Interview aus PLASTIC BOMB #62:

Wenn man schon etwas länger dabei ist und wie ein Blödmann Platten sammelt, dann hat man irgendwann mal so Einiges im Regal stehen, was einem „wichtig“, „interessant“, „gut“ oder sogar „brillant“ erscheint. Und natürlich würde man keine dieser Kostbarkeiten wieder hergeben, nicht mal wenn man sich wochenlang nur Kartoffeln, Zwiebeln und Leitungswasser leisten kann (man kann ja auch Blutspenden gehen...).

Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Platten, die aus dieser Masse an schwarzem Gold noch deutlich herausragen, die einem eben noch mehr ans Herz gewachsen sind als all die anderen. So gings´s mir mit der „Mush“ von LEATHERFACE, mit der ersten KNOCHENFABRIK, der ersten DACKELBLUT und der „London Calling“ von THE CLASH. Und mit der ersten PASCOW. Die „Richard Nixon Disco-Pistole“ hat mich damals einfach weggeblasen. 14, nein eigentlich 15 unfassbar druckvoll und offenbar mit sauviel Spaß rausgerotzte Punk-Rock-Hits, die alles haben was einen an diese Subkultur bindet, Wut und Biss, ne Menge Witz und genau die richtige Dosis Melancholie, um weder Emo noch gefühllos zu sein. Und auch wenn die Texte nicht an jeder Stelle einen besonderen Sinn ergeben (oder er sich mir nicht erschließt), so finden sich hier doch so viele geniale und nie wieder vergessene Zeilen, dass mir Alex´ Selbstkritik (s. Interview) ziemlich weit am Arsch vorbeigeht. „Er schenkt Dir Rosen und geht dann mit Dir aus. Ich schenk Dir einen Drink und trink ihn selber aus!“ Ach ja, genau so... Anyway, sollte ich mich jemals gefragt haben, ob Punkrock überhaupt noch was kann, nach dieser Platte waren alle Zweifel beseitigt. Ich hab sie rauf und runter gehört. Bei der Arbeit, beim Trinken und Schreiben, bei Revolution und Liebeskummer. Das Beste aber sollte noch kommen, denn entgegen unser aller Befürchtungen sind PASCOW am Nachfolger nicht gescheitert, sondern haben ihren Stil weiterentwickelt und an Energie sogar noch zugelegt. So verband denn auch die „Geschichten“-LP bald eine ausgesprochen enge Freundschaft mit meinem Plattenteller und wann immer mich jemand nach einer guten neuen Punk-Scheibe fragte, musste ich ihm eröffnen, dass gute neue Punk-Scheiben ein Scheißdreck sind gegen diese hier, weil die Punk nämlich schlicht und einfach und zielgenau auf den Punkt bringt.
Und jetzt die neue. Nur beim Warten auf das dritte, posthum erschienene JOE STRUMMER & THE MESCALEROS-Album war die Ungeduld ähnlich groß. Und glücklicherweise gab es auch im Fall von PASCOW keine Enttäuschung. Wieder hatte ich das Gefühl, dass die Platte noch mehr rockt als ihre Vorgänger und inzwischen arbeitet Alex wohl auch noch etwas intensiver an den Texten, so dass die Jungs zwar nach wie vor weder die neuen CHUMBAWAMBA noch die neuen SLIME sind, aber doch deutlich politischer wirken als früher.
Aus all diesem Blabla mögt Ihr jedenfalls ersehen, dass ein Interview längst überfällig war und um dieses endlich zu führen, haben der liebe Swen und ich uns dann vor ein paar Monaten nach Düsseldorf aufgemacht, wo PASCOW, die übrigens zu den besten Live-Bands der verseuchten Republik gehören, im sehr sehr sehr sympathischen Linken Zentrum Hinterhof gespielt haben. Möglicherweise wird es auch noch einen zweiten Teil geben, müssta ma gucken, ansonsten viel Spaß.
Atakeks

