Mitte November haben Talco ihr fünftes Album mit dem pompösen, aber ironischen Titel “Gran Gala” veröffentlicht und Sänger Dema hat mir dazu ein paar Fragen beantwortet. Sozusagen als nachträgliches Weihnachtsgeschenk (.. und weil ich so lange für die Übersetzung gebraucht habe, hust!) kriegt ihr hier jetzt nochmal ein paar Einblicke zur Entstehung der Platte. Außerdem geht’s um die Konzertszene in Italien und auch ein bisschen um Tarotkarten und warum die Band die fürs Artwork vom Album benutzt hat. Viel Spaß damit!
Kadda    

Hi Dema! Auf “Gran Gala” ist eure Spielfreude noch deutlicher rauszuhören als auf den vorigen Alben. Ihr habt ein breites Spektrum von Instrumenten benutzt, von Mandolinen über Banjos bis hin zur griechischen Bouzouki. Habt ihr ein paar davon das erste Mal aufgenommen? Beispielsweise ein Banjo hab ich auf den vorigen Platten kaum rausgehört. Und wenn Instrumente dazugekommen sind, habt ihr die extra eingeübt oder konntet ihr alle vorher schon spielen?

Die haben wir uns zwar alle selbst beigebracht, aber denk jetzt nicht, wir wären dadurch ernsthafte Musiker geworden :-) Auch wenn sie anders gestimmt werden, sind das ja Instrumente, die sich ziemlich ähnlich spielen lassen wie Gitarren. Also könnte man sagen, wir haben zumindest nicht ganz von vorn angefangen. Ich selbst spiel natürlich keins davon, für mich ist es schon zu viel, dass ich Upbeat spielen kann... Nee Spaß beiseite, ich liebe folkloristische Instrumente. Banjo und Bouzouki haben wir das erste Mal auf der Cretina Commedia verwendet, aber durch eine zu hohe Kompression bei den Aufnahmen kam das nicht so zur Geltung. Beim neuen Album wollten wir die Instrumente mehr hervortreten lassen. Sie charakterisieren ja auch unseren Stil ziemlich gut, der eh schon ein Mix aus Punk, Ska, Folk, Balkan, Klezmer und italienischen Liedermachersongs ist. Aber du hast schon recht, dass dieses Album verglichen mit früheren nochmal einen anderen Sound hat. Für mich ist es unser reifstes Album, das aus verschiedenen Gesichtspunkten sehr persönlich und einmalig ausgefallen ist. Wir haben das Studio gewechselt und und ganz unserem Freund Marc vertraut, der das Album jetzt gemischt hat und uns auf jeder Tour begleitet. Die Texte sind klarer umrissen, die Melodien stärker ausgearbeitet und es gibt mehr Chorgesänge; wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis und um ehrlich zu sein, das ist für mich das erste Mal so. Normalerweise bin ich sehr selbstkritisch, wenn ich Songs schreibe. Aber ich muss sagen, mit der Platte bin ich wirklich zufrieden.

 

 

 

Wie die Cretina Commedia ist die neue Scheibe wieder ein Konzeptalbum. Jeder der Songs ist thematisch auf irgendeine Weise mit den letzten 30 Jahren italienischer Geschichte und Politik verknüpft. Erzähl mal mehr dazu!

Dazu würd ich erstmal gern sagen, dass ich immer ein bisschen Bedenken hatte, ein Konzeptalbum über Berlusconi zu machen, in dem Sinne, dass so viele allseits bekannte Themen schon an ihm durchdiskutiert wurden und da auch die Gefahr besteht, langweilig zu werden. Also haben wir beschlossen, bis zu seinem Abgang zu warten (naja obwohl, in Italien weißt du nie, was da noch kommt...), bevor wir uns diesen letzten 30 Jahren widmen. Die waren stark vom “Berlusconismus” geprägt. Also nicht nur von der Person Berlusconi, sondern einer bestimmten Mentalität, die sich in kulturellem, ethischem und politischem Verfall niederschlug, sowohl in der Linken als auch der Rechten, in ganz Italien. Das demonstrieren auch ein paar Bewegungen, die sich zur Linken zählen, aber nicht mehr als Slogans bieten können oder nur nach dem Hörensagen reden. Populismus, Indifferenz und Skepsis kennzeichnen hier mittlerweile unterschiedslos die gesamte Politik und große Teile der Gesellschaft. Weil wir politische und moralische Vorstellungen haben, die im Antifaschismus verwurzelt sind, und gegen die Mafia und für die Gleichheit menschlicher Rechte eintreten, versuchen wir konsequent die Illusionen über diese wertelose Phase Italiens zu beschreiben.

