suendige_saeuglingeEnde Februar interviewten Ullah und ich anlässlich des Erscheinens der Terrorgruppe-DVD "Sündige Säuglinge hinter Klostermauern... zur Lust verdammt" die Ex-Terrorgrüppler Archie (MC Motherfucker) und Jacho (Johnny Bottrop). Mit Bier und nicht weniger als 50 Fragen nicht nur zur DVD im Gepäck plauderten wir wie vier heitere Omas beim Tanztee. Vor allem viel zu lang um die Auflage zu erfüllen, mit dem Interview nur drei Seiten im Heft zu füllen, welches zu dem Zeitpunkt fast schon im Druck war. Also stellten wir nur etwa die Hälfte des Interviews ins Heft und versprachen artig, die Langversion ca. einen Monat nach Veröffentlichung der Bombe Nr. 82 auf diese Homepage zu stellen, was wir nie getan haben. Akute Unlust gepaart mit Antriebslosigkeit in Kombination mit absoluter Unlust und die Gesellschaft war schuld.

Eine längere Zugfahrt durchs schöne Brandenburgische vor einigen Wochen brachten dann aber die Motivation, den ganzen alkoholgeschwängerten Sermon, der seit einem dreiviertel Jahr auf meiner Festplatte schimmelt, endlich einmal zu verschriftlichen für die "Fans"! Das Interview lässt wohl buchstäblich keine Fragen zur Band offen. Habt Spaß.

Ihr habt jetzt eine DVD mit eurer Bandgeschichte rausgebracht, die eine ziemlich lange Vorlaufzeit hatte. tg1Warum hat es so lange gedauert?

Archi: Ich hab irgendwann gemerkt, ich kann mich nicht mit mir selbst beschäftigen. Ich bin beim anfänglichen Sichten immer in tiefe Depressionen geraten nachdem wir irgendwann in den 90ern erste Sichtungs-Sessions von alten VHS-Tapes gemacht haben. Dann musste ich mich kurze Zeit später ganz rausnehmen.

Jacho: Ich glaube, ab 2004 habe ich dann alleine gesichtet und ich konnte auch irgendwann meine Fresse nicht mehr sehen und hab es etwas schleifen lassen. Aber ich glaube wir haben es so bis etwa 2006 geschafft, alles zu sichten was im Keller an VHS-Kassetten und anderen Tapes lag, die uns in irgendeiner Form zugesteckt wurden. Dann hab ich auch irgendwie die Lust verloren. Ich hab ja auch anderes zu tun. Die Regisseurin hat dann noch bis 2007 beherzt weiter gemacht aber hat dann zwischendurch auch eine Familie gegründet und andere Sachen. 2009 habe ich dann nochmal so einen Rappel gekriegt: bis 2010 haben wir dann noch ganz viele Interviews von Zeitzeugen eingeholt und dann hatte ich wieder keine Lust mehr. Irgendwann Ende 2011 habe ich dann mit Archie telefoniert und ganz nebenbei haben wir dann beschlossen, dass wir jetzt mal endlich die DVD fertig machen. Dann haben wir uns einen Zeitplan gesetzt, weil es sonst wohl nie was würde. Und diesen Zeitplan haben wir jetzt gerade so mit Ach und Krach geschafft.

Wie viele Stunden Material habt Ihr insgesamt gesichtet?

Jacho: Wir haben die immer beschriftet. TG 1 war dann die erste VHS, die wir gesichtet haben. Und die Nummerierung ging dann bis insgesamt TG 129. Das sind aber nur die VHS- und Beta-Kassetten. Dazu kommt nochmal ein ganzer Karton mit digitalen Videoaufnahmen.

Archie: Es ist ja auch saublöde, für sich selbst einen Film zu machen. Da kommt man sich dann ja auch irgendwann komplett schizophren bei vor. Das Ziel war dann ja auch, die gesamte Entstehungsgeschichte an die Regisseurin abzugeben. Eine außenstehende Person kann das wesentlich besser und auch anders, als Du es selbst machen würdest. Wenn du es dir selbst anschaust, denkst du dir nur die ganze Zeit: Wie hab ich denn da geguckt? Was ist denn das? Und das führt zu nichts. Das wird dann höchstens so ein Schönheitsvideo.

Was war euer Anspruch an die DVD?

Archie: Sie soll die Zeit und die Band so wiederspiegeln, wie es wirklich war. In einer ansprechenden Form, die unterhaltend ist und vor allem den Leuten auch ein Erinnerungsstück geben. Es sind so viele Leute mit der Band durch dieses ganze Ding durch gegangen, die heute Bock haben das zu sehen. Und Du gibst ihnen natürlich auch ein fettes Piece Erinnerung an ihre eigene Jugendzeit mit. Ich glaube das hat auch funktioniert. Ich habe den Film dann zum ersten Mal im März gesehen und war bis auf Kleinigkeiten begeistert.

Jacho: Ich war noch bis September 2012 total kritisch und wusste nicht, ob wir den Film so veröffentlichen können. Zum ersten Mal zurücklehnen und den Film genießen konnte ich, als ich bei unserem Bassisten Slash Vicious auf der Couch saß, in einer Situation, wie man auch gemütlich zuhause sitzt und sich irgendeinen Film anschaut. Vorher war es immer mit Arbeit und Produktionsgefasel verbunden. Das war das erste Mal, dass ich den Film so mit Abstand passieren lassen und sagen konnte: Joa, ist ja eigentlich doch ganz gut.

Ihr habt auch ne Menge Promo um die DVD gemacht, vor allem durch YouTube-Clips mit Statements und so.

Archie: Ja, dass war auch notwendig. Wir sind ja keine aktive Band mehr, mit einem festen Fankreis, den man sofort aktivieren und ansprechen kann. Wir mussten ja erst einmal komplett blind anfangen und überlegen, wie wir an die Leute rankommen, die uns mal kannten. Die schwirren ja alle irgendwo rum und die bekommst Du auch nicht über Fanzines oder einen E-Mail-Verteiler erreicht.

Jacho: Deswegen gabs diese vielen kleinen Clips, wo man Zeitzeugen von früher befragt hat.

Archie: Da war die Hoffnung hinter: Irgendwer wird da schon drüber stolpern und das hat auch eigentlich ganz gut funktioniert. Und diese Kampagne hat sich  angeboten weil wir unfassbar viele Leute noch kennen, die auch Bock auf so nen Quatsch hatten. Das war auch nicht so aufwendig. Die haben uns selbstgemachte Filmchen gemailt oder ein paar haben wir selbst mit dem Handy gemacht und dann daraus diese Trailer  zusammengebaut.

Hatte denn irgendwer, den ihr gefragt habt, keine Lust mitzumachen.

Archie: Nee, es gab eher das Problem, dass wir Leute vergessen haben zu fragen, weil wir sie nicht mehr auf dem Schirm hatten. Swen Bock zum Beispiel. Der war ja mal zwei Wochen mit uns auf der Ärzte-Tour unterwegs, saß im Bus mit drin und hat Tourtagebuch geführt. Der hätte sicherlich noch etwas zu erzählen gehabt.

Habt ihr einen Überblick, wie viele DVDs verkauft wurden? In den Amazon-Charts war es ja schon auf Platz 1.

Jacho: Ja, Platz 1 in den Amazon-Charts für Alternative DVDs und am Release-Tag war es sogar Platz in den Musik-DVD-Charts. Also über Led Zeppelin, Rammstein, Robby Williams und Nirvana. Wie viel das jetzt in absoluten Zahlen bedeutet weiß ich erst mit dem Verkaufsstatement Ende des Monats oder im Februar.

Archie: Es läuft ganz gut, glaube ich. Wir sind zufrieden.

tg2
Die frühe Terrorgruppe 1993
Mal ein bisschen was über die Band. Ihr habt euch 1993 gegründet und seid so zwischen Ende des Fun- und Einsetzen des Skatepunk geraten, oder?

 

Archie: Das kann man so nicht sagen. 1993 war eine andere Phase. Da liefen die Punkbands aus den 1980er Jahren so ein bisschen aus. Eher das Prollige, gerade was Deutschpunk angeht. Das hatte  sein Ende.

Lustfinger, Dimple Minds…

Archie: Genau sowas. Da war so eine Aufbruchstimmung und lustigerweise war das von uns auch gar nicht geplant, aber wir hatten scheinbar dieselbe Idee wie viele, also dass man einfach Punk wieder von den Inhalten her in die 70er Jahre zurückbringt. Den ganzen anarchistischen und nihilistischen Kram eben.

Jacho: Es waren auch nicht nur Bands, die sich in der Zeit neu gründeten oder aktiv wurden. Das war schon ein richtiges Netzwerk. Das Plastic Bomb ist ja auch 1993 erstmalig erschienen. 1994 wird die APPD wieder belebt und es gab kleine Hobbylabels, die plötzlich sehr aktiv wurden, wie Teenage Rebel oder so. Die Kassierer, die 1992 hier im Snack Attack vor 20 Leuten spielten, standen auf einmal vor 500 Leuten auf der Bühne. Es war schon eine allgemeine Aufbruchsstimmung. Mit deutschen Texten und sich nicht ganz 100 Prozentig ernst nehmen aber auch nicht so nen albernen Funpunk zu machen wie Karneval und Bierzelt. Es war schon eine Rückführung auf Frühpunk einerseits aber andererseits auch einer Vernetzung wie es 79/80 noch gar nicht möglich gewesen wäre. Und es entstand sehr schnell ein großes Netzwerk in ganz Deutschland - viel auch in Ostdeutschland – aus Fanzines, Veranstaltern und Clubs, die regelmäßig was in der Szene gemacht haben.

