Für Plastic Bomb #75 hat Philippp ein Interview mit den Casualties, genau genommen mit Jake gemacht. Da Plastic Bomb auch in diesem Jahr wieder die Tour das Band präsentiert, zeigen wir das Interivew hier nochmal für alle, die es in Plastic Bomb #75 verpasst haben.

Tourdaten:
22.06.2013, FRA-Clisson, Hellfest, www.hellfest.fr
11.07.2013, GER-Aalen, Rock it, www.rockitaalen.de
13.07.2013, SLO-Tolmin, Punk Rock Holiday, www.punkrockholiday.com
14.07.2013, HUN-Budapest, Dürer Kert "ne gyere el!" Festival, www.durerkert.com
17.07.2013, SUI-Zürich, Dynamo, www.dynamo.ch
18.07.2013, GER-Ingolstadt, Eventhalle Westpark, www.eventhalle-westpark.de
19.07.2013, GER-Glaubitz, Back to Future, www.back-to-future.com
21.07.2013, PLN-Gdansk, Tattoo Konwent, www.tattookonwent.pl
24.07.2013, GER-Frankfurt, Das Bett, www.bett-club.de
25.07.2013, GER-Essen, Panic Room, www.panicroom-essen.de
28.07.2013, NED-Groesbeek, OJC Maddogs, www.ojcmaddogs.nl
29.07.2013, GER-Kiel, Schaubude, www.kieler-schaubude.de
30.07.2013, GER-Eisenach, Alter Schlachthof, www.schlachthof-eisenach.de
01.08.2013, ESP-Viveiro Galicia, Resurection Festival, www.resurrection-fest.com
02.08.2013, CZE-Moravska Trebova, Pod Parou Festival, www.podparou.cz
03.08.2013, AUT-Wien, Viper Room, www.viper-room.at
06.08.2013, FRA-Colmar, Le Grillen, www.grillen.fr
08.08.2013, GBR-Bristol, Fleece, www.thefleece.co.uk
09.08.2013, GBR-Blackpool, Rebellion Festival, www.rebellionfestivals.com
10.08.2013, GBR-Dublin, Fibber Magees, www.fibbermagees.ie
11.08.2013, GBR-Boomtown Fair, Festival, www.boomtownfair.co.uk
12.08.2013, GBR-London, Underworld, www.theunderworldcamden.co.uk
14.08.2013, BEL-Tongeren, Rock Cafe Sodom
15.08.2013, BEL-Arlon, Entrepot, www.entrepotarlon.be
16.08.2013, GER-Lindau, Club Vaudeville, www.vaudeville.de
17.08.2013, GER-Stemwede, Stemwede Open Air, www.jfk-stemwede.de
22.08.2013, GER-Neubrandenburg, AJZ, www.stoerungsmeldung.info

Und hier das Interview:

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und der amerikanischen Punkszene?
Ja, bei der deutschen und insgesamt in der europäischen Szene habe ich den Eindruck, dass die Menschen länger bleiben. Sie sind also stärker mit dem Herzen dabei. In der amerikanischen Szene gibt es dagegen mehr junge  Leute, die aber  meistens nur zwei Jahre dabei bleiben. Was ich hier mag ist die Tatsache, dass ich in Europa denkende Individuen treffe, die den Punkrock „true“ halten.  Ich bin ja selbst bin 33 Jahre alt aber lasse mich immer noch gern tätowieren und stelle mir immer noch einen Iro, um mein Lebensgefühl auszudrücken. Also: Speziell an Europa ist, dass die Leute hier länger authentisch bleiben. Sie hören nicht nach der Schule damit auf.


Und was passiert nach zwei Jahren mit dem amerikanischen Punks?

Das kommt darauf an, was gerade das  nächste coole Ding ist. Vielleicht möchte man als nächstes wie Johnny Thunders sein. Oder steht auf dieses D-Beat-Ding. Es ist immer noch Punkrock, aber es muss trotzdem immer der coolste Bullshit sein.

Das gibt’s in Deutschland auch. Nach Chaos-Punk war es Crustpunk vor ein paar Jahren. Andere Frage: Welche deutschen Bands, ausgenommen SS-Kaliert, magst Du?
Ich höre mir viele deutsche Bands an. Ich mag alles von Slime, aber auch Neunziger-Punk wie Affront oder. Aus den Achtzigern mag ich Canal Terror und ähnlich cooles Zeug. Ich hörte eigentlich immer europäischen Punk.  Wir hören Punk aus der ganzen Welt, auch wenn wir die Texte meist nicht verstehen. Trotzdem mögen wir es. Was sonst noch? Wie war nochmal die Frage…?
Haha! Welche deutschen Bands Du magst, habe ich gefragt
Ach ja. Auch Rejected Youth, natürlich SS-Kaliert, Rawside… Ach, da gibt es eine Menge Bands, aber ich hab sie jetzt gerade nicht Kopf.

