2012 war „Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub für mich eine Art Soundtrack des Jahres. Ich zog in diesem Jahr für einen sehr interessanten Job vom beschaulichen Ruhrgebiet nach Berlin, da tägliche Pendelei zwischen Essen und Berlin aus nachvollziehbaren Gründen nicht in Frage kam. Gleichzeitig wurde ich mit den dort vertonten Klischees konfrontiert: Die Idioten, die den ganzen Tag damit ausgelastet sind, sich selbst geil zu finden, gibt es hier wirklich zu Hauf. Die Hauptstadt zieht sie an wie Scheiße Fliegen. Kraftklub = auf jeden Fall Brüder im Geiste.

Zwei Jahre später habe ich mich als Arbeitsmigrant ganz gut eingelebt und meine Nischen in diesem Molloch gefunden. Zwischenzeitlich haben Kraftklub eine ziemliche Karriere aufs Parket gelegt, die ich nur noch am Rand verfolgt habe. Ihr Debut-Album „Mit K“ stieg von 0 auf 1 in die Album-Charts und hielt sich ziemlich lang dort. Zuletzt positiv aufgenommen habe ich, dass sie zu den Bands gehörten, die 2013 den Echo boykottierten, da dort auch Frei.Wild nominiert waren.

In diesem Jahr folgte dann eine ziemlich spaßige Promo-Aktion für das neue Album. Eine ziemlich schrammelige Punkband namens „In Schwarz“ wurde vom Hamburger Label Audiolith als Neuentdeckung angepriesen. Ihr erstes Lied „Hand in Hand“ wurde mit einem Video hochgeladen in dem die Musiker Sturmmasken trugen um Spekulationen über die Herkunft anzuheizen. Nachdem es einige Wochen wild hin und her ging enttarnten sich Kraftklub um gleichzeitig bekannt zu geben, dass das neue Album, das im September erscheint, den Namen „In Schwarz“ tragen soll.

Relativ zeitgleich kam wohl die Idee auf, dass man die Band doch mal interviewen könne. Nachdem sich lange nicht die Gelegenheit ergab, tütete Ronja kurzfristig ein Interview ein, dass dann am 24. Juli im Beat The Rich-Hauptquartier in Kreuzberg– Kraftklubs Management – über die Bühne ging. Genauer gesagt mit Sänger Felix, Gitarrist Karl und Basser Felix.

Trotz des Stresses, den so ein kurzfristig eingetütetes Interview quasi auf der Zielgerade des Redaktionsschlusses manchmal mit sich bringt, hat’s wirklich Spaß gemacht weil die Band einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hat. Kraftklub sind augenscheinlich immer noch die Jungs aus Chemnitz, die jetzt vor tausenden Leuten auf Festivals spielen und bergeweise Platten verkaufen aber immer noch auf sympathische Art mit ihrer Rolle als erfolgreiche junge Popband fremdeln, was sie auch immer wieder in ihren Texten tun. Star-Allüren sind ihnen fremd. Ich habe, als ich noch Konzerte gemacht habe, schon Punkmusiker getroffen, die ab circa 100 verkauften Platten zu ekeligen Diven mutierten und wo ich mich schon fast freute, dass am Abend nur 50 Leute zum Konzert kamen. Beziehungsweise es gibt ähnlich erfolgreiche Künstler wie Kraftklub, sogar mit Punk- und Hardcore-Vergangenheit, die es im Pop-Bereich geschafft haben und deren Management nicht einmal mehr wiederholte Anfragen zumindest absagen, wenn ein popeliges Punk-Fanzine wie Plastic Bomb anfragt.

Dann lieber eine Popband, die völlig auf dem Boden geblieben ist und keine Berührungsängste hat. Sowas zeigt sich in Kleinigkeiten: Das Erste, was Sänger Felix tat, war mir einen Kaffee anzubieten und zu fragen, obs OK ist wenn sie während des Interviews rauchen. Guter Einstieg und los geht’s.