Archie: Und Punk wurde in der Zeit zum ersten Mal richtig kommerzialisiert.

Jacho: Genau. Das war noch so ein anderer Rückenwind, der von ganz außen kam durch den Erfolg von Green Day und Offspring.

Archie: …beziehungsweise auch durch das zu der Zeit entstandene NoFX-Album „Punk in Drublic“. Das ist ja bislang ihr Erfolgreichstes. Da hat man schon gemerkt, dass diese Postpunk-Phase mit Nirvana ein Ende gefunden hat und dass es jetzt wieder ans Eingemachte geht.

Die Menschen hatten wieder mehr Bock auf Leichtigkeit und Spaß?

Jacho: Nö, nicht unbedingt. Die Texte von Offspring sind ja nicht nur Spaßtexte.

Archie: Was Green Day geschrieben haben, war eigentlich harter Stoff. Die Texte waren gar nicht so leicht. Es war eher so Depri-Zeug.

Jacho: Voll Emo, haha. Also es gab schon einen gewissen Rückenwind für Punkrock generell. Nicht nur durch die Vernetzung der Szene in Deutschland sondern tatsächlich auch durch den ganzen weltweiten Mainstream. Auf einmal wurden Labels wie Epitath riesengroß oder Green Day, die vorher noch vor 80 Leuten gespielt haben, holten anderthalb Jahre später Gold oder Platin in den USA für ihr Album.

Archie: 1993 haben Green Day in Erfurt als Vorband der Hosen gespielt. Ich weiß noch genau: Ich hab die gesehen und mir gedacht, dass genau so die frühen The Jam geklungen haben müssen. Das hat genau in dieses System rein gepasst in diese Rückführung von Punk in die Ursprünge der 70er Jahre aber mit neuem Style und Zeitgeist.

Im Vergleich zu euren ersten Bands wie Inferno, HOA und Happy Hour war Terrorgruppe ja ne ganz andere Schiene. Wo seht ihr da Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede?

Jacho: Songwritingmäßig ist es gar nicht so weit auseinander mit den frühen HOA, nur die frühen Hostages waren doppelt oder dreimal so schnell. Aber sonst ist alles von der Anlage der Stücke und von der Einfachheit der Texte und Reime ähnlich wie die Hostages of Ayatollah. Danach habe ich noch in mehreren Bands gespielt und bin dann irgendwann bei Happy Hour gelandet. Dort habe ich zum ersten mal gelernt was es heißt zu touren. Das war später sehr wichtig für die Terrorgruppe. Auch was es heißt mal eine ordentlich gestimmte Gitarre in der Hand zu halten und richtige Saiten drauf zu ziehen. Und überhaupt meine ganze Backline so zu pflegen, dass es auf der Tour auch gut klingt und sowas. Aber mit der Musik hatte es nicht so viel zu tun. Es hatte mehr damit zu tun, dass Happy Hour auch in diesem ganzen Netzwerk von internationalen Punkrockbands rumgetourt ist und wir damals schon viele Leute getroffen haben, die dann später auch bei Terrorgruppe Tourbegleiter, Veranstalter, Booker oder einfach nur Freunde die mit uns im Backstage rumhingen, waren.

Archie: Einflüsse kamen sicherlich von all unseren vorherigen Bands, klar. Aber das Konzept für die Terrorgruppe war schon vorgegeben.

Es gab einen Plan!

Archie: Ne. Es gab Erfahrungswerte. Wir haben uns gesagt: Was sollen wir uns mit Rock, Metal und solchen Sachen beschäftigen, wenn die jetzt mit einer richtigen Punkband stilistisch gar nicht so zusammen passen. Raus mit dem Scheiß! Brauchen wir nicht. Ich hab ein paar Jahre lang genug Solis gespielt, dass ich das bei der Terrorgruppe nicht mehr machen musste. Die Hörner hatten wir uns im Prinzip bei den Bands davor abgestoßen, so dass wir bei der Terrorgruppe  ans Eingemachte gehen konnten. Bei der Terrorgruppe waren wir sehr konsequent.

Auch nach dem weniger ist mehr-Prinzip?

Archie: Klar, minimalistisch musste immer alles sein. Das ist ja auch die wichtigste Punk-Ingredienzie die es gibt: Minimalismus. Zuviel ist immer Scheiße. Zuviel ist immer Oper und Oper braucht kein Schwein.

Ihr habt ja dann auch relativ früh auf größeren Festivals gespielt mit Bands wie H-Blocks und Therapy?!

tg3
Archie und Jacho live 1995 in Potsdam
 

 

Jacho: Nee, haben wir nicht. Erst ab Sommer 1995.

Archie: Gringo Records, unser kleines Label, hatten einen Joint Venture-Vertrag mit der Metronom und die haben uns auf diese Festivals damals glaube ich sogar draufgekauft weil uns kein Veranstalter haben wollte.

Ihr wurdet eingekauft?
Archie: Wir vermuten das. Wir wissen das nicht so genau. Aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass wir auf 2-3 Festivals eingekauft wurden. Deutscher Punkrock war auf Festivals immer sehr verpönt. Ich habe mich auch immer gewundert, warum Bands wie SLIME nie auf großen Festivals wie dem Bizarre gespielt haben. Und daher haben die versucht, uns so dort drauf zu drücken weil da halt Publikum war, dass man catchen konnte. Eben nicht die astreinen Punker, die uns ja eh schon kannten, sondern normalo Kids, die man fischen konnte. Was ja auch letztendlich funktioniert hat.

Jacho: Aber wir waren zu dieser Zeit auch noch keine gute Liveband. Bevor wir uns zum ersten Mal auf eine Festivalbühne gestellt haben, haben wir wie die Blöden im Frühjahr zuvor getourt damit wir etwas Bühnenroutine bekommen und so eine große Open-Air-Bühne halbwegs füllen können.

Archie: Das ist ja wie ein Sprung ins kalte Wasser: Du kommst dahin, kannst keinen Soundcheck oder dich sonst wie warm machen sondern hast nur 15 bis 30 Minuten Umbau und dann muss alles stimmen. Du musst schon genau wissen wie du dich aufstellst und relativ professionell auftreten um zu wissen, wie man mit den Leuten da kommuniziert damit es dann auch hinhaut.

Jacho: Das mussten wir uns erst einmal erarbeiten. Ich weiß noch wie wir zum ersten Mal auf einer großen Bühne standen. Ich bin einfach nicht nach vorne zu meinem Mikroständer gekommen weil das Kabel, dass ich dabei hatte, nicht lang genug war um vom Amp bis zum Mikroständer zu reichen. Ich musste mich dann relativ weit hinten aufbauen und habe noch den Bühnenmanager angeschissen, dass er mal die erste Reihe der Bühnenelemente abbauen soll.

Ihr zwei seid die einzigen beiden Konstanten in der Band. Warum gab es so viele Besetzungswechsel?

Jacho: Am Anfang lag es einfach daran, dass die Band eigentlich nur darauf bedacht war, hin und wieder mal ein Konzert betrunken in Kreuzberg und Umgebung zu spielen und immer mehr Anfragen kriegte und sich irgendwann schleichend professionalisierte. Irgendwann hatten die Leute dann nicht mehr die Zeit. Ice Tüte zum Beispiel hatte eine Motorrad-Werkstadt und ein Kind. Der konnte nicht einfach so jedes Wochenende mit uns auf Tour gehen. So kamen die ersten Besetzungswechsel. Später, zum Beispiel, als Zip Schlitzer ausgestiegen ist, der war der einfach Tourmüde. 2000, als er ausgestiegen ist, haben wir 110 Shows gespielt. Mit Anfahrt- und Rückfahrt-Tagen und Offdays waren wir 150 Tage auf Tour. Er hatte einfach keinen Bock mehr. Es war ihm zuviel.

Ich meine mal gehört zu haben Zip Schlitzer wäre ausgestiegen, als er sich seinen Zahnersatz leisten konnte.

Jacho: Das könnte natürlich damit zusammenhängen, dass er nach ein paar Jahren mit der Terrorgruppe spielen endlich in der Künstlersozialkasse aufgenommen wurde und sich dann gedacht hat „OK, dass war es jetzt wert. 150 Tage im Jahr auf Tour zu sein. Dafür bekomme ich jetzt neue Zähne“. Hat er sich 2000 seine Zähne machen lassen? Kann sein.

Archie: Noch während der Terrorgruppen-Phase fing er an sich seine Zähne machen zu lassen. Als die dann fertig waren habe ich gedacht, dass da Bela B vor mir steht. Der hatte dasselbe blöde Grinsen und dieselben völlig überdimensionierten geraden Zähne.

Jacho: Ich hab auch künstliche Zähne. Und ich hab sie mir auch, als ich endlich über die Künstlersozialkasse versichtert war, zweimal komplett rundum erneuern lassen.

