Euro-Tour im Mai von WHAT WE FEEL & MOSCOW DEATH BRIGADE

Im Mai kommen WHAT WE FEEL, das Flagschiff des antifaschistischen Hardcore-Punx aus Russland, wieder auf große Europa-Tour, mit vielen Konzerten auch in Dland. Zu zweit ist der Weg nur halb so lang und deshalb sind ihre Freunde von MOSCOW DEATH BRIGADE ebenfalls mit an Board. Das verspricht eine Knallertour zu werden und ich freu mich jetzt schon wie ein kleines Kind auf die Shows.

MOSCOW DEATH BRIGADE ist ein Underground Hardcore/Rap Projekt aus Moskau (daher wahrscheinlich auch der Name, logo) mit unkonventioneller Musik. Sie setzen sich gegen den Hirnfick und die Manipulation durch die Autoritäten oder Massenmedien ein, sind klar antifaschistisch und waren vorher u.a. in der Sharp-Band RAZOR BOIS aktiv. Grund genug sie mal etwas genauer zu beleuchten, vor allem da sie hierzulande noch relativ unbekannt sind. Die Fragen hat mir Vlad beantwortet. Interview von Henni.


Es soll ja tatsächlich Leute geben, die euch noch gar nicht kennen und sich unter dem Namen MOSCOW DEATH BRIGADE nix vorstellen können… Wer steckt hinter diesen Masken? Was für Musik bevorzugt ihr? Und was beschäftigt euch, wenn ihr nicht als MDB rumhängt?

 

Hi! Wir sind MOSCOW DEATH BRIGADE – hardcore rap band from Russia. Um 2007 hatten wir die Idee eine Band zu starten, die Hip-Hop Musik mit der Punk-Hardcore Attitüde verbindet. Wir dachten uns – bzw. denken es immer noch – das Hip-Hop perfekt für DIY-Aktivismus ist: schnapp dir ein paar Mikrofone, eine PA und ein Abspielgerät für die Beats. Schon bist du fertig um Konzerte zu spielen, auf Tour zu gehen, deine Ideen zu verbreiten, Soli-Geld zu sammeln und so weiter. Du benötigst nicht einen Haufen teures Equipment und Instrumente um Musik zu machen. Als wir mit MDB angefangen haben, hatten wir bereits einige Erfahrungen in Punk und HC-Bands gesammelt, aber wir lieben eben auch Rap Musik. Es gab eine Menge von beiden Seiten, Punk/HC und Rap, die uns inspiriert haben. Unter anderem waren dies SPAZZ, GORILLA BISCUITS, WARZONE, THE CLASH, NO CASH, WU-TANG CLAN, CYPRESS HILL, LOOPTROOP, COMPANY FLOW, ARSONISTS, NON PHIXION, RA THE RUGGED MAN… Unser Lineup hat sich im Laufe der Jahre geändert, einige unserer Freunde von anderen Bands unterstützen uns bei Konzerten oder Aufnahmen, aber der Kern ist immer der gleiche. MDB besteht nicht nur aus der reinen Band, sondern auch aus Freunden die mit uns arbeiten und Konzerte organisieren, Soligigs veranstalten, die Sicherheit auf Shows stellen, etc.