Ich durfte ja mir ja gerade mal euer neues Album „In Schwarz“ anhören (Anmerkung: Erscheint am 12. September). Ich habe das Gefühl, der Kraftklub-Kosmos dreht sich nach wie vor um enttäuschte Liebe, Saufen und Orientierungslosigkeit dreht. Schätze ich das richtig ein?

 

 

Felix: Möglich! Wir haben gerade erschrocken festgestellt, dass die Interviewer uns voraus sind. Wir haben das Album selbst noch nicht am Stück gehört. Diesen Schritt zurück und der Feststellung, dass dieses Album folgende Themen hat, können wir noch gar nicht machen. Wir sind noch dabei festzustellen, wo die Gitarre blöd klingt und wo der Mischer noch mal ran muss. Deswegen fällt es ein bisschen schwer, dass Album mit Abstand zu betrachten. Aber wenn Du das so siehst kann es schon sein, dass das unser Kosmos ist.

Till: Aber warum immer enttäuschte Liebe? Es geht ja um Liebe generell. Die muss ja nicht immer enttäuschend sein.

Karl: Vielleicht bleibt ja das hängen.

Till: Man kann ja schlecht ein Lied darüber schreiben wie zufrieden man mit seiner Freundin ist.

Felix: Alles schön, wir haben keine Probleme, alles herrlich…

Till: Oder wenn man so ein Lied schreiben würde, würde es keiner als solches sehen sondern sofort als ironisch verstehen. Was ja wieder dasselbe wäre wie das, was es jetzt ist. Es ist eigentlich unmöglich. Außer in der Schlagermusik vielleicht.

Till: Das hat der Schlager wohl für sich schon abgesteckt. Vielleicht müsste man einfach ne Folk-oder Americana-Platte machen und was ernstzunehmendes über Pro-Liebe.

Das ist doch was für alternde Rockstars, so ne Americana-Platte. Dafür seid ihr doch noch viel zu jung. Oder für diejenigen die finden, man müsse sich künstlerisch neu erfinden, oder?

Till: Vielleicht kommt das ja noch. Wir sagen zwar immer, dass wir dieses Wir-müssen-uns-jetzt-künstlerisch-neu-erfinden-und-erwachsener-klingen zwar ein bisschen albern und total schrecklich finden - aber vielleicht blüht uns das ja noch. Ist ja erst unser zweites Album.

Karl: Beim zweiten Album die große Veränderung herauf zu beschwören finde ich auch etwas früh.

Ich finds im Vergleich zum Vorgängeralbum aber schon über weite Strecken ernsthafter und reflektierter. Das Thema Party rückt etwas in den Hintergrund?

Till: Kann sein. Wir machen uns jetzt über dieses erwachsener klingen so ein bisschen lustig aber im Endeffekt ist es ja so: Das erste Album haben wir mit 20 geschrieben und dieses Album jetzt mit 23 geschrieben. Wir sind also wirklich etwas älter geworden. Keine Ahnung, ob das jetzt der Grund dafür ist oder das man einfach keine Lust auf Party hatte.

Karl: Party-Songs sind auch nicht so einfach wenn man schon ein paar hat und dann Neue zu machen. Musikalisch vielleicht aber textlich nicht.

Also ein Dauerabo auf Ballermann- oder Aprés Ski-Hits wird’s für Kraftklub nicht geben?

Karl: Das müssen wir uns für später aufheben, wenn Till sich ein Arschgeweih tätowieren lässt.

Oh, ist das in Planung?

Till: Na, wir planen das für den Fall, dass Felix mal schläft.

Felix: Wieso ich?

Karl (zu Till): Wollte ich gerade sagen. Du warst jetzt gerade das Ziel!

Ihr plant euch gegenseitig zu tätowieren aber wusstet bis gerade davon nichts?

Felix: Ja, jeder ist am planen dran [Anmerkung: Da kennt jemand den Film Bang Boom Bang] und irgendeinen wird’s treffen. Und irgendeiner muss ins Solarium und sich die Haare blondieren.