Kein Problem. Ihr seid ja sehr von Achtziger Streetpunk inspiriert. Fühlt ihr euch manchmal wie eine Art Relikt?
Nein, das sehe ich entspannt. Ich denke Punk, besonders Hardcorepunk, ist immer noch Rebellion. Wenn ich unterwegs bin merke ich immer noch, dass ich etwas anderes repräsentiere als die Mainstream-Kultur. Ich fühle mich nach wie vor wie ein Ausgestoßener und die Musik, die ich spiele, ist auch kein Mainstream. Es ist immer noch Rebellion, kein Relikt. Klar werden wir alle älter, das gehört dazu.
Aber es gibt auch nicht mehr so viele Bands, die euren Sound spielen.
Ja, ich weiß. In den Neunzigern gab es mehr, jetzt gibt es wirklich nicht mehr so viele…

Auf den letzten drei Alben wurden eure Texte deutlich politischer. Hat sich das durch die Bush-Administration geändert?
Ja, dass stimmt! Absolut. Als „On the Frontline“ rauskam, war das während der Bush-Administration. „Die Hards“ war noch unter Clinton. Und die Bush-Regierung hat unsere Texte deutlich beeinflusst. Aber auch unser zunehmendes Alter. Wir haben immer noch ein paar Songs über Partys und Bier trinken. Aber manchmal muss man sich auch ändern und als Band „wachsen“. Wir waren jedoch nie eine Band, die den Menschen vorschreiben wollte, wie sie zu leben haben. Wir haben lieber gesagt, wie wir die Dinge sehen. Aber mach Dir Dein eigenes Bild und teile unsere Ideen. Auch cool. Wir wollten nie eine Blaupause sein und den Menschen etwas vorgeben.

Und jetzt unter Obama gibt’s wieder mehr Oi Oi Oi, weil alles besser wird?
Wir sind immer noch in dumme Scheiße verwickelt. Wir sind immer noch im Irak und in Afghanistan. Es ist verrückt, dass es nichts ändert oder zumindest die Schlachterei niemals aufhört.

Würdet ihr für die amerikanische Armee spielen, wie es andere Punkbands schon getan haben? Beispielsweise The Vandals?
Nein. Jede Band macht ihr eigenes Ding aber für uns wäre das nie was. Wir unterstützen sowas nicht. Ich finde Selbstverteidigung OK und finde, jedes Land sollte sich gegen eine Invasion wehren können. Dagegen habe ich nichts. Aber ich kann den Einmarsch in andere Länder nicht gutheißen. Das gefällt mir nicht. Genau so wenig wie die ganze Öl-Geschichte, nur damit wir bestimmte Autos nutzen können. Das ist scheiße. Zurück zur Frage: Warum würde ich das nicht tun? Nun, ich habe einige Freunde, die in der Armee dienen aber das ist trotzdem nicht mein Leben und ich würde es niemals tun. Ich würde auch kein Benefiz-Konzert für die Polizei spielen.
Der Patriotismus der Amerikaner ist aus deutscher Sicht eher seltsam…
Das verstehe ich. Das hat sicherlich historische Gründe.
…und auch in der amerikanischen Punkszene ist es durchaus normal, patriotisch zu sein.
Ein bisschen schon, ja. Aber… [überlegt] Ach, ich weiß nicht. Manchmal ist es eher scherzhaft gemeint. Ich schäme mich nicht, aus Amerika zu kommen aber bin auch mit vielem, was dort passiert nicht einverstanden. Ich denke, Du kannst glücklich sein, dass Du aus Deutschland kommst und es ist ja auch einiges passiert seid „damals“. Es leben auch nicht mehr so viele Menschen aus dieser Ära. Und Amerika hatte Sklaven. Überall passieren schlimme Sachen. Aber es ist schon seltsam: Patriotismus entwickelt sich manchmal in eine komische Richtung und macht Dich blind für andere Sachen. Ist es cool dort, wo ich herkomme? Ja! Aber ich denke nicht, dass wir Amerikaner besser sind als andere.

Von Conservative Punk hört man in den letzten Jahren ja wenig. Könnte es, vielleicht im Zuge der Tea Party-Bewegung, wieder an Bedeutung gewinnen?
Vielleicht ein kleines bisschen. Aber es war meiner Meinung nach schon immer sowieso eine sehr kleine Gruppe, die dem anhing. Dennoch war es ein Schock, auf einmal Konservative Punks zu treffen. Es ist einfach nur dumm.
Aber Konservativismus ist in den USA nicht identisch mit Patriotismus, oder? Dort gibt es ja auch „linke“ Patrioten, was für deutsche Ohren schwer verständlich ist.
Es ist miteinander verbunden, aber nicht dasselbe. Für mich klingt es auch seltsam und ich bezweifle, dass beides zusammen funktioniert. Conservative Punk ist keine Bewegung, dafür sind es zu wenige. Selbst die Tea Party ist ja nur ein kleines Ding…
Die Tea Party-Bewegung ist so klein? In den hiesigen Medien erscheint es wie eine riesen Bewegung.
Sie machen ein Riesending draus. Aber sie ist es de facto nicht.