Okay, damit haben wir schon mal geklärt warum ihr diesen Mix aus Hardcore und Rap spielt. Für mich klingt das Ganze sehr räudig und passt wunderbar zur rauen, aggressiven russischen Sprache. Ist dieser Mix der Musikstile sehr angesagt in Russland?
Rap ist allgemein sehr populär in Russland. Aber, wie du dir vielleicht denken kannst, bevorzugen die meisten die Reime über Clubs, Geld und dieses „Gangster Leben“. In unserem Land gibt es auch das Phänomen, dass rechtsgerichter Rap oder Nazi-Rap existiert. Klingt unglaublich, aber erst vor wenigen Jahren hatten diese Bands auch Sieg-heilendes Publikum bei ihren Konzerten. Im Moment ist das wieder aus dem Trend und die meisten der früheren „Nazi-Rapper“ versuchen sich damit raus zu reden, dass sie sich eigentlich darüber lustig gemacht haben.
Als wir anfingen haben uns die Nazis wegen unserer aktiven antifaschistischen Position gehasst, die „Club-Gangster“ haben uns gedisst weil wir zu politisch sind und uns über ihre „Ideale“ lustig gemacht haben und die meisten Punk-Rocker verstehen einfach nicht was wir da machen. Dazu sollte noch erwähnt werden, dass wir in den 90ger-Jahren in Russland einen regelrechten Streit der Subkulturen hatten: Punk Rocker und Metal Heads waren im Klinsch mit Hip-Hop Kids und manchmal auch untereinander. Ein Bandshirt zu tragen war gleichbedeutend wie eine Gangfarbe zu tragen, du konntest jederzeit von rivalisierenden Jugendkulturen überfallen oder gar abgestochen werden. Als wir MDB gründeten hatte viele in der Punk/HC Szene noch diese Stereotypen über Rap im Kopf.

Eure Texte sind hoch-politisch und sehr kritisch gegenüber den Staat und Autoritäten, aber auch gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Sind dies ganz allgemeine Probleme die euch so angepisst machen oder seid ihr gar selber im täglichen Leben damit konfrontiert?
Wir haben zu einer Zeit angefangen diese Musik zu machen, als die Situation mit Neo-Nazis in Russland richtig scheiße war. Antifaschisten waren in der Minderheit und die Nazis haben sich sicher dabei gefühlt Punk-HC Shows zu überfallen und manchmal auch Leute zu Tode zu treten oder abzustechen. Also war es wichtig unsere antifaschistische Position klar zu äußern. Wir rappen auch über alltägliche Situationen, Erfahrungen von uns oder unseren Freunden, wie bspw. Bullenbrutalität, Gewalt, die Propaganda der Massenmedien, soziale Vorurteile oder auch die Wehrpflicht. Nach und nach haben wir gemerkt, dass immer mehr Leute unsere Musik hören und zu unseren Konzerten kommen. Und dabei handelt es sich nicht nur um Punks, HC Kids und Antifa Aktivisten, sondern auch um „normale“ Hip-Hop Leute, Graffiti-Sprüher und gewöhnliche Jugendliche, die nicht viel über die HC-Szene oder Antifa und dergleichen wissen. Das war sehr überraschend für uns weil wir noch keine richtige Veröffentlichung haben. Wir hatten nur Lieder aufgenommen und ins Internet gestellt, so dass jeder diese runterladen kann.

Sprecht ihr auf Konzerten lieber direkt das Publikum an und konfrontiert dieses mit der kompromisslosen und negativen Realität oder verpackt ihr eure Lyriks eher in subtilere Zeilen?

Ich denke unsere Message ist ziemlich direkt und klar. Wir versuchen Sachen bei ihren Namen zu nennen. Aber manchmal versuchen wir auch Metaphern einzusetzen, es sind immer noch Hip-Hop Texte.