Zu den Lyrics von “Gran Gala” habt ihr drei Erklärungsvideos mit einer Gesamtlänge von ungefähr 20 Minuten gedreht. Seid ihr in der Vergangenheit oft missverstanden worden und falls ja, bei welchen Songs?

Hm, wer weiß das schon. Die Erklärungen sind eigentlich einfach an den größten Teil unseres Publikums gerichtet, der nicht italienisch spricht. Seit wir außerhalb von Italien bekannter geworden sind, finden wir es korrekter, die Inhalte unserer Songs auf eine internationalere und verständlichere Weise zu kommunizieren. Zum Beispiel hatten wir vor 10 Jahren ein Problem mit dem Song „Corri“; damals stellten wir unsere Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt dar. Das Lied entsprang einfach nur der Idee von Frieden und weil wir Krieg und die Ermordung von ZivilistInnen ablehnen. Wir waren dann sehr verletzt, als uns unbegründet und oberflächlich Antisemitismus vorgeworfen wurde. Es ist nie leicht, über solche empfindlichen Themen zu sprechen, vor allem wenn du 20 Jahre alt bist und unreif, wie wir das waren. Insofern spielen wir „Corri“ seit 10 Jahren auch nicht mehr. Aus meiner Sicht wäre es angemessener und demokratischer gewesen einen Dialog möglich zu machen; der wurde uns mehrere Male verwehrt. So ein Dialog hätte denjenigen Leuten vielleicht verständlich machen können, wie haltlos ihre Anschuldigungen sind. Eine antisemitische Band hätte eines ihrer Alben nie „Mazel Tov“ genannt und hätte nie einen Song wie „Il Treno“ geschrieben, der vom Film „Train de Vie” inspiriert wurde, einem der berührendsten Filme über die Tragik des Holocausts...

Was mir noch aufgefallen ist bzw. mich gewundert hat: auf “Gran Gala” ist jedes Songthema mit der Metapher einer bestimmten Tarotkarte verbunden. Das wird im Booklet sichtbar und auch im neuen Video zu “San Maritan”. Ich persönlich kenne solche Karten nur aus trashigen Fernsehshows in den späten Abendstunden, in denen sich recht naive Menschen per Anruf finanziell erleichtern lassen. Daher die Frage, warum habt ihr Tarotkarten genommen, um die Texte zu visualiseren? Was bedeutet Tarot für dich oder euch?

Ich hab eine ganze Zeit genauso über Taroc gedacht wie du (Anm.: zum Begriff „Taroc“ gibt’s unter der Antwort nochmal ne etwas längere Erklärung), aber das hat sich durch Fabrizio De André geändert, einen italienischen Songwriter, den ich bewundere. Er ist einer der scharfsinnigsten und kompetentesten Musiker und Songschreiber seit der Nachkriegszeit und das bis heute. Bei einem seiner Konzerte benutzte er für seine Bühnenshow Taroc-Karten und ich fragte mich da, wie ein so tiefgründiger Mensch was mit solchem Quatsch und Aberglauben zu tun haben kann. Also hab ich mich mit diesem für mich neuen Universum auseinandergesetzt und was über die tatsächliche Geschichte des Taroc gelernt. Taroc steht für eine künstlerische, beeindruckende Mediengeschichte und gibt insofern auch Aufschluss über die psychologische Entwicklung der Menschen.
Beim Album haben wir diese Bedeutung aufgegriffen, also Taroc als Pfad, um den Dingen nachzuspüren und auf diese Weise Schlüsse zu ziehen, wie es möglich war, dass Italien sich selbst so demontiert hat. Jede Karte hat ihre eigene Bdeutung, zum Beispiel die auf dem Kopf liegende Karte “The Lovers”. Sie steht für die komplette Abwesenheit von Wahlmöglichkeiten, dafür, sich nur gedankenlos Genüssen hinzugeben und Trends zu folgen. Der Song behandelt genau dieses Thema, Uniformität in bezug auf Sachen, die angesagt sind; was auch eine Form von Konformismus ist... und so weiter!