Habt ihr noch Kontakt zu den alten Bandmitgliedern?

Archie: Jau. Außer zu Fritz Spritze.

Jacho: Fritz Spritze ist verschollen. Den haben wir schon ewig nicht mehr gesehen. Den hätte ich gern auch eingeladen.

Archie: Der ist Bauleiter.

Jacho: Nee, der war mal Bauleiter und ist mittlerweile nicht mehr Bauleiter sondern im Baumarkt. Aber auch was mit Bau. Ich weiß es nicht genau, es wurde mir nur berichtet von jemandem, der früher mit Ihm mal in Plan B gespielt hat. Fritz Spritze war auch nur drei oder vier Monate in der Band. Daher ist da sowieso nicht so der Draht.

Archie: Das war auch nie so auf Dauer geplant mit ihm. Ich glaube, dass war eher so sein Rententeil. So als Absacker von seinem Musikkarriere-Aus.

 


 

tg4Ihr habt ja total viel rausgebracht. Wie habt ihr dass denn auf die Kette gekriegt? Wie viele Songs habt ihr denn pro Woche dann neu gemacht?

Jacho: Ich frage mich das auch. Weil mit An- und Rückfahrtagen waren wir pro Jahr immer 120 bis 150 Tage auf Tour. Und nebenbei haben wir pro Jahr auch noch ein neues Album geschrieben. Ich frage mich heute, wie wir das gemacht haben.

Archie: Ich weiß, wie wir es gemacht haben. Wir hatten richtig geplante Proben. Das heißt wenn wir für eine Tour geprobt haben, haben wir uns drei bis vier Wochen nur mit dem Tourset beschäftigt. Und wenn der erste Teil der Tour vorbei war gingen zwischendurch schon wieder so Extraproben für neues Material weiter. Wir mussten dann aber auch hin und wieder, das Set proben, weil es dann wieder umgestellt wurde. Wir waren einfach sauviel am Proben. Wenn mir heute jemand erzählt, dass Bands das alles selber und DIY machen und auch noch ihre Platten selber rausbringen, weiß ich nicht woher die die ganze Zeit nehmen. Wir waren damals fast nur mit Musik machen beschäftigt. Das hätte gar nicht hingehauen, auch noch mit Plattenproduktionen.

Ihr ward ja auch mit Promo relativ viel beschäftigt, indem ihr in Talkshows gegangen seid.

Archie: Ja gut, die kannst Du an einer Hand abzählen. Damals sind wir vor einer Plattenveröffentlichung erst einmal eine Woche lang durch Deutschland gefahren und haben Interviews gegeben bis wir nicht mehr konnten. Heute geht das natürlich einfacher, da macht man ganz viel online und vor Ort und in Berlin sowieso. Aber damals war ja die ganze Presse in Frankfurt, Köln, München oder Hamburg verstreut und diese ganzen Städte musstest Du alle abklappern. Aber es war ein Fulltime-Job. Jemand, der 8 Stunden am Tag arbeiten geht, der hats einfacher. Wir hatten zum Glück alle Jobs hier um Destiny rum, bei denen wir uns die Arbeit einteilen konnten. Ich hab hier noch Bands gebucht und Jacho hatte  relativ früh schon die Plattenfirma übernommen.

Jacho: Ich hab vorher immer, wenn ich hier war, Promo gemacht. Für Fat WreckChords und so.

Um nochmal auf die Talkshows zurück zu kommen: Was würdet ihr jungen aufstrebenden Punkbands empfehlen, um berühmt zu werden?

Jacho: Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Heutzutage ist alles völlig anders als in den 90ern. Damals, als wir 1998-1999 kurzzeitig ohne Plattenfirma dastanden und uns überlegt haben, dass wenn wir jetzt jeden Monat in so ner Talkshow sind, ersetzt das ja so an Zuschauerzahlen mal so locker 30 Fanzines und ganzseitige Anzeigen, weil die ganzen Punker   ja auch Pilawa, Arabella Kiesbauer und Vera am Mittag schauen.

Archie: Am Anfang dachten wir immer, wir könnten neue Bevölkerungsgruppen für uns erschließen. Aber wir haben dann hinterher rausbekommen: Sobald das Ding ausgestrahlt wurde klingelte das Telefon: Alter, ick hab euch hier bei Pilawa gesehen! Und ich sagte dann sowas wie „Du guckst son Blödsinn? Hau ab!“

Jacho: Uns haben dann Leute aus der Hardcore-Szene angerufen von denen wir dachten, die hätten nichtmal ´nen Fernseher und würden sowas garantiert nicht schauen. Und dann haben´s alle gesehen. Das war großartig. Ich weiß nicht, was es heutzutage gibt für Bands. Das ist wahrscheinlich viel Online. Facebook und so. Keine Ahnung. Wenn ich es wüsste würde ich ja sofort mit irgendeiner Band groß Erfolg haben.

Archie: Das erfolgreichste, was ich in den letzten Jahren von ner Punkband gehört habe,  ist: Du  fällst dem Verfassungsschutz übel auf  und lässt Dich  in den deren Bericht schreiben.

Jacho: Ja, dass war großartig. Feine Sahne Fischfilet.

 

tg5
Archie und Jacho bei "Vera am Mittag" (2000)
Archie: Fernsehen ist ganz schwierig. Es gibt ja immer Fernsehsendungen wo man irgendwie versuchen kann rein zu kommen. Das kann man natürlich immer für sich nutzen. Aber das sind heutzutage andere Sachen. Du kannst zum Beispiel versuchen bei diesem Dinner-Ding da mitzumachen.

 

Jacho: Nee, ich glaube, dieses beschissene Dinner-Ding wirkt eher abturnend. Ich glaube, wenn da so jemand aus der Punkrockszene da so…

Archie: Stimmt, da war doch diese Vegan-Tante aus Dortmund! Die fand ich sofort unsympathisch. Ich hab das gesehen und dachte mir: Au nee. Die geht gar nicht.

Jacho: Man muss das schon bei so nem Dinner richtig auftischen. Punkerburger, also Toast mit Ketchup, kalte Ravioli und Hundefutter – dann ist das vielleicht OK. Aber ansonsten bei so nem geregelten Dinner kochen ist doch voll scheiße. Du musst schon was Cooles machen. Was kann man heutzutage machen? Keine Ahnung. Wenn ich es wüsste, würde ich es hier nicht ausplaudern.

Archie: Die Talkshows waren ja auch nicht anspruchsvoller. Wir hatten seit unserem ersten Auftritt, der war bei Arabella Kiesbauer, immer nur vor eine Band darzustellen und uns oder unser Produkt  zu promoten. Alles andere ging uns komplett am Arsch vorbei. Ob die da jetzt zum Beispiel drüber diskutiert haben ob der Punker oder der Technohörer besser ist, war völlig belanglos.

Hattet ihr nicht auch mal die Befürchtung, sozusagen zur „Mediennutte“ zu werden und die Kontrolle über euer eigenes Produkt verliert?

Jacho: Och, als punkrockender Musiker mit Mainstream-Öffentlichkeit ist man sowieso Mediennutte. Man kann ja nur versuchen das zu kontrollieren oder sich drüber lustig zu machen. Aber Mediennutte zu sein ist doch was total Cooles und was total Punkrockiges wenn man das Forum bekommt, sich schlecht zu benehmen.

Archie: Mediennutte zu sein ist bis zu dem Punkt an cool bis es anfängt, dass du daran so eine Art Gefallsucht entwickelst und denkst, dass du immer drin sein musst, irgendwann Teil des Spiels wirst und nicht mehr rauskommst. Aber wenn du es mit Abstand siehst so wie wir das immer gemacht haben… In Bravo-Interview war für uns immer ein großer Lacher. So einen Quatsch über dich selbst zu lesen, ist unfassbar lustig. Dabei kommst du dir nicht als Nutte vor. Es war sehr spannend die Auswirkung von diesen ganzen Mediensachen auf unser eigentliches Bandleben zu sehen. Aber das hatten wir unter Kontrolle.

Jacho: Wir waren aber auch nicht immer richtig souverän im Umgang mit den Medien. Ich erinnere mich an das erste Interview für die Bravo als wir denen total geile Storys aufgetischt haben. Aber als die gegangen sind hat unser Bassist Zip Schlitzer den Fehler gemacht, mit einem der Reporter noch kumpelmäßig zu schnacken. Ein tödlicher Fehler! Man darf niemals mit der Klatschpresse kumpelmäßig schnacken. Er hat nur 2-3 Sätze geplaudert und in der Bravo stand hinterher, die Hausbesetzerkneipe „Zum Franken“ wäre der tägliche Treffpunkt der Terrorgruppe UND auch der Ärzte. Alice rief uns an und fragte, warum hier so viele Kiddies vor der Tür stehen würden. Haha.

Wie habt ihr die Ärzte eigentlich kennengelernt und wer hat mehr davon profitiert: Die Ärzte oder ihr?

Archie: Wir haben natürlich sehr viel von den Ärzten profitiert. Die hatten halt einen riesigen Fankreis und hatten uns da reinadoptiert indem sie uns 1995 auf ihre Tour mitgenommen haben. Dadurch dass Bela und Farin auch Fans waren und Mitgesellschafter des ersten großen Plattenlabels auf dem wir waren haben sie uns sehr geholfen.