Ata: Bei vielen sogenannten schlaueren Punkbands hat man den Eindruck, sie entwickeln im Laufe der Zeit eine Abneigung gegen ihr Irokesenpublikum. Goldene Zitronen haben u.a. sogar ihren Musikstil gewechselt, weil ihnen ihr Publikum nichts mehr getaugt hat. Euch macht es auch Spaß vor 50 besoffenen Irokesen zu spielen. Ihr spielt auch bei Punk im Pott, Force Attack etc.. Wie ist das? Pflichtveranstaltung um da auch Platten zu verkaufen?
Alex: Wenn wir was nicht wollen, dann machen wir es auch nicht. Wir sind zum Force Attack gefahren und hatten richtig Bammel. Weil wir uns da eher als Außenseiter gefühlt haben. Und so viele Punker auf einen Haufen haben wir noch nie gesehen.
Ollo: Wir haben auch noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Spacken gibt es überall.
Alex:… auch unter Studentenpunkern, wo wir auch gerne spielen.

Swen: Dieses Distanzieren kommt ja oft aus so einem Gefühl der Überlegenheit, bzw. jetzt einen Schritt weiter zu sein…
Ollo: Ja! Das ist auch Käse.
Alex: Wir distanzieren uns lieber von den Leuten, die sich für etwas besseres halten.

A: Wie seid ihr denn selbst sozialisiert worden. Hat jemand von euch so eine Irophase hinter sich gebracht?
Ollo: Ja!
Alex: Ja, wir beide…
Ollo: Alex und ich sind schon so richtig Deutschpunk-mäßig unterwegs gewesen. Wir haben aber die Lust daran auch nie verloren. Ne gute Deutschpunkscheibe ist auch im Jahr 2007 noch einiges wert.

S: Nenn’ mal eine!

Ollo: Also welche ich aktuell ziemlich gut finde, ist die Nein Nein Nein… auch wenn das nicht so die klassische Deutschpunkscheibe ist.

S: Nicht so richtig. Ist ja auch eher Studentenpunk…

Ollo: Was haben wir denn noch.. was haben wir gestern? Äh, die Karate Disco.. obwohl die ist ja auch nicht.. hm, es ist schwierig, aktuell eine zu nennen, aber ich meine den Bezug zu klassischen Scheiben, wie die SLIME live in Pankenhalle CD oder die Schweineherbst. Das sind auch so Platten, die ich jetzt noch genauso gerne höre, wie vor 10-12 Jahren auch.

A:Waren das auch eure musikalischen Anfänge?

Ollo: Also bei mir waren nach Bad Religion ziemlich schnell Slime und Normahl angesagt.
Sven: Also mein Einstieg war gar nicht Punk. Bei mir war es Maiden und alter Metal. Ich glaube, da war ich 10 Jahre. Da waren laute Gitarren. Die sind richtig abgegangen. Viel später erst bin ich auf die Ramones gestossen. Also mit Deutschpunk hatte ich nie viel am Hut. Außer so Saufpunksampler, die ich immer lustig fand. Heute höre ich immer noch Metal, aber je älter ich werde, desto breiter wird mein Musikgeschmack. Ich scheue mich heute auch nicht eine Elvis-Platte aufzulegen. Ich verteufel nichts, in meiner Sammlung habe ich vieles. Auch deutschen punkrock, aber da komme ich eben nicht her.
Bieber: Ich komm’ auch aus dem Metal und Hardcore. Erst als ich bei Across the Border angefangen habe, bin ich mit Punk in Berührung gekommen. Und Ollo hat mir die erste Muff Potter gegeben.

S: Und wie seid ihr zusammengekommen? Du bist ja als letzter zur Band gekommen!
Bieber: Ja! Ich bin zur Band gekommen, weil ich mit Ollo zusammen studiert habe.
Alex: Wir drei, Ollo, Sven und ich hatten zu Schülerzeiten schon mal so eine Band, die man heute wohl Crossover nennen würde. Da haben wir halt angefangen Instrumente zu spielen. Das war aber zum Scheitern verurteilt, hielt trotzdem ein paar Jahre. Dann waren ein paar Jahre Pause, wo Ollo und ich was gemacht haben, und irgendwann kam Sven dann wieder dazu.

