mit ihrer öffentlich zelebrierten Selbstzerstörung.

Der Mut zu musikalischen Experimenten und Vielfalt zahlte sich aus. Die beiden LPs "Bis zum bitteren Ende" (1983) und "Angst" (1985) werden auch noch in 20 Jahren zu den Klassikern gehören, da bin ich mir sicher. Eine besondere, aussergewöhnliche Punkband wird man in jeder Dekade zu würdigen wissen. Solltet ihr sie noch nicht besitzen, so empfehle ich euch dringend euren Geldbeutel zu plündern.

Seit ihrer recht überraschenden Tour 1998 haben die NEUROTIC ARSEHOLES kein Konzert mehr gegeben. Und seitdem gab es auch keinerlei Interviews und Berichte mehr über die Band. Mehr zufällig traf ich ihren Ex-Bassisten Zahni auf einem Punkkonzert im "Stumpf" in Hannover. Ich glaube es war beim Gig von NEIN NEIN NEIN und der BILANZ. Wir unterhielten uns ein wenig, nichts Weltbewegendes. An diese Begebenheit, die rund ein Jahr zurückliegt, erinnerte ich mich kürzlich. "Warum nicht einfach mal was über die NEUROTIC ARSEHOLES bringen?", dachte ich mir. An einem brütend heissen Tag Anfang Juli setzte ich mich in den Zug nach Hannover und besuchte Zahni in seiner Wohnung zusammen mit meinem Kumpel Micha K., der mich netterweise mit 2 Fahrrädern am Bahnhof abholte und begleitete. In der Dachgeschosswohnung bei ca 80° und ein paar gut gekühlten Bieren führten wir das Interview. Es ist ganz interessant geworden, wie ich finde. Die Band ist übrigens NICHT wieder aktiv, damit da keine Missverständnisse aufkommen. Es gab KEINEN konkreten Anlass wie eine neue Platte, Tour oder Reunion. Das Interview kam einzig und allein zustande, weil Zahni und ich da Bock drauf hatten.


Wie und wann kam es zur Bandgründung? Seid ihr Schulfreunde gewesen? Oder wie habt ihr euch kennen gelernt?
Unser Gitarrist Kurt und ich waren Schulfreunde. Wir kannten uns seit der Grundschule. Später haben wir die Sendung "Rock Today" von John Peel auf BFBS entdeckt. Das war damals der Einstieg für fast alle. Die SEX PISTOLS kannten wir schon vorher aus der BRAVO. Fanden wir erst furchtbar, aber dann kam die "God save the queen"-Single, und die Post ging ab.
So früh seid ihr schon zum Punk gekommen?
Ja. Das war 1978. Ich war damals SWEET-, KISS- und AC/DC-Fan. Ein Freund von mir besaß die SEX PISTOLS Single. Die wollte ich aber erst gar nicht hören, weil die Typen so Scheisse aussahen. Dann hat mich das Teil aber echt überrollt. Ich bin sofort mit dem Fahrrad in die Stadt gerast und hab mir die ersten beiden SEX PISTOLS Singles geholt. Das war die Initialzündung.
Wahnsinn. Ich bin durchgedreht. Dann kam die Radiosendung von John Peel. Samstags nach der Schule ging es immer sofort schnell nach Hause, denn die Sendung begann um 12 Uhr. Dadurch haben wir immer neue Bands kennen gelernt. Kurt und ich haben daraufhin angefangen, bei Kurt im Keller zu proben. Kurt hatte 1978 eine Gitarre von seiner Oma geschenkt bekommen. Er hat Gitarre gespielt, ich hab gesungen. Zu der Zeit haben wir den Song "I saw you die" gemacht, aber sonst nur Sachen, die wir später bei den ARSEHOLES gar nicht mehr verwendet haben.

 


Hast du noch Aufnahmen aus dieser Zeit?
Klar, 1.000 Tapes. Die hab ich auch nie weggeschmissen. Dann ging das los mit Punkrock in Minden. Plötzlich haben wir auch andere Leute getroffen, die mit Punk zu tun hatten. In Minden gab es eine Disco, die hieß "Musikbox". An einem Tag in der Woche lief nur Punkrock. Da konnten wir auch Platten mitbringen, und die wurden dann gespielt. Unser späterer Sänger Zombie lief da auch ständig rum. Eine ziemlich beeindruckende Erscheinung. Man hat sofort gemerkt, dass der nicht vom Gymnasium kommt, nicht aus "normalen" Verhältnissen wie wir. Wir kamen aus bürgerlichen Verhältnissen, und er war einfach Punk. Shorty meinte "Der Typ ist cool, den sprechen wir an". So ergab eins das andere. Er kam vorbei, und es hat gepasst.


Seid ihr alle ungefähr in selben Alter gewesen?
Nein, Shorty war der Jüngste mit 13 oder 14 Jahren. Wir anderen waren schon um die 18. In dem Alter ist das eine ziemliche Diskrepanz. Als wir unsere ersten Aufnahmen in Berlin gemacht haben, da brauchte er noch ein Schreiben von seinen Eltern, damit er über die DDR-Grenze reisen durfte.
Ich hab mal gehört, dass er gar nicht von zuhause aus mitfahren durfte, sondern sich für die Aufnahmen rausschleichen musste.
Nee, das stimmt nicht. Das haben wir schon offiziell gemacht, und die waren damit auch einverstanden. Die Eltern mussten sich schon erst mal dran gewöhnen. Punkrock, Musik, und dann noch ältere Typen, die was mit ihm zusammen machen wollten... Aber die Eltern waren total nett.

