Aus aktuellem Anlass möchte ich diesem Artikel vom 5.Dezember 2012 noch etwas vorran stellen: Alles was ich geschrieben, gefragt und gesagt habe entsprach meinem Informationsstand zum damaligen Zeitpunkt. Davor und danach sind viele Sachen passiert, die ich teilweise auch garnicht mitbekommen habe. Unterm Strich ging ich aber davon aus, dass Kim und ich Freundinnen sind, was ich inzwischen auch anders sehe. Wenn ihr die Suppe jetzt nochmal aufwärmen wollt, macht das ruhig, ich persönlich möchte aber nichts mehr dazu sagen.       Ronja

 

 

 

Vergangenen Mittwoch saß ich spät Abends vorm Laptop, nachdem mir jemand einen Indymedia-Link geschickt hatte. Darin ging es um ein Outing, Kim Wonderland soll Verbindungen zu Nazis pflegen. Ich konnte mir das zwar beim besten Willen nicht vorstellen, andererseits schien der Artikel aber sehr gut recherchiert und ließ eigentlich keine Zweifel zu. Extrem ätzend fand ich die ketzerische Schreibe, den boycott-aufruf die komplette Firma betreffend und den peinlichen Spruch "kein Weihnachtsfest für Kim Wonderland". Ebenfalls ätzend die im Sekundentakt folgenden Kommentare, die mich an die Kommentarspalte der Rheinischen Post erinnerten. Auch der Vorwurf, dass Kim alles aussitzen und sich zu nichts äußern würde, kam keine 2 Stunden nach dem Artikel.

Jedenfalls will ich nicht mit zweierlei Maß messen, schließlich ist es eine wichtige Sache, wenn Verbindungen zur rechten Szene aufgezeigt werden, da will ich Kim nicht pauschal frei sprechen, obwohl wir uns schon so lange kennen. Aber als in der folgenden Nacht die Scheibe ihres Cafes zerdeppert wurde, machte sich bei mir ein verdammt ungutes Gefühl breit. Ganz abgesehen davon, dass ich noch NIE einen derartigen Shitstorm erlebt habe, was die Kommentare bei Indymedia und Facebook (was ich persönlich ja immer nur durch Dritte mitkriege) betrifft. Jedenfalls hab ich Tage lang überlegt, ob ich einfach mal meine Meinung zu der ganzen Sache schreiben soll, ob ich Kim anrufen und mir die Sache aus ihrer Sicht schildern lassen soll...oder ob ich ein Interview machen soll, was ich auch getan habe. Heute 17uhr Interview in Dortmund, 20uhr zu Hause, 0:30 uhr mit Abtippen fertig- mein persönlicher Rekord. Ich habe versucht, mir die (rationellen) Vorwürfe für das Interview aufzuschreiben, genau wie die offenen Fragen, die für mich auch nach Kims Statements offen blieben. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

Bildet euch also gern alle ne Meinung, aber nicht ohne vorher Kims Worte gelesen zu haben ...und vielleicht auch mal ganz kurz drüber nachgedacht zu haben.     Ronja

 

 

Kim, wer darf in dein Cafe? Wie lauten die Anweisungen an deine MitarbeiterInnen und wie wird das in der Praxis umgesetzt?

Das ist eine sensible Sache, vor allem, wenn man den Gästen nicht sofort ansieht, wie sie drauf sind. Wir machen ja keine Einlasskontrolle, aber wir haben Grundsätze die wir umsetzten, wenn uns was auffällt. Das heißt wer Pelz trägt, das kommt vor allem jetzt im Winter vor, kriegt von uns gesagt dass dies ein Tierleid-freies Cafe ist, dass weder wir noch die anderen Gäste Pelz dulden, und darum werden PelzträgerInnen nicht bedient. Und genau so werden Leute, die offensichtlich rechte Shirts, Aufnäher usw tragen, immer den Weg nach draußen gezeigt kriegen. Das ist im Cafe genau wie im Supermarkt schon praktiziert worden. Wir haben auch schon ANs weg gejagt, die vor der Tür rumgehangen haben, um Ärger zu machen.

Allerdings muss ich auch sagen, dass die Leute oft nicht nen Thor Steinar Pulli tragen und auf den ersten Blick als Nazis erkennbar sind, ich hab aber auch schon mal nen Aufnäher verdächtigt, der sich dann als Slayer-Adler rausgestellt hat. Kann aber auch passieren, dass wir jemanden bedient haben, der möglicherweise Nazi ist, aber aufgrund der fehlenden äußeren Hinweise von uns nicht als Nazi erkannt wurde. Es sieht aber in der Praxis auch so aus, dass oft vormittags nur eine Person im Cafe da ist, die vielleicht ein 1,55 m großes Mädchen ist, die sich dann vielleicht auch nicht traut, allein jemanden raus zu werfen, kann ich auch nicht verlangen...Die kann dann versuchen, möglichst unfreundlich zu sein und die Leute zu vergraulen, aber mehr... Das ist noch nicht passiert, könnte ich mir aber als Szenarium so vorstellen. Ich will halt nicht, dass sich meine MitarbeiterInnen in Gefahr begeben...

