mw1Als Kind der 1980er, aus dem schließlich ein Kinderpunk in den 1990ern wurde, kam man um ihn und seine Band …But Alive nicht herum, insofern man Punk als politisch versteht. In den Nullerjahren, als Marcus Wiebusch den Punk zumindest als Szenezusammenhang hinter sich gelassen und erfolgreich ruhigere Indierock-Pfade mit Kettcar beschritten hat, war er oftmals für die gleichen Leute – ob immer noch Punk oder nicht - weiterhin Begleiter durch die Postadoleszenz.

In diesem Jahr legte er mit „Konfetti“ sein erstes (richtiges) Solo-Album vor. Ein Album, was sowohl die Wut vergangener …But Alive-Tage als auch die gefühlige Kettcar-Seite enthält. Marcus schafft es, thematisch am Puls der Zeit zu sein. „Der Tag wird kommen“, ein langes, angepisstes Stück gegen Homophobie im Profifußball wurde besonders breit rezipiert. Ein aufwändig hergestellter Kurzfilm zum Lied, der zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht fertig war, hat mittlerweile (Ende Oktober) über 700.000 Klicks auf YouTube.

Dementsprechend beschäftigt ist Marcus seitdem. Nach längerem hin und her per E-Mail zwischen drei Vollzeit beschäftigen Männern schafften wir es dennoch, im August einen Termin für ein Interview in Hamburg zu finden und plauderten neben neuen und alten Musiker-Aktivitäten auch über die Tagespolitik, sein heutiges Verhältnis zu Punk und was eigentlich von …But Alive übrig blieb.

Lars + Philipp

Marcus, du blickst ja auch eine recht lange Musiker-Karriere zurück. Warum kommt jetzt erst das Solo-Album?

Weil ich mich in meinen Bands bisher wohl gefühlt habe und nicht die Notwendigkeit sah, ein Soloalbum zu machen. Warum das jetzt der Fall ist, liegt auch sicherlich daran – und so viel Ehrlichkeit muss gestattet sein - dass das letzte Album mit Kettcar nicht ohne Spannungen entstanden ist – auch gerade vor dem Hintergrund, dass wir schon so lange gemeinsam Musik machen. Da hat sich einfach wie in einer alten Ehe so viel eingeschliffen und eingeschlichen. Ich bin glaube ich auch nicht der erste Musiker, der diese Erfahrungen macht. Es gibt ganz viele Bands, wo der Haupt-Songwriter irgendwann sagt: So, ich mache jetzt mal nur, was ich will. Und so ist es jetzt auch bei mir. Ich wollte vor allem wieder schneller Musik machen, also schneller zu Ergebnissen kommen und nicht mehr so viel reden müssen über die Musik.

Mitte der 90er gab es ja schon während …But Alive-Zeiten das Hippiekacke-Tape gemacht. Eigentlich war das doch dein erstes Soloprojekt. Warum wird das so wenig thematisiert?

 

(Lacht) Wikipedia-Leser wissen mehr. [Anmerkung: Ja, aber auch schon vor Jahren auf der Fanseite www.but-alive.de runtergeladen] Wahrscheinlich wird es nicht thematisiert, weil es keine richtige Veröffentlichung war. Es war eher ein Gag. Ein Freund von mir hat eine Tape-Reihe gemacht und er wusste, dass ich für mich alleine Akkustiksongs mache. Wir haben im Bunker gespielt und am nächsten Morgen stand die Anlage noch da mit dem Aufnahme-Tapedeck und zwei Mikros im Raum. Da habe ich mich auf die Bühne gesetzt und einmal sechs Songs in einem Take eingespielt. So ist das Tape entstanden, das auch noch Benefit für einen guten Zweck war. Seitdem gilt es als das erste Wiebusch-Solo – aber nur wegen diesem Wikipedia-Eintrag. Ohne den hätten viele Leute gar nicht gewusst, dass es dieses Tape gab. Ich bin auch nicht besonders stolz drauf. Ich weiß noch, wie ich gesagt habe: Ey, das ist doch nur Hippiekacke. Das ist doch nicht wirklich geil. Aber er meinte, wenn ich es spontan reinprügel sei es Punk. Und da hatte er mich.