(So, hier die oben versprochene Erklärung: Als ich die Frage stellte, war mir nicht bewusst, dass in anderen Ländern, zum Beispiel in UK, Frankreich und eben auch Italien, ne Unterscheidung zwischen den Begriffen “Tarot” und “Taroc” gemacht wird. In Deutschland gibt es zwar auch den Ausdruck Tarock, aber der scheint nicht so geläufig. Taroc(k) ist dabei die Bezeichnung für das Kartenspiel an sich und Tarot dagegen steht für die esoterische Auslegung der Karten. Interessant ist vielleicht auch noch zu wissen, dass Taroc(k) aus Italien stammt und jahrhundertelang tatsächlich nur als Kartenspiel verwendet wurde, ohne dass in die Karten irgendein höherer Sinn interpretiert wurde).

Ganz anderes Thema: hierzulande gibt es gerade wieder eine größere Diskussion um Frei.Wild und deren nationalistisches Geseiere. Marghera, wo ihr zu Hause seid und Brixen, wo Frei.Wild herkommen, liegen circa 300 Kilometer voneinander entfernt. Von daher die Frage, inwiefern ihr bisher mit der Band in Berührung gekommen seid und ob ihr einen Standpunkt habt, was zum Beispiel Leute mit Frei.Wild Shirts im Publikum angeht - sofern die zu euren Konzerten kommen.

Da unser Publikum sehr politisch ist und klare Vorstellungen hat, die in der Linken, im Aktivismus gegen die Mafia, im Antifaschismus und Antirassismus begründet sind, kann ich in Bezug auf nationalistische Einstellungen wenig sagen. Die sind natürlich total gegenläufig zur Linken, aber abgesehen davon deklarieren sich solche Leute auch als unpolitisch, wovon wir sehr weit entfernt sind. Nationalismus hat durch eine Welle neuer rechter Bewegungen und Erscheinungen auch ein zeitgemäßeres Gewand bekommen, bleibt aber eine alte und verheerende Ideologie. Ich versteh auch gar nicht, wie man in der heutigen Welt, in der es immer mehr kulturellem Austausch gibt und in der immer mehr Kulturen in Gesellschaften zusammenleben, wie man da auf gesellschaftliche Fragestellungen mit obsoleten Relikten wie Nationalismus reagieren kann. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der sich nationalistischen Ideen verbunden fühlt, uns mögen kann und das ist umgekehrt genauso.

Um auf eure Musik zurückzukommen; einem Freund von mir ist aufgefallen, dass eure Alben nicht mehr zum freien Download auf Jamendo zur Verfügung stehen. Habt ihr entschieden sie da runter zu nehmen und wenn ja, warum?

Naja, dazu wurde hin und her überlegt. Als wir damals das Label gewechselt haben und als Band etwas professioneller geworden sind, haben wir unsere Pflichten so aufgeteilt, dass sich daraus eine Zusammenarbeit ergibt, die für Band und Label zufriedenstellend und langfristig ausgelegt ist. Dadurch haben wir uns mehr eingebracht, aber es ist nicht mehr so, dass ein einziger Kopf irgendwelche Entscheidungen trifft. Wir sind echt froh, ein so gut aufgestelltes (Tour)Management wie Muttis Booking und ein Label wie Destiny zu haben, die uns eine Menge Aufgaben abgenommen haben.

(Ergänzung von Kai von Muttis Booking, Talcos Tourmanager: Und kurz nachdem die Band sich bei der SIAE, der italienischen GEMA anmeldet hat, haben wir rausgefunden, dass du keine Alben auf Jamendo haben darfst, wenn du registriert bist.)

Ihr habt zum Teil Vollzeitjobs und tourt dennoch unglaublich viel. Zwischen Juni 2012 und Februar 2013 spielt ihr jetzt auch 10 Gigs in Italien. Im letzten Interview habt ihr noch gescherzt, dass ihr eigentlich überall lieber spielt als in dem Land, in dem ihr lebt. Aber kann es sein, dass die Anzahl der Konzerte in Italien in den letzten Monaten jetzt doch ein bisschen zugenommen hat?