Wenn du Recherchearbeit für Indymedia machen würdest- also jetzt nicht mit den Grundsätzen des „normalen/seriösen Journalismus“ sondern einer antifaschistischen Internetplattform- was hättest du in dieser ganze „kein Weihnachtsfest für Kim Wonderland-Sache“ anders gemacht?

Ich denke, wenn es da um jemanden geht, den ich in den letzten 14 Jahren oft Antifaarbeit machen und/oder unterstützen hab sehen, ist die Notwendigkeit da, die Person persönlich zu fragen. Kann natürlich sein, dass für die Leute, die da recherchiert haben, die Eindrücke so klar waren, dass sie keine Notwendigkeit gesehen haben, mich zu fragen...denke ich trotzdem, dass wenn man sich bewusst ist, dass die besagte Person sich eigentlich immer im Antifa-Umfeld bewegt hat, sollte man nachfragen, bzw Rücksprache halten.

Vor allem wenn sie nur klar antifaschistisch positionierte Leute als MitarbeiterInnen einstellt, auf entsprechenden Festivals kocht, Projekte unterstützt, Sachen verschenkt oder billiger abgibt, den Paketen Antifa-Flyer beilegt und so weiter...Sollte der Person die Chance auf eine vernünftige Stellungnahme gegeben werden.

Erzähl mal von deinem Mittwoch Abend.

Mittwoch war ein ganz phänomenaler Tag. Das fing schon am Nachmittag an, da hab ich ein Schreiben bekommen, dass mein Exfreund und ich zu ner Strafe von 6.000,-Euro verurteilt wurden, wegen unserer alten Wohnung. Der Exfreund hat mich dann auch gebeten, ihm seinen Anteil, also 3.000,-Euro zu leihen...ganz komisch. Danach haben mich meine Eltern angerufen und erzählt, dass mein Vater demnächst arbeitslos ist und ob ich denen Geld zur Überbrückung leihen kann...Da war ich eigentlich noch ganz guter Dinge, hab mich vorm Fernseher positioniert- und bekam dann wenig später vom Lars (anm: bester Freund und Mitarbeiter) ne ganz aufgeregte „Kim! Kim! Kim!“ SMS...da wusste ich schon, dass irgendwas schlimmes los sein muss. Ich hab dann mit zitternden Fingern den Link aufgemacht, den er mir mitgeschickt hat und dachte dann nur „was zur Hölle...ist das?!“ Ich war erschüttert. Zum Einen natürlich über diese Verbindungen, mir war das selbst nämlich NICHT klar. Ich wusste nichts davon, was ich da für Leute auf meinem Profil hab. Ich war enttäuscht, das alles bei Indymedia zu lesen und nicht persönlich drauf angesprochen worden zu sein. Ich war auch von mir selbst schockiert, weil mir das halt nicht aufgefallen war. Ich hab dann bis halb 4 uhr morgens mitgelesen, hab dann 2 Stunden gepennt und ab halb 6 uhr wieder mitgelesen.

Kim, wer hat deine Scheibe eingeschmissen? Und wann?

Die wurde in der Nacht von Donnerstag auf Freitag eingedrückt. Also die darauf folgende Nacht. Wer das war, kann ich nicht sagen. Die Scheibe wurde schon öfter eingeworfen, einmal von Nazis und einmal weil Betrunkene aus der Disco nebenan bei ner Prügelei da rein geflogen sind. Aber wer das jetzt war...kann ich noch nicht mal vermuten. Klar passt das in den Kontext, dass da vielleicht jemand seinem Ärger Luft gemacht hat. Kann aber aus „beiden“ politischen Lagern kommen, kann aber auch ein Zufall oder wieder was mit Betrunkenen gewesen sein. War aber übrigens kein Stein, sondern da muss sich jemand mehrfach dagegen fallen haben lassen.

Waren denn die Cops da?

Ja, ich musste das wegen der Versicherung zur Anzeige bringen.

Hast du denen denn erzählt, dass du grade Stress hast?