Jacho: Aber die haben vielleicht auch etwas profitiert da sie Mitte der 90er diesen Ruf als Bravopunks hatten und dann viele Leute gemerkt haben, dass sie zwar Popmusiker sind aber doch irgendwie cool weil sie WIZO und Terrorgruppe auf ihre Tour genommen haben. Das war auch immer eine geile Art von Nebeneinander auf Tour und im Backstageraum.

tg6Archie: Dadurch, dass unser Labelchefs, mit denen wir auch sehr eng kommuniziert haben, der Merchandiser der Ärzte und der Produzent der „Melodien für Milliarden“ als auch der Ärzte-Hausproduzent waren, haben wir gelernt, dass wir Business-Ideen in deren Gegenwart nie ausplaudern durften, denn die landeten immer direkt bei den Ärzten. Ich weiß nicht mehr welche, aber die haben uns 1-2 Sachen vor der Nase weggeschnappt. Am deutlichsten ist es aufgefallen bei einen Spruch: Da hatten wir unser allererstes Konzert auf dem Bizarre-Festival um 14 Uhr Nachmittags kurz vor Bloodhound Gang. Ich habe mir vorher die ganzen Festivals mal angeschaut und dieses blöde Gequatsche von wegen „Seid ihr alle gut drauf?!“ ging mir so auf den Sack. Dann wollte ich die Leute auffordern, immer „Fick dich. Spiel weiter Gitarre“ zu rufen wenn ich so was sage. Mein Gedanke dahinter war, dass die das auch bei den anderen Bands machen. Haben sie aber leider nur bei uns gemacht. Ein paar Wochen später schaue ich fern und die übertragen den Ärzte-Auftritt beim Rock am Ring oder so und Farin Urlaub steht auf der Bühne und erzählt und erzählt. Und dann meinte er „Ach, ich erzähl schon wieder so viel. Ihr könnt auch einfach rufen ‚Halts Maul und spiel Gitarre‘“. Ich dachte mir: Du Arsch!

Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass ihr einen relativ hohen Output hattet. Wie entstand denn so ein typischer Song?

Archie: Da gab es verschiedene Möglichkeiten. Meistens gab es einen Text und dann hat man Musik dazu gemacht. Oder einer von uns hat komplett allein eine Idee gehabt, hat den Song geschrieben und komponiert. Dann kam er in den Proberaum und man hat ihn eingeprobt. Es gab auch Songs, da gab es erst einmal nur ein Riff oder eine lose musikalische Idee. Da hat man sich dann überlegt, was für ein Text dazu passen könnte.

Jacho: Es gab aber auch Texte, die hat man zusammen geschrieben, zum Beispiel „Arbeit sein muss bleibt“, wo jeder eine Strophe dazu gedichtet hat. Oder es gab Texte, die waren eigentlich fertig aber dann haben wir nach der Probe zusammen gesessen und irgendwer hat nen Spruch gebracht den wir sofort eingebaut haben und dem Text eine völlig andere Richtung gegeben hat.

Archie: Es kam auch vor, dass wir einen Song fertig hatten, aber der Text nicht zur Musik passte oder umgekehrt. Und dann wurden einfach Texte ausgetauscht, auf andere Melodien gelegt und geschaut, wie dass dann funktioniert. Damit haben wir uns dann auch immer recht lange beschäftigt. Das waren Songs, die ein paar Monate reifen mussten. Aber es gab auch Tage, da haben wir zwei Dinger am Tag im Proberaum gemacht.

Jacho: Um die „Melodien für Milliarden“ aufzunehmen haben wir das Studio vorher reserviert. Ich glaube für die letzte Dezemberwoche kurz nach Weihnachten. Und wir hatten am 1. November erst zwei Songs: „Namen vergessen“ und „Tresenlied“, die wir immer schon mal auf Singles veröffentlicht haben.

Archie: Wir hatten einen kleinen sehr feuchten Proberaum in der Naunynstraße, in dem früher mal „Ton Steine Scherben“ und auch „Vellocet“ probten. Der Raum stank ganz erbärmlich. Aber wir haben dort wochenlang jeden Tag 4 bis 6 Stunden geprobt um genug Stücke für dieses Album zu haben. Ich kam jeden Abend nach Hause und stank nur nach Keller. Das haben wir nie wieder in so kurzer Zeit gemacht aber es hat funktioniert. Und die Platte war ja nicht kurz.

Hat man Angst sich zu wiederholen, wenn man so viele Songs macht?

Archie: Bis zu der Phase nicht. Bis dahin gab es genug Output. Ich glaube, als wir uns so ein bisschen schwerer getan haben um Themen und Songkonzepte zu erarbeiten war bei der „Keiner hilft euch“.

Jacho: Bei der „Keiner hilft euch“ hatten wir das Problem, dass wir vorher zu oft im Tourbus gesessen haben. Mir geht’s zum Beispiel so, wenn ich zu lange nichts anderes sehe als Bus, Backstage und Autobahn fallen mir keine Texte mehr ein. Dann kann man auch nicht mehr so unbeschwert in die Bild-Zeitung gucken und was von einem Schützenkönig zu lesen um sofort einen Text darauf zu machen. Das klappt dann einfach nicht mehr. Da war etwas Krise in der „Keiner hilft euch“-Zeit.

Archie: Wir haben es uns im Studio aber auch immer ein bisschen offen gehalten und sind sehr sorglos an die Aufnahmen gegangen. Das hat unseren damaliger A&R bei der Intercord, der für die „Keiner hilft euch“ zuständig war, fast zum Wahnsinn getrieben. Er hat unsere ersten Demos gehört, zum Beispiel „Tanz im Krüppelheim“, welches auch auf dieser Resteplatte drauf ist. Dann hat er plötzlich Panik bekommen und ist extra nach Spanien ins Studio geflogen, um uns erst mal richtig die Leviten zu lesen.

Durftet ihr deswegen den Song nicht auf die Platte machen?!

Archie: Nein, der war einfach zu albern! Aber der ist total lustig. Ich feier den Song heute noch.

Jacho: Mittlerweile finden wir den voll gut aber damals war der  Ausschuss.

 


 

tg7Die ganzen Personen, die ihr immer besungen habt wie Tante Gerda, Sabine und wie sie alle heißen: Gabs die wirklich?

Jacho: Die gabs aber nicht namentlich. Sabine heißt in Wirklichkeit… ne, darf ich nicht sagen. Das war mal die Proberaumvermieterin von einer meiner frueheren Bands gewesen. Die hat unsere gesamte Proberaummiete verkokst.

Archie: Der Opa, aus „Opa“, kann der Opa von jedem sein. Dann gabs noch Horst aus Nauen…

Jacho: …und Studienrätin Friedenau, die alte Sau. Aber ich bin in Berlin nicht zu Schule gegangen, die ist ne fiktive Figur.

Tatsächlich existent ist aber Linda de Mol. Wie lange hat es gedauert, dieses schöne Sample zusammen zu basteln?
Jacho: Einen Nachmittag im Studio mit vielen VHS-Kassetten und viel zappen. Das eigentliche Basteln hat dann Andi Jung gemacht und das hat zwei Stunden gedauert. War alles kein Problem. Samples sind meist hinterher entstanden. Da wurden keine Songs drum geschrieben. Das sind im Grunde genommen aus der Not entstandene Dinger für Parts, die langweilig wurden, zum Beispiel als Ersatz für eine dritte Strophe die uns nicht eingefallen ist. Vieles ist so spontan entstanden.

Archie: Das war auch wichtig bei den Plattenaufnahmen weil man sich da so ein bisschen die Frische bewahrt hat. Für uns war es schon sehr spannend zu sehen, dass da schon etwas bei rauskommt. Es gab auch immer Lieder, die direkt im Studio entstanden sind. Das haben wir uns bei den Aufnahmen auch offen gehalten. Da gab es nur eine vage Idee, aus der wir schnell ein Lied gemacht haben. Fast auf jeder Platte gab es solche Aufnahmen. Auf der „Musik für Arschlöcher“ war das die Studiosession, die echt ne Suffidee war, auf der „Melodien für Milliarden“ war es „Drivel“, auf der „Punkcerealien“ wars „Explosiv/Exklusiv“, was auch live eingespielt wurde, also alle vier gleichzeitig. Für so einen Quatsch haben wir uns auch immer 1-2 Studiotage genommen.

Ich hab mal gehört, dass ihr aufgrund des Songs „Das Ding“ Probleme bekommen habt und in machen Läden nicht spielen durftet.

Archie: Der Song ist zu einer Zeit entstanden als wir zum ersten Mal aus PC-Kreisen gehört haben, dass wir Sexisten seien. Ich konnte es erst nicht verstehen und habe auch erst später herausbekommen warum: Aufgrund von gemeinsamen Auftritten mit den Kassierern. Weil wir mit denen gespielt haben, waren wir dann auch Sexisten. Und weil wir auf einem Festival waren wo auch noch Heiter bis Wolkig am gleichen Tag gespielt haben, die wir aber noch nicht einmal gesehen haben, die einen Vergewaltigungsvorwurf laufen hatten.