Thees Uhlmann hat vergangenes Jahr ja bereits sein zweites Solo-Album rausgebracht. Hast du gedacht, dass du auch mal ran musst?

Nein! Das Soloalbum hätte ich auf jeden Fall gemacht, ganz egal was Thees macht. Aber er und ich sind ja gut befreundet. Wir reden viel über Musik und wie es läuft. Und ich habe auch gesehen, was es für eine Befreiung für ihn war, ohne Tomte alleine Musik zu machen. Thees hatte, anders als ich, mit Tobias Kuhn einen krassen kreativen Partner. So einen habe ich nicht. Aber da habe ich erkannt, dass es so auch gehen kann. Es war für ihn damals genau das Richtige, ein Soloalbum zu machen und für mich ist es jetzt 2014 richtig, ein Solo-Album zu machen. Anders als Thees zu Tomte kehre ich ja auch wieder zu Kettcar zurück. Wenn der ganze Sturm vorbei ist, setzen wir uns zusammen und schauen, was wir für ein Album machen können, wie vor vorgehen und was wir machen können.

Du hast diesen Freiheits-Aspekt bereits mehrfach betont. Muss man es sich so vorstellen, dass du allein die Lieder gemacht und drückst die dann den anderen Musikern fertig in die Hand?

Ja. Es gibt keinen demokratischen Prozess. Die anderen Musiker haben auch Vertrauen in mich. Aber es ist natürlich nicht so, dass ich ihnen jede einzelne Bassnote vorschreibe. Aber wenn mir was nicht gefällt, ändere ich es.

mw_coverMal zur Rezeption des Albums. Sueddeutsche.de erinnert „Konfetti“ an But Alive als an Kettcar. Tatsächlich sind die Songs auch aggressiver und direkter. Wolltest du Back to the Roots?

Verschiedene Stimmen sagen, dass das Album wieder mehr in Richtung …But Alive geht. Wenn man ganz ehrlich ist, ist es nicht dasselbe. Aber es ist ein Album, das wesentlich inhaltlicher geworden ist. Ich wollte weg von den Metapher-Texten, die ich bei Kettcar über die Jahre auch etabliert habe und die, um es nicht ohne Eitel zu sagen, einige Songwriter auch inspiriert haben. Aber ich wollte wieder inhaltlichere und auch längere Texte mit mehr Haltung machen. „Jede Zeit hat ihre Pest“ und „Schwarzes Konfetti“ waren schnell an Bord, einen Song wie „Off“ in dem es über Überforderung geht, wollte ich gern machen. Hin und wieder sagen einige, die Lieder wären politischer. Ich weiß nicht, ob sie politisch sind. …But Alive war schon etwas anderes, denn …But Alive war sehr stark an den Zeitgeist der frühen und mittleren 90er gekoppelt und ich habe mich zu ganz konkreten Themen verhalten. Beispielsweise „Nur Idioten brauchen Führer“ und „Nathalie“ waren natürlich Positionierungen zu den Anschlägen auf Flüchtlingsheime zu der Zeit. Diese Positionierungen mache ich immer noch, aber ganz anders konnotiert. Jetzt singe ich zum Beispiel in „Der Tag wird kommen“ darüber, dass Homophobie die Pest ist und dass ich es nicht begreife, dass es im Fußballkontext so ist, wie es ist. Das sind sozusagen die „Inhaltssongs“, die ich heute mache.

Das letzte Kettcar-Album „Zwischen den Runden“ wurde auch immer wieder als zu wenig gesellschaftskritisch bezeichnet, wenn man von dem Song „Schrilles buntes Hamburg“ mal absieht.  War das Soloalbum auch die Möglichkeit wieder sozialkritischer zu werden?

