Punk machte optisch wieder was her. Bunte Iros und granatenharte Spikes auf dem Schädel. Nieten und Farbe auf der Jacke. Das ganz schwere Geschütz. Vor Jahren züchteten Bands wie die CASUALTIES, UNSEEN und AUS-ROTTEN neues Stachelgemüse in ihrem Vorgarten. Und plötzlich liefen Legionen wilder Punks unkontrolliert um den Erdball. Doch das ist lange her. Auch OBTRUSIVE gehörten zu den Bands, die wilden Pogopunk aus der Hüfte feuerten. Dieses selbst gewählte musikalische Ghetto wurde einigen Bands in der Folgezeit zu eng. OBTRUSIVE fanden eine Lösung. Sie bereicherten ihren eigenen Sound durch einen größeren Einfluss melodischen Hardcore. Ich persönlich möchte die Band vor allem wegen ihrer wahnsinnigen, vor purer Energie strotzenden Liveshow und der politischen Botschaften ihrer Texte. Vor ein paar Jahren lernte ich sie persönlich kennen als ich ein Konzert mit OBTRUSIVE im damals noch existenten T5 in Duisburg organisierte. Nun gibt es ein neues Lebenszeichen und neue Musik. Man feiert Wiederauferstehung und Abschied. Eigentlich sollte dieses Interview in PLASTIC BOMB #86 veröffentlicht werden. Allerdings waren wir so verdammt produktiv, dass diverse Artikel und Interviews aus Platzmangel den Weg ins Heft nicht mehr gefunden haben.

Glückwunsch erstmal zu euren 10-jährigen Bandbestehen. Runde Geburtstage werden oft groß gefeiert. Wie sieht das bei euch aus?
Danke. Bei uns ist das nicht anders. Erstmal haben wir uns die neue Platte geschenkt. Da möchten wir auch gleich mal Maniac Attack Records danken dass sie uns da geholfen haben den Traum zu verwirklichen. Dann wird es an Pfingsten, genauer gesagt am 7./8.06.2014, ein 2-tägiges Festival im Jugendhaus Ravensburg geben. Wir haben uns mit den Verantwortlichen dort zusammengesetzt und ein cooles Konzept ausgearbeitet. Es wird Vorträge und Workshops geben, veganes Catering, Infostände und natürlich jede Menge geile Bands. Außerdem haben wir einige NGO’s angefragt. Wir wollen feiern und gleichzeitig Bewusstsein dafür schaffen, dass Punk und Hardcore mehr ist als nur ein Lifestyle. Viva Con Agua wird z.B. mit am Start sein, Amnesty International und evtl. noch ein paar Andere. Da sind wir gerade am Planen. Natürlich wird es auch jede Menge Musik geben. Viele befreundete Bands sind am Start, Krum Bums, Modern Pets, Über You, Riot Brigade,The Detectors und viele mehr. Schließlich wird das nicht nur unser 10-jähriges Jubiläum, sondern auch unser Abschied und da wollen wir so viele Freunde wie möglich um uns herum haben. Gleich den Termin im Kalender eintragen!!!

 

"No more sigh for past times" heißt die neue Platte. Es ist eher ungewöhnlich, dass eine Band auf einer neuen Platte alte Songs neu einspielt UND zusätzlich dort auch neue Lieder veröffentlicht. Warum habt ihr diesen Schritt gemacht? Sind die alten Songs so gut? Hattet ihr so wenige neue Songs für ein komplettes Album? Die letzte Platte "Cross the line" liegt ja schon 5 Jahre zurück...
Die neue Platte heißt „20032013“. „No More Sigh For Past Times“ ist ein Song der Platte und so etwas wie der Untertitel und bedeutet, dass man nicht alten Zeiten nachklagen, sondern nach vorne schauen soll. Nach der „Cross The Line“ sind viele Dinge geschehen die wir so nicht geplant hatten. Leider hatten wir viele Besetzungswechsel, was uns immer wieder von vorne hat anfangen lassen. Wir haben den Fokus dann auf’s Livespielen gelegt und versucht so viel zu spielen wie es unsere Jobs zugelassen haben. Da ist das Songwriting erstmal an 2. Stelle gestanden. Zwischendurch gab es Momente wo wir kurz vor der Auflösung standen, weil wieder jemand aus der Band ausgestiegen war und wir nicht noch einmal von vorne anfangen wollten. Nachdem wir dann endlich wieder ein festes Line Up zusammen hatten, haben wir die Arbeit am Songwriting wieder aufgenommen. Als wir dann den Entschluss gefasst hatten noch eine Platte zu machen ist mitten im Songwriting-Prozess unser Gitarrist auf uns zugekommen und hat uns mitgeteilt dass er aus zeitlichen und familiären Gründen aussteigen würde. Das war dann der Punkt an dem wir gesagt haben, dass wir uns auflösen werden. Die Platte ist also entstanden als schon feststand, dass wir aufhören würden. Wir wollten aber noch was Geiles abliefern, was die Entwicklung von OBTRUSIVE widerspiegelt, und so kam die Idee mit den alten Songs. Sie sind ein Teil von uns, auf den wir stolz sind und den wir den Leuten gerne noch zeigen wollten.