S:Ist das so die typische Geschichte, dass man sich auf dem Dorf langweilt und irgendwas machen muß. Also gründet man eine Punkband…
Alex: Früher hätte ich das so nicht gesagt, aber im Nachhinein war es dann doch so. Wir konnten nicht so gut Skateboard fahren…
Ollo: .. Fußball konnten wir auch nicht… da warst du auf dem Dorf verloren.
Sven: Dann haben wir beschlossen, uns auf der Bühne zu blamieren. Das ist uns dann auch gelungen…
Ollo: Zumal wir auf dem Dorf nur so Psychedelicbands oder vertrackte Crossoverbands gab’. Dafür waren wir aber nicht gut genug. Also haben wir lieber direkt Vollgas gegeben. 3 Akkorde und Schrammeln…

S: Ich wunder mich über so was immer. Da werden einfach die Instrumente gelost und auf einmal können Leute in einer Punkband spielen, weil es ja nichts einfacheres gibt. Ich persönlich bin da ja immer kläglich dran gescheitert. Ich kann mir ja nicht vorstellen, dass das gehen kann, ohne das man mindestens jahrelang bei irgendeinem verlausten Hippie Uriah Heep Songs quält oder die Peter Bursch Gitarrenschule durchmacht…
Sven: Also bei mir isses die Liebe zur Gitarre. Es kommt im einzelnen auch nicht so darauf an, dass man ein guter Musiker ist. Es muß as Band im Kollektiv funktionieren. Man hat aber bei uns am Anfang schon erkannt, dass der Alex sehr gute Songs schreiben kann. Das war natürlich noch alles ziemlich reduziert….
Alex: Danke!
Sven: Und mit der Zeit wird man einfach am Instrument besser.

S: Also habt ihr das alles doch richtig gelernt?

Ollo: Nee! Bei mir hat mein Bruder gesagt: Du kannst dich doch mal ans Schlagzeug setzen.
Alex: Wir haben quasi die gelernten Instrumente getauscht. Ich habe Schlagzeug gelernt, konnte da auch Noten lesen und so einen Quatsch. Aber ich wollte dann unbedingt Gitarre. Und das hört man auf dem ersten Tape auch.

A: Wie macht ihr das denn mit den Jobs? Ihr spielt ja auch ziemlich viel. Wollt ihr euch da eher auf die Band konzentrieren?
Alex: Noch nicht! Ich bin vom Beruf her Sozialpädagoge, habe jetzt aber meinen Job an den Nagel gehangen und mache nur noch Tante Guerilla und die Band.

A: Und damit kommst du über die Runden?
Alex: Seit zwei Wochen ja.
Ollo: Ich veranstalte in Trier Konzerte und kann mir von da aus die Zeit relativ frei einteilen.
Sven: ich habe Elektrotechnik studiert und bim Diplomingenieur…
(allgemeine Begeisterung und eine spontane Rakete steigt)
Alex: Arbeit aus Überzeugung!!!
Sven: Nicht ganz so! Ich bin auf Jobsuche. Es wäre schön wenn man von der Band leben könnte.

A: Das wäre also ein echtes Ziel?

Sven: Wir arbeiten da nicht bewusst drauf hin. Aber wenn es passieren würde…
Ollo: Und nicht arbeiten gehen müsste…

A: ..und ohne Kompromisse davon leben könnte.
Sven: Das ist natürlich Wunschdenken!
Bieber: Und ich verfielfältige CDs und Schallplatten. Flight 13 Dublication.

A: Hattet ihr auch einen politischen Background. Deutschpunk okay, aber auch so was wie eine Antifavergangenheit?
Alex: Persönlich schon eher als mit der Band. Die Band hatte am Anfang keinen politischen Background. Aber von dem Punkt an, wo wir deutsche Texte gemacht haben, wollten wir nicht irgendeinen Blödsinn machen. Was kannst du da auch machen? Du kannst ein Liebeslied machen, du kannst zwei oder ein paar Liebeslieder machen. Sauflieder wollten wir nicht machen. Und was gibt es da noch? Da wurden wir zwangsläufig politischer.
Ollo: Wir haben ja auch nie die Parolen gegen den Staat und die Politiker drin. Es haben sich einfach die Erfahrungen, die wir als Band gemacht haben, wenn wir herumgekommen sind, in den Texten gespiegelt. Man kommt ja quer durch die Republik und spricht mit den Leuten. Was passiert hier? Was erlebst du hier? Gerade heute hier erfahren wir von der Nazidemo in Neuss auf der Gegendemonstranten verhaftet wurden. Das sind Erfahrungen die wir machen, die uns mehr beschäftigen als zu Pauschalisieren, alles in diesem Land wäre schlecht.

