"Wurmterror", was für ein großartiger Name für ein Buch. Und als mir Autor Rainer ein bisschen erzählt hat, wie er auf die Idee kam, was sich hinter dem Verlag und dem System "Book on Demand" verbirgt und was er selbst in den letzten Jahren so erlebt hat, hab ich mal ein kleines Interview für euch gemacht.

Das Buch könnt ihr bei Amazon und bei uns im Shop bestellen, unser Rezensent Dirk hat´s schon gelesen und HIER ein Review für euch geschrieben. Aber jetzt erst mal zum Interview mit Rainer:

Das Buch "Wurmterror" ist nicht dein erstes öffentliches in Erscheinung treten.
Erzähl mal, was du in den letzten Jahren Szenetechnisch so gemach hast!


Die "Wurmterror" ist beileibe nicht mein erstes öffentliches Erscheinen, aber mein erstes komplett selbst geschriebenes und veröffentlichtes Buch. Seit ich Ende 1979 das Fanzine "Kanal-Kultur" (später "Tiefschlag") herausbrachte spielte ich fast immer in irgendeiner Band, oder machte irgendein Fanzine, oder schrieb Artikel und Kurzgeschichten für irgendein Fanzine. Nach der Erkrankung war die Sache mit Musik für mich Vergangenheit, also blieb nur das Schreiben. Von 2004 bis 2009 veröffentlichte ich monatliche sarkastische Kolumnen für die Website Onlinezine.de, außerdem schrieb ich von 2007 bis 2009 Kurzgeschichten für das Berliner Fanzine "Pankerknacker". 2008 folgten zusätzlich einige Texte für das Buch "Keine Zukunft war gestern" aus dem Berliner Verlag "Archiv der Jugendkulturen" (hier).
Zur Zeit mache ich außer für meine Website und Buchreviews für Karl Nagels Website "Punkfoto" schreibtechnisch nichts. Aber das kann sich sehr schnell wieder ändern und schon wenn dieses Interview erscheint alles anders aussehen.

Du bist im November 2002 krank geworden, was war da los, wie lang warst du am Kämpfen und mit was musst du dich bis heute rum schlagen?

 



Im November 2002 spielte ich seit zwei Jahren Schlagzeug in der Punkband "Pissed but sexy" (mit Auftritten, mehrmaligen Studioaufenthalten, eigener CD und allem Pipapo), ich war Mitherausgeber des Kölner Fanzines "Savage Tunes" und befand mich in der Abschlussprüfung zu meinem zweiten Beruf IT-Systemelektroniker. Aufgrund beruflichen Stresses verschleppte ich eine Erkältung, ging nicht zum Arzt und hoffte darauf, dass sie von alleine weggeht, so wie es viele Dutzend Mal zuvor schon war. Das war ein Fehler, denn die sich unkontrolliert ausbreitende Erkältung schlug erst in eine starke Erkältung und dann von mir unbemerkt und aus irgendwelchen Gründen in eine bakterielle Meningitis um. Diese rief eine Hirnblutung hervor und jene sorgte für zwei Schlaganfälle. Eines Sonntags fiel ich einfach um, lag dann sechs Tage im Koma, wurde einen Monat künstlich beatmet und konnte nach mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt endlich wieder nach Hause.
Die bleibende Folgen sind ein fast vollständiger Hörverlust, starke Gleichgewichtsstörungen die ein Gehen nur noch mit Rollator und nur in Häusern halbwegs erträglich machen, eine halbseitige Gesichtslähmung nebst einer beschädigten Feinmotorik und zu schlechter Letzt ein aufgrund eines ärztlichen Fehlers stark beschädigtes Auge. Besonders die Musik fehlt mir, dabei war sie doch viele Jahre eine der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Ich hätte echt nie gedacht, dass der Spruch "It´s more than music" einmal eine solche Bedeutung für mich erlangen würde.

Erzähl mal, worum es im Buch "Wurmterror" so geht und ob du´s damit wohl in den nächsten Verfassungsschutz-Bericht schaffen wirst...?