Zurück zum Album: Das Ossi-Thema fällt hingegen etwas hinten rüber. Oder höre ich das als Wessi nicht so raus?

Felix: Wir hatten ja immer so ein bisschen das Problem, dass die erste Platte als Ost gegen West wahrgenommen wurde, nur weil wir zufällig aus dem Osten kommen. Es handelte eigentlich eher von der Provinz als direkt vom Osten. Wir hätten möglicherweise eine ähnliche Platte gemacht, wenn wir in Flensburg oder Arnsbach aufgewachsen wären. Wir fanden das eh etwas befremdlich. Wir sind alle 89er/90er-Jahrgang. Wir wollen nichts zu tun haben mit Ost-Romantik oder Ostalgie. Das ist uns total fremd und wir fanden es auch immer eher suspekt wenn jemand anfing, dass wir Ossis ja zusammenhalten müssten.

Till: Was der Osten dem Westen allerdings voraus hat ist, dass man nur im Osten direkt an der Tankstelle für den Trabbi oder das Moped tanken kann. Das gibt’s im Westen nicht.

Ihr hab euch ja sogar kurzzeitig als Hamburger verkleidet. Vor dem Album gab‘s die Promo-Aktion,  diese In Schwarz-Geschichte. War das aus eurer Sicht gelungen?

Felix: Ihr wart ja Teil dieser Aktion. Ihr habt ja auch darüber berichtet und darüber haben wir uns sehr gefreut. Wir haben es bei jedem einzelnen registriert und mit reibenden Händen gesagt: Ja! Sie glauben es alle.

Ihr seid ja auch eigentlich keine explizit politische Band. Warum habt ihr euch da dieses Antifa-Image zugelegt?

Felix: Antifa-Image… Der Song handelt ja eher davon, dass es uns ein bisschen auf den Keks geht, dass sich diese Demonstrations-Kultur heutzutage in eine Richtung von wegen Halli Galli und hauptsache Action gewandelt hat. Da lag es für uns auf der Hand, dass wir für diese Aktion eine Punkband sein wollen.  Darüber haben wir uns ein bisschen lustig gemacht. Das hat alles zusammengespielt und daher sind ein paar Anleihen drin. Der Protagonist ist nur wegen dem Mädchen da aber was alle vereint ist, dass sie keinen Dunst haben warum sie eigentlich da sind.

Aber was kritisiert ihr denn an der Demonstrationskultur. Was war denn früher besser, eurer Meinung nach?

Felix: In Hamburg war ja diese Aktion mit den Esso-Häusern wo viel zu Bruch gegangen sind und es war der Tenor, dass die, die auf die Straße gegangen sind um dagegen zu demonstrieren, plötzlich umgeben sind von Demonstrations-Touristen – von Leuten aus Außenbezirken oder aus Süddeutschland, die einfach dahin fahren und Action machen wollten. Die hinfahren um den Kiez zu zerballern und wieder wegfahren. Die Hamburger haben sich bedankt. Die hatten jetzt mal ein richtig krasses Action-Wochenende und die können jetzt daheim im Reihenhaus den Kumpels erzählen, wie sie mal richtig krass was kaputt gemacht haben und wir stehen jetzt hier mit der Scheiße.

Karl: Ist ja im Berlin am 1. Mai nicht anders.

Liegt das Problem, gerade in Hamburg nicht eher bei den Repressionen durch die Bullen? Wenn ganze Stadtviertel abgeschirmt werden? Stichwort Gefahrengebiet?

Felix: Das ist ja möglicherweise auch eine Wechselwirkung. Je mehr Klubottniks du hast, je mehr setzen nur auf Eskalation setzen weil sie sonst zuhause nix zu erzählen haben.