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?
Der entstand bevor Kurt und ich überhaupt im Keller geprobt haben. Kurt wollte damals mit einem anderen Freund zusammen was starten. Die sind zusammen auf den Namen gekommen, haben sich dann später aber im jugendlichen Leichtsinn zerstritten und 2 Jahre lang kein Wort mehr miteinander gewechselt. Der Name NEUROTIC ARSEHOLES stand die ganze Zeit im Raum. Kurt und ich haben den dann aufgegriffen und übernommen. Ich hab mir später einen Bass gekauft, so dass wir ein paar Monate alleine mit Bass und Gitarre weitermachten, bevor Shorty am Schlagzeug dazukam.
Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass ihr die Band Arseholes nanntet statt Assholes?
(lacht) Wir waren halt auf dem Gymnasium. Im Englisch-Leistungskurs wurde eben britisches Englisch gelehrt. Ass kannten wir damals definitiv nicht, wir kannten nur Arse. Die Frage wird mir von vielen Leuten immer wieder gestellt.

Waren eure Einflüsse eher bei deutschen oder bei ausländischen Bands zu suchen?
Das waren schon eher ausländische Bands. Wir fanden aber auch einige deutsche Bands ziemlich gut. Kurt und ich haben zu der Zeit auch angefangen, ein Fanzine zu machen. "PARANOID" hieß das 1978. 10 Stück (die jeweilige Auflage der ersten beiden Nummern) hat immer der "RIP OFF"-Plattenladen in Hamburg genommen, das weiss ich noch. Jedenfalls haben wir für das Fanzine hauptsächlich deutsche Bands angeschrieben. Die BUTTOCKS haben geantwortet und viele Livefotos mitgeschickt, das war für mich ein grosser Hammer. Ansonsten haben wir über Bands berichtet, die uns beeindruckt haben. Und das waren halt hauptsächlich englische Bands. U.K. SUBS, STIFF LITTLE FINGERS, LURKERS,... Kurt war später auch schwer von BAD BRAINS, DICKIES und so beeinflusst. Ab 1982/83 konnte man auch viele Bands live sehen. BLACK FLAG, TOXOPLASMA, BAD BRAINS, SLIME, M.D.C., DEAD KENNEDYS,... M.D.C. war das Härteste, was ich damals überhaupt erlebt habe. Unbeschreiblich... Wir sind oft nach Hannover gefahren, in die "Rotation", später in die "Korn". Auch in Minden gab´s Punkkonzerte und im "Hyde Park" in Osnabrück.

Wie kam bei den NEUROTIC ARSEHOLES dieser Mix aus deutschen und englischen Texten zustande? Das ist ja eher ungewöhnlich. Meist entscheidet man sich als Band für eine der beiden Varianten.
Zu Beginn haben wir zu Zweit im Keller immer nur englische Texte gemacht. Mit unserem "Langenscheidt"-Englischwörterbuch in der Hand. Ich weiss auch gar nicht genau warum das so war. Vielleicht lag es daran, dass 1978 noch gar nicht so viele Bands mit deutschen Texten am Start waren. Bis die erste SLIME rauskam, hat es ja auch etwas gedauert.
Und selbst die hatten mit englischen Texten angefangen.
Die erste DAILY TERROR-Single war auch relativ früh. Der Rest war halt sehr von England und Amiland beeinflusst. Später sind wir dann auf deutsche Texte umgestiegen, haben aber noch die älteren englischen Texte, die wir gut fanden, mit übernommen. Diese Lieder kamen noch mit auf die erste LP "Bis zum bitteren Ende". Die 2.LP war dann ja komplett deutschsprachig. Kurt hat dabei mehr Texte als unser Sänger gemacht. Er war definitiv unser musikalischer Kopf. Alle Songs stammen von ihm und 60-70% der Texte.