Nein, das war es nicht. Das Album ist genauso geworden, wie wir das alle gewollt haben. Aber ich wollte halt jetzt etwas anderes. Der Schritt von „Sylt“ zu „Zwischen den Runden“ ist ja auch immens. „Sylt“ war ja auch viel brachialer und vor allem textlich düsterer und kritischer. Mit „Zwischen den Runden“ wollten wir ein helleres Album machen. Ich wollte dann eher ein kritischeres Album machen und restlos auf alle Genres scheißen – alles benutzen was ich kann und worauf ich Bock habe. Und das wäre mit Kettcar einfach nicht gegangen. Das ist die einzige Erklärung.

Du hast mal gesagt, dass du mit Kettcar vielleicht die …But Alive-Fans enttäuscht hättest. Meinst du, dass Soloalbum enttäuscht vielleicht die Kettcar-Fans? Hast du schon Reaktionen bekommen?

Zunächst einmal verkauft es sich deutlich schlechter. Dieses Gefühlige, was die Kettcar-Fans mögen, bekommen sie jetzt nicht. Dann müssen sie jetzt halt andere Bands hören.

„Der Tag wird kommen“ ist wahrscheinlich das Lied auf der Platte, dass die meiste Resonanz bekommen hat zu dem es auch einen Kurzfilm gibt. Kannst du ein paar Hintergründe dazu erklären?

Da wird der Song bebildert. Der Song hat ja eine narrative Ebene. Ich erzähle die Geschichte eines jungen Menschen, der Fußballprofi wird und was für ein Höllenleben er führen muss, weil er seine Sexualität nicht ausleben kann. Ein Zustand, den ich unfassbar finde – gerade vor dem Hintergrund, dass wir in vielen Bereichen wie Mode, Pop und Politik Selbstverständlichkeiten errungen haben. Politik ist für mich immer das beste Beispiel dafür, dass es auch irgendwann im Fußball so sein wird. In dem Film wird mit einem ganz tollen Hauptdarsteller gezeigt, wie er die Liebe zum Fußball entdeckt, Profi wird, zerbricht und die Leute wie Vater und Manager auf ihn einwirken. Das ist ein sehr emotionaler und kraftvoller 7-Minuten-Film. Er enthält mehrere Blöcke. Den ersten nenne ich immer den Polit-Block. Da geht es um Fortschritt, der nicht aufzuhalten ist und was schon erreicht wurde. Zum Beispiel dachten die Menschen 1910, dass Frauen niemals wählen können. 1957 dachten die Leute im Süden der USA, es wird keine ethnisch gemischten Schulklassen geben. Vor 15 Jahren hätte man gesagt, dass es niemals einen schwulen Politiker geben wird. Weil es einfach nicht ginge, weil er gewählt werden will und er nicht in Länder reisen kann, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Und all das wird im ersten Block aufgegriffen aber auch die Story wird von dem Helden weitergetrieben. Halt eine Geschichte mit zusätzlichen historischen Aufnahmen unterfüttert.    

Wenn du schwulen Außenminister zitierst: Westerwelle war ja nicht gerade eine Homo-Ikone. Es gab ja eher die Kritik, dass er zu wenig getan hat…

Jeder muss wissen, was er für richtig hält. Man kann Leute nicht dafür kritisieren, dass sie ihre Homosexualität nicht deutlich genug nach außen kehren. Ich finde es anmaßend, Leute dafür zu kritisieren. Vielleicht wisst ihr, dass mein Bruder, der bei Kettcar spielt, homosexuell ist. Das wussten die Wenigsten aber es war auch nie ein Thema. Aber er ist wichtig für den Song gewesen, weil ich mit ihm oft im Stadion zusammen sitze. Da habe ich ihn gefragt ob es OK ist, wenn ich es thematisiere. Er sagte: Ja klar! Aber wenn er gesagt hätte, dass er das nicht möchte, hätte ich das nicht getan.

Hast du auf den Song auch Reaktionen aus der Fußballwelt bekommen?

Klar! Bis jetzt von einzelnen Profis, die das toll finden.