A: Kommt ihr denn aus einem bürgerlich liberalen Elternhaus? Oder habt ihr euch das selbst angeeignet?
Bieber: Ich schon.
Sven: Ich auch!
Ollo: Wir wohl eher nicht. Klassisches CDU-Elternhaus!

Alex: Wir kommen aus einem Erzkonservativen Dorf. Wir konnten uns auch nicht vorstellen, dass irgendwer anderes als Helmut Kohl Kanzler werden darf. Das war Gesetz. Im Laufe der Jahre hat man dann erst einmal die Alternativen kennengelernt und ist dann in alles mögliche hereingeraten. In jede mögliche Idee, wie z.B. Hippie-Ideen. Ich hatte auch Cordhosen und lange Haare und habe an den Weltfrieden geglaubt. Deswegen bin ich auch in ein Sozialpädagogenstudium hereingeraten. Will jetzt auch nicht sagen, dass das alles verkehrt war, aber der Hippiegedanke war schon überall drin. Man musste sich die Alternativen schon überlegen.. ich spreche jetzt für uns zwei.
Ollo: Ich war nie Hippie!

A: Und nu? Wo steht ihr jetzt?
Ollo: Das kann man ja alles nur noch schwer auseinander halten. Konservative Parteien entdecken das Soziale. Sozialdemokraten ziehen in den Krieg. Grüne stimmen für Bundeswehreinsätze….

S: Parteipolitisch geht also gar nichts!
Ollo: Nein! Da geht gar nichts.
Sven: Es gibt keine Partei von der wir sagen würden, dass sie das ist.

A: Man kann die Frage schon etwas konkreter stellen. Es gibt ja schon so Textzeilen wo eine Kapitalismuskritik durchkommt. Und da könnte man ja sagen, ob man eher auf dem Kurs von Attac ist, eher Kommunist oder Anarchist?

Bieber: Ich bin zwar Geschäftsmann, aber wenn da so Anfragen kommen, dann unterstütze ich das schon. Das habe ich genau nicht verstanden… das waren wohl Anfragen für bestimmte Projekte.. vielleicht kann Bieber hier noch was ergänzen.
Ollo: Also Attac sind schon okay.
Sven: In die Richtung geht das.

A: Es fällt auch immer eine gewisse Medienkritik auf. Ihr benennt Dinge wie MySpace, Handys etc., aber verteufeln tut ihr sie nicht?
Alex: Das Medium an sich ist ja auch nicht schlecht. Es kommt ja nur auf die Nutzung an. Und da kann man natürlich eine kritische Haltung zu einnehmen. Wir versuchen aber nicht, einen moralisch, elitären Standpunkt einzunehmen. Wir sind uns vollkommen bewusst, dass jeder von uns Kompromisse eingeht, die man als Band auch kritisiert.

A: Du verkaufst zum Beispiel mit Tante Guerilla auch Textilien, wie das Impact oder auch Plastic Bomb machen….
Alex: Ein gutes Beispiel. Wir wollen unsere Sachen nur auf sweatshopfreie Textilien drucken, aber wir würden es unseren Leuten niemals vorschreiben. Wir geben wohl Argumente für sweatshopfreie Textilien, aber die Entscheidung treffen die Leute dann selbst.

A: Ihr bietet also auch andere an?
Alex: Machen wir. Als Band haben wir uns entschlossen nur sweatshopfreie Sachen zu bedrucken. Super ist aber, dass genau das zum Tourstart nicht geklappt hat. Wir haben einen Lieferanten der uns seit 8 Wochen in der Luft hängen lässt und mussten kurzfristig umdisponieren, weil das Geschäft ja auch irgendwie laufen muß, weil wir ja was zu fressen haben wollen.