Noch vor der ersten LP waren von euch 3 Songs auf dem Sampler "Soundtracks zum Untergang Vol. 2" und 3 weitere auf dem Sampler "Underground Hits 1". Beide erschienen 1982 auf AGGRESSIVE ROCKPRODUKTIONEN. Wollte Karl Walterbach von AGR euch erst testen, bevor er eine komplette LP mit euch machte? Oder hatte ihr erst 1983 genug Lieder zusammen?
Kann schon sein, dass er uns testen wollte. Dass wir Walterbach getroffen haben, war schon ein komischer Zufall. Zombie war in Berlin und traf ihn in einer Kneipe. Er hat ihm dann unser Demo zugesteckt. Walterbach schrieb uns daraufhin einen Brief. 40% der Songs seien gut, der Rest so lala... Er hat dann tatsächlich jeden einzelnen Song in Kurzform analysiert. Insgesamt fand er das Material noch nicht gut genug für eine komplette LP. Das war 1981, und wir hatten zu der Zeit noch nicht sooo viele Stücke. Es war definitiv besser, erst mal was auf Samplern zu veröffentlichen. 1981 sind wir für die Aufnahmen vom "Soundtracks zum Untergang"-Sampler nach Berlin gefahren. Wir kamen Freitagnachmittag da an und hatten für Samstagabend in Bielefeld ein Konzert klar gemacht. Wir dachten das geht ruckzuck. Wir nehmen eben die 3 Songs auf und fahren dann nach Bielefeld. Das war natürlich Blödsinn. Wir waren Samstagnacht um 4 noch im Studio. Verglichen mit dem Aufwand waren die Aufnahmen total mies, weil wir überhaupt keine Erfahrung hatten. Gerade der Song "Razzia", der doch sehr holprig klingt. Klar, sicher ist das Punkrock, aber wir fanden die Aufnahmen nicht so toll. Deswegen waren wir froh, dass wir zuerst nur Songs auf Samplern veröffentlicht haben. Beim 2.Sampler "Underground Hits" war das dann ja schon besser.
Die meisten Songs unseres damaligen Demos wurden gar nicht veröffentlicht. Es kamen halt immer neue, bessere Songs im Laufe der Zeit dazu. Ein paar davon haben wir aber Jahre später, 1989, auf der "Just do it for fun"-Single rausgebracht. Ich finde die Single auch gut, die Aufnahmen haben Bock gemacht. Aber 1982 fielen die einfach raus, weil die uns nicht gut genug waren.

"Bis zum bitteren Ende" ist eigentlich ein seltsamer Titel für eine Debüt-LP? Wie kam es zu dem Titel?
(lacht) Gab´s damals schon die TOTEN HOSEN LP?

Müsste ungefähr zeitgleich gewesen sein...
Ausschlaggebend war das Cover. Irgendwer brachte einen Bildband mit, in dem das Bild mit den unzähligen Gräbern und Kreuzen drauf war. Das gefiel uns, und der Titel passte perfekt.

Die LP erschien in der schlimmsten Phase des "Kalten Krieges" zwischen Russland und den USA. Hat man etwas davon mitbekommen, dass die Welt am Abgrund stand? War da so was wie Endzeitstimmung im Spiel? Eine Band wie VORKRIEGSJUGEND hat gesagt, dass das damals großen Einfluss auf ihren Sound hatte.
Das stimmt auf jeden Fall. Das hat sich noch mehr in den Texten gezeigt, in denen sich sehr viel um Krieg drehte. "Alles kahl hier", "Was nun?", "Wir wollen leben" indirekt auch... Es geht immer um Krieg, Zerstörung, Endzeit... So ein bisschen Angst kommt da durch. Das war die allgemeine düstere Stimmung. Ich hab einen guten Freund, der 15 Jahre jünger ist. Der findet die Texte total Scheisse. Der kann das nicht nachvollziehen.
Die Jüngeren denken heute oft, das war so ein Klischee. Da musste man als Punkband einfach drüber singen, weil man das eben so machte.
Genau. Die Kriegsbedrohung war aber real. Es gab ohne Ende Demos und Untergangsstimmung. Auf der einen Seite stehen die Pershings, auf der anderen die SS-20. Und wenn einer auf den falschen Knopf drückt, dann geht´s ab. Das war real und sehr greifbar.


Du hast 1983 gedacht, dass es jetzt knallen kann? Und dann ist es vorbei, das war´s dann? Wie sah euer Protest aus?
Klar, es hätte durchaus passieren können, dass es knallt. Ich war 1983/84 zweimal auf Friedensmärschen in Hannover. Ansonsten haben wir als Band viele Soli-Veranstaltungen gespielt, waren viel in besetzten Häusern unterwegs. Wenn etwas anstand, sind wir auch für 100 Mark nach Stuttgart und zurück gefahren. Sowas haben wir ständig gemacht. Unser Protest bewegte sich mehr auf der musikalischen Ebene. Als unsere erste LP noch gar nicht draussen war, haben Kurt und ich in Minden schon Festivals organisiert. Die hiessen "Festivals der falschen Töne". 3 Stück haben wir davon gemacht. Da spielten auch die BOSKOPS und ähnliche Bands.

Es gibt diesen Text "Du Russe", der von dem Vorurteil handelt, dass die Russen ausnahmslos Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder sind und an jedem Krieg die Schuld haben. War der Text bezogen auf die Propaganda jener Tage in Deutschland?
Ja klar. Kurt hat eine relativ smarte Art sich auszudrücken. Er war wohl der Radikalste von uns und Pro-Sowjetunion. Weil die einfach schlecht dastanden, weil über die Sowjetunion immer nur negativ berichtet wurde. Es gab dieses ganz klare Schwarz/Weiss-Denken in Deutschland. Hier die gute USA, da die schlechte UdSSR.
Wie ist man selbst in jenen Tagen bedroht worden?
Eine schöne Story von 1983 spielt in Homburg, wo ein Auftritt von uns nicht stattfinden konnte, weil vor dem JUZ alles voll Polizei war, teilweise mit Maschinenpistolen bewaffnet,. Bei der Vorband kamen die Bullen schon rein und wollten das Konzert abbrechen. Anschließend gab´s ein bisschen Randale, und dann war Schicht. Wir haben dafür aber mit den ganzen Homburgern bis morgens um 5 gebechert.
Warum waren die Bullen überhaupt vor Ort?
Wegen der Lautstärke.
Mit Maschinenpistolen?!!
Ja. Es waren auch ein paar hundert Punks da. Die Bullen haben uns nicht bedroht. Aber die waren schon präsent.