Ich bewundere deinen Optimismus, aber ich bezweifle, dass es neunzig Prozent der Fußballfans wirklich egal wäre. Vielleicht in einem aufgeklärten St. Pauli-Umfeld - aber generell?

Die neunzig Prozent sind vielleicht übertrieben. Aus heutiger Sicht würde ich die Zahl auch absenken. Aber es ändert nichts an der Kernaussage. Ich bin stolz, Fan von einem Fußballverein zu sein wo sich sofort zehn Leute umdrehen, wenn jemand „schwule Sau“ sagt, und fragen, ob er noch was merkt. Mein Bruder geht seit zehn Jahren zum Fußball und hat noch nie eine homophobe Äußerung gehört. Noch nie. Und das ist eine Errungenschaft. Und ich würde mir wünschen, dass es überall so ist. Ich weiß, dass es natürlich ein langer steiniger Weg ist.

Das ist also nicht nur auf St. Pauli so?

Nein, ich hab ja auch recherchiert. Wir haben im Film so Massenszenen. Wir haben Fanbeauftrage gefragt, ob die Fans Bock haben, in dem Film zu partizipieren, indem wir sie einfach nur filmen. Die Kamera schwenkt nach oben und die Leute bauen sich vor ihrem Stadion auf.  Rostock und Dresden muss ich da nicht fragen. Die wollen das natürlich nicht. Aber wenn ich nach Düsseldorf fahre und da stehen 200 Leute oder in Bremen stehen 150 Leute oder auch viele bei Tennis Borussia Berlin: Dann sehe ich, dass da was im Wandel ist. Und es wird immer mehr. Ich will nicht sagen, dass wir im nächsten Jahr alles erreicht haben. Aber wir sind ganz gut in Bewegung.

War es eine bewusste Entscheidung den Film über Crowdfunding zu finanzieren? Oder einfach Pragmatismus?

Ehrlich gesagt hatte ich ursprünglich ein anderes Finanzierungsmodell im Kopf, das sich aber zerschlagen hat. Von Crowdfunding war ich zuerst nicht so begeistert. Ich fand es immer schwierig mich mit dem Vorwurf auseinander zu setzten, dass die Fans das Video finanzieren sollen. Nach gutem Zureden musste ich aber realisieren, dass dieses Werk weit über ein Video hinausgeht. Entweder finden die Leute das gut und wichtig oder sie werden es hassen, weil sie es eh hassen wollen. Nur für mich war irgendwann klar, dass ich unbedingt will, dass es entsteht. Und je mehr ich mich mit Crowdfunding beschäftigt habe, desto besser finde ich diesen demokratischen Prozess in dem die Leute entscheiden, ob es etwas wird oder nicht. Und machen wir uns nichts vor: In Filmförderungen oder beim Theater entscheidet vielleicht eine Person oder vielleicht auch nur ein Gremium und dann bist du raus. Dann bist du abhängig von diesen Leuten und ich bin abhängig von diesen 1048 Leuten, die mir Vertrauen gegeben haben und ich werde es ihnen mit dem geilsten Werk aller Zeiten zurückzahlen.

mw3Sprechen wir mal über ein paar andere Lieder auf der Platte: Der Song „Nur einmal rächen“ wurde ja von der Karriere von Facebook-Schaffer Marc Zuckerberg beeinflusst und bezieht sich positiv darauf. Gleichzeitig kritisierst du aber Auswüchse in Sozialen Netzwerken in Songs wie „Haters gonna hate“. Wie geht das zusammen?