Till: Ich war mal in Schneeberg auf einer Demo und da habe ich mich mit einem Haufen Polizisten unterhalten, die alle total in Ordnung waren. Einer hat mir sogar ein Level bei Candy Crush gelöst. Die waren alle extrem nett. Aber während ich mit denen gequatscht hab kamen immer Leute vorbei uns sagten zu mir ich solle nicht mit denen reden. Als wären das keine Menschen mehr nur weil die ne Uniform anhaben. Klar gibt’s Arschgeigen die Bullen sind aber auch viele Arschgeigen bei den Demonstranten.

Aber auch nette Bullen können, nachdem sie Dir dein Candy Crush-Level gelöst haben, irgendwelchen friedlichen 16-jährigen auf die Fresse hauen wie hier bei einer Schülerdemo in Kreuzberg gegen die Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule vor einigen Wochen.

Felix: Auf jeden Fall. Es gibt auch richtig krasse Idioten. Ich bin mal bei einer Mitfahrgelegenheit mit einem Polizisten gefahren. In der Zeit, wo ich mit ihm allein im Auto saß war er total neutral und liberal. Als dann ein Kollege von ihm einstieg unterhielten sie sich, als wäre ich nicht mehr da, wie geil es ist loszuziehen und Autonome wegzuklatschen. Das war total schräg. Also die gibt’s auch und wahrscheinlich auf Demos auch relativ viele.

Till: Ich hab zum Beispiel Kumpels bei der Bereitschaftspolizei, die lassen sich halt krankschreiben, wenn ne Demo ist weil die keinen Bock haben Leute zu verdreschen, mit denen sie eigentlich einer Meinung sind. Ich denke, Du hast trotzdem eine Wechselwirkung. Dann wirft einer halt auf alle Polizisten was und alle Polizisten sprühen halt alle mit Pfefferspray voll.

Ich würde das nicht so pauschal sehen. Ich glaube, dass es bei den meisten Demonstrationen einen sehr politischen Kern gibt und nicht nur Krawalltouristen, die es sicherlich auch gibt.

Felix: Klar aber in dem Song gibt’s ja nur den einen Protagonisten. Und der ist halt nur da weil halt das Mädchen da ist. Es gibt auch bestimmt viele, die wegen anderen Gründen da sind. Vom politischen Kern handelt der Song nicht.

Gab es Reaktionen von denjenigen, die ihr kritisiert? Wurde die Ironie überhaupt verstanden?

Felix: Glaube schon. Die Audiolith-Leute haben ihr Büro ja auch nahe der Reeperbahn und die wussten auch worum es geht. Das finde ich immer ganz cool bei unseren Texte und Musik allgemein: Für die einen ist es nur ein Liebeslied und die anderen sehen ein bisschen mehr drin. Wir sind aber die falschen Ansprechpartner um jemanden zu befehlen wie sie den Song zu verstehen haben. Die Audiolith-Leute haben ihn auch nicht als Liebeslied interpretiert.

OK, so ein Verwirrspiel kann ja auch Spaß machen. Wenn ich mich da an die YouTube-Kommentare zu KIZs Biergarten Eden errinnere, wo sie dafür gefeiert wurden, dass sie endlich ein Pro-Deutschland-Lied gemacht haben…

Till: War ja bei uns auch so. Da haben auch viele von linker Randale und Demolieren schwadroniert und du weißt genau, dass sie nicht bis zur entscheidenden Strophe gehört haben.

Felix: Im Radio haben sich auch viele Polizisten gemeldet sie sich aufgeregt haben und den Sendern verbieten wollten das Lied zu spielen. Interessant, wenn es ein Lied schafft verschiedenste Reaktionen hervorzurufen.

Kennt ihr eigentlich die Band Guerilla? Die gibt’s schon länger nicht mehr aber die sind auch immer in Sturmmasken aufgetreten. Habt ihr das da geklaut.

Felix: Das ist reiner Zufall. Die kenne ich nicht.

Till: Es gab sicherlich viele Bands, die schon mal mit Sturmmasken aufgetreten sind. Da kann man schwer die Erste sein.