Was hattet ihr für ein Verhältnis zu Walterbach (AGR)? Der Mann ist ja irgendwie ein Phantom; niemand weiss was Genaues über ihn.
Wir fanden den eher lustig. So ein schusseliger Typ. Schon ganz klar Geschäftsmann, aber im Studio haben wir auch viel über ihn und mit ihm gelacht. Der war schon okay. Es wurde erst später nervig als er anfing sein eigenes Ding zu machen. Als keinerlei Rückmeldung mehr kam, und er die erste LP einfach ohne uns zu fragen noch mal in farbigem Vinyl nachgepresst hat.
War Walterbach ein Punk? Oder was war der für ein Typ?
Der war mindestens 10 Jahre älter als wir. Schwarze Klamotten, Lederhose... und Kreuzberg... Wie er da in seiner Wohnung gelebt hat, das war schon authentisch. Das war kein Punkrock, aber das war schon... von unten. Nicht unsympathisch.

Später hat AGR die LP ohne Rücksprache mit euch nachgepresst? Hattet ihr keinen Vertrag, in dem das geregelt ist?
Doch, wir hatten einen Vertrag. Und der war längst abgelaufen. Der ging 3 oder 4 Jahre. Ich hab das erst gar nicht gecheckt, wieso es unsere Platte immer noch oder schon wieder und dann noch in farbigem Vinyl gibt als ich die in einem Plattenladen gesehen hab. Irgendwann haben wir aber kapiert was Sache war. Über WEIRD SYSTEM, mit denen wir in Kontakt standen, haben wir einen Anwalt in Hamburg eingeschaltet. Der hat AGR verboten, die Platte weiter rauszubringen. Angeblich ist die auch aus den Plattenläden zurückgezogen worden.
Das gestaltete sich relativ reibungslos? Oder kam es zu Gerichtsprozessen?
Das ging relativ reibungslos über die Bühne. Es gab Briefwechsel zwischen den Anwälten, und die Sachlage war eigentlich auch klar.
Fiel die Neuveröffentlichung eurer 1.LP in dieselbe Zeit mit der Maueröffnung 1989, damit die Leute aus dem Osten die LP auch noch kaufen konnten?
Nein, das war - glaub ich - 1 bis 2 Jahre vorher.

Ursprünglich wurde auf dem Textblatt der "Bis zum bitteren Ende"-LP der Text vom Lied "BW Mörder" weggelassen. Warum war das so?
Walterbach hatte damals schon Ärger wegen SLIME´s "Deutschland muss sterben". Auf dem ersten "Soundtracks zum Untergang"-Sampler war zudem "Polizei SA-SS" von SLIME, weswegen es auch großen Ärger gegeben hat. Deshalb wollte er den Text von "BW Mörder" nicht abdrucken. Das Lied sollte mit auf die Platte, aber der Text nicht aufs Textblatt. Wenn das nicht textlich belegt ist, dann kann ihm keiner ans Bein pinkeln, meinte er. Dann ist es nicht so greifbar für die staatlichen Organe. Das Lied ist so kurz und schnell, dass man den Text beim Hören unmöglich raushören kann. Da wollte er einfach auf der sicheren Seite sein. Später bei der Nachpressung haben wir den Text aber abgedruckt.

Was war das für ein Gefühl mit den BÖHSEN ONKELZ auf demselben Sampler zu sein ("Soundtracks zum Untergang 2")?
Das ist mir völlig scheißegal. Damals war noch nicht klar, dass die faschistoid oder rechtsradikal werden würden. Die Texte waren schon etwas komisch, aber nicht rechts. Die Musik war eigentlich ganz okay. Ich hab von denen auch gar kein Bild vor Augen. Die BÖHSEN ONKELZ waren gar nicht präsent, die waren nur mit 2 Liedern auf diesem Sampler. Ich hab auch niemanden gehört, der uns das mal vorgeworfen hat. Weil es eben damals noch nicht absehbar war, wie sich die Band entwickeln würde.
Später wurde der Sampler ja auch ohne die Onkekz-Lieder nachgepresst. Aber was anderes: Gab es wirklich mal die Möglichkeit in den 80ern im Fernsehen aufzutreten bei der Musiksendung "Formel eins"?
Das weiss ich nicht so genau. Unser Sänger kannte da irgendwen, der mit der Sendung zu tun hatte. Oder Ingolf Lück war der Schwippschwager von irgendeinem Bekannten von uns. Keine Ahnung. Das war selbst bei uns nur so ein Gerücht, das wir nie wirklich ernst genommen haben. Ich glaube nicht, dass wir kurz davor waren bei "Formel eins" aufzutreten.
Hättest du das denn gemacht?
Heute würde ich das wahrscheinlich machen. Ob ich damals dazu bereit gewesen wäre, weiss ich nicht. Ich war zu jener Zeit etwas auf verlorenem Posten, wollte weiterhin einfach nur Punkrock spielen. Ich war auch der einzige, der den Song "Kein Tag ohne Liebe" richtig Scheisse fand. Auf der Platte ist ein Keyboard, und ich wollte das einfach nicht. Erst später als sich herausstellte, dass die Leute den Song live total abfeiern, da hab ich das relativiert. Aber ich musste wirklich überzeugt werden.

