INFERNO. Ja, INFERNO. Das ist immer noch ein Bandname, dessen Wortlauf ich genüßlich auf meiner Zunge zergehen lasse. INFERNO aus Augsburg waren in den 80er Jahren eine der geilsten und fähigsten deutschen Hardcore Bands, die mit einer ganzen Reihe von Platten-Veröffentlichungen in Deutschland als auch international sehr bekannt wurden. Im Juli ist die Discographie Doppel CD "Pioneering Work" auf DESTINY Records erschienen. Dies nahm ich zum Anlaß ein Interview mit Archi, dem Gitarristen von INFERNO zu führen. Ja, genau "Archi", welcher in jüngerer Zeit der "Held der Arbeit" bei der Berliner TERRORGRUPPE war. Antworten zu drei Fragen im Zusammenhang mit der Geschichte von INFERNO, als Archi nicht in der Band war, wurden in Absprache aus dem fetten Booklet der INFERNO Do-CD übernommen.
PLASTIC BOMB: Wann hatten sich INFERNO gegründet? Was hattest du damals, als Ihr angefangen hattet, mit Punk Rock verbunden?
Archi: Für mich war INFERNO und die angehende Hardcore-Szene seinerzeit mein persönlicher Punk-Rock. Eine natürliche, dem Zeitgeist angepasste Weiterentwicklung des klassischen Punk. Punk-Rock war damals für mich das coolste Ding ¸berhaupt. Man gehörte zu einer frischen, wilden, auffälligen Gruppe von Leuten. Punk-Rock hatte irgendwie was Souveränes. Es war ein gutes Gefühl dazuzugehören.

Howie: 1. November 1981. Es war kalt, und uns (Zong, Igor, PZ, ich = Howie) war langweilig. Wir hingen in unserer Stadt rum, tranken Bier und überlegten, ob wir zu einer Demo des DGB gehen sollten oder nicht. Keiner hatte zu irgendetwas Lust, bis Zong auf die Idee kam, in den nahegelegenen Übungsraum der Augsburger Punkband SKANDAL zu gehen, um zu trinken und ein wenig „Krach“ zu machen. Zong und Igor spielten nämlich zu dieser Zeit bei SKANDAL und waren irgendwie meine Idole, was die Augsburger Musikszene betraf. Also gingen wir in den stickigen „skandalösen“ Übungsraum, Igor und Zong schnappten sich die gewohnten Instrumente, PZ setze sich sofort ans Schlagzeug und ich freute mich ein eklig nach alter Spucke riechendes Mikrofon in meinen Händen zu halten. Und los gings! Mann, hatten wir einen Spaß. Wir coverten Sex & Violence von EXPLOITED (hieß bei uns aber "PZs Füße" …), machten Tempo und natürlich auch sehr viel Krach, und da war da noch ein eigener Song, den wir komponierten: Ram it up. Nie hätten wir gedacht, dass Jahre später eine Band wie SOD diesen Song covern würde, doch eines war uns klar - wir gründeten an diesem Tag eine Band!
Nach einem DISCHARGE Song nannten wir uns schlichtweg DECONTROL und gaben nunmehr regelmäßig im Proberaum das Beste.
Ein paar Monate später, hatte Igor irgendwie keine Lust mehr mit uns zu spielen, was auch hauptsächlich daran lag, dass er sich mittlerweile extrem stark in der „Ted-Szene“ bewegte. Wir mussten uns um einen neuen Gitarristen umsehen, und auch der Bandname wurde in INFERNO geändert.   

PLASTIC BOMB:  Wie bist du selbst zu INFERNO gekommen?
Archi: Das hatte ich meiner grossen Schnauze zu verdanken! Ich traf Zong und Howie bei einem Gig der „Buttocks“. Ich prahlte vor ihnen rum, dass ich Gitarre-technisch die Nummer 1. in Augsburg wäre und mir keiner das Wasser reichen könne. Das machte die beiden wohl auf mich Aufmerksam und sie luden mich ein mit ihnen zu Jammen.

PLASTIC BOMB: Welche musikalischen Einflüsse waren Anfang der 80er Jahre für Euch wichtig? Ihr habt Euch ja von Anfang an nicht wie eine typische Deutsch-Punk Band angehört, sondern Ihr seid von Anfang an so ziemlich Hardcore gewesen.

