GUERILLA waren in den letzten Jahren eine der wichtigsten deutschen Antifa-Punk/Hardcorebands. Jetzt lösen sie sich auf. Allerdings nicht ohne noch eine letzte Platte zum Abschied zu hinterlassen. Sie heißt "Chapter IV. Emancipation". Ich fragte kurz bei GUERILLA nach, warum es jetzt zu Ende geht, was bleibt, was bewirkt wurde und wie es zur Zusammenarbeit mit dem Polit-Rapper CHAOZE ONE kam.

Warum lösen sich Guerilla auf?
Es ist sicherlich eine Kombination verschiedener Faktoren. An einem Punkt, an dem eigentlich alles gesagt ist, war es dann auch konsequent einen klaren Cut zu ziehen. Wir wollten uns nicht selbst reproduzieren, nicht stehenbleiben oder die Sache womöglich über einen längeren Zeitraum langsam sterben lassen. Dafür war uns die Message, war uns das alles viel zu wichtig. Ist manchmal aber auch einfach ein scheiss Job, ausschließlich als „Polit-Band“ wahrgenommen zu werden. Da wird erwartet, dass du dich zu jeder bescheuerten Naziaktion äußerst und das du für jeden Typ, der mal eine Plastikflasche nach Cops wirft und sich dabei erwischen lässt, ein Soli machst. Dann spielst du mit anderen politischen Bands zusammen, bei denen inhaltlich nach dem revolutionären Bandnamen schnell Schluss ist. Wenn man dann hinter die Kulissen schaut, ist das Ergebnis ernüchternd oder es finden sich gruselige politische Ansichten. Auf die daraus folgenden Diskussionen habe ich auch keinen Bock mehr. Außerdem bewegt man sich in einem relativ engen musikalischen Korsett. Das langweilt auf die Dauer. Um es vielleicht mal positiv umzuformulieren, wir haben Lust auf was Neues.
Wie werden die Mitglieder der Band weiterhin aktiv bleiben?

In den letzten Jahren ist mir klar geworden, wie wichtig und wie richtig diese Oldschool-Parole „Mit allen Mitteln – auf allen Ebenen“ eigentlich ist. Wenn du über Jahre hinweg jedes Wochenende politisch unterwegs warst, dein Handy nachts nie abgeschaltet hast und dein erlebnisorientierter Style mittlerweile Habitus geworden ist, zieht langsam aber sicher die Erkenntnis ein, dass du „nur“ die Feuerwehr
bist, immer nur reagierst. Ich mein klar, „this job has to be done“, ich bin froh, dass die Leute da nachts draußen sind, ich bin auch froh, dass es ne Feuerwehr gibt. Für mich war das allerdings irgendwann
unbefriedigend. Du kannst nicht dein Leben lang der Frontschläger der Antifa sein. Diejenigen, die das trotzdem versuchen, bleiben entweder hängen, fahren ein oder sind irgendwann ganz raus und versuchen betont hedonistisch auf New Rave-Partys ihre „verlorenen Jahre“ nachzuholen. Das ist zumindest meine Erfahrung. Nicht falsch verstehen, ne Schelle an Ort und Stelle für irgendso einen Naziork ist immer noch wichtig und richtig, aber es kommt auf den Zusammenhang an, in den das eingebettet ist. Prävention ist sicherlich so ein Stichwort, Bildungsarbeit machen, Öffentlichkeit erreichen. Rechte Meinungen oder wie man es auch immer bezeichnen mag, als gesamtgesellschaftliches Problem sehen und danach analysieren und handeln. Das werden wir weiterhin tun.

Warum heisst die neue CD "Emancipation"?

Emanzipatorischer Fortschritt passiert nicht einfach so, sondern ist ein aktiver Prozess, der uns alle betrifft. Die kritische Auseinandersetzung mit ökonomischen Zwängen, Geschlechterrollen, etc. und mit unserem eigenen Verhalten in diesen Kontexten, ist die Voraussetzung dazu und genau das wollen wir transportieren. Emancipation ist somit nicht nur eine Forderung, sondern ein politischer Kampf, auf individueller Ebene und natürlich auch gesamtgesellschaftlich gesehen.

Wie kam es dazu, dass der Rapper CHAOZE ONE bei der neuen Cd mitgemacht hat?
Wir kennen uns über unser gemeinsames Label Twisted Chords, waren zusammen auf Tour und sind mittlerweile sehr gut befreundet. Chaoze One ist cool und smart und hat was zu sagen. Deshalb war da schon länger geplant, mal was gemeinsam an den Start zu bringen. Im Endeffekt war es dann gar nicht so einfach. Es gab halt schon die Erwartung von außen, na wenn Chaoze und Guerilla was zusammen reißen, dann wird das so ein Antifa-Ding. Da wir uns beide an dem Thema allerdings schon zur Genüge
abgearbeitet haben, ging das nicht so leicht von der Hand, wie das noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre. Trotzdem sind wir zufrieden. Mir ist das auch total wichtig, dass diese Kollaboration mit auf der Platte ist und „All my force to fight ’em back“ ist einfach noch mal Programm, noch mal ein Statement, das wofür G immer stand, eine klare An- und Absage an den ganzen Nazifuck.

Ihr wollt Antifa-Ziele und -Ideale auf die Dörfer tragen. Ist euch das gelungen?
Um den Fortschritt auf die Dörfer zu bringen, braucht es meiner Meinung nach mehr als ein paar Songs und etwas Antifa-Gepose. Das ist so ein gesamtgesellschaftliches Ding, der Nährboden auf dem bestimmte Meinungen gedeien, ist in ländlichen Regionen sicherlich fruchtbarer. Ok, genug der Klischees, das kann sicherlich auch nicht überall so pauschalisiert werden, ist aber aus soziologischer Perspektive interessant zu analysieren. Der Hintergrund von diesem „Zona Antifascista“-Konzept ist, dass wir alle selbst verantwortlich sind. Zumindest mal für das, was direkt vor unserer Haustüre passiert. Wir bestimmen das gesellschaftliche Klima mit, welches in unserem Viertel, an der Schule, im Betrieb, wherever, von mir aus auch im Dorf herrscht. Und ich fühl mich immer noch cooler, wenn ich irgendwo hinkomme und dort Gegen Nazi-Kleber sehe, statt irgendwelche Nazischmierereien. Letztendlich ist
jedes linke Graffiti schon ein Stück Öffentlichkeitsarbeit.

Warum seid ihr immer vermummt aufgetreten?
Ursprünglich war das eine Schutzmaßnahme für uns, als nach einem Angriff auf Nazis hohe Haftstrafen im Raum standen und sich die Ermittlungen auf die Band fokussierten. Geblieben ist dann später der Style, das Image und die Konsequenz.
Micha.-