Hat sich denn zwischen der ersten und zweiten LP viel verändert zwischen euch in der Band? Die 2.LP klingt ja schon viel waviger und ruhiger.
Findest du wirklich?
Die erste LP kommt viel direkter und härter, während die zweite LP vom Sound auch viel sauberer ist.
Am Sound hängt wahrscheinlich total viel. Shorty hat damals viel DEPECHE MODE und Disco-Style gehört. Der hatte auch so eine lange Strähne über dem Gesicht und war ganz fesch gekleidet. Das spielte aber keine Rolle bei uns als Band, höchstens bei seinem Schlagzeugsound, das entsprechend anders klang. Kurt hat auch nicht mehr so das Brett gehört. Bei der LP haben wir ausserdem zum ersten Mal was mit einem anderen Mixer gemacht, weil wir aus dem Einheitsbrei von Harris Johns (Anm.: Berlin, Music Lab Studio) raus wollten. Das ging im Nachhinein etwas nach hinten los. Denn Harris Johns hat schon einen guten Standard gehabt. Vor der zweiten LP kam ja noch ein Sampler raus: "Keine Experimente Vol.2", auf dem wir mit "Swapo-Land" und "Alles geht weiter" drauf sind. Die Lieder haben wir noch mit Harris Johns aufgenommen. Da haben wir soviel diskutiert. Er hat Sachen einfach nicht umgesetzt, die wir wollten, hat nur so getan als würde er die Regler verstellen. Da waren wir verdammt sauer und wollten bei ihm nichts mehr machen. Aber wir haben uns nicht nur vom Sound auf der 2.LP verändert, der etwas waviger ist. Ich war noch Punkrock, die anderen beiden schon nicht mehr so, wie bereits erwähnt, und Zombie war irgendwo dazwischen.

Deshalb seht ihr auf dem Backcover der "Angst"-LP aus wie Popper? Darüber hab ich echt schon vor Jahren nachgedacht, warum ihr da so Scheisse drauf ausseht... Das ist das schlimmste Backcover, das es gibt...
Diese coole Synthesizer-Mucke hatte schon privat und optisch Einfluss auf zumindest Kurt und Shorty, musikalisch aber nicht. Denn auf der "Angst"-LP sind auch viele schnelle Punksongs. Die Band war uns allen nach wie vor sehr wichtig. Das war das, was zählte. Da gab es auch nie Diskussionen ob wir nun Wave machen wollen oder in eine ganz andere musikalische Ecke abdriften. Da stand immer fest: Wir machen Punk!

Die LP hieß schlicht "Angst". Um welche Ängste ging es da? Oder ging es um das gefährliche Spiel mit der Angst? Stichwort: Text von "Peter´s Spiel".
"Peter´s Spiel" - ein Text von Zombie - war schon so was wie der Auslöser. Das Frontcover kann man in ganz verschiedene Richtungen transportieren und interpretieren. Da steht kein Panzer, vor dem man Angst hat erschossen zu werden. Das Bild auf dem Cover kann alles bedeuten. Angst im Dunkeln, Angst vor Leuten, Angst alleine zu sein... Bei "Peter´s Spiel" geht es darum, dass ein Junge (Peter) sich einen Spaß macht und bei anderen Kindern Angst schüren will. Zuerst wird die Bedrohung nur inszeniert, ist gar nicht real. Es geht um eine fiktive, böse Person, die da in dem Haus wohnen könnte und eine Bedrohung ist. Dann ist aber plötzlich wirklich jemand Böses da. Der böse Mensch taucht wirklich und real auf. Und Peter, der die Angst zuerst nur inszeniert hatte um sich an der Angst der Freunde zu ergötzen, wird umgebracht. In dem Text geht es darum, dass man sich in der Angst verlieren kann, dass man vorsichtig damit umgehen sollte. Und wenn man unvorsichtig ist, dann bist du vielleicht derjenige, der dabei draufgeht.

Eure Texte waren recht intelligent formuliert und wurden sicher nicht in einem Rutsch durchgeschrieben, oder? Wie entstanden eure Texte normalerweise?
Kurt hat die Texte zuhause geschrieben, wenn er Musik und Melodien entworfen hat. Und Dirk (Zombie) hat wahrscheinlich wirklich irgendwo gehaust, teilweise weiss ich nicht mal wo, und hat dort Texte geschrieben. Es war immer schon ein bisschen "Einzelgänger", hat sein Ding gemacht, und kam mit Texten rüber, die meistens sehr gut waren.
Was heißt "Einzelgänger"? Ihr seid hauptsächlich in der Band zusammen gewesen, und sonst hat er seinen eigenen Freundeskreis gehabt?
Ja, er hatte einen eigenen Freundeskreis. Oder ich glaube er hatte gar nicht so viele Freunde. Er kam nicht aus Minden, hat aber eine zeitlang dort gelebt. Außerhalb der Band wusste ich manchmal gar nicht was er eigentlich macht. Bei den anderen beiden war das anders. Wir haben auch außerhalb der Band was zusammen unternommen.