Ist es heutzutage schwieriger geworden den Staat und die Regierung zu kritisieren? Es sieht ja so aus als wenn Mr. Putin immer restriktiver vorgeht und die Leute immer leichter in den Knast geschickt werden…
In Russland ist das Leben nicht leicht und leider war dies auch noch nie so gewesen. Denn die Realität ist, dass jede Regierung ihre schmutzigen Geheimnisse hat. Eigentlich hat jedes Land in der Welt irgendwie seine Hände in Blut getränkt. Was die Leute in den Nachrichten und im Internet sehen ist meistens Propaganda, sowohl offensichtliche als auch verdeckt dargestellt, wie sie von den jeweils rivalisierenden Politikern gebraucht wird. Den Staat zu kritisieren ist keine große Sache. Es kann dir vielleicht kurzzeitig Berühmtheit bringen, aber es ändert nur schwer die Situation. Klar versuchen wir unsere Meinung zu politischen und sozialen Problemen kund zu tun. Aber wir glauben, dass eine Veränderung zur Verbesserung im direkten Umfeld nötig ist, damit diese kleinen Veränderungen vielleicht zu großen Veränderungen führen. “Think globally – act locally” funktioniert.
Als wir merkten, dass unsere Musik und die Live-Shows recht populär wurden, haben wir versucht dies auch zu nutzen. So ziemlich jedes Konzert haben wir als Benefitshow gespielt – wir haben Gelder für Weisen gesammelt, für Ältere und auch für Kriegsveteranen aus dem II. Weltkrieg die einfach keine hinreichende Unterstützung von der Regierung oder der Gesellschaft bekommen, und für Aktivisten die juristische oder medizinische Unterstützung benötigen. Solche Veranstaltungen verbessern auch das Bild von Antifa-Aktivisten in der gesamten Bevölkerung. Wegen der starken Neonazipropaganda glauben immer noch viele Leute in Russland das Antifaschisten lediglich ein Haufen drogenabhängiger Spinner sind, die von den westlichen Regierungen unterstützt werden. Wir versuchen also klar zu machen, dass in der antifaschistische Bewegung auch Leuten sind die sich wirklich um ihr Lebensumfeld kümmern und die versuchen die lokale Situation zu verbessern.
Außerdem versuchen wir unterschiedliche Teile unseres Publikums zusammen zu bringen und die alternative Szene attraktiv zu machen – von den Hip-Hop Kids bis zu Metalheads. Wir haben große Konzerte mit Bands aus den unterschiedlichsten Genren zusammen mit MDB organisiert, von Punk und Hardcore bis Hip-Hop und Metal, dazu Graffiti-Wettbewerbe um alle Aktivisten einzubinden. Wir glauben immer noch, dass Punk Rock, Metal, Hip-Hop, Graffiti, Skeatboarding, etc. nur ein kleiner Teil einer großen Untergrundkultur sind, welche vielleicht die Leute verbindet, unabhängig von Grenzen, unterschiedlichen Sprachen und der Propaganda von Politikern.
All unsere Konzerte werden von unserem Kollektiv organisiert, die so genannte MDB crew. Wir stellen außerdem eine Security die sicherstellt, dass das Umfeld bei Konzerten für die Leute sicher ist. Früher haben die Nazis wirklich gern Kids auf dem Weg zum Konzert überfallen, mit Messern, Teleskopschlagstöcken und sogar Schusswaffen, was leider auch oft zu Toten geführt hat.

Wie ist im Moment die generelle Situation in Russland?

Im Moment verfolge ich die die Entwicklungen in der Szene nicht so genau und es kann sein das ich falsch liege, aber ich glaube die russische Szene befindet sich gerade im Abbau. Als wir noch ein ziemlich starkes Feindbild hatten, hatte dies die Szene zusammen gebracht und vereint. Wenn du zu einem Konzert gegangen bist konntest du nie sicher sein, ob du da lebend wieder zurückkommst. Und jedeR im Konzertladen war dein Bruder oder deine Schwester. Du wusstest, dass alle zusammen stehen müssen um zu überleben. Heutzutage hat sich das dramatisch geändert. Die Gefahr durch die Nazis scheint weniger akut zu sein und ist damit nicht mehr so relevant in der russischen Subkultur. Du kannst zum Konzert mit offensichtlicher alternativer Kleidung und Aussehen gehen und die Gefahr eines Überfalls ist minimal. Kein Wunder also, dass die Szene sich in viele kleine Cliquen gespalten hat. Viele Leute, die früher in der gefährlichen Zeit zu ängstlich waren um zu Shows zu gehen, kommen jetzt in die Szene und bringen ihre Hochschuldramen und Intrigen mit. Aber ich denke das ist ein natürlicher Prozess und ich glaube, dass dies auch ein annehmbarer Preis für Frieden und Sicherheit ist.