Ne, hab ich nicht. Die haben nach ner Vermutung gefragt, wer das gewesen sein könnte, da hab ich gesagt, dass das jeder gewesen sein könnte und dass wir das ja jetzt schon mehrfach hatten mit der Scheibe.

Also, warum ich frage: Du hast ja bei Indymedia gesagt, du willst die ganze Sache der Anwältin geben. Was hast du dir davon versprochen, was war deine Absicht dahinter?

Also, ich spech eh ungern mit Bullen. Das hab ich schnell gelernt, bzw in den letzten Jahren immer wieder festgestellt- dass es keinen Sinn macht, sich mit diesen Leuten zu unterhalten.

Das Problem nach der Aussage „ich will das erst mal mit meinem Anwalt besprechen“ war, dass viele beim Wort „Anwalt“ erst mal mit den Ohren schlackern und glauben, dass jetzt direkt Abmahnungen oder Anzeigen geschrieben werden. Die Situation ist so: Ich war/bin mit dieser Situation, also mit so nem Shitstorm erstmal überfordert. Und ich wollte da halt ne anwaltliche Beratung und fragen, wie ich jetzt vorgehen soll, wie ich mich äußern kann. Und da geht’s nicht darum, Indymedia auf 1000000Euro zu verklagen, oder die Leute, die denken, sie müssten sich da austoben. Oder Anzeige gegen Unbekannt zu erstellen, darum geht’s überhaupt nicht.

Sondern darum, dass ich nicht vergessen darf, dass ich trotz meiner politischen Einstellung und meiner Aktivitäten auch ein Geschäft führen muss und Verantwortung trage. Außerdem hab ich ne Rechtsschutz-Versicherung, ne geschäftliche und ne private, von dem her...lag das eh nah. Die ist aber auch notwendig, wie sich in der Vergangenheit schon gezeigt hat.

Aber prinzipiell wär es schon mein Interesse, wenn der Artikel verschwinden würde, weil er in meinen Augen halt super einseitig ist. Und den Grundsätzen einer klassischen Recherche entspricht er auch nicht, auf keinen Fall.

Übrigens haben die Moderatoren von Indymedia den 2.Artikel auch zensiert, alle Aussagen, in denen die Antifa negativ dargestellt wurde, sind da raus geflogen, das haben die auch drunter geschrieben. Das machen die, das dürfen die. Aber die Tatsache, dass man Bilder von ner privaten Facebook-Seite garnicht verwenden darf, lassen die außer Acht...

Wie ist bei euch im Cafe grade die Stimmung?

Hm, Teils teils. Es wissen halt alle, was Sache ist, manche scherzen sogar drüber. Aber es gibt auch 2 Leute, die nicht mehr bei uns arbeiten wollen...weil die in die Sache involviert sind.

Um mal zu den Fakten zu kommen: Du hast dir ein Facebook-Profil unter dem Namen Emily van Oi zugelegt.

Ja. Im Cafe nennt man mich scherzhaft Emily, das is so ein Insider-Ding. Ich hab mich neulich sogar umgedreht, als ne Frau ihr Kind „Emily!“ gerufen hat, haha. Und „van Oi“ um meinen Exfreund zu ärgern, der mich immer wegen der Beziehung zu meinem Skinheadfreund aufzieht.

Und nach welchem Prinzip hast DU da Leute geaddet?

Also, das Profil erfüllt NICHT den Sinn, da meine liebsten Freunde und privatesten Kontakte zu pflegen. Das wurde missverstanden. Viel mehr geht’s darum, wenn ich jemanden kennen lerne, dem ich nicht gleich meine ganze Lebensgeschichte erzählen will, bzw dass ich „Kim Wonderland“ bin, diese Adresse als Kontakt weitergeben kann. Das meinte ich mit „Selbstschutz“, weil es halt mittlerweile so weit ist, dass ich NICHT jedem erzählen will, wer ich bin und was ich so alles mache, was ich beruflich mache und so. Ich unterhalte mich trotzdem gern über Veganismus und so, aber ich will nicht immer über meinen Job reden. Als ich das Profil gemacht hab, hab ich auch direkt ein paar Freunde aus meinem Umfeld geaddet, damit das nicht so leer ist, haha. Politische, antifaschistische Menschen, deren News ich auch gerne lese, wenn ich auf diesem Profil bin, weil ich wissen möchte, was die so machen.

Ich hab jetzt NICHT dran gedacht „wenn sich hier mal ne Nase einschleicht, sieht die direkt, woran sie ist“, so weit hab ich das garnicht durchdacht.

Das Profil war aber auch garnicht groß gepflegt: keine Infos über mich, keine Status-Updates, noch nicht mal ein Foto von mir. Es lässt eigentlich nichts auf mich als Kim schließen. Ehrlich gesagt war das Profil auch dazu gedacht, um auf Facebook ein bisschen zu pöbeln, hehe.