In der "Wurmterror" geht es um einen Punk Ende der achtziger Jahre der eine Wurmzucht aufbauen möchte und durch einen blöden Zufall unter Terrorverdacht gerät. Bis auf alles was mit der Punkszene zu tun hat ist diese Geschichte reine Fiktion, ebenso der Punk der Würmer züchten möchte. Aber das erstere basiert auf eigenen Erlebnissen, ich habe ja selbst jahrelang an irgendwelchen Plätzen gesessen und gesoffen und habe die komischsten Sachen erlebt. Übrigens schrieb ich die erste Hälfte der Story bereits Mitte der neunziger Jahre, damals hieß sie noch "Meia, Hotte und Co. KG", war als Bullenverarsche gedacht  und erschien als Fortsetzungsstory im Bonner "Suburbia"-Fanzine. 2005 schrieb ich sie fertig, änderte den Namen und überarbeitete sie mehrmals. Wenn diese Geschichte irgendeine staatliche Reaktion hervorruft ist das sehr bedenklich, denn schließlich sind die geschilderten Ereignisse fiktiv und ich hoffe, dass die heutigen Polizisten intelligenter und nicht so sehr auf Wunschdenken fixiert sind, grins.

Erzähl nochmal, wie das mit diesem "Buchdruck nach Bedarf" so läuft. Du selbst oder wir von der Bombe bestellen beim Verlag 3 Bücher und die schmeißen dann erst die Maschine an...?


Dieses "self publishing" funktioniert etwas anders als es bei normalen Verlagen üblich ist. BoD ist so eine Art Mischung aus normalen Verlag und Dienstleister. Aufgrund der verwendeten digitalen Drucktechnik können einzelne Bücher gedruckt werden, da die Druckvorlagen nur Dateien sind rechnet sich die Anfertigung eines einzelnen Buches und es müssen nicht erst hunderte Exemplare gedruckt und verkauft werden bevor die Kosten wieder reinkommen. Wenn jemand wie ich also ein Buch geschrieben hat, erstelle ich nach genauen Vorgaben selbst die benötigten Druckvorlagedateien, sende sie BoD und kann für eine verkaufspreisähnliche Summe ein eigenes Buch in den Händen halten. Für ein geringes Entgelt wird dieses Buch auch über das BoD-eigene Vertriebsnetz in den Handel gebracht. So stehen Bücher zum Verkauf die bisher nur als Dateien existieren. Am Beispiel Amazon stelle ich mir das so vor: Amazon bekommt von BoD Bescheid, dass sie mein Buch anbieten können (obwohl noch keines gedruckt ist). Kunde XY bestellt ein Exemplar, daraufhin bittet Amazon BoD um Druck des gewünschten Buches. BoD stellt ein Exemplar her und schickt es an Amazon, diese das dann vorhandene Buch an den Kunden XY. Als Wiederverkäufer muss man ein wirkliches Buch erst ordern wenn jemand dieses Buch kaufen möchte, es wird also "nach Bedarf" produziert.
Wie gesagt sind das nur Vermutungen, aber aufgrund meiner Erfahrungen mit BoD und der Lektüre vieler Texte über "self publishing" erscheinen sie mir als logisch und schlüssig.

Wie war das denn, bzw wie kams zu der Entscheidung das Buch ohne Verlag raus zu bringen?