Jacho: Mit Heiter bis Wolkig hatten wir nie etwas zu tun, mit den Kassierern schon eher aber auch aus völlig anderen Zusammenhängen. Man kannte sich schon ewig und war dann automatisch „Sexist“. Das war natürlich etwas, was man sich als Punker nicht bieten lässt…

Archie: …und dann schreibt man einfach einen Text in dem man im Grunde genommen über nichts schreibt. Es ist eine völlig erfundene Geschichte ohne Hintergrund und Message. Der Text ist nur geschrieben worden um Missverständnisse zu provozieren. Und genau das haben wir geschafft. Ich kann mich noch erinnern, dass wir in Hamburg ein Konzert mit den Grauen Zellen gespielt haben. Wir spielen das Lied und dann knallt eine Flasche auf die Bühne. Bei mir gabs immer Grenzen. Man konnte mich bespucken und alles machen aber was ich nicht wollte sind hinterhältige Sachen wie aus der fünften Reihe eine Flasche zu werfen und sich dann zu verpinkeln. Ich hab dann auch abgebrochen und mir den Typen geschnappt und ihm gesagt, dass er mir alles vorwerfen kann und wir reden können aber dass er keine Flasche zu werfen hat. Und ich wollte den Grund wissen. Dann kam nur das übliche Bla Bla.

„Ihr seid Sexisten“

„Warum?“

„Wegen dem Lied“

„Wegen welchem?“

„Das Ding“

„Was ist da Sexistisch?“

„Na, dat ganze Lied“

„Waaaas bitte?! Sag mir was sexistisch daran ist. Wo habe ich einen anderen Menschen auf sein Gender oder seine Sexualität so reduziert das du mir vorwerfen kannst, dass ich ein Sexist bin. Ficker“

Warst du der Rainer Brüderle des Punkrock für die?

Archie: Das will ich gar nicht hören weil so war ich nie. Ich grapsch oder quatsch keine Frauen dumm an. Wer mich kennt der weiß, dass ich da sehr straight bin. Naja, der Vorwurf hörte dann 2-3 Jahre später auch auf. Wir durften zwar nie im Juzi in Göttingen spielen aber da wollten wir auch gar nicht hin. Wir haben da mal ein sehr schönes Konzert mit Pansy Division, einer schwulen Band, erlebt die nur übers ficken gesungen haben und da gabs einen Streit in der Belegschaft ob das jetzt cool ist oder nicht. Aber die trauten sich dann nicht weil die ja schwul sind.

Habt ihr auch dann nochmal mit „Ich bin ein Punk“ nachgetreten?

Jacho: Genau. Das ging schon in die Richtung. Das war ne Reaktion.

Archie: Da wurde es nochmal reflektiert. Den „Das Ding“-Text gabs sehr früh auf der dritten Single „Fickparty 2000“. Die hat sich ja mit Liebe und Beziehungen beschäftigt. Sozusagen eine Konzeptalbum. Dieser reflektiertere Text auf dem Album ging auch schon auf diese politisch verkopftere Punkszene ein.

tg9Apropos politisch verkopfte Punkszene. Ihr habt aber auch mal ein Lied auf so einem Ton Steine Scherben-Tributesampler gemacht. Habt ihr trotzdem einen Bezug zu politischen Bands?

Jacho: Finde ich nach wie vor super. Alle frühen Sachen, mit denen ich auch groß geworden bin. Es ist ja auch nicht so, dass wir weil wir Krach hatten mit diesen verhärmten lustfeindlichen Menschen, die alles was mit ficken zu tun hatte als Sexismus bezeichneten, wir jetzt total unpolitische Menschen waren oder nicht politisch dachten. Im Gegenteil: Der Anfang der Terrorgruppe ist ja sehr politisch. „Dem Deutschen Volke“ hat natürlich eins der politischsten Cover, das eine Single in Deutschland je hatte. Und wir hatten Hass auf alles und jeden. Natürlich waren wir total unzufrieden mit diesem wiedervereinigten Deutschland, mit Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, den Gesetzen gegen Ausländer und Asylsuchende, mit Polizeiterror, der Ermordung von Silvio Meyer und so weiter. Wir hingen ja auch mit Menschen aus besetzen Häusern rum oder welche die linke Druckereien betrieben. Das war schon unsere Szene und wir waren selbst auch auf Demos gegen Häuserräumungen gewesen und waren auch dabei, wenn irgendwo in Rudow ein Flüchtlingsheim von Faschos bedroht wurde und haben da Wache geschoben. Das wird immer vergessen, wenn man an die Funpunker von der Terrorgruppe denkt. Aber wir haben uns niemals vor einen Karren spannen lassen. Wir waren immer eher unorthodox. Bei uns kam das Politische mehr aus dem Bauch heraus. Und es ist auch schon ein Antrieb gewesen. Zum Beispiel bei Liedern wie wie „Die Gesellschaft ist schuld“ und bei vielen Liedern auf der „Musik für Arschlöcher“. Natürlich waren wir zu jedem Zeitpunkt immer auch irgendwie politisch mit allem was wir gemacht haben.

Archie: Die schlimmste Entwicklung bei der ich dann auch aufgegeben habe und die ich auch nicht mehr bekämpfen konnte weil es mir zu blöd war, war als Freunde von uns damals im Conne Island „Antideutsch“ draufkamen und irgendwelche Konzertbesucher wegen ihren Palästinenserschals dumm angequatscht haben. Da war Feierabend. Es ist bis heute noch so, dass ich mit denen über dieses Thema kein Wort wechseln kann. So ein Quatsch macht mich wuetend.

Jacho: Das ist nur so ein fucking Mode-Accessoire. H&M hat eine Zeit lang mal Palitücher mit Stars and Stripes verkauft. Voll geil. Hab ich auch noch eins von. Aber was ich noch sagen wollte: Der Unterschied zwischen unserer Politik und der im harten Kern der Politikszene war: Die hatten immer so eine Weltverbesserer- oder Pfadfinder-Attitüde, wie Nagel das auf unserer DVD genannt hat. Das haben wir aber nie gewollt. Wir haben keine politischen Texte gemacht mit denen wir die Welt verändern können sondern einfach um rumzustänkern und rauszulassen.

Aber ihr habt doch auch Lieder für die KPD/RZ gemacht. Vor deren Karren habt ihr euch dann doch politisch spannen lassen.

Jacho: Stimmt! Und für die APPD! Da sind wir uns zweimal untreu geworden. Da waren wir nicht immer konsequent.

Archie: Das waren so süße Spaßparteien die im Grunde genommen das Parteiwesen offen kritisiert und persifliert haben.

Jacho: Nein, dass waren keine Spaßparteien. Das Konzept der APPD mit den drei Zonen ist nach wie vor das einzige durchführbare Prinzip. Ich befürworte das nach wie vor diese drei Zonen. Da haben alle ihre Ruhe.

Archie: Stimmt, der Balkan unter Tito hat ja auch funktioniert.

Mit 16 fand ich, dass „Der Rhein ist tot“ ein großartiges Lied war. Heute würde es mich wohl nicht mehr so interessieren. Habt ihr damals extra Songs für ein jüngeres Publikum gemacht?

Archie: „Der Rhein ist tot“ ist auch ein großer Fehler. Genau so wie das Lied „Linda de Mol“ ein großer Fehler war. Das haben wir aber damals gar nicht so gesehen. Uns wurde zwar geraten, nicht immer Lieder über Kurzzeitberühmtheiten zu machen...

Das habt ihr ja bis zum Schluss nicht gelernt und noch Lieder über Barbara Salesch gemacht.

Archie: Naja, aber „Barbara Salesch“ war eher ein Song über dieses Gerichtsshowmetier. Und da gings schon ein bisschen weiter während gerade „Linda De Mol“ und der Kelly Family-Song nur über diese Leute war. Und da hatten sie uns damals schon bei Gringo Records gesagt, dass das jetzt wirklich nicht die Singles sind. Obwohl es mit „Der Rhein ist tot“ ganz gut funktioniert hat weil das halt so ein kleiner Skandal war. Aber ich würde es heute nicht mehr machen.

Jacho: Man muss immer schauen wenn man Songs schreibt, dass sie nicht so tagespolitisch sind. Aber das wussten wir ja damals nicht. Man kann ja nicht alles wissen.

Archie: Aber ganz ehrlich. Wenn ich mir heute diese komischen Kellys angucke was die so alles machen und durch welche Talkshows die so geistern dann war der Song schon OK. Wir waren im Recht.

Warum gibt es keine Studioversion von Ernst August?

Archie: Weil Ernst August kurz vor der „Blechdose“ geschrieben wurde und eigentlich als einziges exklusives Lied für die „Blechdose“ gedacht war. Wir hatten es kurz überlegt das im Studio einzuspielen aber wieder verworfen weil wir es auf der „Blechdose“ so gut fanden.

Gabs da mal rechtlichen Ärger

Archie: Ich habe irgendwann mal gehört, dass die Kelly Family den Zimbl von den Bates gefragt hätten, wie wir denn so drauf wären. Ob wir gefährlich sind und so. Sie hatten sich überlegt uns zu verklagen falls wir das Lied als Single veröffentlichen würden, es war allerdings längst als Single veröffentlicht.