Und dann warst du auf nem Konzert in London und hast 2 Jungs kennen gelernt...?

Genau, ich und mein Freund haben Maury und Nicolas kennen gelernt, die wie mein Freund aus Italien stammen, das war der „Aufhänger“. Und aus dem kompletten Gespräch, den ganzen Abend über hat für mich NICHTS drauf hingewiesen, dass die irgendwie komisch sein könnten. Das Screwdriver-Tattoo ist mir nicht als solches aufgefallen. Ich kenn den Bandnamen, aber nicht das Logo oder den Schriftzug, ich hab das einfach nicht erkannt. Ich hab da nen Adler und ein geschwungenes S gesehen...sonst nichts. Kann man mir jetzt als Defizit anrechnen, klar.

Aber die Zwei haben sich ganz normal mit mir und meinem Freund unterhalten, haben festgestellt, dass die alle aus Italien kommen und so. Aber mein Freund kannte die vorher auch nicht. Und da hab ich denen halt mein Emily-Profil genannt, weil die mich/uns nach nem Kontakt gefragt haben.

Und wer sind jetzt Luca und Luigi, die beiden Brüder aus Italien?

Das sind Typen, die mich geaddet haben, nachdem sich Maury und Nicolas gemeldet hatten. Da kam ein ganzer schwung Italiener, unter Anderem eben die Brüder, und DAS war ein Zufall, dass einer von denen eben vor Jahren meinen Freund tätowiert hat.

Der Tätowierer ist also kein Kumpel von deinem Freund?

Nein. Das Dorf wo der Tätowierer gearbeitet hat ist fast 300 Km von dem Kaff entfernt, wo mein Freund herkommt. Der hatte in dem Dorf halt ne Freundin und ist da als Kunde in den Laden rein und hat spontan ohne Termin ein Tattoo machen lassen, nämlich diesen Schriftzug. Das war 2011. Er sagt, damals war da nichts von Nazi-Kram oder Nazi-Tattoos erkennbar, sonst wär er auch wieder gegangen. Der Typ arbeitet übrigens auch garnicht mehr in besagtem Laden, aber postet auf seiner privaten Seite halt Fotos von Nazi-Tattoos, die er in seinem Home-Studio macht.

Und dass einer von den Typen MEINEN Freund tätowiert hat, hatten die Jungs da möglicherweise garnicht mehr auf dem Schirm, das war echt ein Zufall, weil die eben Maury und Nicolas kannten und die mein Profil weiter gegeben haben. Vielleicht fanden sie den Namen van Oi toll, haha.

Und dann hat das jemand von deinen Facebook-Freunden gesehen, dass du da komische Verbindungen hast?

Genau, aber die Person, die das mitbekommen hat, hat NICHT MIR, sondern dem Kalle (anm:Exmann und Geschäftspartner) Bescheid gesagt und gefragt, in welcher Verbindung ich mit den Typen stehen würde. Obwohl der Kalle auch garnicht als Freund mit auf meinem Profil war. Aber der Kalle hat mich dann wenigstens drauf angesprochen.

Und dann hast du ne Säuberungsaktion gemacht?

Genau, ich hab die Typen gelöscht. Und ich hab auf meinem Profil gepostet, dass ich die Leute, die nicht zu mir kamen sondern zu Kalle, feige finde. Das musste ja einer von ...äh...40 oder so gewesen sein.

Ich hab halt diese Brüder raus gekickt und auch geschaut, was die so alles mitgebracht hatten. Dabei bin da aber irgendwie immer noch nicht auf Maury und Nicolas gekommen.

Es ist dir also auch nicht in den Sinn gekommen, ALLE Freunde die du nicht ganz persönlich kennst, mal unter die Lupe zu nehmen?

Nein. Das ist echt doof gelaufen.

Ich will dazu sagen, ich arbeite derzeit 11 Stunden täglich, versuch abends noch mein Privatleben zu organisieren. Aber ich hab auch irgendwie gedacht, ich hätte jetzt alle raus gekickt...und schau dann bei Gelegenheit irgendwann nochmal genauer.

Aber ich hab da auf alle Fälle was versäumt und bin für die Zukunft sensibilisiert. Das war schon mein Fehler, dass ich grade auf so nem kleinen Account nicht jeden genau angeschaut hab. Aber als mich die Leute geaddet haben, war da KEIN blood&honour-Rückentattoo als Profilbild.