Archi: Generell hörten alle Bandmitglieder sehr viel verschiedene Musik aus allen Teilen der Welt, natürlich schon Punk-orientiert, aber da waren dann  auch Sachen wie Bauhaus, Joy Division oder Einstürzende Neubauten bei. Dazu kam, dass die neueren, interessanten Sachen damals eher aus Skandinavien und der USA kamen als aus Deutschland oder England. Musikalisch brachte ich auch stark meine Wurzeln ein und die liegen eindeutig im Blues. Meine Mutter zog mich mit Blues quasi inner Muttermilch auf und später schrieb ein bekannter Augsburger Musikjournalist , dass ihn unsere Kompositionen doch stark an Bluesstandards auf 72UmD erinnern. Er lag damals gar nicht so falsch. Aber der Hauptgrund warum INFERNO sogar heutzutage noch sehr eigenständig klingt ist wohl, dass wir damals etwas wirklich Neues schaffen wollten und komplett Neuland betraten.
Alle Techniken des schnell Spielens, mussten wir ja erstmal für uns entwickeln! Da gab es Niemanden der uns zeigen konnte wie man das macht.

PLASTIC BOMB: Welche Themen waren Euch damals wichtig in Euren Liedern?

Archi: Unser Leben: Alkohol, Mädchen, Wehrdienst, Freunde, Arbeit, Skinheats... Die damalige politische Situation: Atomwaffenstationierung, Helmut Kohl, Ronald Reagan, Polizeigewalt bei Grossdemonstrationen wie Startbahn West, Wackersdorf... Grundsätzliches: Religion, Kriege, Systeme, Faschismus etc.

PLASTIC BOMB: Circa Mitte der 80er Jahre hatte sich der Punk Rock von England-beeinflußten Punk Rock hin zum stark Amerika beeinflußten Hardcore entwickelt. Wie hast du das damals empfunden?
Archi: Ich bekam diese Entwicklung  ja unbewusst ein paar Jährchen früher mit. Mitte der 80er versuchten Leute diese „Hardcore Szene“nach aussen und Innen zu beschreiben, ihr eine Form zu geben, sie zu definieren. Aber das war für mich dann ja schon längst wieder ein alter Hut.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass Zong und ich 1984 bei einem Konzert in Ulm st‰ndig von der Bühne sprangen und uns an den Hälsen von den späteren Trust-Machern Dolf und Thomasso festhielten um nicht auf den Boden zu krachen. Die beiden regten sich verständlicherweisse höllisch darüber auf. Für uns war es das erste Mal, dass wir Stagediving ausprobierten;-), 2 Jahre später besuchte ich ein „Chita Chrome Motherfuckers“ -Konzert im Epplehaus in Tübingen. Da gab es schon feste Regeln beim Stagediving und wer sich nicht dran hielt durfte nicht mitmachen und wurde nicht aufgefangen.
Ob Musik nun aus Deutschland, England, USA, Südeuropa, Südamerika , Japan oder Skandinavien kam war uns eigentlich völlig egal. Es gab fast in jedem Land irgendeine Band die wir abfeierten. Die starke Amerikanisierung der Szene ignorierten wir eher. Das viel uns ja auch nicht schwer, denn die Amis fanden uns ja cool. Wir standen da eher drüber und fanden es spannender, Bands zu entdecken die nicht unbedingt aus den USA kamen!

PLASTIC BOMB: Wie sah die Punk Rock Szene in Augsburg bzw. im bayrischen Raum damals aus?
Archi: Sie war erstaunlich gross für so’ne  Scheisskäffer! Allein in Augsburg zählte man Anfang der 80er etwa 120 Punx und in Orten wie Freising oder im Allgäu ging auch einiges. Die Hardcore-Szene war dann allerdings erstmal viel, viel kleiner. In Augsburg spielte sich diese Geschichte nur im INFERNO Umfeld ab.

PLASTIC BOMB: War die Szene in München für Euch damals ein Einfluß, oder an wen hattet Ihr Euch orientiert?
Archi: Die Münchner Szene war immer etwas zwiespältig für die anderen Bayern. Es gab zwar echt coole, aktive und schlaue Leute im ZSD-Umfeld und die Betreiber der Alten Post in Ampermoching waren auch sehr angesehn. Aber leider gab es auch zu viele Prolls und Idioten in der Münchner Punkszene um sich an ihr orientieren zu können. Ein Konzert in München bedeutete eigentlich immer Stress, Schlägerei und Ärger. M¸nchen war halt die naheliegende Grossstadt wo man auch mal grössere Konzerte von Black Flag, Dead Kennydies oder Bad Brains usw. sehen konnte. Ansonsten eher uninteressant.