Wie hart war das Drogenproblem eures Sängers?
Das war zwischendurch - glaub ich - ziemlich hart. Aber das war schon nach der Bandauflösung. Bis 1986, als im Januar unser Abschiedsgig war, da war das in Ordnung. Dann haben wir uns 3 Jahre mehr oder weniger gar nicht gesehen. 1989 gab es noch mal eine Tour, und da war das schon heftiger. Bei unseren letzten Auftritten 1998 war´s dann wieder okay. Er hat sich aber immer zusammengerissen auf Tour, hat sich das nie so anmerken lassen. Er war nie der vollgesoffene, vollgedrogte Sänger, auf den man aufpassen musste. Aufs Bandleben hat das keinen Einfluss genommen. Das war zum Beispiel bei dem Drummer einer mir bekannten Band ganz anders. Der hat alles mögliche eingeschmissen, was er gekriegt hat und hatte irgendwann ein echtes Problem. Später war er völlig straight und musste das ganze Partyding komplett abbrechen. So war das bei uns nie. Die Band drohte nie zu kippen, weil unser Sänger Drogenprobleme hatte.
Hat er heute auch noch mit Drogen zu kämpfen?
Ich hab ihn seit ´98 nicht mehr gesprochen.

Wieviel Einfluss hat Weird System an den Aufnahmen zu der 2. Platte genommen? Die Lieder so eng aneinander zu schneiden war ja sicherlich nicht eure Idee.
Es war der Stil von WEIRD SYSTEM die Lieder so schnell hintereinander zu schneiden. Das haben die mit ihren Samplern genauso gemacht. Uns war das egal. Die waren auch im Studio bei den Aufnahmen dabei und haben ihre Meinung dazu gesagt. Kurt ist öfter mit Matthias von WEIRD SYSTEM aneinandergerasselt. Nicht nur im Studio, auch so. Aber im Grunde genommen war das mit denen immer in Ordnung. Die haben nur Druck gemacht, wenn es um die Zeit im Studio ging. Zeit ist Geld. Wir hatten nur eine bestimmte Anzahl Tage im Studio zur Verfügung. Und innerhalb dieser Zeit mussten wir fertig sein. Ohne diesen Druck hätten wir wahrscheinlich doppelt so lange gebraucht. Das mit den kurzen Pausen zwischen den Songs fand ich eher gut. Ein bisschen ärgerlich ist, dass wir im Studio nicht die Zeit hatten was auszuprobieren oder manche Parts noch mal neu einzuspielen.
Ihr hättet gerne an den Liedern länger gearbeitet?
Ja, wobei ich nicht weiss ob´s dann besser geworden wäre.
Manchmal fummelt man auch zuviel an Sachen rum. Deshalb ist es sicher nicht ganz übel auch mal Zeitlimits zu setzen.

So um 1983/84/85 war Punk ziemlich am Boden. Viele kaputte Typen, unendliche viele Drogen, Stumpfsinn, Selbstzerstörung. Aus Reaktion auf diese unproduktive, negative Sackgasse entstand ja damals der Hardcore. Habt ihr so was auf euren Konzerten mitbekommen? Also dass die ganze Punk-Sache durch die vielen fertigen Typen ziemlich den Bach runter ging?
Hardcore ging für mich eigentlich erst los als bei den ARSEHOLES schon Schluss war und ich anschließend bei den DROWNING ROSES spielte. Das ging für mich nahtlos über. Kurt und Shorty haben nach dem Ende der ARSEHOLES übrigens wirklich Popmusik gemacht. Mit den ARSEHOLES haben wir den Stumpfsinn nicht ganz so mitgekriegt. Es war aber schon so, dass Kurt und Shorty in der Endphase ganz oft genervt waren von den Umständen, unter denen wir spielen mussten. Und vom Publikum. Zum Beispiel erinnere ich mich an ein Festival in Neustadt am Rübenberge mit RAZZIA und 2 weiteren guten Bands. 3 Euro betrug der Eintritt. Wir haben hinterher 80 Mark gekriegt. Und da waren 400 Leute. 70% von denen waren megavoll. Das hat Kurt und Shorty dann nicht mehr wirklich Spass gemacht. Ich persönlich weiss nicht ob ich das ignoriert habe oder ob es mir egal war. Es ging mir mehr darum, dass da viele Leute waren, die ihren Spass hatten. Und dann haben wir Vollgas gegeben. Erst später mit den DROWNING ROSES habe ich gemerkt, dass das Hardcoreding eigentlich viel geiler ist. Es ist offener, nicht so scheuklappenmäßig und limitiert. Als wir anfingen Punks zu sein, da waren erst mal alle Scheisse, die nicht so aussahen wie wir. Aber das stimmt natürlich nicht. Im Laufe der Zeit haben wir die Leute erst mal 2-3 Sätze reden lassen, bevor wir uns ein Urteil gebildet haben.