Ich kritisiere nicht die sozialen Netzwerke. Ich kritisiere eine Netzkultur, die durch Anonymität in den letzten Jahren zunehmend verroht ist. Der Ausschlag für dem Song „Haters gonna hate“ war ein Buch namens „Meute mit Meinung“ und da wurde auch skizziert, wie Menschen in Foren niedergemacht werden und dann sogar in Therapie müssen. Da dachte ich mir: Alter, soweit sind wir schon. Im Grunde genommen ist die Problematik recht einfach. Den Bodensatz an Hass und Pöbelei gab es schon immer. Das waren damals die Ersten, die die Leute am Pranger mit der Tomate beworfen haben. Und dieser Bodensatz bricht sich jetzt durch Anonymität und Dummheit Bahn im Netz. Der Umgang damit ist schwer zu lernen, weil es noch neu ist. Wir sind mit der Netzkultur seit höchstens zehn Jahren vertraut und damit umzugehen fällt vielen Menschen einfach immer noch schwer, weil es sehr konträr ist zu dem, wie man sonst miteinander umgeht. Es ist halt schwierig, wenn man nicht aus härterem Holz ist. Im Grunde genommen sagt der Song, dass die Dummheit schon immer da war und dass man drüber stehen muss.

Hast du beziehungsweise haben Kettcar mal einen derartigen Shitstorm erlebt?

Klar sind wir auch Angriffsfläche in Foren. Aber es geht jetzt nicht so weit. Es sind Angriffe, aber es ist im Rahmen. Wenn immer dieselben schwachsinnigen Vorwürfe kommen: dann ist es halt ein Angriff. Innerhalb der Band gehen die Leute auch sehr unterschiedlich damit um. Manche lesen alles, manche gar nicht – andere trifft es, anderen ist es völlig egal. Ich bin glaube ich irgendwo in der Mitte. Ich habe jetzt aber auch aufgehört, irgendwas über mich im Netz zu lesen.

In Bezugnahme auf den Song „Wir waren eine Gang“: Würdest du heute wirklich Hedgefonds verkaufen, wenn du mit der Musik nicht erfolgreich geworden wärst.

Haha, ganz bestimmt! Nein, ich habe mich nur gefragt, was das Schlimmste wäre, was man heute machen könnte, wenn man damals an das Gute geglaubt hat. Und Hedgefonds verkaufen ist da ganz weit vorne. Natürlich habe ich dem lyrischen Ich das Schlimmste zugeteilt. Es geht um das Verlieren von Idealen und darum, dass wir damals an etwas geglaubt haben was im Lauf der Jahre das halt geht, aus unterschiedlichen Gründen. Und das die Gemeinschaft, dass man eine Gang ist und gemeinschaftlich politische Sachen zu machen, gar nicht existent war und man ganz unterschiedliche Wege geht. Das zeigt quasi, dass diese Gemeinschaft nur herbeigesehnt war. Darum geht’s in dem Song.

Aus politischen Zusammenhängen hast du dich ja tatsächlich eher resigniert in den späten 90ern zurückgezogen. In dem Lied scheinst du darauf zurückzublicken. Beschäftigt dich das Thema noch?

Wie du siehst: ja. Aber der Song ist sehr, sehr schwer zu erklären. Als ich angefangen habe, mich mit Politik zu beschäftigen, ging es viel um Gemeinschaft. Als ich zuhause ausgezogen bin, bin ich gleich in ein Wohnprojekt gezogen. Ohne irgendwelche Hippieklischees zu bedienen ist es was ganz wichtiges für Menschen, die in jungen Jahren auf Politik stoßen, dass sie es nicht allein für sich ausmachen sondern in Zusammenhängen. Dann kommt die Zeit ins Spiel und du merkst, dass dir andere Sachen wichtiger werden. Du gründest, so wie ich, eine Familie oder bist auch desillusioniert von gewissen Aspekten in der Politszene. Ich merke aber, dass Gemeinschaft für junge Leute heute überhaupt keine Rolle mehr spielt. Wir leben ja in sehr unpolitischen Zeiten aber in meiner Wahrnehmung ist das nicht mehr so wichtig weil alle darauf bedacht sind so individuell, einzigartig und bloß nicht wie die anderen zu sein. Das ist auch ein wichtiger Aspekt in dem Song. Dieses Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaft hat mich sehr beschäftigt - und ob diese Gemeinschaft doch vielleicht mehr herbeigesehnt und gar nicht existent war. Es ist ein sehr ambivalenter Song und für mich selbst schwer zu erklären.