Jacho: Die war zu dem Zeitpunkt schon anderthalb Jahre draußen.

Archie: Das war für die einfach nicht so erfolgreich, dass die das irgendwie registriert hätten. Also war es eh Quatsch. Und Zimbl hat die auch voll verarscht von wegen „Ja, pass auf! Die laufen nur mit´m Messer rum und so. Terrorgruppe halt!“ Es wurde einmal wegen dem Lied Kathedralen zumindest ein Kripo-Beamter auf uns angesetzt. Der hat uns einen Brief geschrieben und meinte, es gäbe Anzeigen wegen Verunglimpfung religiöser Gemeinschaften und er hätte gern den Text. Wir antworteten er müsse doch die Platte haben – sonst würde er doch nicht anrufen. Daraufhin meinte er, der Text sei so klein gedruckt, er könne den nicht lesen. Dann hab ich ihm nur noch per E-Mail geschrieben: Lupe und Lesebrille, vielleicht auch Fernglas?

Jacho: Dann haben wir auch eine Vorladung zum Tempelhofer Bullenhauptquartier Referat politische Polizei bekommen. Dann haben wir unseren Anwalt gefragt, was wir da machen sollen und der meinte, wir sollen da einfach nicht hingehen. Er hat dann noch einen Brief zurück geschrieben, dass es sich um Kunstfreiheit handelt und dadurch gedeckt ist und wen sie was wollten, könnten sie sich ja an ihn wenden. Und dann kam tatsächlich ein Brief an den Anwalt, dass sie das Verfahren jetzt eingestellt hätten. Das machen die normalerweise nie. Ansonsten wirst du immer im Unklaren gelassen ob sie noch ermitteln oder nicht.

tg10Die geschwärzten Passagen im Booklet der "Melodien für Millionen" waren ein Fake, oder?

Archie: Nee, dass war eine andere Geschichte. Wir haben den Text damals dem Rechtsanwalt gegeben und der meinte, man solle den so nicht abdrucken. Dann haben wir das geschwärzt. Wir haben unsere „gefährlichen“ Sachen immer vorher zum Anwalt gegeben und gefragt, ob uns da irgendwas passieren kann und ob wir in irgendein offenes Messer rennen könnten. Das einzige Mal, wo er wirklich Bedenken angemeldet hat war bei dem Lied „Angela“. Das wäre schon offensive Beleidigung und das sollten wir uns nochmal überlegen. Wir haben dann auch  überlegt ob wir sollen oder nicht. Die war ja auch damals auf dem Weg zur Bundeskanzlerin zu werden. Aber Chefe von Destiny meinte: „Hey, ihr seid die Terrorgruppe. Natürlich müsst ihr das machen!“ Da kam aber auch zum Glück nie etwas. Das wäre auch doof. Ich steh nicht auf so einen Skandal. Es kostet einfach nur Geld.

Aber was genau jetzt geschwärzt wurde im Kelly-Text wisst ihr nicht mehr?

Archie: Ich glaube die Wasserleichen waren geschwärzt. Man muss dazu sagen: Der Kelly Family-Song war ein großes Streitthema mit unserem Vertrieb Polygram, die damals auch die Kelly Family unter Vertrag hatte. Wir saßen gerade im Auto unseres Labelchefs als der einen Anruf von der Polygram bekommen hatte und die meinten wir dürften das Lied nicht veröffentlichen worauf eine zweitägige Streiterei am Telefon mit der Polygram losging und letztendlich sich damals die Ärzte eingeschaltet haben und denen gedroht haben, dass Lied selbst aufzunehmen und auf ihr Album zu packen. Aufgrund dieses Arguments haben sie dann den Schwanz eingezogen und uns machen lassen.

 


 

tg12Euer nächstes reguläres Studioalbum „Keine hilft euch“ wirkte dann seriöser. Keine Comics im Beiheft, ein anderes Cover…

Jacho: Doch, da sind Comics bei, aber aus Collagen. Keine mundgemalten.

Sollte es ein etwas ernsthafteres Album werden?

Jacho: Nö, ich war einfach zu faul zum Malen. Das war der einzige Grund.

 

tg11
Das urprünglich geplante Cover der "Keiner hilft euch"
Achie: Dass das Cover eher seriös geraten ist war damals ein Betriebsunfall. Das Cover, dass wir uns zuerst ausgedacht haben, hat nicht so gewirkt. Dann musste der Grafiker schnell innerhalb einer Stunde etwas anderes finden.

 

Jacho: Das eigentliche Cover haben wir aus mir bis heute unbegreiflichen Gründen verworfen. Ich zeig es euch schnell. Das ist natürlich viel geiler. Damals und heute ist der Panda in Westberlin noch der Held des Zoos zu Zeiten vor Knut…

Archie: Kannst du mir das mal schicken? Ich hab Cro’s E-Mail-Adresse.

Aber um nochmal auf das Album zurück zu kommen: Der Sound war ja schon anders als auf den anderen Platten. Auf „1 World 0 Future“ klang es dann wieder so wie eure anderen Platten. Aber da wars langsamer. Warum war das so?

Archie: Ganz einfach. Wir hatten 80.000 DM Budget. Wir haben einen Monat produziert und der Mischer durfte nochmal einen Monat mischen. Da wurde so viel Zeit in diese Platte investiert, dass die dann einfach so poppig und aufgeraeumt geworden ist. Im Gegensatz zu anderen Platten sind da allerdings auch Nummern drauf die brutaler sind und einen extremeren Sound haben, den wir uns vorher nie getraut haben. Zum Beispiel Lebenslauf.

Jacho: Zu der Zeit war die Band auch nicht gut drauf. Wir sind viel getourt, Hermann von Hinten war ein bisschen auf einem anderen Film und wir waren alle nicht mehr so viel zusammen im Proberaum wie die  Jahre vorher…

Archie: …und ich war zu der Zeit etwas gelangweilt von dem alten Sound und wollte irgendwie das Ganze mit neuen Einflüssen auffrischen. Das hört man der Platte auch an . Sie ist sehr poppig, abwechslungsreich und durcheinander. Da wurde viel experimentiert. Das ist so ne Bandplatte wie man sie kennt wenn Bands gerade einen Umbruch haben. „1 World 0 Future“ war dann genau die Antwort darauf. So kurz waren wir glaube ich nie im Studio. In zwei Wochen haben wir das Ding eingeprügelt. Und da wollten wir dann alles wieder ganz anders. Diese beiden Platten „Keiner hilft euch“ und „1 World 0 Future“ sind schon so Umbruchplatten. Die Letztgenannte war dann sehr hardcorig. Damals hatte Hardcore wieder ein bisschen frischen Wind. Da kamen glaube ich gerade Suicidal Tendencies mit einem Comeback-Album raus…

Jacho: …und das Comeback-Album „Good to go“ der 7 Seconds, dass der Hammer ist. Da kamen einige gute Platten, die uns an die 80er errinnert haben, die aber echt geil produziert waren und einen geilen Sound hatten.

Archie: Wir wollten eh wieder schneller spielen und hatten auch einen neuen Drummer, der das umsetzen konnte. Ich kenne viele Leute, denen dieses Album am besten gefällt.

Jacho: Es sind auf jeden Fall ein paar der besten Songs drauf aber insgesamt ist das ganze Album irgendwie nicht so schlüssig wie andere Scheiben von uns.

Ihr habt dann ja später fast nur noch auf CD veröffentlicht

Jacho: Alles was wir gemacht haben, gibt’s sowohl auf CD als auch auf Vinyl.

Nee, die „Schöne Scheiße“ gibt’s nicht auf Vinyl.

Archie: Die „Schöne Scheiße“ kam aber auch raus in einer Zeit, als Vinyl gar nicht ging. Derjenige, der damals unsere Vinylsachen rausgebracht hat war auch nicht besonders gut drauf wenn man ihn auf Vinyl angequatscht hat. Deswegen haben wir uns das gesteckt.

tg13Lag das auch an dem Buch, das dabei war?

Archie: Das Buch durften wir dann ja auch nicht mehr rausbringen. Die CD gibt es ja heute ohne Buch.

Jacho: Wir haben das Buch per einstweiliger Verfügung verboten bekommen, uns erfolgreich dagegen gewehrt und konnten es dann drei Monate weiter verkaufen und haben dann eine neue einstweilige Verfügung bekommen und durften es ein halbes Jahr, bis der Prozess anfing, nicht verkaufen. Bei dem Prozess haben die Richter dann in der ersten Minute bereits durchblicken lassen, dass das Cover auf jeden Fall durch die Kunstfreiheit gedeckt ist. Uns ging es aber darum, dass es wieder in die Läden kommt und nicht eine Revision nach der anderen über Jahre zu gewinnen. Da haben wir uns mit der anderen Seite auf einen Vergleich geeinigt: Wir verkaufen die restliche Auflage und dafür hören wir dann auf, dass so zu produzieren. Die Gegenseite musste unseren Anwalt, unsere Reisekosten und die Gerichtskosten bezahlen und musste uns erlauben, die Restauflage verkaufen zu können. Die war ja eh als limitierte Auflage geplant gewesen.