A: Aber es nagt schon, Vans-Schuhe zu verkaufen, weil die einfach gut laufen.
Alex: Ja! Gerade Vans ist da ein spezielles Thema.

S: Aber die Vans Warped Tour würde Spaß machen?
Alex: Nein!
Bieber: Würde ich auch nicht!

A: Was hältst du dann von solchen Argumenten wie von ANTI-FLAG, dass man dort genau das Publikum erreicht?
Alex: Das ist genau das Argument, wie wir wechseln jetzt zum Major, weil wir da mehr Leute erreichen. Nenn’ mir eine Band bei der das funktioniert hat. Anti Flag haben jetzt auch nicht mehr Kraft als vorher. Was soll das auf einer Vans Warped Tour zu spielen, wo du eh die Leute erreichst, die sich für gar nichts interessieren.

S: Das ist schon der überwiegende Teil der Szene geworden! Seht ihr das alle so?
Sven: Da hat ja sogar die Army versucht Leute zu rekrutieren. Vor einen solchen Karren muß man sich ja nicht spannen lassen.

A: Wobei gerade das das Argument von ANTI-FLAG war, dass sie den Kids gesagt haben, geht dort nicht hin.
Bieber: Man kann sich ja alles so drehen, wie man will.

A: Zu dem Thema Medien noch einmal. Ihr bastelt noch an der Homepage. Wird es da auch politische Links geben?
Ollo: Ja.! Das hatten wir ja auch vorher schon. So Links zu Indymedia und so. Wir tun unseren Stand der Dinge kund und geben den Leuten die Möglichkeit sich zu informieren. Wir geben aber keine Doktrin aus oder predigen. Wenn das so wäre, wären wir Priester geworden. Den Weg, den jeder geht, muß er selbst finden.
Alex: Was uns jetzt bei der aktuellen Platte ziemlich beschäftigt hat, war dieses ganze Adbusters-Ding. Kommunikations-Guerilla und so’n Zeux. Das ist so Aktivismus, der für mich so ein bisschen was neues hat. Das fand ich super interessant. Dazu wird es auch einige Links geben.

S: Zur neuen Platte eine neue Seite… so was muß bei euch sein?

Alex: Ja! Und für so was haben wir glücklicherweise Measy.
Ollo: Eine neue Platte ist bei uns immer so was wie Umzug. Man trennt sich von Liedern, die man die letzten 5 Jahre gespielt hat. Man löst sich von den Dingen, an die man sich bisher geklammert hat, probiert mal was neues aus. Wie beim Umzug, wo die Kiste aus dem Keller dann ganz dezent weggeschmissen oder ausgepackt wird.

S: Das sieht bei euch alles ziemlich stimmig aus. Wie passiert das?

Sven: Meistens alles auf den letzten Drücker. Für das Cover hatten wir auch noch bei einer anderen Freundin angefragt… dann haben Alex und Measy einen Termin gesetzt und mussten dann selbst ran und haben das optische Konzept geplant.
Ollo: Um so näher dann der Studiotermin rückt, um so schneller werden dann die Lieder fertig. Am Anfang brauchst du zwei Monate für nen Song. Und auf einmal geht das in zwei Stunden.
Und dieses Mal waren zum ersten Mal die Aufnahmen komplett fertig und grafisch Stand noch gar nichts.

S: Aber da war es dann logisch, dass das nicht der Aku (der auch schon einige Plastic Bomb Artworks gemacht hat und ganz viel für Muff Potter macht) machen würde?
Alex: Ja! Das war klar.
Ollo: Nicht dass wir da ein Problem mit gehabt hätten, sondern wir wollten was neues. Wir wissen ja auch nie, wie viele Platten wir noch aufnehmen. Und da muß man schon immer anders sein.
Sven: Mal was anderes probieren. Das macht es ja interessant.

A: Und warum diese Coveridee?

Alex: Da steckt jetzt kein Masterplan hinter. Die Idee war von dem Designanarchie-Buch von Kalle Lasn… wir wollten was mit nem Schattenspiel. Dass es dann ein Wolf aus der Hasenhand wurde, war eine spontane Idee.
Ollo: Die Diskrepanz zwischen dem Schein und sein fand ich doch sehr gelungen.