Gibt es bei euch auch ein Problem bezüglich einer scheinbar wachsenden Grauzone, d.h. Bands die sich nicht klar von der rechten Szene distanzieren wollen und in der Punkszene mit dabei sind?
Wir hatten schon früher ein Label mit den Namen „Boycott The Fencewalkers“ (Boykottiert die Grenzgänger). Und wir sind stolz sagen zu können, dass sich unsere Position dazu nicht geändert hat. Leute die gern mit Nazis und deren Freunden abhängen waren schon früher ein großes Problem in der russischen Szene. Dieses Problem existiert auch heute noch, besonders seitdem viele aktive Leute nicht mehr zu Konzerten gehen und die gesamte Szene in kleinere Subszenen zerfallen ist. Persönlich haben wir kein Interesse an Kontakten zu einer Nazi-freundlichen oder so genannten „unpolitischen“ Szene, Bands oder deren Umfeld.

Demnäxt kommt ihr mit WHAT WE FEEL auf Europatour, welche mittlerweile ziemlich bekannt und beliebt sind. Habt ihr irgendwelche Bedenken, dass ihr nur als deren kleinerer Support wahrgenommen werdet und nicht als eigenständige Band?
Selbst wenn das so eintrifft – höchstwahrscheinlich wird es das – ist dies absolut kein Problem für uns. WWF sind unsere Freunde. Sie haben sich ihre Popularität total verdient, weil sie seit Jahren das Flagschiff der russischen Antifa-Bewegung sind und sich mit all den daraus resultierenden Gefahren rumgeschlagen haben. Für uns geht es dabei nicht um einen Wettkampf o.ä., wir machen die Tour zusammen.

Habt ihr die Tour komplett selber organisiert, mit den vielen Kontakten von früheren Touren? Oder habt ihr euch externe Hilfe hinzu geholt?
Aufgrund unserer langen Aktivitäten in unterschiedlichen Bands und Projekten haben beide Bands viele Freunde und Genossen weltweit getroffen, daher ist eine Tour zu organisieren in diesem Fall kein großes Ding gewesen. In der DIY Untergrund-Subkultur geht es immer um Freundschaft und gegenseitige Unterstützung. Wenn jemand also kein Riesenarsch ist, hat sie oder er die großartige Chance auf Tour zu gehen, neue Leute zu treffen und eine tolle Zeit zu haben.

Diese Tour wird (wieder) zur Unterstützung von Ivans Familie genutzt, der bekanntlich von Nazis umgebracht wurde [zum Nachlesen: bei Indymedia ]. Was erwartet ihr von dieser Tour?

Wir hoffen, dass wir gute Konzerte haben, viele alte und neue Freunde treffen werden und viele Bands sehen können. Wir hoffen außerdem ein wenig Geld für die Familie von Ivan sammeln zu können, der für den Beginn und die Entwicklung der russischen DIY- und Antifabewegung wegbereitend war. Er war einer der ersten, der gegen diese Nazidiktatur in der russischen Szene angekämpft hat. Heutzutage ist es schwer vorstellbar, aber zur damaligen Zeit haben Nazis die Straßen und Läden in Moskau und anderen Städten beherrscht. Ivan und seine Freunde sind gegen diese gut organisierten rechten Schlägergruppen vorgegangen und sie haben ein Überleben der Bewegung in diesen dunklen Tagen gewährleistet. Auch mit dem Preis dabei umgebracht zu werden. Wir möchten Ivans Familie zeigen, dass ihr Sohn und Bruder nicht vergessen wird, dass sein Leben und sein Tod unzählige Personen auf der Welt beeinflusst hat.

Zum Schluss, kannst du noch ein paar aktuell gute Bands aus Russland nennen?

Das ist schwer, weil, wie ich bereits gesagt habe, ich im Moment nicht wirklich in der Szene involviert bin. Aber ich würde sagen es sind WWF, 201 und Distemper. Dies sind alles Bands, die viel für die Szene getan haben und was noch wichtiger ist, sie sind ihren Idealen und Ansichten treu geblieben.

Dann besten Dank für die Antworten! Wer jetzt Bock bekommen hat die Jungs auch mal in Echt und Farbe zu begutachten, sucht sich im Tour-Flyer einen passenden Termin und geht zur Show, welche mit Sicherheit ein Fest wird. Henni