Archie: Der Bastei-Lübbe-Verlag hat letztes Jahr eine Anfrage an KIZ gestellt ob man nicht einmal literarisch zusammenkommen könnte. Vom Management kam dann aber die Antwort, dass die es nicht gut fänden, wie der Bastei-Lübbe-Verlag mit Künstlern – in Klammern Terrorgruppe- umgeht. Deswegen würden sie die Zusammenarbeit lieber lassen, hehe.

Wie habt ihr eure Marathon-Touren eigentlich körperlich durchgehalten?

Archie: Indem man am besten nicht feiert.

Jacho: Was nämlich nicht so einfach ist. Wir sind da in zwei grundsätzlich verschiedenen Positionen. Ich muss live nur manchmal „Wohohooo“ gröhlen und sonst nichts und nicht auf meine Stimme aufpassen und Archie muss anderthalb oder zwei Stunden fast jedes Lied singen. Und harte Drogen gehen dann schon mal gar nicht und Sauferei und viel Rauchen geht eigentlich auch nicht. Und man kann auch nicht nach der Show mit seinen Leuten in die Disco wo man sich bei 120 Db die ganze Zeit anbrüllt. Dann hat man am nächsten Tag auch keine Stimme mehr. Und der Rest der Reisegesellschaft bis auf Archie war immer in fröhlicher Partylaune und hatte immer herrlich schlimme Exzesse bis sechs oder sieben Uhr morgens während Archie immer alleine in seiner Koje liegen musste oder Fernsehen schauen konnte. Insofern ist es undankbar der Sänger einer Punkband zu sein die Feierlieder hat und Lieder übers Trinken und Drogen nehmen und man es dann aber auf ´ner langen Tour die länger geht als dreißig Tage keinesfalls machen darf.

Archie: Das Gute war halt, dass ich dann auch wirklich immer fit war weil ich einfach nicht das eingeworfen habe, was andere geschmissen haben. Es ist sauanstrengend und man hält es auch nicht lange durch. Ich kann Bands ganz gut verstehen, die es vier Jahre mitmachen und dann einfach drüber sind.

Jacho: Die lösen sich auf oder sagen dann ihrem Tourbooker: Ey, jetzt nur noch mit Hotel. Da kommt dann die DIY-Szene und sagt „Die waren doch immer Kumpels und jetzt wollen die nur noch Hotel? Was sind die denn für abgedrehte Bonzen geworden?“ Dabei geht’s nur darum, irgendwie Kondition und Stimme zu halten wenn man auf so langen Touren ist.

tg14Wie ist das als deutschsingende Band, wenn ihr im Ausland –zum Beispiel in den USA  gespielt habt. Wie wird man da akzeptiert?

Archie: Super, die fanden uns klasse. Die kamen zuerst immer so ein bisschen mitleidig an,  dann hatten wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite und sie haben uns gefeiert. Zumal wir gerade in den USA schon so nen richtigen Exotenbonus hatten. In Brasilien haben wir festgestellt, dass  die Sprache  kein Hindernis ist. Ich fühlte mich im Ausland immer sehr wohl.

Jacho: England war immer ein bisschen zäh.

Archie: Wir hatten einmal ne Hammershow in Nottingham. Da waren kaum Leute da, aber die haben halt gemerkt, dass wir einfach Bock haben mit denen zu feiern. Es waren 30 Leute und wir haben den ganzen Saal unter Bier gesetzt. Und in diesem ganzen Club haben nur so Musiker von Earache gearbeitet. Das waren alles nur so Crusties und die haben sich so gefreut, dass da mal was anderes in ihren Club kam. Sowas kam  auch immer wieder vor. Letztendlich haben wir die Leute eher mit Charme gekriegt als mit Musik oder den Texten.

Jacho: Mit Charme oder mit fremdschämen.

Stimmt es, dass ihr in den USA mal verhaftet wurdet weil ihr öffentlich Bier getrunken habt?

Jacho: Nein, die Geschichte ist noch viel krasser. Die glaubt uns kein Mensch! An einem der letzten Abende, die wir in San Francisco waren und wir keine Show hatten, sind wir groß Essen gegangen. Wir waren in dem italienischen Viertel von San Francisco ziemlich weit unten am Hafen wo auch die besten Pizza-Pasta-Leute sind. Nur ich und Hermann von Hinten hatten aus irgendwelchen Gründen keinen Hunger und haben nur Rotwein getrunken. Da ist auch ein Rotlichtviertel. Da war ne Peepshow, wo eine Punkband die Einlasskontrolle gemacht hat. Auch sehr lustig. Die haben dann da gestanden und dann kamen die verschämten alten Männer und gingen dann in die Peepshow rein…

Archie: …und dann hat der eine ein Megafon rausgeholt und schreit so nen Dicken, der gerade raus kam „Did you get a hard on?!“

Jacho: …“Und? Gut abgewichst heute?“ mit m Megafon. „Ah, da sehen wir wieder nen Kunden von uns!“ Das war so lustig. Wenn irgendwas total VERBOTEN  ist in Amerika ist es auf der Straße trinken, aber noch viel schlimmer ist auf der Straße zu pissen. Und in dieser Nacht hat Hermann und Hinten auf der Straße gepisst. Genau an dieser Ecke, wo das italienische an das Rotlichtviertel grenzt. Mitten auf der Straße und dabei so einem unscheinbaren Typen vor die Füße gepisst, der auf der italienischen Seite rumlief. Und der Typ meinte, was denn das für ne Schweinerei in seiner Stadt wäre und ging weiter. Und dann kamen unsere Kumpels und meinten: Hey Hermann, Du hast gerade dem Bürgermeister von San Francisco vor die Füße gepisst! Das ist dann natürlich auch tierisch rumgegangen in der hiesigen Punkszene und beim letzten Konzert dort haben wir dann auf der Bühne angesagt „The next song is for the legalisation of pissing in the streets“.

 


 

tg15Gibt es sonst noch einige Highlight-Geschichten von der Tour?

Jacho: Ja, eine die nicht auch auf der DVD drauf ist weil es die schon mal als dreiseitigen Tourbericht im ZAP gab aus der Anfangszeit der Terrorgruppe. Es ist die Geschichte, wo wir zwei Shows in Wien und in Rosenheim hatten und für diese 2 Shows fünf verschiedene Busse brauchten. Wir haben uns hier einen Bus geliehen von einem Typen, den wir über Freunde kannten. Wir haben uns das Auto einen Abend vorher erst ausgeliehen und es war wirklich totaler Schrott. Aber es war zu spät um uns einen anderen Bus zu leihen. Also sind wir mit diesem Schrottauto um 16 Uhr hier abgehauen um am nächsten Morgen in Wien zu sein. Und schon um 18 Uhr auf der Autobahn Richtung Dresden mussten wir rechts ranfahren, weil die Tür auf der Fahrerseite einfach abgefallen ist und auf der Autobahn lag. Wir haben dann versucht, die Tür wieder von der Autobahn zu bekommen aber dann ist bereits eine trabifahrende Ostfamilie drübergebrettert und hatte die Reifen platt. Wir haben denen dann gesagt, dass wir reiche Westler seien, ihnen schnell 100 Mark in die Hand gedrückt und sie gebeten nicht die Bullen zu rufen. Wir sind dann nach Dresden in die Scheune gefahren, haben dort gegessen und uns umgehört, wer denn ein Schweißgerät hätte. Dann kam wirklich jemand an, der Autos für Stockcar-Rennen schweißt. Der hat dann die Tür wieder drangeschweißt. Wir sind dann weiter über die Tschechische Grenze und obwohl es damals noch sehr starke Grenzkontrollen gab, haben die nichts gesagt und uns weiterfahren lassen. Irgendwann morgens um 10 sind wir an der österreichischen Grenze angekommen und ausgerechnet an diesem Tag stand da so eine mobile TÜV-Prüfereinheit. Die haben uns nur angeguckt, ausgelacht und gesagt, dass wir mal direkt alles ausladen könnten und haben das Auto natürlich sofort stillgelegt. Wir standen dann da mit sechs Leuten mit Backline, Schlafsäcken und Merchkisten und wussten nicht, was wir machen sollen. Wir riefen den Veranstalter in Wien an und baten ihn, uns einen Bus zu organisieren. Also kam Bus Nummer zwei und hat uns nach Wien gebracht. Dann haben wir ein Konzert gespielt. Der Konzertveranstalter, der noch mit uns gefeiert hat, hat dann morgens um 9 noch besoffen bei der Autovermietung angerufen und uns Bus Nummer drei besorgt, der aber noch nicht mal für alle Sitzplätze hatte. Wir saßen dann teilweise in der Ladekabine. Problematisch war, dass die Autovermietung den nur innerhalb Österreichs abgegeben hat. Damit sind wir dann zur bayrischen Grenze gefahren. Wir konnten also nicht drüber fahren, haben dann am letzten Autobahn-Parkplatz vor der Grenze die Sachen ausgeladen und sind dann zu Fuß über die Grenze gegangen. Stell dir mal vor du stehst da als bayrischer Grenzer an der Autobahn rum und da kommt auf einmal eine ganze Punker-Band mit Backline, Merch und so weiter zu Fuß über die Grenze. Die waren total perplex. Auf der deutschen Seite wartete dann der Veranstalter aus Rosenheim und hat uns mit seinem Van abgeholt!