Felix: Es ist ein Zitat, das oft verwendet wird. Von Public Enemy auch. Sieht halt so ein bisschen gefährlich aus. Aber der Zweck Nummer eins war natürlich, dass man nicht sieht, wer die Band ist. Interessanterweise haben die wenigsten dahinter ja einen Coup oder eine andere Band vermutet. Die meisten haben es ja nur als neue Punkband aus Hamburg wahrgenommen.

Die „In Schwarz“-Single erschien dann ja auf Audiolith. Welchen Bezug habt ihr zu denen?

Felix: Es war immer schon ein befreundetes Label. Die machen ihre Sache gut und haben glaube ich eine ähnliche Haltung zu vielen Themen wie wir. Mit den Audiolith-Leuten sind wir einer ähnlichen Meinung. Und die sind lustige Leute. Die sind nicht so verhärmt und nicht nur streng und humorlos. Die können auch über sich selber lachen. Bei den Antifas finde ichs immer gut, wenn die etwas selbstironisch sein können und nicht alles so bierernst nehmen.

Haben sich Leute von der Aktion auch richtig verarscht gefühlt und waren sauer?

Till: Die meisten, die darauf reingefallen sind werden im Nachhinein gesagt haben, dass sie es geahnt haben aber auch unterstützen wollten.

Felix: Manche haben auch zugegeben, dass sie drauf reingefallen sind. Zum Beispiel FluxFM, der Radiosender. Es gab niemanden, der ernsthaft böse war.

Die Promo-Aktion war ja ziemlich aufwändig aber beim Album-Cover für das neue Album habt ihr euch ja nicht sonderlich viel Mühe gegeben. Das sieht ja quasi nochmal genauso aus nur farblich invertiert.

Felix: Haha, ja. Wir mussten Kosten sparen am Grafiker. Wir haben alles für die In Schwarz-Aktion ausgegeben, hehe.

Karl: Eigentlich haben wir keine Kosten gespart. Es hat genau so lange gedauert, wie das Cover in Weiß zu machen.

Till: Wir fanden das Cover so gut, dass wir es nochmal verwendet haben. Die Hände waren einfach so gut.

 


 

Und wird das Album wieder Nummer Eins?

Felix: Till hat beim letzten Album 100 Euro an jemanden aus der KIZ-Gang verwettet, weil er nicht glaube, dass das Album mindestens Top 10 geht. Deswegen würde ich keine 100 Euro wetten, dass es nicht Top 10 geht aber ob es Nummer 1 geht ist eigentlich egal.

Ehrlich?

Felix: Na, ist schon cool, hehe.

Karl: Ich glaube, es wäre jetzt einfach uncool zu sagen, dass wir wollen, dass es Nummer Eins wird. Aber wir arbeiten sehr viel dafür, dass es ein Erfolg wird.

Felix: Ja, wir sprechen Leute auf der Straße an und bitten Sie, unser Album zu kaufen. Aber mal im Ernst: Im Großen und Ganzen waren wir eher überrascht. Wenn es nicht nochmal genau so wird: Mein Gott. Wir haben uns immer mehr daran gemessen, dass wir größere Konzerte spielen als noch vor ein paar Jahren und nicht an Verkaufszahlen und Alben. Wenn wir ehrlich sind war es uns immer eher rätselhaft, was für Leute noch CDs kaufen.

Ich kaufe noch CDs weil ich diesen Konservativismus der Punkszene und das rumgekulte um Vinylplatten sehr suspekt finde.

Felix: Finde ich super! Steffen, unser Gitarrist der am ehesten in der Punkrockszene verwurzelt ist, ist auf jeden Fall so ein Konservativist und, man möchte schon fast sagen, Reaktionär. Seine ganzen Hardcoreplatten muss er auf Vinyl besitzen ansonsten sind sie nichts wert.

Karl: Steffen würde dann auch die Platten nicht mehr auflegen sondern sie sich eher nochmal auf Rohlinge brennen.