Inwiefern leben wir denn in unpolitischen Zeiten, Deiner Meinung nach?

Es gibt halt kaum noch Kids die Bock haben, sich politisch zu engagieren. Als ich angefangen habe Musik zu machen, gab es noch wesentlich mehr politische Songs. Ich könnte jetzt aus dem letzten Jahr maximal zwei politische Songs nennen.

mw4OK, du machst es an der Musik fest. Aber Demonstrationen wie hier um die Schanze…

Oh, dazu muss man aber auch zu Protokoll geben: Da kam nochmal alles zusammen in dem Moment. Sowas erlebst du wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren nicht mehr. Da war wirklich das Fass übergelaufen weil es so nicht weitergeht. Das war sicher ein kurzer Moment in dem man merkte, dass so auch nochmal sein kann. Aber wenn du selbst mal überlegst wie viele Demonstrationen man ein paar Jahre vorher erlebt hat und wo etwas geblieben ist, fällt mir nichts ein. Ich mache es nicht nur an der Musik fest. Für uns war es damals das Wichtigste, in Antifa-Zusammenhängen zu sein. Sowas gibt’s heute gar nicht mehr beziehungsweise viel kleiner.

Welche Meinung hast du zum Versuch, die Rote Flora zu verkaufen? Wie findest du das?

Wie das jeder normale Mensch findet: Dass es totaler Irrsinn ist, die Flora anzutouchen. Sie ist einer der letzten kulturellen Rückzugsorte. Ob die jetzt immer so ist, wie man sich das vorstellt, mal dahingestellt, aber sie ist de facto einer der letzten Freiräume, die man sich erkämpft hat und die darf auf keinen Fall geopfert werden. Die Demonstration ist natürlich völlig bescheuert aus dem Ruder gelaufen, hat aber gleichzeitig mit einem ganz breiten linken Spektrum von linksradikal bis bürgerlich signalisiert, dass es so nicht weitergeht.

In einem Radiointerview hast du kürzlich gesagt, dass Punk eine Frage der Haltung sei und nach eigenen Wertmaßstäben Sachen umzusetzen. Welche Wertmaßstäbe setzt du denn an?

Die Wertmaßstäbe, die ich Zeit meines Lebens bei Kettcar oder dem Grand Hotel van Cleef von …But Alive übrig sind, sind quasi keinerlei Autoritäten außer mich selbst zuzulassen in Fragen danach, wie was funktioniert in der Musik. Es gibt niemanden, der mir je irgendetwas gesagt hat. Von befreundeten Bands, die auf Majorlabels sind, weiß ich, dass es da ganz anders funktioniert. Da gibt’s sicherlich auch Ausnahmen. Nicht jede Majorband ist fremdgesteuert. Aber da gibt es halt viel diffizilere brutale Zusammenhänge. ‚Wenn du das nicht machst, dann kann ich dir auch nicht das Video finanzieren‘ und sowas. Das brauche ich nicht und davon habe ich mich immer frei gemacht. Ich lasse niemand anderen entscheiden, welche Wege ich gehe. Und ich glaube, wir haben uns mit Kettcar nie verkauft. Wir haben nie dreckige Werbedeals angenommen, haben nie Product Placement gemacht, nie Schweine- Endorsement gemacht. Alles in der Richtung haben wir dankend abgelehnt, obwohl wir massig Angebote hatten.

Habt ihr das schon mal bereut oder zumindest gern mal ausprobiert?

Nein. So wie ich daran gehe, kann ich das nicht bereuen, weil es einfach nur gut und richtig ist.

Welche Punkbands hörst du heute noch regelmäßig?

Keine mehr regelmäßig. Hier und da natürlich noch was - aber immer die alten Helden. Junge Bands wie Love A oder Matula höre ich einmal durch und finde das ganz gut, aber es berührt mich nicht. Was mich berührt sind die alten Helden wie Quicksand, No Means No, Fugazi. Letztens habe ich auch mal wieder Leatherface gehört.

