Aus Hamburg kommt eine gute neue Streetpunkband namens ARRESTED DENIAL. Ihre LP hab mir auch Anhieb extrem gut gefallen. Musikalisch und textlich. Deshalb hab ich nicht lange überlegt und die Band wegen eines Interviews kontaktiert. Um ARRESTED DENIAL der Öffentlichkeit vorzustellen.

Ich weiss rein gar nichts über eure Band. Vermutlich geht es vielen anderen Menschen genauso. Seit wann gibt es die Band? Woher stammt ihr? Seid ihr bereits vorher in Bands in Erscheinung getreten?

Hallo Micha! Wir haben bisher hauptsächlich im Norddeutschen Raum gespielt und uns darüber hinaus auch nicht sonderlich darum bemüht groß Promo zu machen, könnte also durchaus zutreffen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich keine Sau unseren Namen merken kann, das haben wir also auch super hingekriegt, haha.
Wir kommen aus Hamburg und uns gibt‘s seit Ende 2009. Vorher waren wir aber alle schon in anderen Bands tätig. Daniel hat, soweit ich informiert bin, satte 15 Jahre bei einer Indie-Band aus Süddeutschland namens die kleinen Götter getrommelt, die da wohl auch eine größere Hausnummer waren. Sascha hat bis 2009 bei der Hamburger Oi!-Band In Vino Veritas Gitarre gespielt, und mein Steckenpferd war 2002-2009 die Hardcore-Band This Belief, wo ich gesungen habe. Unser neuer Basser Timo spielt zudem noch bei Small Town Riot.


Was ist euer musikalischer, sozialer, politischer Background?
Der musikalische Background entspricht eigentlich ziemlich genau den gerade genannten früheren Bands und Genres. Wir sind ja größtenteils Kids der 90er, da waren zumindest in meinem Umfeld die Übergänge zwischen allem was Subkultur war ziemlich fließend.  Punk, Hardcore, Metal, Oi!, Ska, das hat man eigentlich alles mitgenommen, jeder eben mit einem bisschen anderen Schwerpunkt. Nur Eurodance habe ich damals ausgelassen... Politisch, nun ja, das ist bei einer Punkband vermutlich nicht allzu schwierig zu erraten. Die aktuelle Scheibe ist auf Mad Butcher rausgekommen, auch das ist denke ich ein klares Statement.

Jede Band besitzt Einflüsse. Wo liegen eure Einflüsse, die sich konkret auf eure Musik auswirken?
Einen Großteil der Songs habe bisher ich fabriziert, und meine Einflüsse sind um ehrlich zu sein ziemlich querbeet. Das hört man der neuen Platte glaube ich auch an. Die Vertonung eines Songs ist ja recht beliebig austauschbar, wenn es also wirklich um das Songwriting geht liegen meine Einflüsse eher bei Sachen wie Live, Dylan oder Tom Petty, auch wenn das unsere Street Credibility vermutlich nicht gerade erhöht. Frühe Reggae Geschichten, so bis 69, dürften wohl ebenfalls einen maßgeblichen Einfluss haben, da ich sowas einfach viel höre.




Es gibt eure neue Scheibe als CD, aber auch als LP in gelbem Vinyl mit einem Bonustrack und MP3-Code. Feine Sache. Seit ihr Vinylfreaks?
Nö, wir sind MP3 Freaks, die Platte ist lediglich eine Beilage zum Download-Code :-). Aber Spaß beiseite, eine Platte ist als Gesamt-Paket einfach geiler als eine CD, und wir wollten das Album unbedingt auch auf Vinyl veröffentlichen. Vinyl-Freaks wäre jetzt glaube ich übertrieben. Ich habe mehr CDs als Platten, was aber nicht zwangsweise heißt dass ich wenige Platten habe. Wenn ich die Wahl habe hole ich mir mittlerweile eher Vinyl. Es sei denn ich will nach dem Konzert noch weiter in die nächste Kneipe, dann ist das immer etwas nervig mit dem Rumschleppen.

Warum sind die Texte zur Hälfte in Deutsch und zur Hälfte in Englisch?
Wir haben ohne tieferen Hintergrund mit englischen Texten angefangen, wohl auch weil ich da am Anfang noch ein paar ältere Songs in der Schublade hatte. Irgendwann kamen dann deutsche Texte dazu. Die Tendenz ist eher zukünftig nur noch deutsche Texte zu machen.