Ich glaube 2013 werden wir ungefähr 90 Tourtermine haben. Wir schließen dabei natürlich keine Länder aus, in denen wir spielen können, aber es ist sicherlich einfacher, ein gutes und gut angekündigtes Konzert in anderen europäischen Ländern zu spielen als in Italien. Obwohl es mehr Konzerte geworden sind, hat sich unsere grundsätzliche Situation hier als Band leider nicht verbessert, auch wenn unser Publikum wächst. Gerade was die Promo für Konzerte angeht, sind wir hier immer noch fast bei Null. Da sind schon wir glücklich, aus diesen Strukturen rausgekommen zu sein und ein anderes gesellschaftliches Klima kennengelernt zu haben; wir haben unseren Platz gefunden und sind da angekommen, wo wir jetzt sind. Und das alles ohne irgendwelche Gefälligkeiten, wie es in Italien üblich ist und wo es nur ein paar Optionen gibt, die auch auch aus musikalischer Sicht nicht immer Spaß bringen.
Jedes Mal, wenn ich darüber spreche, spüre ich immer noch ein wenig, dass die Leute verblüfft sind. Wir haben aber unsere größten musikalischen Rückschläge in Italien erhalten. Wir haben soviel Zeit verloren und manche Gelegenheit verstreichen lassen, bessere Konzerte im Ausland zu spielen. Und schließlich wurden wir von gewissen “Promotern” auch um eine Menge Geld erleichtert, das einfach verschwunden ist. Viele Leute, mit denen wir hier zusammengearbeitet haben, waren nicht immer ehrlich zu uns, haben uns ausgenutzt und ihre Promo-Aktivitäten waren nutzlos. Es ist natürlich schon so, dass viele Leute uns hier spielen sehen wollen und uns auch bitten, Italien nicht schlechtzmachen. Aber es nicht so, dass wir jemals Italien verunglimpft haben, sondern eher umgekehrt. Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass das neue Album generell ganz gut aufgenommen wird, in Italien aber noch nicht mal promotet wurde, würdest du mir das glauben? Momentan versuchen wir das und gehen auch wieder neue Zusammenarbeiten ein, um zu gucken, was möglich ist. Aber wir haben uns hier schon zu oft die Finger verbrannt. Also suchen wir lieber etwas länger nach ehrlichen Leuten, mit denen wir dann freundschaftlich eine Tour planen können. Einer davon ist seit mehreren Jahren Kai. Wir haben echt unser Bestes getan, um was in Italien auf die Beine zu stellen, aber wahrscheinlich passen wir einfach nicht hier rein. Wir finden es toll, woanders mehr Situationen erleben zu dürfen, in denen die eigene Leistung zählt, das hat es uns ermöglicht, uns als Band zu entwickeln. Solange Italien ein Land bleibt, das nur auf dem Bildschirm begründet ist, auf verlogener Publicity, auf mafiösen Musikkontakten - solange denke ich nicht, dass wir hier öfter die Möglichkeit haben zu spielen, bis auf wenige Termine im Jahr. Es gibt hier ein paar alte modrige Bands, die so tun, als wären sie der Gipfel einer musikalischen Welle und zusätzlich sind die organisatorischen Fäden hier ein paar bestimmten besetzten Jugendzentren vorbehalten, die aber immer wieder dieselben Bands anrufen, um Geld zu verdienen.
Wir sind es müde geworden, diesen Frust zu verspüren. Es ist jetzt auch mal Zeit für uns, das zu genießen, was wir mit unserer Musik erreicht haben und wofür wir uns echt angestrengt haben. Es ist uns egal, ob wir mit dem Bus zig Kilometer fahren müssen; wichtig ist dann die Zufriedenheit, die sich einstellt. Wir sind schon stolz auf das, was wir geschafft haben, was uns ein Anliegen ist und wir immer noch machen wollen.

Ihr habt aber zum Beispiel schon beim Rock The Lahn gespielt, was aus meiner Sicht ein sehr cooles antirassistisches Festival in Italien ist. Daher die letzte Frage: Gibt es da noch ähnliche Veranstaltungen, habt ihr zum Beispiel ein Lieblingsfestival, dessen Besuch ihr auch empfehlen könntet? Mir fällt sonst noch das Mondiali Antirazzisti ein, das man an dieser Stelle als weiteres Beispiel ganz gut nennen könnte.

Rock The Lahn und Mondiali Antirazzisti sind zwei Festivals, die wir gespielt haben und wir sind froh, dass wir dazu eingeladen wurden. Sie sind super organisiert und die Leute wundervoll. Naja, wie in den vorigen Antworten schon angedeutet, in Italien gibt es noch eine Menge zu tun, was das angeht. Die wenigen Festivals, die gut organisiert sind, sind irgendwelche DJ Festivals... Insgesamt ist das keine so gute Zeit hier gerade, zumal wenn man bedenkt, dass Italien vor 20 Jahren sowas wie eine Wiege für alternative Musik war. Aber immer wenn es hier gut läuft, kommt jemand und verschafft sich unverhältnismäßige Vorteile daraus und die Ehrlichen sind immer die, die darunter leiden. Wir wären wirklich glücklich, wenn wir hier mehr Abende mit Leuten verbringen können, die uns mögen, aber das ist hier leider sehr schwierig und weder wir noch unser Publikum können da was für.

Danke!!   Kadda