Mit Grand Hotel habt ihr ja noch 2009 ein Propagandhi-Album rausgebracht. Würdest du gern wieder mehr Punksachen rausbringen?

Von mir aus ja. Aber wir haben oft auch die Schwierigkeit, dass wir an die Punkbands nicht rankommen und das die denken, dass Grand Hotel nichts für sie ist. Das wir Propagandhi rausgebracht haben, lag ja auch an der persönlichen Freundschaft zwischen mir und der Band, die seit Anfang der 90er besteht. Ich habe ja die ersten Touren für die in Europa organisiert. Wir haben aber immer unser Ohr auf dem Boden und wenn sich mal was ergibt, würden wir auch gern eine Punkband signen. Wir haben ja auch die Hardcoreband Escapado, aber im Moment ist da gerade nichts. Aber eigentlich sind wir da total undogmatisch. Wir würden auch jederzeit eine gute Punkband nehmen.

Auf der anderen Seite rappst du ja auch scheinbar ganz gern. Machst du das eher aus Spaß an der Sache oder ist dir die Hiphopkultur dir auch Inspirationsquelle?

Zunächst einmal habe ich Hiphop schon immer geliebt. „Nur Idioten brauchen Führer“ und „Nathalie“ von …But Alive wären ohne Hiphop nie entstanden. Beastie Boys, Run DMC, Public Enemy… fand ich alles geil. Am Sprechgesang finde ich aber eigentlich am besten, dass der Text so viel Raum kriegt. Du kannst in kürzester Zeit sehr viel Text rüberbringen und wenn du so lange Texte schreibst wie ich, kannst du sehr viel erklären. „Der Tag wird kommen“ war der längste Text, den ich in meiner Karriere je geschrieben habe. Da ist es völlig alternativlos, dass ich das schnell wegbrettere. Wenn ich das singe, ist der Song vierzehn Minuten lang. Ich nenne das aber eher Sprechgesang. Hiphop oder Rap würde ich nicht sagen. Das kann ich mir nicht anhaften. Außerdem ist es gerade auch so ein bisschen Trend und da habe ich auch keinen Bock drauf, hehe. Eigentlich ist es alter …But Alive-Sprechgesang, wie ich es früher gemacht habe. Und jetzt mache ich es wieder. Ich finde ich kann es auch. In meinen Ohren klingt es organisch.

Hast du zu den alten …But Alive-Leuten noch Kontakt?

Direkten Kontakt nicht. Frank treffe ich hin und wieder hier auf der Straße, Hagen eigentlich immer nur, wenn ich die alten Lizenzabrechnungen mache. Ich habe ja noch die Lizenzen und alle halbe Jahre mache ich eine Abrechnung. Dann habe mit den Leuten noch Kontakt und man sabbelt etwas. Aber sonst nicht mehr. Die machen alle auch sehr unterschiedliche Sachen und es hat sich etwas voneinander weg entwickelt.

mw5Warum wird es niemals eine But Alive-Reunion geben?

Weil …But Alive stark an den damaligen Zeitgeist gekoppelt war und die Songs, die mir damals alles bedeutet haben, nicht in dieser heutigen Zeit singen kann.

Hinter welchen …But Alive-Songs stehst du denn noch und welche würdest du heute nicht mehr machen?

Ich kann es nicht in den Dimensionen von Bereuen ausdrücken, da wie gesagt: …But Alive sehr stark auf die Zeit reagiert hat. Solche Songs könnte ich heute im Hier und Jetzt nicht mehr machen, auch wenn es sich damals richtig angefühlt hat. Aber zehn Jahre später dachte ich auch: Wie konnte ich damals so einen Song machen? Zum Beispiel „Wir werden“ von der „Für uns nicht“. Der war damals schon auf der Kante weil von einer unserer allerersten Demos war. Wenn das heute höre frage ich mich, was das sollte. Auf dem „Hallo Endorphin“-Album sind schon einige dabei, die ich noch so machen würde. Tatsächlich spiele ich gerade mit dem Gedanken, irgendeinen Song vom „Hallo Endorphin“-Album auf der Herbsttour zu spielen. Denn unser Bassist ist ein riesen …But Alive-Fan und will unbedingt was spielen.