Wenn eine Band sich politisch und sozialkritisch äussert, dann sind das meist Crustbands, bei denen man die Texte nicht versteht oder Deutschpunkbands, wo man die Texte manchmal besser nicht verstehen würde. Es ist selten, dass eine Band diesen SOCIAL DISTORTION-Punkrock mit guten politischen Texten macht. Was denkt ihr warum das so ist? Und warum arbeitet ihr gegen den Trend?
Zunächst einmal, ich finde nicht dass wir Social Distortion Punkrock machen. Ein Mike Ness Song geht 5 Minuten und besteht aus 2 Parts, die ohne einen Tempowechsel Halftime bis zum Exitus wiederholt werden. Wir bleiben zumindest unter 3 Minuten und überlegen uns hier und da sogar mal eine Bridge. Was jetzt nicht heißen soll daß Social D Kacke sind, ich mag die Band, aber ich glaube die häufigen Vergleiche mit denen beruhen eher auf einer gewissen klanglichen Ähnlichkeit.
Aber zurück zur Frage: Politische Texte sind oftmals recht kämpferisch formuliert, somit passt das einfach grundsätzlich erstmal zu härterer Musik. Was wir da so fabrizieren ist ja vergleichsweise ziemlich chillige Musik, von daher liegt es erstmal nahe, sich hier eher mit den typischen „Story-Telling“ Texten zu befassen, die wir ja auch haben.
US-Bands und Politik sind eh nochmal ein Thema für sich, aber hierzulande gibt es glaube ich auch nicht so wahnsinnig viele Bands, die musikalisch in diese Richtung gehen und das mit deutschen Texten kombinieren. Vielleicht fällt das bei uns deshalb etwas mehr auf, auch wenn wir jetzt mit Sicherheit nicht gerade das Rad neu erfunden haben. Stattdessen werden wir hierzulande seit 2-3 Jahren ja mit dieser ganzen Deutschrock-Scheiße überschwemmt, aber das ist dann auch nochmal ein Thema für sich…
Ich glaube wenn die Songs, auf die du hier anspielst, auf Englisch wären, wäre das nie jemandem aufgefallen. „Move On“ ist zum Beispiel auch ein politischer Text… Aber es ist natürlich völlig klar, dass die deutschen Texte und Inhalte eher hängenbleiben.
Es ist jedenfalls kein Kalkül von uns gegen irgendwelche „Trends“ zu arbeiten, wenn es die denn überhaupt gibt, da fehlt mir auch etwas der Überblick. Punkrock hat für mich doch immer noch ein bisschen was mit Attitude und einem im weitesten Sinne politischen Standpunkt zu tun. Wir sind mit Sicherheit keine Polit-Punks, aber wir sind auch keine Rock ‘n‘ Roller.

Euer Text "Alles geht" geht ziemlich hart ins Gericht mit dem Sektierertum und der Haarspalterei in der linken Szene. Dadurch wird die Bewegung geschwächt und z.B. den Faschos in die Hände gespielt. Durch welche konkreten Erfahrungen wurdet ihr zu dem Text inspiriert? Oder handelt es sich eher um ein generelles Gefühl?
Sowohl als auch. Viele Kleinigkeiten erzeugen irgendwann ein grundlegendes Gefühl, es geht in dem Song aber um keinen speziellen Vorfall. Wenn du dich selber in einer klaren politischen Richtung verbuchst, die du für dich als weltoffen und kritik- wie diskursfähig definierst, und dann aber genau dort immer wieder mit irgendwelchen Freaks konfrontiert wirst, die völlig doktrinverblödet sind, dann gehst du einfach irgendwann durch die Decke. Man kann nicht nach Revolution schreien und zeitgleich alles und jeden ablehnen, der auch nur einen Millimeter von der eigenen Leitkultur abweicht. Und um was zu ändern, was nicht nur dem eigenen Ego gilt, sollte man doch halbwegs mehrheitsfähig sein. Das andere Extrem sind dann eben faktisch unpolitische Normalos, die einfach nur Bock auf Action haben oder mal einen Wasserwerfer aus der Nähe sehen wollen. Das ist halt auch nicht gerade sehr förderlich zur Vermittlung  von Inhalten.

Habt ihr den Eindruck, dass sich politisch vieles im Kreis dreht? Pisst einen dieser Stillstand nicht völlig an? Ist das euer dominantes Gefühl zur Zeit? Oder sind da nicht auch positive Signale? Mobilisierungen? Neue Läden? usw.
Mal so mal so, wie das eben so ist. Ich bin nicht den ganzen Tag in Sachen Politik unterwegs, auch wenn ich zu den meisten Dingen eine relativ klare Meinung habe. Zumindest wenn ich soweit im Thema bin, dass ich mir das erlauben kann, was bei der Informationsflut ja auch nicht immer ganz einfach ist. Es passiert auf jeden Fall viel Positives, keine Frage, die Leute sind aktiv und es kommt was bei rum. Es ist also mit Sicherheit nicht so, dass ich alles schlechtreden wollte, das wäre Quatsch. Jedoch denke ich, dass man an vielen Stellen mit etwas weniger Verbohrtheit und mehr Selbstreflektion deutlich mehr erreichen könnte. Letzten Endes geht es immer um Kommunikation.