Aber du hattest auch schon gesagt, dass sich die Skinheadszene in London anders darstellt als hier, dass das da mit der Grauzone auch viel lockerer genommen wird...wärs da nicht angebracht gewesen, mit Menschen, die du in London in diesem Umfeld kennen gelernt hast, NOCH vorsichtiger zu sein?

Ja. Schon. Aber ich bin nicht straight edge und hatte an dem Abend auch schon ein paar Bier getrunken und war verhältnismäßig lustig. Und dann wollt halt ma wieder jemand ein Foto mit mir machen...und dann war das halt so. Da war ich unaufmerksam, klar. Aber ich seh das auch nicht so, dass ich jeden OiSkin direkt als Nazi verdächtigen muss und mich sofort auf Indizien- und Gegenindizien-Suche mache. Ich bin halt bisher jedem Menschen offen begegnet. Das wird sich nach dieser Geschichte auf jeden Fall geändert haben. Aber wenn mir jemand offen und freundlich entgegen tritt und ich auch in seinen Aussagen nichts verwerfliches feststellen kann, warum sollte ich die dann als „komische Typen“ verdächtigen?

Menschen, die organisiert Antifa-Arbeit machen, haben ja allen Grund, genau aufzupassen, wem sie was erzählen, wie sie mit Daten umgehen, wem sie vertrauen. Wird dir zurecht vorgeworfen, dass du eine „Gefahr“ für die Antifa Aktion bist, wenn du mit solchen Sachen so sorglos/nachlässig umgehst?

„Gefahr“ würde ich jetzt nicht sagen. Weil es ja ein Unterschied ist, ob man mit jemandem über Antifa-Kram redet, oder ob ich jemanden als Freund auf nem Facebook-Profil hab, welches garkeine Informationen preis gibt. Da ist ja jetzt niemand in nen Geheimbund eingeladen worden, um sich da meine Freunde anzugucken. Ich kann verstehen, dass da mehr Vorsicht geboten sein sollte. Aber dass zum Beispiel Kundendaten vom Onlineshop in Gefahr seien, was auch behauptet wurde, ist quatsch.

Ganz abgesehen davon dass wir da ganz eindeutigen Datenschutzbestimmungen Folge leisten, ist das schon ganz schön an den Haaren herbei gezogen. Zu behaupten, dass wenn ich von jemandem geaddet wurde, der „rechts“ ist, dann selbst „rechts“ sein muss, und vor allem „so rechts“ sein muss, dass ich auch noch selbst aktiv werde. Und hier der anti-antifa-Maulwurf bin und vorliegende Daten weiter gebe. Das ist vollkommen übertrieben.

In wie fern geht für dich folgende Gleichung auf:

Menschen, die sich selbst eine Öffentlichkeit geschaffen haben, bzw in der Öffentlichkeit stehen, dürfen mit einer entsprechend breiten Öffentlichkeit verrissen werden?

Zu dem Thema kam gestern ne super Simpsons-Folge. Also, wer Simsons mag: das war die, wo Homer bei Kim Basinger durchs Dach fällt und sie so kennen lernt. Und dann für sie und ihren Freund anfängt zu arbeiten und einkaufen geht und so. Und Homer vermarktet dann all sein Wissen über die Beiden. Als er am Ende deshalb vor Gericht steht, wirft er den Beiden als sein eigener Anwalt vor „aber ihr stellt euch doch selbst in die Öffentlichkeit, und wenn diese Öffentlichkeit bei euch in den Mülltonnen wühlt, ist das ihr Recht. Ihr habt kein Privatleben mehr“. Das hat mich gestern Abend schon amüsiert.

Aber wenn ich in der Öffentlichkeit bin, bin ich da ja nicht als Privatperson. Ich bin da mit meinem Geschäft und hab ne feste Vision: dass man mehr Leute gegen Tierleid sensibilisieren kann, wenn man sie informiert. Nicht mit dem Holzhammer, sondern wenn man zeigt, wie man Leid verhindert, was es für Alternativen gibt usw. Und das halt locker rüber bringt.

Also ich finde es legitim, Vorwürfe zu machen, nachzufragen und auch zu verurteilen. Aber die Form, WIE das geschehen ist, ist nicht legitim.

Es gab Mails mit Inhalten wie Bitch, Nazischlampe, wir organisieren Busreisen nach Dortmund und schlagen sie KO, brennt den Laden nieder, macht die Alte fertig. Es gab Aufrufe zur Straftat, zum Mord, alles richtig abgefahren, das hat nichts mit ner Nachfrage oder Kritik zu tun, sondern ist einfach nur unreflektiert.

Und in wie fern kann man sagen „jeder, der sich so ne Öffentlichkeit schafft, ist selbst schuld wenn diese irgendwann mal negativ zurück kommt“?