Felix: Um darauf nochmal zurück zu kommen: Selbst wenn wir nicht nen Haufen Platten verkauft hätten würden wir jetzt hoffentlich trotzdem hier sitzen und sagen, dass wir ne gute Liveband sind und vor vielen Leuten spielen. Das ist uns wichtiger.

Der Erfolg kann ja auch Schattenseiten haben. So wurdet ihr zum Beispiel von Heino gecovert.

Felix: Das war ne ganz tolle Aktion.

Till: Eigentlich geht der ja ins Studio und arbeitet für uns und macht Werbung.

Felix: Ich weiß aber eigentlich wären wir lieber nicht von Heino gecovert worden.

Karl: So schlimm ist es auch wieder nicht.

Felix, Du hast auch gerade ein Heft mit den Onkelz auf dem Cover etwas angeekelt weggelegt.

Felix: Ach naja. Als ich angefangen habe mich für Musik zu interessieren haben die Onkelz längst aufgehört. Da gab es nur noch absurde Geschichten um diesen Frontmann, der irgendjemanden umgefahren hat und jetzt habe ich sie erst wieder durch dieses krasse Konzert, dass die gespielt haben, mitbekommen. Dadurch, dass ich mich Null mit den Böhsen Onkelz beschäftigt habe und auch keine große Antipathie gegenüber denen entwickelt habe, war ich wirklich einfach nur beeindruckt von dieser Bühne. Ich hab mir wirklich nur die Bühne angeschaut und gedacht: Was zur Hölle haben die dahin gezimmert?! Als hätten die einfach Gotham City einfach aufgebaut und drin gespielt. Die ist ja offenbar die größte Rockbands Deutschlands…

Karl: Sehr beängstigend.

Felix: …ich weiß auch nicht, was da los ist. Irgendwie haben die viele Leute aus meinem Umfeld gehört und hören die scheinbar immer noch. Aber die Onkelz haben uns immerhin noch nicht gecovert. Heino hat uns leider gecovert und das würde ich wirklich als Schattenseite bezeichnen. Wir haben vorhin über die angeblichen Schattenseiten gesprochen und das man überall erkannt wird. Damit haben wir null Probleme.

Karl: Aber das hält sich auch in Grenzen. Wir werden nirgendwo belagert. Aber zu Heino: Das war ja auch das Konzept von dem Album. Von dem wollte niemand gecovert werden und er hat ja auch niemanden gefragt.

Till: Das ist natürlich einer super Promo wenn all die Künstler sich über ihn aufregen.

Felix: Deswegen hat ja am Ende auch niemand mehr etwas gesagt, weil das so offensichtlich war. Die BILD-Zeitung und Heino haben das ja mehr oder weniger zusammen gemacht, das Album. Ich glaube, Jan Delay hats glaube ich richtig verkackt und wurde dann verklagt.

Habt ihr euch eigentlich inzwischen mit Berlin arrangiert?

Felix: Arrangiert triffst. Wie gesagt: Viele unserer Freunde leben hier. Wir leben noch in Chemnitz aber haben so eine Art Montage-Leben geführt in den vergangenen anderthalb Jahren. Vier, fünf Tage hier und am Wochenende wieder zurück. Es ist kein Problem hier zu sein. Es wäre ja auch naiv anzunehmen, dass in Berlin nur Arschlöcher hier rumlaufen. Als wir den Song geschrieben haben, war das so eine Kombination aus allem was einem irgendwann auf dem Sack und dann auch noch diese Leute, die wir so kennengelernt haben.

Karl: Wir waren völlig überfordert von diesem oberflächlichen Gelaber.

Felix: …von diesem Musikbusiness, in das wir da so eingeführt wurden! Haltet alle die Schnauze und geht weg. So in der Art. Wo dann auf einmal alle Englisch gesprochen haben oder so eine Mischung aus Deutsch und Englisch und das war total schrägt.