S: Wer macht die Texte? Du mit der Brille?
A: Klar! Ein paar macht aber auch der Ollo.

S: Die wirken so als ob du ein verkappter Hobbyliterat wärst? Du hast wirklich William Burroughs gelesen?
Alex: Ja! Aber fand ich vielleicht nicht so gut, wie das scheinen mag.

S: Ich wollt schon sagen…
Alex: Nee, ich hab’s nicht zu Ende gelesen.

(Gelächter)
Alex: Aber ich muß auch mal sagen, dass ich mir bei dieser Platte zum ersten mal bei jedem Text etwas gedacht habe. Das war auf den Platten davor nicht so, auch wenn es sich manchmal ganz gut angehört hat. Ich wollte keine Aneinandereihung von Worten, die kräftig oder gut klingen, aber keine Substanz haben. Hier steckt also weniger kryptische Scheiße drin.

A: Mir persönlich geht’s immer so ein bisschen wie bei Turbostaat. Ich kann  mit einzeln Zeilen, aber nicht mit dem gesamten Text was anfangen.. das klingt oft ein bisschen gebrochen oder auch mit Ironie dabei. Kannst du mir dazu was sagen?

Alex: Puh! Schwere Frage….

S: Ist ja auch keine Spaßveranstaltung hier.
Alex: Ich habe versucht mich direkter auszudrücken.

A: Gibt es da eine Angst platt zu werden. Mit den ganzen Hamburger Bands hatte ich immer das Gefühl, dass da die Texte dann so uneindeutig sind…
Alex: Davor habe ich keine Angst.
Ollo: Wir kommen vom Dorf. Deswegen denken die Leute eh dass wir platt sind!
Alex: Das liegt daran, dass man auf der Suche nach was neuem ist. Ich habe ja auch nix gegen Phrasen oder Parolen, aber immer wenn ich so was schreibe überkommt mich das Gefühl: Scheiße, Slime waren vorher da und haben das gemacht. Ich habe auch großen Respekt vor so Singer- Songwritern, die Sachen konkret benennen und es hört sich kein bisschen peinlich an. Das würde ich auch gerne können.

S: Schreibst du auch?

Alex: Nee, überhaupt nicht.

A: Wie kommt man denn auf so einen Text wie ‚Jello Biafra, Wom und ich’? Ist das ein Geistesblitz?
Alex: Das war ne Melodie von Knochenfabrik.. und es war zu der Zeit als Jello Biafra und seine Kollegen sich gezankt haben, was ja eine ziemliche Schlammschlacht war. Tja, dann fällt einem halt so was ein….

S: Wo würdest du denn so einen Song heute verorten? Gibt es so was wie Wom überhaupt noch?
Ollo: Vermutlich im Media Markt. Geiz ist geil.
Alex: Vermutlich bei Google.

S: Ich hatte ja so meine Zweifel, was die neue Platte angehen würde. Daß ihr euch noch mal steigern könntet, hielt ich für unmöglich.Vermutlich wird es jetzt aber für euch ziemlich eng. Jetzt noch eine Tour und dann erst mal Schluß… mehr als drei gute Alben hat doch niemand hingekriegt!
Alex: Wir werden natürlich nur an unseren eigenen Ansprüchen scheitern. Nach der ‚Richard Nixxon’ war uns klar, wir würden nie wieder eine solche Platte machen. Und nach der ‚Geschichten…’ war das auch klar.
Ollo: Und da bleibt einem mit unseren musikalischen Fähigkeiten gar nicht mehr so viel Spielraum…
Alex: Das war einfach viel Arbeit. Viele Stunden Tränen, Pisse, Blut…
Ollo: Auf jeden Fall!
Sven: Jaja. Das ist immer ein ganz schöner Kampf. Bis wir so einen Song hinkriegen, wie wir ihn möchten. Kommt ja immer einer mit einer Idee rein, die er so im Kopf hat. Möglicherweise sind die anderen gar nicht so begeistert davon…
Ollo: .. ja, das ist so eine Phase wo wir unheimlich viel Stress in der Band haben. Da geht’s richtig gut rund. Gerade Alex und ich geraten da unglaublich aneinander, weil wir Brüder sind und auch gelernt haben zu streiten.
Sven: Am Ende hat’s sich aber immer gelohnt.