Also, ich empfinde das nicht als „Schuld“. Und ich geh auch NICHT in die Öffentlichkeit, weil ich unbedingt dauernd in der Öffentlichkeit sein und im Mittelpunkt stehen will, so wie mir das pausenlos unterstellt wird. Sondern ich mach das für meine Sache, für mein Ziel, das, was ich eben grade erklärt hab. Das ist mir einfach sehr wichtig. Und der Weg, auf dem ich das mache, funktioniert ja auch, um die Leute da näher ran zu bringen.

Aber ich hab damit weniger Privatleben, weniger Freizeit, verdiene weniger Geld als wenn ich nen normalen 9-5 Job machen würde. Ich bin für ganz viele Sachen verantwortlich und mach mir selbst nen riesen Stress, weil ich mir so viele Sachen so zu Herzen nehme und das alles sehr ernst nehme. Ich hab garkeine Vorteile davon, dass ich so in der Öffentlichkeit stehe, ich mach das NICHT, um mich besser zu fühlen. Sondern für die Sache.

Und noch was: viele Leute haben geschrieben, ich hätte mir mit diesem „Antifa-Image“ den Laden aufgebaut und sehr viel Geld aus der linken Szene bekommen und versuche JETZT, alle zu verarschen. Das finde ich erschreckend. Denn ganz ehrlich: wenn´s mir um die Kohle gehen würde und ich das alles berechnet hätte, hätt ich mir ganz sicher nicht ne kapitalismus-kritische linke Szene „ausgesucht“ !! Die Szene übt Kritik an staatlichen Verhältnissen, an der Arbeitswelt, ist super konsumkritisch...ich bewege mich doch in einer Szene, wo ich kontinuierlich erklären muss, warum es sinnvoll ist, bei uns zu kaufen oder zu essen...das sind einfach nicht die Leute, die das mit sich machen lassen würden.

Warum ist es denn so leicht, ein Foto mit dir zu kriegen?

Hm, das ist auch ein Teil davon. Ich fände es doof, wenn es schwer wäre, ein Foto mit mir zu kriegen, ich fände das dann eingebildet. Viele Leute, die das gut finden was mein Team und ich machen, möchten sich einfach mit uns fotografieren lassen. Es ist doch total üblich, dass man sich auch mit dem Lieblings-Autor fotografieren lassen würde. Oder Fußballspieler, Schauspieler, Band oder sonst was, muss ja jedeR selbst wissen. An Tagen wie dem Vegi-Street-Day werde ich um 100 Fotos gebeten. Ich werd da garnicht für feste Aufgaben eingeplant, haha. Ich da repräsentativ, die Leute wollen ne Unterschrift auf mein Buch oder halt ein Foto, wollen mit mir reden oder mir was schenken. Und daher fände ich es vermessen zu sagen „ne, ich mach keine Fotos“.

Weiter mit den offenen Fragen: dein Freund ist nicht bei Facebook präsent?

Ne, ist er nicht.

Und wie kommt es, dass du sagst, er wär politisch neutral eingestellt, er aber ein Tattoo trägt, das man wahlweise der extremen Rechten oder nem Anarchisten zuordnen kann?

Also, das alles ist ne Momentaufnahme von 3 Tattoos, die man auf den ganzen Fotos sehen kann. Es gibt aber noch ganz andere Tattoos. Da gibt es auch ein Anarchy-Zeichen und ein ALF Schriftzug (anm:animal liberation front).

Der hat sich halt früher sehr für solche Sachen interessiert, war Vegetarier (ist er jetzt auch wieder), das war ihm alles sehr wichtig. Aber er hatte halt irgendwann keinen Bock mehr auf die Leute...

Aber es ist auch komisch, wenn jemand, der von sich sagt, dass er politisch desinteressiert ist, dann (politische) Nationalfahnen verwendet, um irgendwas auszudrücken...

Hm, ja, schwer. Ich bin im Internet von Leuten, die ne Israel- oder wahlweise Palästina-Fahne als Profilbild hatten angegangen worden, wie es sein kann, dass sich jemand Nationalfahnen tätowieren lässt. Oder schau mal mittlerweile auf Demos, das ist echt erschreckend wie viele Flaggen da sind. Ich würd mir das auch nicht als Tattoo machen lassen!

Aber ihm geht’s da halt nicht um Nationalität/Nation, sondern um Herkunft, Familie und so weiter, daher auch der „Pride“ Schriftzug. Und daher kann ich ihm das halt nicht absprechen, wenn das für ihn halt diese Bedeutung hat und ihn dann gleich als rechtsoffen oder gar Nazi einstufen.