Karl: “Easy come easy go”, ne? Haha. Bei unserem ersten Treffen mit so nem Chef hat der uns gleich so eine komische Redewendungen an den Kopf geschmissen. Da mussten wir alle so ein bisschen schmunzeln.

Till: „Hit 3 birds with one stone“ war das glaube ich. Haha.

Apropos Chemnitz: Auf der Platte ist ja wieder mit „Meine Stadt ist zu laut“ ein Lied über das Atomino, den Jugendklub eures Vaters, der Probleme mit Anwohnern hatte. Was ist eigentlich daraus geworden?

Karl: Der ist umgezogen und muss wieder umziehen.

Till: Es gibt einfach so Menschen, die klagen als Hobby vor Gericht. Die haben Geld und Langeweile und vertreiben sich die Zeit damit zu klagen.

Felix: Ich würde es fast schon esoterisch formulieren: In Chemnitz hat so eine Art Eskalation der Ruhe eingesetzt. Es ist einfach so geworden, dass alle Ruhe haben wollen. Mit so absurden Ausläufern wie das ernsthaft Blindenampeln ab 22 Uhr abgestellt werden. Dann hats natürlich auch Subkultur schwer, wenn Konsens ist das alles möglichst ruhig sein muss und Sachen, die mehr Spaß machen, wenn sie laut sind, haben es natürlich schwer. Und wenn diejenigen, die alles möglichst ruhig haben wollen auch noch die sind, die mehr Geld haben, wird es noch schwieriger.

Zur Subkultur habt ihr nach wie vor einen Bezug? Mit eurem, ich sag mal, Kommerzimage geht ihr ja auch ironisch um.

Felix: Wir kommen ja daher. Wir sind ja keine zusammengecastete Band. Unsere ersten Jahre haben wir nur in der Subkultur verbraucht und in jedem schimmeligen Club, den man so auftreiben konnte, haben wir gespielt. Wir bekennen uns zwar zu den Kommerzschweinen. Wir sind die, die 20 Euro für ne Karte nehmen aber trotzdem im Conne Island spielen dürfen und wenn wir nett gefragt werden, spielen wir auch bei Antifaveranstaltungen.

Würdet ihr also immer noch in kleinen Clubs spielen?

Felix: Machen wir jetzt im Oktober. Da spielen wir in den ganzen netten Läden, die wir damals bespielt haben, wieder.

Gutgelaunte Band und reservierter Interviewer beim Selfie
Die nächste Frage ist etwas obligatorisch für ein Punkfanzine: Welchen Bezug habt ihr zu Punk?

 

Felix: Den größten Bezug hat tatsächlich Steffen. Zumindest musikalisch. In Bezug auf Punkkultur haben wir den Bezug, dass wir tendenziell immer auf dieser Seite standen und wir damit aufgewachsen sind. In Chemnitz muss man nicht großartig politisch sein. Du wirst relativ schnell vor die Wahl gestellt. Sobald Du in die Schule gehst musst du dich zwischen Nazis und Punkern entscheiden und waren halt nicht bei den Nazis. In Chemnitz gibt’s auch immer die Geschichten von alten Kindergarten-Kumpels, die sich auf Demos getroffen haben aber eben getrennt von der Polizei. Ein Kumpel von mir, den man heute vielleicht Modepunk nennen würde, sagte mal zu mir: Punk ist man nicht – Punk lebt man. Den Slogan fand ich immer spitzenmäßig.

Eine letzte Frage: Warum sollten Punks eure nächste Platte kaufen?

Till: Wenn man sich draufsetzt wärmt die hervorragend. Es ist dickeres Vinyl. Beim Kaisers auf der kalten Gehwegplatte ist sie sehr nützlich.

Karl: Man kann halt auch schon mal üben wie man auf der nächsten Liveshow dazu pogt.

Interview: Philipp
Fragen: Philipp + Kadda
Organisation: Ronja
Fotos: 1-3: Christoph Voy, 4: Eigenes Werk