Im Booklet der Platten schreibt ihr, dass eure Iros und Lederjacken der Vergangenheit angehören. Was tritt an deren Stelle?
Wir haben uns verändert, sind älter und reifer geworden, und eine äußerliche Veränderung ist sicherlich auch ein Teil davon. Ich denke das ist ein ganz normaler Prozess, den wir in unserem Umfeld bei vielen Leuten beobachten können. Kein Iro mehr zu haben oder keine Lederjacke mehr zu tragen heißt ja nicht weniger „Punk“ zu sein. Wir tragen unsere Ideen und Meinungen ja im Kopf und im Herzen und nicht in unseren Klamotten oder Frisuren. Das war schon immer unser Standpunkt. Einige Dinge sehen wir heute vielleicht etwas anders als früher. Die Texte sind persönlicher geworden, aber auch immer noch genau so kämpferisch und angepisst wie früher. Wenn man das Geschehen um einen herum beobachtet geht es ja nicht anders.

Es gab die Idee die Platten als MP3-Download + T-Shirt zu veröffentlichen. Wie kam es zu der Idee? Macht ihr das oder habt ihr den Plan verworfen?
Die Idee kam recht spontan und ist einfach nur der logische Schritt wenn man den Umgang der Menschen mit Musik beobachtet. Es ist ja einfach so, dass CDs niemanden mehr interessieren. Vinyl ist wieder im Kommen, was ich auch sehr cool finde. Aber viele hören Musik nur noch über’s Handy, den MP3-Player oder den Laptop. Das ist eine ganz normal Entwicklung, so wie es früher den Walkman gab und dann den Discman. Was man davon halten mag sei mal dahin gestellt.
Auf vielen Shows kann man schon gar keine Musik mehr kaufen. Es gibt nur noch Merchandise in Klamottenform. Warum dann also nicht beide Trends miteinander verbinden. Die Leute kaufen gerne Shirts, dann hängen wir doch einfach einen Downloadcode dran und sie haben gleich noch die Musik dazu. Und das Ganze zu einem fairen Preis. Die Idee ist auch noch aktuell und die Shirts+Downloadcode wird es exklusiv nur auf unseren Shows und bei Muchentuchen Clothing geben. Es wird die Platte aber auch auf Vinyl und als eine auf 100 Stück limitierte CD-Auflage geben. Es ist also für jeden etwas dabei.

Musikalisch hat sich bei euch nichts geändert. Ihr spielt immer noch schnellen, aggressiven Pogopunk a la THE UNSEEN mit leichtem Hardcore-Einschlag. Wenn man an einem runden Jubiläum die vergangen Jahres Revue passieren lässt und dabei merkt, dass man sich beim äußeren Erscheinungsbild verändert hat, was vielleicht auch mit einer Erweiterung des eigenen Horizonts einher ging, denkt man da auch über musikalische und textliche Veränderungen nach? In welche Richtung könnte es künftig gehen?
Also ich denke ich  muss dir da etwas widersprechen, zumindest wenn man die A-Seite betrachtet hat sich einiges geändert. Musikalisch wie auch textlich. Musikalisch geht es mehr in die Hardcore oder Melodic Hardcore Richtung. Die Songs sind anspruchsvoller und musikalisch ausgereifter. Die Texte sind sehr viel persönlicher und intimer. Es gibt Songs die mehr in die politische Ecke gehen, wie „This Is Why“ oder „Taking The Law Into My Hands“, aber auch ein Liebeslied ist drauf. Alles in allem ist viel mehr Abwechslung drin als früher.
Wenn man die B-Seite betrachtet, auf der die alten Songs sind, dann hast Du mit dem Unseen-Vergleich vermutlich Recht, und das ist ja kein schlechter Vergleich. Im Endeffekt haben wir unser Ding so durchgezogen wie es für uns cool ist, ohne auf aktuelle Trends und Richtungen zu achten. Was die Zukunft bringt ist offen. Nach dem Festival im Juni ist OBTRUSIVE Geschichte. Ob und in welcher Form manche von uns weiter machen sieht man dann.