In der Zeit zwischen 1982 und 1984 gab es in Hannover auch die berüchtigten Chaostage. Wie habt ihr zu diesen Punktreffen gestanden?
Ich war einmal selbst da, 1984, bin aber irgendwann genervt abgehauen. Das war totale Scheisse! Die haben echt  kaputt gemacht. Ich wollte eigentlich das Konzert mit den BOSKOPS in der "Glocksee" sehen. Aber da brannten dann nur Autos und so. Ich meine, man kann sich treffen, Spaß haben und von mir aus auch irgendwas repräsentieren, aber das war einfach nur nervig. Ich fand´s destruktiv. In den 90ern bei den Chaostagen hab ich schon in Hannover gewohnt. Aber ich hab die ignoriert.

War Hardcore dann ein ähnlich einschneidendes Ereignis wie damals Punk ganz zu Anfang? Da ist jetzt was, das einen neuen Weg öffnet?
Hardcore war schon was anderes. Die Bands, die da kamen, hatten schon eine andere Attitüde und jede Menge Power. Ich fand aber auch nicht alles gut, was heute als Klassiker gehandelt wird. Zum Beispiel die erste ATTITUDE ADJUSTMENT find ich Scheisse, die erste SUICIDAL TENDENCIES auch... Aber Hardcore war schon was Neues. Allein schon dadurch, dass auf Konzerten ganz unterschiedliche Leute waren und eine ganz andere Stimmung herrschte. NEGAZIONE aus Italien fallen mir da zum Beispiel ein, mit denen wir zusammen gespielt haben. Das war schon positiv. Ich war nie Straight Edge. Und Leute, die so was total verbissen propagieren, die gingen mir einfach auf die Nerven. Aber als Element war das Klasse. Irgendwann merkte ich schon, dass ich plötzlich Bandanas um meine Handgelenke gewickelt habe und Hardcore Einfluss auf mich genommen hatte.

Warum habt ihr mit den NEUROTIC ARSEHOLES selbst in jungen Jahren nie diesen Parolen-Deutschpunk gespielt? Die Texte waren meist recht simpel, aber trotzdem ohne Klischees und Phrasen. War es beabsichtigt sich gegen diesen Hauruck-Deutschpunk zu stemmen? Oder kam das eher beiläufig?
Das lag wahrscheinlich daran, dass Kurt einfach ein superguter Gitarrist war und ist, der auch ganz viel andere Sachen gehört hat. Wir haben nie bewusst gesagt, dass uns irgendwelche Bands zu stumpf sind und wir uns abgrenzen müssen. Wir haben immer unser Ding gemacht.

Ihr seid musikalisch der damaligen Zeit weit voraus gewesen. Einige Leute, die die erste Platte direkt nach Erscheinen gekauft haben, konnten erst Jahre später damit was anfangen. Habt ihr das auch öfter gehört?
Das hab ich noch nie gehört. Mir haben Leute immer nur gesagt, dass es auf eine Art und Weise schon überdurchschnittlich ist, dass die Texte toll sind und die Melodien herausstechen. Wir haben uns über so was natürlich gefreut. Wie haben aber zum Beispiel bei der 2.LP vorher nie gedacht, dass das jetzt auch superklasse werden muss, weil wir dieses oder jenes Image haben. Das war überhaupt nicht der Fall.
Du hast das nie als Druck oder schwere Hypothek empfunden?
Nein, überhaupt nicht.

Ein Lied, das auf keinem Konzert fehlen durfte, war das stets vehement geforderte "Kalte Steine". Hat einen das irgendwann auch genervt, dass man dieses Lied immer spielen muss, auch wenn man mal keinen Bock drauf hat?
Nein, wir haben das immer gerne gespielt. Wir haben das pro Konzert maximal 2x gespielt. Einmal im normalen Set, und einmal in der 2.Zugabe oder so. Das jetzt total auszureizen oder das Lied zu verlängern etc., weil die Leute das abfeiern, kam nie in Frage. Das Lied erzeugte immer so eine Art Gänsehaut-Feeling.

Eure Live-LP "All die Jahre" wurde zum Teil im AJZ Bielefeld aufgenommen. War das AJZ auf Grund der regionalen Nähe zu Minden so was wie euch Wohnzimmer?
Ja, auf jeden Fall. Minden ist ja nur 30 Kilometer von Bielefeld weg. Da war ich auch sonst ständig. Anfang der 80er wahrscheinlich 1x pro Woche, weil da immer Konzerte stattfanden. Da war echt die Hölle los! Mit den ARSEHOLES haben wir dort bestimmt 10x gespielt. Das war immer klasse.

Auf der Live-LP fällt mir auch auf, dass überhaupt keine Kommunikation mit dem Publikum stattfand. Es gab auch keine Ansagen. War das beabsichtigt? War das immer so, dass da kein Austausch stattfand?
Ich glaube das liegt am Zusammenschnitt. Wir waren jetzt nicht diejenigen, die superviel gequatscht haben auf der Bühne, aber Zombie hat schon mal kommuniziert, auch auf  körperlicher Ebene. In der "Korn" 1989 ist er zum Beispiel ständig voll vor die Wand gelaufen. Oder er ist auf allen Vieren in die ersten Reihen reingekrochen. Er hat schon den Kontakt gesucht und auch nonverbal hergestellt. Viele Geschichten wurden von ihm nie erzählt. Trotzdem war da keine Distanz zum Publikum. Das war auch nie unsere Absicht.