Archie: Und dann musste uns noch ein anderer Bus aus Rosenheim nach Berlin bringen.

Jacho: Die Wiener haben bereits bei unseren Kumpels in Berlin angerufen die sich alle totgelacht haben und einer hat uns dann nen Bus nach Bayern gebracht. Das andere Auto da an der Grenze hat auch nie wieder jemand abgeholt.

Archie: Wir haben dem Typen dann noch gesagt: Ey, dein Auto ist weg. Das war Schrott aber du kannst es da abholen.

Jacho: Nene, ich hab damals noch mit Monika versucht das Schrottauto mit einem Sattelschlepper abzuholen aber beim Sattelschlepper haben wir dann bereits auf dem Berliner Ring irgendwelche Teile verloren, die da zur Ladebefestigung dran waren. Die sind einfach so runtergefallen. Dann hab ich zu Moni gesagt: Komm wir lassen das und sind wieder zurück gefahren.

Ihr hattet ja immer ein relativ junges Publikum. Wie ist es, so mit Mitte 30 vor hauptsächlich Teenagern zu spielen?

Archie: Ein Grund, warum ich aufgehört habe, war dass ich mir irgendwann getrennt vom Publikum vorkam. Ich kam mir  wie ein Lehrer vor, der da was macht und da unten sind die Kinder und die toben dazu. Ich hatte keinen Bezug mehr zu vielen von denen im Publikum. Und das war dann exakt der Punkt an dem ich mich von dem Gedanken getrennt habe, mit dieser Musik alt zu werden. Ich hatte daran keinen Spaß mehr.

Was habt ihr seit der Auflösung der Terrorgruppe gemacht?

Jacho: Nicht viel. Ich bin Privatier und Hobbymusiker aber beruflich noch über Destiny Records eingebunden. Also was ich früher auch gemacht habe als ich mit Terrorgruppe aktiv war. Ich mache halt für Destiny Records die ganzen Veröffentlichungen. Sowas wie Kumpelbasis oder Rasta Knast, aber auch befreundete amerikanische Bands. Im letzten Jahr war es sehr anstrengend. Da habe ich sehr viel rausgebracht. Seit Juni 2012 bis jetzt hatte ich jeden Monat eine oder zwei Veröffentlichungen. Es kam einfach so. Ich wollte das gar nicht, aber es waren Leute, die angeklopft haben und die man unmöglich abweisen konnte. Joey Cape, der Sänger von Lagwagon stand einmal im Büro und fragte, ob ich nicht seine ganzen Akkustikplatten mal in Europa rausbringen wolle. Und da sagt man natürlich : NA klar.

Archie: Ich hab mich mit Filme machen und Platten produzieren beschäftigt. Kurz nach der Auflösung habe ich mich über ein halbes Jahr mit der Deconstruction-DVD beschäftigt. Dann hab ich die KIZ-Tour-DVD gemacht. Auch andere Sachen. Das war so mein Betätigungsfeld.

Jacho: Ja, ich toure noch. Aber nicht mehr 150 Tage in Jahr. Ich bin mit den Bottrops noch so maximal 35 Tage im Jahr unterwegs. Das reicht ja auch. Manchmal lege ich Platten auf und gehe oft auf Shows und lese nach wie vor Fanzines.

Vermisst ihr manchmal die Zeit mit der Terrorgruppe?

Archie: Man steigert sich natürlich, wenn man an so etwas zurück denkt, in die guten Geschichten rein und feiert es. Das nennt man dann wohl melancholisch werden. Ich habe aber auch immer noch im Kopf, wie anstrengend es war und welchen Ärger es gab.

Jacho: Ein selektives Gedächtnis filtert ja immer gern den ganzen Stress und den Streit, den man hatte raus und erinnert sich an Highlights. Klar, ich würde gerne nochmal einmal im Jahr für 7 Tage durch Brasilien touren oder auf nem Festival vor 30.000 Leuten spielen. Das größte, was die Bottrops spielen, sind ja so maximal 5.000 Leute.

Archie: In der Situation, in der ich mich heute befinde ist es völliger Quatsch, sowas nochmal provozieren zu wollen.

Aber es müsste ja nicht in dem Umfang sein. Ihr könntet ja nur ein paar Konzerte im Jahr spielen

Archie: Wir sind keine Band, die sich einfach auf eine Bühne stellt und sagt: Wir machen jetzt da mal ein bisschen Musik.

Jacho: Terrorgruppe ist man ganz oder gar nicht!

Archie: Das hat ganz viel damit zu tun, dass ich auf der Bühne gar nicht als richtiger Mensch funktioniere. Ich muss einen Schalter umlegen, weil ich dermaßen soziophob bin, weil ich mir sonst in die Hose scheißen würde oder kein Wort rauskriegen würde. Auf der Bühne kann ich nur Theater spielen. Das setzt aber eine bestimmte Motivation voraus. Und so eine Motivation finde ich nur in einem Konzept, dass sich mir erschließt. Und darum könnte ich nie, wie andere, sagen: OK, wir haben mal wieder Bock! Lass uns ein paar Shows spielen. Die Angebote haben wir schon oft gekriegt und da gings auch um Geld. Es wäre ein Leichtes für mich, mit dieser Band mal eben ein bisschen Kohle zu verdienen und dann in den Urlaub zu düsen. Das Ding ist: Ich kann es nicht so. Es war eine lange Vorbereitungsphase bis die Terrorgruppe so funktionierte wie wir es wollten. Das hat ein bis zwei Jahre gedauert, dass wir so zufrieden damit waren, dass wir irgendwo hinfahren können und es rockt und wir haben alles im Griff. Wie man das heute neu hinbekommen sollte, wüsste ich nicht - so dass es in irgendeiner Form funktioniert und  ich damit zufrieden bin. Es wäre für mich sehr unbefriedigend wenn ich einfach nur Headliner, z.B. auf dem Serengeti Festival, wäre und den Leuten erzählen würde „Ach, das ist ja unglaublich, dass heute noch so viele Leute zu unserem Konzert kommen“. Du darfst auch nicht vergessen: Wir sind jetzt Ende 40. Das ist ne ganz andere Zeit als die, in der wir angefangen haben. Da hatten wir eine andere Energie. Ich konnte mich mal locker 10 Jahre jünger machen als ich war und den absoluten Kindskopf raushängen lassen. Das war alles kein Problem, aber heute nimmt mir das keiner mehr ab.

Jacho: Terrorgruppe ist nicht nur eine Band gewesen sondern so ein permanenter 24-stündiger Geisteszustand. Wenn wir morgens aufgestanden und Abends pennen gegangen sind: Alles war Terrorgruppe. Sogar wenn wir einen Monat lang in den Urlaub gefahren sind: Da drehte sich auch alles um Terrorgruppe. Das war eine permanente Haltung und die Band könnte auch nur so funktionieren indem wir unser Leben wieder komplett diesem Teil unterordnen würden. Das geht so nicht. Obwohl wir diese Major-Connections hatten, die Presse und die Talkshows waren wir alle in allem total DIY. Das heisst aber auch, dass Du 24 Stunden am Tag nichts anderes im Kopf hast und dass Du das auch mitnimmst in deine Träume und dass Du morgens aufwachst mit der und der Textzeile und der und der Merch-Idee. Anders kann sowas nicht funktionieren. Bei mir ist das so wie bei einem Hochleistungssportler der nicht aufhört, weil er noch weiter trainieren muss. Weil sonst sein Kreislauf im Arsch ist: So ist das bei mir mit den Bottrops. Ich kann nicht ganz aufhören auf Tour zu fahren und Platten machen. Ich muss halt schon aktiv sein. Ich muss halt schon in kleinen Clubs spielen, im Proberaum sitzen und was aufnehmen. Aber die Band ist nicht so der Lebensinhalt wie das die Terrorgruppe war.

tg16Archie: Und ich sehe bei so vielen Reunion-Bands diese älteren Typen, die es nochmal machen und ich finds traurig. Es gibt kaum Bands, die mich dann so kicken, dass ich sage: Wow! Da hats was gebracht. Du wirst mich nie beim Holiday in the sun sehen. Ich würde da sterben. Ich bin einmal zu Slaughter & the Dogs gegangen, die wir beide unglaublich feiern. Und der Sänger steht auf der Bühne, ein fetter, hässlicher, englischer Proll und erzählt von den Nutten, die er gerade auf der Oranienburger Straße gesehen hat. Das war so ein Fremdschämen und ich dachte mir: OK, die Idole habe ich jetzt auch nicht mehr. Weißt Du, ich hab nicht so ne Gefallsucht. Ich muss mich nicht da oben hinstellen, um mich zu beweisen oder mir nen Kick abzuholen. Das hab ich genug  in meinem Leben gehabt. Ich bin so soziophob, dass ich normalerweise aus jeder vollen Kneipe rausrenne, weil ich es einfach nicht mag. Für mich gibt’s da wirklich nur diesen künstlerischen Hintergrund, wenn mir das Projekt etwas bringt so dass ich mich bestätige fühle. Deswegen zieht es mich gar nicht zurück auf die Bühne.

Alle Bandfotos von www.terrorgruppe.com