Würdet ihr sagen, dass man in Hamburg in Vergleich zu anderen Städten sehr schnell mit Political Correctness konfrontiert wird? STAHLSCHWESTER haben einen Text, der in eine ähnliche Richtung geht. Die sind ja auch aus Hamburg.
Stahlschwester habe ich 2-3 live gesehen, ich kenne den besagten Text aber nicht, daher kann ich dazu erstmal nichts sagen. Es gibt in Hamburg mit Sicherheit Läden und Kreise, die das sehr genau nehmen, andere wiederum tun das weniger. Das hält sich eigentlich die Waage. Ob das nun in Hamburg mehr ist als anderswo kann ich aus eigener Erfahrung nicht wirklich beurteilen, da ich diesbezüglich eigentlich noch nie Stress hatte, weder mit Bands noch als Einzelperson. Ein großes Thema ist das meiner Meinung nach aber eigentlich nicht, es gibt ja schon einen gewissen Grundkonsens. Aber der PC-Begriff ist ja auch sehr dehnbar. Zudem scheint mir, dass sich in der öffentlichen Diskussion mittlerweile vieles eher um den Begriff Grauzone dreht, auch wenn das inhaltlich nicht gleich zu setzen ist.
Grundsätzlich finde ich es aber erstmal gut und notwendig, wenn Locations und Veranstalter die Bands auch abchecken, die sie sich ins Haus holen. Es ist halt nur eine Frage wo man die Messlatte ansetzt. Man sollte jedenfalls nicht immer gleich komplett am Rad drehen, gerade in Zeiten des Internet.

Was ist eure persönliche Konsequenz? Leute und Läden meiden? Mit Freunden einen eigenen Weg gehen? Sich ganz ausklinken?
Nein, aus meiner Sicht nichts dergleichen, zumindest nicht was Leute und Läden in Sachen Konzerte angeht. Ein Konzert ist letzten Endes immer Unterhaltung, auch wenn es unter einem politischen Motto steht. Es gibt schon Konzerte, die ich mittlerweile meide, aber das aus anderen Gründen.
Es ist in Hamburg aber schon immer wieder zu beobachten, dass Leute bestimmte Locations boykottieren, das kommt durchaus vor.  Muss jeder selber wissen. Ich bin nicht auf Konfrontation aus, kann meinen Standpunkt bei Meinungsverschiedenheiten aber vertreten, von daher muss ich eigentlich auch niemandem aus dem Weg gehen.
Bei Demos und solchen Geschichten ist es aber schon so, dass ich um manche Veranstaltung eher einen Bogen mache, wenn von Vorne herein klar ist, dass da Leute in erhöhten Stückzahlen aufkreuzen, mit denen ich eigentlich nix zu tun haben möchte.

In einem Text geht es darum, dass man nur weg will aus diesem Dorf, das sich Hamburg nennt. Nun könnte man behaupten, in Deutschland gibt es ganz sicher kleinere, abgelegenere und menschenleerere Dörfer als Hamburg. Wie ist das zu verstehen?
In dem Song geht’s ja nicht wirklich um Hamburg, sondern einfach darum seine gewohnte Umgebung und seinen Alltag für einige Zeit hinter sich zu lassen, rauszukommen und Abstand zu gewinnen. Bei mir ist die gewohnte Umgebung eben zufälligerweise Hamburg, aber das kann dann natürlich jeder nach Belieben durch sein eigenes persönliches Kaff ersetzen.

Was soll ARRESTED DENIAL übersetzt eigentlich bedeuten? Mir fällt da keine direkte Übersetzung ein...
Wörtlich übersetzt bedeutet das in etwa: „wir brauchen einen Namen und haben ziemlich wenig Zeit“.
Wir wollten was mit „Denial“ und haben dann stundenlang darauf rumgeeiert, irgendwann sind wir bei Arrested Denial hängengeblieben. Das hatte auch einen inhaltlichen Zusammenhang, aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr was das war. Klassische Bandnamensfindung also.

Zukunftspläne? Grüße? Flüche?
Zukunftspläne? Wir touren Anfang Mai 10 Tage durch Südosteuropa, nehmen danach 2 Songs für eine Split 7“ mit The Bayonets aus Serbien auf, und wollen ansonsten erstmal so viel wie möglich Konzerte spielen. Also bei Interesse bitte melden, Booking ist doch immer wieder eine verdammt zähe Angelegenheit.
Grüße? Hallo Mike!
Flüche? Nicht direkt, aber die neue Hard Skin Scheibe könnte etwas besser sein.
Eure 5 Lieblingsscheiben sind zur Zeit: ...
Also sämtliches Geballer das eh keine Sau kennt mal außen vorgelassen, laufen bei mir momentan folgende Alben recht häufig:
Swingin’ Utters – Here, Under Protest
No Sports – Successfools
Napalm Death - Utilitarian
The Maytals – the Sensational Maytals
Apologies I Have None – London
Billy Bragg – Tooth & Nail
Ich glaube das waren 5, oder?

Danke fürs Interview.
Micha.-


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