„Wir werden“ hätte ich nicht erwartet. Ich hätte eher gedacht, dass du Ilona Christen nicht mehr die Brille von der Nase schlagen möchtest.

Würde ich auch nicht mehr machen aber auch das war eine Antwort auf diese Scheiße damals im Privatfernsehen. Ich komme aus einer Zeit, da gab es sowas nicht. Dann auf einmal Ilona Christen als das Flaggschiff dieser ganzen Talkshows. Das der Song aus heutiger Sicht total behämmert ist, ist dann einfach mal so.

Es gibt diese Textzeile von …But Alive „Wenn es nur noch um Musik geht war alles nur ein Irrtum“, also Kritik an Fixierung auf die Musik wobei die Message in den Hintergrund gedrängt wird. Das könnte man Kettcar streng genommen auch vorhalten, oder?

Dieser Vorwurf, so flach er auch anmutet, ist ja nicht ganz unbegründet. Ich habe mich mit dem ersten und zweiten Kettcar-Album entschieden, einen musikalischeren Weg zu gehen und die Texte anders zu schreiben als ich es vorher getan habe, weil es mich tatsächlich auch gelangweilt hat, politische Texte zu schreiben. Und bevor ich mich bei irgendetwas langweile, höre ich natürlich auf damit und mache etwas anderes. Aber das „Sylt“-Album ist nicht unpolitisch und das Solo-Album auch nicht. Im Gegenteil. Den Vorwurf, dass ich mehr auf die Musik gesetzt habe und Texte eher im metaphorischen Bereich und weniger anklagend gemacht habe, muss ich mir gefallen lassen. Aber es war alternativlos. Ich hätte nichts anderes machen können. Es hätte mich auch gelangweilt, noch so ein Kettcar-Album zu machen wie „Zwischen den Runden“. Das wäre niemals gegangen und genau so wird es auch niemals so ein Soloalbum geben wie das jetzt. Es wird immer was anderes geben im Hause Wiebusch.

Apropos Vorwürfe: Mit Jens Rachut verbindet dich ja eine gepflegte Feindschaft…

Ist auch alles nicht mehr so wild. Wenn wir uns ab und zu mal treffen auf der Straße dann sabbeln wir normal miteinander. Aber 2002 war es schon spannungsreich.  Da hat er mich ja für „Landungsbrücken raus“ mit einem eigenen Song kritisiert – „Landungsbrücken sprengen“. Den Song fand ich ziemlich heftig und auch ungerecht. Und dann habe ich mit „Wieso eigentlich Indie-Charts, Digger“ einen Song dagegen geschrieben aber dann haben wir uns auch mal getroffen und uns ausgesabbelt. Ich weiß auch von gemeinsamen Bekannten, dass er das aus heutiger Sicht auch alles anders sieht.

mw_lars_philippHast du eigentlich bei all deinen Projekten noch ein Privatleben, also um mal um die Häuser zu ziehen?

Das klingt jetzt vielleicht etwas spießig, aber wenn du zwei Jungs im Alter von sechs und zehn hast, geht dafür der Rest deiner Freizeit raus. Also bevor ich um die Häuser ziehe, überlege ich mir, ob ich nicht lieber am nächsten Tag mit denen Fußball spielen will. Aber ich möchte meine knappe Zeit auch weiter in andere kreative Projekte stecken. Ich spiele auch mit dem Gedanken, mal was zu schreiben. Ich kann halt ein bisschen mit Wörtern. Es gibt auch Anfragen.

Das Interview wurde am 8. August in Hamburg geführt und erschien zunächst gedruckt in der Plastic Bomb #89 (Herbst 2014). Fast alle Fotos von Andreas Hornoff, ausgenommen das Interviewfoto.