Dann lag das wahrscheinlich wirklich daran, dass WEIRD SYSTEM die Songs wieder kurz hintereinander geschnitten hat. Du hast mir vorhin gesagt, dass du die Live-LP total Scheisse findest. Warum ist das so?
Die ist so was von beschissen abgemischt… Ich hab die einmal gehört, den 2.Versuch habe ich dann abgebrochen. Dummerweise war niemand von uns dabei, als die Platte abgemischt wurde. Da war nur Matthias von WEIRD SYSTEM dabei. Und der Mixer war Bassist, was man der basslastigen Platte auch deutlich anhört. Die Gitarre hört man dafür gar nicht. Ich hab alles versucht dabei zu sein, weil ich so was schon befürchtet hatte. Aber es hat nicht geklappt. Das Resultat ist eine Katastrophe! Seitdem hab ich die Platte nie mehr gehört. Es gibt Livetapes, die sind um Längen besser. Wo einfach viel mehr rüberkommt.

Eure Single "Paradise", die nur bei eurem Abschiedskonzert verkauft wurde, erreicht bei eBay inzwischen Preise von über 220 Euro. Ist das nicht ein unglaublicher Preis?
Ja klar, das ist unglaublich.
...und auch in keiner Weise gerechtfertigt, oder?
Nee, wirklich nicht. Ab und zu beobachte ich so was aus Spass bei eBay. Einmal hab ich die da gesehen. Die ging für 239 Euro über den Tisch. Das kann doch echt nicht wahr sein! Wir haben von WEIRD SYSTEM auch nur jeder eine bekommen. Da waren die sehr straight. Ich kapiere auch nicht wieso die so teuer ist. Die Songs sind alle auf anderen LPs in genau diesen Versionen erhältlich. Klar, die Single hat ein schönes Cover, farbiges Vinyl... aber 239 Euro?!? Ich glaube von der Single gab´s 180 Stück, und am Abend des Abschiedskonzerts haben wir davon 80 Stück verkauft.

Was gab den Ausschlag für euren Split?
Das hatte ich eben schon angedeutet. Shorty und Kurt befanden sich rein musikalisch auf anderen Wegen. Und das Publikum wurde echt destruktiv. Ich hab für uns auch die Konzerte klar gemacht und hatte beispielsweise einen Gig für 400 Mark in Pforzheim. Da hieß es dann aber plötzlich "Nee, wir wollen 600." Das wurde so ausgereizt bis ich echt nur noch genervt war. Das machte keinen Sinn mehr.
Gab es während der gesamten Bandgeschichte diese Streitereien? Oder kam so was erst gegen Ende auf?
Das war erst am Ende. Nach der 2.LP "Angst" 1984/85 war eigentlich noch alles okay. Im Laufe des Jahres1985 ging das dann den Bach runter.

Was machen die einzelnen Bandmitglieder heute? Zum Sänger hast du keinen Kontakt mehr, aber zu den anderen...?
Shorty macht Aussendienst seit vielen Jahren, macht immer noch Musik und hat eine zeitlang auch in einer Chartband gespielt, wo er Kohle mit verdient hat. Kurt lebt auch in Hannover und arbeitet als Programmierer. Wir haben nur noch sporadisch Kontakt. Er macht nur noch für sich selbst Musik. Irgendwann war ich mal bei ihm, und er hat mir was vorgespielt. Gitarre, Drumcomputer, Bass. Das war auch cooles Zeug. So ARSEHOLES, wie sie heute klingen würden. Immer noch schnell, aber auch kompliziert. Schon geil, auf den Punkt. Wenn Kurt heute wirklich eine geile Punkrockscheibe machen wollte, dann würde er das mit links hinkriegen. Ich denke nicht, dass wir mit den ARSEHOLES jemals wieder auftreten werden. Die Sache ist durch. Das Juzi Göttingen hat mir letztens eine E-Mail geschickt, ob wir zu deren 25-jährigen Bestehen dort auftreten wollen. Ich hätte da schon Bock drauf, aber das wird nichts werden. Ich weiss auch nicht, ob wir immer die Band für das 25-jährige sein müssen. In der "Korn" in Hannover waren wir 1997 auch zu deren 25.Bestehen. Obwohl das absolut super war! Das war auch der Auslöser für die damalige, anschliessende Tour im Jahr 1998.


Du könntest dir aber schon vorstellen noch mal mit den ARSEHOLES auf die Bühne zu gehen?
Bei der ´98er-Tour hab ich gesagt, dass ich nicht irgendwann auf der Bühne stehen möchte und die Leute rausgehen und sagen, dass wir uns das hätten sparen sollen. So ein Gefühl hatte ich 1998 auf Tour nicht. Da waren ein paar schwächere Konzerte bei. Aber insgesamt war das absolut okay.

Micha.-