Nach Fertigstellung der "Wurmterror" 2005 wollte ich erst auf herkömmliche Art einen Verlag finden und schrieb viele an, aber nach ungefähr zwanzig Absagen hatte ich von dieser Suche nach einer Stecknadel in einem Heuhaufen die Schnauze voll. In den Jahren danach versuchte ich noch ohne Erfolg die Story irgendwo unterzubringen, und 2011 betrat ich dann kreatives Neuland und programmierte meine erste Website, nur mit der Intention meine Texte anderen Menschen zum Lesen zu Verfügung zu stellen. Ich habe ja soviele, und es gefällt mir nicht wenn meine Texte nach dem Schreiben ungelesen auf der Festplatte rumliegen. Die Entscheidung das Buch selbst zu veröffentlich fällte ich nach Lesen einer Werbeanzeige von BoD und nachdem ich mich über deren Angebot informiert hatte. "Ich bringe es ein Buch zu schreibe, also bringe ich es auch raus", lautete der Text dieser, ich fühlte mich angesprochen, war froh über diese neue Möglichkeit. Also machen und nutzen.  Insgesamt fühle ich mich bei "self publishing" an die späten siebziger Jahre erinnert, als es durch das Aufkommen von Eigenproduktionen, Kleinlabels und alternativen Vertriebsnetzen möglich war, dass Bands endlich ihre eigene Musik auch ohne Hilfe von großen Labels auf Schallplatte produzieren konnten. Was damals Plattenmajors waren, sind heutzutage die großen Verlage. Ein Buch kann man nun auch ohne deren Hilfe kostengünstig produzieren und veröffentlichen. Damals hätte eine Frage wie die deinige auch "Wie kam´s zu der Entscheidung die Platte ohne Label heraus zu bringen?" lauten können, echt.


Liest du eigentlich selbst EBooks? Viele Menschen haben ja Probleme, längere Texte an nem Monitor zu lesen....

Seit ich mir vor einigen Jahren einen E-Book-Reader anschaffte lese ich praktisch nur noch E-Books. Die Umgewöhnung anstatt eines Papierbuches ein Gerät in der Hand zu halten ging bei mir recht schnell. Außerdem ist es wirklich komfortabel, zum Umblättern reicht eine winzige Daumenbewegung und zum Einfügen eines Lesezeichens ein einfacher Knopfdruck. Praktisch war mir der E-Book-Reader während eines längeren Krankenhausaufenthaltes vor zwei Jahren von Nutzen. Dank dessen standen mir jede Menge Bücher als Lektüre zur Hand, und statt eines riesigen Bücherstapels brauchte ich nur das postkartengroße Gerät. Das Teil ist mir damals echt ans Herz gewachsen.
Ansonsten muss man ja um digitale Texte zu lesen vor einem Computer sitzen, und ich kann schon verstehen wenn einige Menschen Schwierigkeiten damit haben lange Zeit unterbrochen auf einen Monitor zu starren. Aber bei mir ist das durch die Erkrankungsfolgen anders. Ich lebe alleine, und folglich ersetzt seit Jahren "Texte am Monitor lesen" die Alternative "Gesprochene Worte hören". Auch so eine Art von Gewöhnung, nur leider erzwungen. Achja, bevor ich es vergesse: wer E-Books mag und liest kann mal meine Website http://www.ein-bisschen-meia.de/ besuchen, dort gibt es drei E-Books mit Geschichten von mir zum kostenfreien Download. Eines davon enthält übrigens alle jemals auf Onlinezine erschienen Kolumnen.

Was steht als nächstes auf dem Programm? Auch sowas wie ne Lesereise?

Für mich steht als nächstes die Programmierung einer neuen Website an. Sie soll recht umfangreich sein und weitaus mehr zu lesen bieten als die jetzige. Die zur Zeit vorhandene ist mir zu rudimentär und entstand ja damals nur weil ich überhaupt mal etwas in dieser Richtung hinkriegen wollte. Was danach kommt weiß ich noch nicht, oder besser gesagt, ich weiß jetzt noch nicht was ich dann als erstes mache. Vielleicht schreibe ich auch wieder etwas, es gibt ja noch so viele Geschichten die ich erzählen möchte.
Eine Lesereise oder etwas Ähnliches wird es von mir nie geben, da mir einfach die Fähigkeiten dafür fehlen so etwas zu schaffen. Durch das fehlende Hören wurde meine Stimme im Laufe weniger Monate sehr unverständlich, ich kann froh sein wenn ich mal einen Menschen treffe der mich halbwegs versteht. Aber selbst wenn die akustischen Schwierigkeiten nicht wären hätte ich wenig Lust dazu, denn durch die Gleichgewichtsstörungen ist jeder Schritt außerhalb meiner Wohnung ziemlich ätzend und kann draußen sogar sehr schnell in einen Sturz münden. Da habe ich keinen Bock drauf.

Danke für das Interview !!