Der hat auch nen Fußball und nen Panther tätowiert. Also, ich würde jetzt nicht sagen, dass mein Freund da nicht groß drüber nachdenkt. Aber er ist Tattoo-mäßig halt einfach gestrickt, manche Leute verschlüsseln da ja ihre Inhalte, Andere haben Sprüche oder andere eindeutige Sachen...Und für ihn heißt das halt: ich mag Familie, wir sind Italiener, darum hab ich ne Italienfahne. Hat nichts mit Nationalismus zu tun. Aber ich kann auch nicht sagen „in Deutschland steht das Wort pride für Nazisympathisanten, darum bist du jetzt auch einer“.

Dass wir hier da alle anders sensibilisiert sind, is auf jeden Fall klar, ich könnt auch kotzen wenn ich zur WM die Deutschlandfahnen sehe. Ich musste ihn da übrigens am ersten Kennlern-Abend auch erst mal ausführlich zu befragen, haha.

Du machst sehr viel bei Facebook, ein großer Teil deines Lebens spielt sich im Internet ab. In deinem Statement hast du drauf plädiert, dass das ja „nur Facebook-Bekanntschaften“ waren.

Also, wenn man mal schaut, wie sich die Leute auch in der Vergangenheit auf Facebook und im Internet gegenseitig fertig gemacht haben, SOLLTE man davon ausgehen, dass es NUR Facebook ist. Auf dieser Plattform kann sich jedeR darstellen, wie er will, noch veganererer, noch besser, jeder kann sich austoben. Das nutz ich auch für mich, richtig. Aber die Leute können sich auch ganz anders darstellen, als sie in Wahrheit sind. Und wenn ich jetzt grade bei meiner Sache sehe, wie viel Zeit die Leute scheinbar mit sowas verbringen, vielleicht oft garkein real-life mehr haben...klar, DIE messen Facebook sicher einen extrem hohen Stellenwert bei. Ich finde, dass das, was wir draußen machen, am wichtigsten ist.

Nochmal zurück zu deinem „Outing“. Das Emily-Profil war von dir auf „privat“ geschaltet. Das heißt, wenn man da nicht mit dir befreundet ist, kann man auch als Facebook-UserIn nicht sehen, was du da machst. Das heißt, die Offenlegung kam aus der Mitte?

Genau. Und nach dem „outing“ auf Indymedia war das Profil auf „offen“ geschaltet, dh jedeR die/der bei Facebook ist, konnte sich dort umsehen. Ich hab das selbst erst recht spät gerafft, erst als ich von jemandem drauf hingewiesen wurde, mit dem ich dort nicht befreundet bin.

Ja, und das Profil ist still und heimlich zum Zeitpunkt des Outings auf „offen“ geschaltet worden, und das geht nur, wenn man mein Passwort kennt. Und es gibt eine Person, die mein Passwort kannte. Mein Exfreund.

Das heißt also, entweder hat er das Ganze auf offen geschaltet, damit Nicht-Freunde die Kontakte frei legen können und die Bilder raus kopieren, oder es war jemand, mit dem du dort befreundet warst.

Genau. Außerdem hatte ich das Profil so eingestellt, dass sich die Freunde untereinander auch nicht sehen können, (es sei denn, sie haben gemeinsame Freunde. Und da man das ja in dem Fall ausschließen kann), muss jemand über meinen privaten log-in gegangen sein, um meine Freunde alle sehen zu können.

Das heißt, dass der Vorwurf, warum dich deine Profi-Freunde nicht auf die Nazis Aufmerksam gemacht haben, ist eigentlich Quatsch.

Der ist eigentlich Quatsch. Aber wie gesagt, da müssen ja Leute gezielt gesucht haben. Und die Profileinstellungen verändert haben. Und DENEN mach ich auch innerhalb der Outing-Aktion den Vorwurf, dass sie mit ihren Funden direkt an die Öffentlichkeit gegangen sind...schließlich kennen wir uns ja zweifelsfrei.

Und übrigens, dieses eine Foto, wo ich mit meinem Freund am Pool saß, war ein privater post an 3 Leute. An meinen Bruder, an Lars und an eine weitere Person. Nicht den Exfreund, klar, sondern an die andere Person, die bis letzte Woche bei uns gearbeitet hat und eigentlich eine Freundin war.

Ich glaube, du hast in deinen Statements immer voraus gesetzt, dass jedeR weiß, wie du tickst und dass du seit Jahren innerhalb der Antifa-Strukturen aktiv bist und dass man dir aufgrund dessen vertrauen und glauben soll. Sag das mal für die Leute, die dich nicht kennen.