Als ihr auf Side On Dummy veröffentlicht und bei der Warped Tour gespielt habt, wurdet ihr als die Ca$hualties bezeichnet…
Wirklich? Davon weiß ich gar nichts. Wo hast Du das gesehen?
Doch, habe ich irgendwo im Netz gesehen. Euer Logo wurde derart umgestaltet.
Ah, cool.
Wird euch noch oft Sellout vorgeworfen?
Oh ja. Das hören wir oft. Die Kurzfassung der Rechtfertigung auf diese Frage ist: Wir sind vier Typen, die mit nichts gestartet sind und dann kam irgendwann jemand und fragte „Hey, wollt ihr nicht auf dieser großen Tour dabei sein?“ Klar wollten wir! Und ich finde, es ist nichts falsch daran, vor vielen Menschen zu spielen. Auch vor welchen, die unsere Musik vielleicht nicht kennen und dadurch einen anderen Punkstil kennen lernen und sich neuen Bands öffnen können. Wir haben eigentlich nie die Meinung gehabt, wir müssten gegen alles sein, was vielleicht nicht „total“ Punk ist. Und ich teile gern die Bühne mit Bands wie Bad Religion, Flogging Molly und anderen Bands. Ich mag Warped und wenn sie uns gut bezahlen ist das OK.

Könnt ihr von der Band leben?
Ja, können wir. Aber wir können kein Leben führen wie Slash. Obwohl ich das gerne würde, hehe. Aber es ist schon lustig: Zeig mir eine Person, die die Chance nicht wahrnehmen würde, von seinem Hobby zu leben. Aber die Menschen stellen dann trotzdem die Frage, ob das noch Punk ist oder nicht. Dazu gibt es doch keine Regel. Für einige Leute werden wir aber die Ca$hualties bleiben. Das ist nichts Neues und natürlich sind es in letzter Zeit mehr geworden. Aber das macht mir nichts. Sollen sie uns halt hassen.

Euer früheres Label Punkcore Records wurde vor längerer Zeit mal dafür kritisiert, dass es rechte Tonträger verkauft. Zu dem Zeitpunkt wart ihr das Aushängeschild von Punkcore und es hat sich eine große Diskussion entwickelt…
Wir haben das niemals unterstützt.
Gab es trotzdem Kritik?
In bisschen Kritik gab es. Wir haben Punkcore aber ungefähr zur Zeit der Diskussion verlassen. Wir sind Punkrocker, wir unterstützen diese rechte Scheiße nicht. Ich denke, er hatte einige Platten wie Ultima Thule und einige Bands von Dim Records. Dim Records war ja nicht von Beginn an ein rechtes Label und sind irgendwann erst in diese Richtung gegangen. Die haben aber auch die Templars rausgebracht und da spielt ein Schwarzer, mit dem ich befreundet bin.

Es ist ja gerade die Mixtur von unpolitischem Oi und Punk von rechter Scheiße.
Für mich ist das auch seltsam. Ich möchte auch nicht auf einem Label sein dass auch Bands hat, die eigentlich gegen Punks sind und uns sogar angreifen würden. Wir werden insgesamt auch nicht mehr von vielen Skins unterstützt und das ist schon OK.  

Was ist eigentlich aus Punkcore geworden? Die Webseite wurde seit zwei Jahren nicht mehr aktualisiert.
Es ist wohl vorbei mit Punkcore. Dave hat ein neues Label namens Heavy Artillery, aber da geht’s nur um Metal. Mit Punk hat das nichts mehr zu tun.

Euer letztes Album war ein Best Of. Kündigt sich damit das baldige Ende der Band an?
Nein, es ist eher ein Compilation als ein Best Of. Aber es ist die letzte Veröffentlichung von uns auf Side On Dummy. Das nächste Album wird auf einem neuen Label erscheinen.
Welches wird es denn sein?
Das wissen wir noch nicht.
Ihr wisst es wirklich noch nicht oder ist es noch ein Geheimnis?
Nein, wir haben wirklich noch keins. Vielleicht bringen wir es auch selbst raus.
Das wars soweit. Möchtest Du noch was sagen?
Wenn Du mal in New Jersey bist, komm doch mal in meinem Tattoo-Laden Jersey City Tattoo vorbei.

Interview: Philipp