Nachdem es einige Jahre einen ziemlichen Hype um Streetpunk und Chaospunk gab, scheint dieses Genre zur Zeit etwas tot, weil wenig Neues und erfrischendes nachrückt. Könnt ihr verstehen, dass sich die Kids heute teilweise musikalisch anders orientieren, z.B. in Richtung Electro, Hip Hop etc., weil sich da mehr bewegt?
Das Genre war schon am Sterben als wir „Cross The Line“ rausgebracht haben, das war 2008. Danach ging es noch 1-2 Jahre einigermaßen gut und dann war wirklich alles tot. Viele der Leute, die damals mit den größten Iros und den meisten Nieten rumgelaufen sind, waren plötzlich nicht mehr zu sehen. Als hätten Sie ihre Einstellung und Werte zusammen mit den Klamotten abgelegt. Oder vielleicht hatten sie auch nie Werte und waren nur Teil einer Modeerscheinung.
Einige Bands halten sich ganz gut, The Casualties zum Beispiel. Das ist so die einzige Band aus der Ecke die es immer noch schafft pro Show 200-300 Leute zu ziehen. Wirklich Neues und cooles ist aber wirklich nicht nachgerückt.
Wenn ich viele der heutigen Kids auf Hardcore Shows von aktuellen Bands aus Amiland sehe, würde ich gerne vielen H20 in die Hand drücken und sagen hör Dir „What happend“ an…Viele der Kids von heute geben einen Scheiss auf politische und gesellschaftskritische Inhalte. Es geht nur noch ums feiern und cool aussehen. Prinzipiell ist ja gegen feiern nix einzuwenden, das machen wir alle gern. Aber es gehört eben mehr dazu.
Dass viele jetzt mehr in Richtung Electro, Hip Hop und Indie gehen spiegelt den Zeitgeist der aktuellen Generation wieder. Schau dich auf den Straßen um. Die Leute sehen alle aus wie Hardcore Kids, wissen aber vermutlich nicht mal was Hardcore ist. Die ganzen Hipsters kopieren den Stil einer Protestbewegung und Subkultur ohne auch nur in irgendeiner Form damit was zu tun zu haben. Die Leute wollen Spass haben und nicht über Politik oder die Gesellschaft nachdenken. Wobei das Eine das Andere ja nicht ausschließt.
Aber trotzdem passiert im Punk und Hardcore Bereich auch noch einiges. Poppunk ist wieder voll im Trend. Oder moderner Hardcore mit deutschen Texten. Da sind gerade viele Bands am Start. Ansonsten klingt im Hardcore Bereich alles, was nachkommt, gleich oder es sind irgendwelche Reunions. Da passiert in anderen Bereichen wohl schon etwas Fall mehr.

Die Platte trägt den Titel "20032013" mit dem Untertitel "No more sigh the past times", was in etwa bedeutet, dass man den alten Zeiten nicht nachtrauern sollte. Wenn man älter wird gibt es ja diesen Hang zur Sentimentalität und positiven Verklärung der Vergangenheit. Seid ihr als Menschen bzw. als Band gar nicht anfällig für sowas? Oder habt ihr gemerkt das ihr anfällig dafür seid und habt diesen Gefühlen mit dem Song "No more sigh for past times" den Mittelfinger gezeigt?
Natürlich ist man anfällig dafür. Und man erwischt sich öfter mal dabei über „alte Zeiten“ zu reden. Der Song ist sozusagen ein Weckruf, dass es keinen Grund dafür gibt den alten Zeiten nachzujammern. Wir hatten ne geile Zeit, als Band und auch außerhalb der Band. Und wir werden in Zukunft auch noch geile Zeiten haben. Der Song soll einfach jedem klar machen, dass man sich auf das hier und jetzt konzentrieren und das Leben heute genießen soll.

"No chance to create a life in this darkened place". Spricht daraus eine gewisse Ratlosigkeit und Ohnmacht angesichts der politischen Zustände und gesellschaftlichen Verhältnisse sein selbst bestimmtes Leben kreieren zu können?
Das Zitat ist aus „Out Of D.V.“ In dem Song geht es zum einem um das Aufwachsen und Leben in einer konservativen und spießbürgerlichen oberschwäbischen Kleinstadt namens Ravensburg. Darum was Heimat ist und wie wichtig Freunde sind um sich zu Hause zu fühlen. Das Gefühl, dass Igel in dem Song beschreibt, lässt sich aber auf jede beliebige Stadt hier in Deutschland und auch anderswo übertragen. Wenn man die aktuellen Zustände beobachtet und sein Leben selbstbestimmt formen möchte dann fühlt man sich schon oft eingesperrt in einem dunklen Raum, aus dem es schwer zu entkommen ist. Aber unmöglich ist es nicht, wenn man die richtigen Leute um sich herum hat.

Was sind zur Zeit eure 3 Lieblingsplatten?
Stepke: Anti-Flag – The General Strike, Neon Piss – self titled, The Sounds – Weekend und ich bin mega gespannt auf die neue Pascow und die neue Über You.
Igel: Evergreen Terrace - Dead Horses, Ravenna Woods - The Jackals, Parkway Drive - Atlas
Harry: Mühlheim Asozial - Familie und Beruf, Holger Burner - Klassenkampfrap, Anti Flag - Die for The Government
Robi: Hot Water Music – Exister, City And Colour – The Hurry And The Harm, Gallows – s/t
Raini: Parkway Drive – Atlas, No Use For A Name – Leche Con Carne, Madball – Infiltrate The System

Micha.-