A: Aber handgreiflich wird’s nicht?

Sven: Nee, soweit waren wir noch nicht.

S: Aber so oft probt ihr doch auch überhaupt nicht. Ihr wohnt doch so weit weg von einander.
Bieber: Bei mir isses schon ein Problem. Für eine Probe fahr ich 300 Kilometer.
Sven: Er liebt die Band halt!
Bieber: Wobei ich auch mal froh bin, wenn ich ein paar Stunden meine Ruhe habe und im Auto Musik hören kann.
Ollo: Einmal die Woche wollen wir proben und so drei mal im Monat klappt es.
Sven: Und vor der Platte haben sich Alex und ich auch außerhalb der Proben getroffen, um den Zeitplan so einigermaßen einzuhalten.

S: Was ich ja nie verstanden habe, warum ihr noch eine Platte beim Plastic Bomb macht. Normalerweise müssten doch so viele bei euch anklopfen, um zu fragen, das man die Platte mal woanders machen sollte, dass man der Versuchung doch gar nicht widerstehen kann.
Alex: Ach nö. Das war für uns nie ein Thema. Ich habe mich nur immer gefragt, warum so viele Bands nur eine Platte bei Plastic Bomb machen. Es hat doch immer wunderbar funktioniert. Für uns war klar, dass wir es als erstes wieder bei euch probieren würden.

S: Ich wollte jetzt keine Beweihräucherung hören…
Alex: Nee, schon klar. Wir wollten die Platte bei euch machen, wenn wir das Gefühl haben, ihr steht hinter der Platte. Hättet ihr das ganze so aus einer ‚Meinetwegen, die Platte verkauft sich einigermaßen’-Haltung gemacht, wäre es bestimmt anders.
Ollo: Das ist eine Frage, die für mich parallel zu der mit den Iropunkern läuft. Für mich waren Plastic Bomb die ersten, die uns eine Chance gegeben haben…. Den ersten guten Review vom Tape hat Swen geschrieben… hm, vielleicht kommt da unsere Dorfmentalität durch. Never change a winning team! Man sollte einfach ein Vertrauensverhältnis nicht des schnöden Mammons wegen auf das Spiel setzen.

A: Aber euer Potential ist euch schon bewusst. Ihr schreibt schon eine ganze Menge relativer Hits und könntet durchaus neben Muff Potter auf einem bestimmten Level mitziehen.
Bieber: Ich hatte dieselbe Diskussion schon einmal bei Across the Border. Und wir haben es nicht gemacht. Es ist einfach ein Stück Lebensqualität nicht unter dem Druck zu stehen von 1000 Leuten spielen zu müssen, sondern auch Spaß bei 5 oder 50 Leuten zu haben.
Ollo: Wir wurden ja auch schon von Leuten gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten woanders hinzugehen, weil Plastic Bomb so das Deutschpunk-Klischée schlechthin wäre. Aber wenn man mich so fragt, wohin? Da wüsste ich gar keine Antwort drauf. L’age D’or wären wir vermutlich zu assig gewesen.
Alex: People Like You sind uns zu Rock’n’Roll… also würde mir einfach kein Label einfallen. Nenn’ du mir doch eins!

S: Hm, ist schon schwer. Richtig gut verkaufen tun Nix Gut. Aber für die seid ihr nicht gut genug… bleiben wahrscheinlich nur die Majors, was ja vermutlich aus Neugier schon ziemlich interessant wäre.
Alex: Also unser Ziel wäre es, ein Major-Angebot zu bekommen, um es abzulehnen. Und danach lösen wir auch die Band auf.
Sven: Auf Major habe ich ja gar keine Lust. Ich habe einfach Angst, dass jemand die Rechte an unserer Musik hat. Da streubt sich in mir alles .. so wie das bei Düsenjäger war…