Also, abgesehen von den Leuten, die mich seit Jahren aus diesen Bereichen kennen und mir trotzdem misstraut haben, bzw bei der ganzen Sache mitgemacht haben will ich nochmal sagen, dass ich Antifaschistin bin, dass wir auch als Firma klar antifaschistisch eingestellt sind und dass ich/wir das auch weiterhin sein werdeN. Und weiterhin antifaschistische Projekte unterstützen werdeN.

Was ich noch sagen wollte, gestern kam eine Mail „Kim, du musst alles im Detail beantworten, das bist du der Antifa schuldig“ da musste ich fast kotzen. Denn „die Antifa“ gibt es meiner Meinung nach ja nicht, sondern organisierten Gruppen und Einzelpersonen. Diese Verallgemeinerung find ich scheiße und die hat bei mir auf dem Wonderland-Facebook-Profil auch dazu geführt, dass Leute dann „DIE viel zu extreme Antifa“ blöd finden. Es gibt aber auch Leute die schreiben „ach Kim, ob du jetzt rechts oder links bist, is mir egal, ich kauf trotzdem meine Torten bei dir“ - die sind dafür nicht so sensibilisiert, ich will denen auch keine böse Absicht unterstellen, dass die nicht raffen, dass da sehr wohl ein Unterschied ist, ob ich meine Sachen bei nem offiziell „rechten Laden“ kaufe. Denn das würde ich sicher NICHT machen!

Wie groß war der Anteil der Menschen, die sich wirklich über die Recherche entsetzt gezeigt haben und wie hoch der vermutete Anteil von Leuten, die die Gelegenheit genutzt haben, eine persönliche Antipathie auszuleben?

Wir als Team versuchen seit Tagen alles zu lesen, was geschrieben wird und haben das auch ein bisschen analysiert. Es gibt in den Kommentaren viele persönliche Aversionen von Leuten, die auch geschrieben haben, dass sie mich noch nie leiden konnten. Es gab aber auch (angebliche) ehemalige MitarbeiterInnen, die da auch mitgemacht haben, es gab rechte Spinner, die irgendwas behauptet haben, jeder hat da seinen Senf dazu gegeben, was man jetzt alles ernst nehmen kann, weiß man nicht. Aber Fakt ist, dass es bei einem Posting von mir 1500 Kommentare gab, die wir folgendermaßen zerlegt haben: 400 Profile haben insgesamt mitgemischt, von den 400 haben haben 300 nur EINEN Kommentar abgegeben, zum Großteil krasse Anschuldigungen. Und 100 Profile, die mehrfach kommentiert haben. 70 Personen haben 2-4 mal was geschrieben, auch Gegenthesen, die Sachen auch hinterfragt und so weiter. Und es gab so 30, 40 Profile, die genau an diesem Tag erstellt wurden, also vermutlich nur deswegen erstellt wurden, und die haben die größte Hetze überhaupt betrieben und das Ganze angefacht. Können jetzt 30 oder 40 Leute sein, die sich extra ein Hetz-Profil zugelegt haben. Kann aber auch 1 Person gewesen sein, keine Ahnung, ich seh ja keine IP-Adressen. Aber ich fand das schon beängstigend, dass das damit immer wieder angestachelt wurde.

Dein Fazit?

Ich möchte mich generell neuen Leuten gegenüber künftig sensibler und zurückhaltender zeigen, werde noch mehr auf Shirts und Tattoos achten und hab auch schon angefangen, mich selbst mal wieder auf den neuesten Stand zu bringen, was Faschobands, Symbole usw angeht. Und ich will mich auch mit so keltischen Symbolen mal genauer auseinander setzten, zumindest die, wo man kein nordischer Rollenspiel-Fan für sein muss. Was ich aber nicht machen werde, ist meinen Mund halten, weniger Interviews geben und weniger in der Öffentlichkeit machen. Aber trotz allem hat mir die Sache jetzt gezeigt, wie schnell ein Kontakt ohne Absicht aufgebaut sein kann, wie schnell das dann auch als Extrem, bzw falsch ausgelegt werden kann, wie schnell das geteilt wird, wie schnell sich die Menschen dann eine Meinung bilden ohne alles zu hinterfragen...ja. Ich glaube, nicht nur ich sollte mal ein paar Sachen reflektieren...

Ich wollt noch sagen: aus persönlicher Neugierde fände ich es suuuper wenn eine eventuelle Diskussion um das Interview hier auf der Bomben-Seite statt finden könnte. Sonst muss mir am Ende noch jemand Facebook ausdrucken. Oder schreibt mir: ronja at plastic-bomb.de

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