PLASTIC BOMB: Wie ich mich erinnern hatte Dolf Hermannstädter (später Mitbegründer des TRUST Fanzines) damals für Euch die Kommunikation übernommen. Wie ist es zu diesem Kontakt gekommen?
Archi: Er war eigentlich von Anfang an dabei, spielte kein Instrument, also musste er sich um das Management kümmern!

PLASTIC BOMB: Aber später seid Ihr mit Dolf wieder auseinander gegangen. Gab es da Gründe für?
Archi: Das übliche. Schlechte Kommunikation untereinander, Missverständnisse und Engel waren wir ja auch alle nicht unbedingt, sondern alle ganz schöne Hitzköpfe. Was wir uns damals gegenseitig vorgeworfen hatten und was dann letztlich auch zur Trennung führte spielt  keine wirklich, wichtige Rolle.

PLASTIC BOMB: Ein Großteil der internationalen Kommunikation lief über das amerikanische Maximum Rock´n´Roll Fanzine. Welchen Stellenwert hatte das MRR für dich?
Archi: Von 1983 bis 1986 konnte ich gar nicht erwarten, dass das Heft erschien. Ich habs verschlungen. Danach verlor ich es langsam aus den Augen, was sicherlich auch daran lag, dass ich Hardcore-Punk nicht mehr als wichtig für mich empfand.
„In Berlin benutzt man das MRR als Klopapier“. Mit diesem Spruch konnte man Westdeutsche HC-Aktivisten der 2ten Generation immer schön auf die Palme bringen!

PLASTIC BOMB: Gab es noch andere Fanzines, die für dich wichtig waren?

Archi: Das Flipside fand ich irgendwann cooler als das MRR!

PLASTIC BOMB: Ihr habt Euch ziemlich schnell einen guten Ruf erspielt. Wie seid Ihr damals an Mülleimer Records gekommen?
Archi: Zong und ich trafen Thomas Ziegler, den Labelmacher von Aktueller Mülleimer Records bei einem „Normahl“ Konzert in Memmingen. Ich hatte wieder eine grosse Klappe und erzählte ihm  wir würden nach einer Mischung aus „Discharge“ und den „Bad Brains" klingen. Er buchte uns sofort ohne uns jemals vorher gehört zu haben für Studioaufnahmen zu seinem „Ultra Hardcore Power 1“ Sampler. Wir bekamen ein grossartiges Feedback, also gab er uns den Plattenvertrag für das „Tod Und Wahnsinn“  Album.

PLASTIC BOMB:  Ab 1984/ 1985 seid Ihr international sehr bekannt geworden, vorrangig durch Eure Sampler Beiträge auf  dem Maximum Rock´n´Roll Sampler "Welcome to 1984"  und dem "Cleanse the Bacteria" Sampler  auf Pusmort  Records. Wie hat sich diese internationale Aufmerksamkeit auf Euch ausgewirkt?
Archi: Die Samplerbeiträge waren eher eine logische Folge aus unserem Erfolg mit dem „Tod Und Wahnsinn“ Album. Das Ding schlug Weltweit ein wie eine Bombe! Es war für damalige Verhältnisse sehr gut produziert und extrem eigenständig. Wir bekamen ständig Angebote für Sampler und Gigs in ganz Europa und USA. Konzerte in Übersee haben wir allerdings immer abgelehnt, wir hatten keine Kohle um uns Flug-Tickets zu kaufen und vertrauten den Promotern nicht. Ich möchte nicht wissen wie oft „Tod Und Wahnsinn“ gebootlegt, getaped und auch ohne unser Wissen offiziell weiter lizenziert wurde. Aber mit meiner heutigen Erfahrung erahne ich da locker eine sechsstellige Zahl. Der Erfolg schmeichelte uns zwar aber komischer Weisse betrieben wir die Band weiterhin eher als Hobby!

PLASTIC BOMB: Wie seit Ihr damals eigentlich an den Kontakt zu Pushead bzw. Pusmort gekommen. Die Split LP mit den Japanern THE EXECUTE war Eure erste internationale Veröffentlichung. Kannst du dich noch daran erinnern, ob es damals spezielle Rückmeldungen gab.
Archi: Rückmeldungen? Also Post bekamen wir ohne Ende, aber die beste Post waren die Polaroids die uns „Execute“ selbst von sich geschickt haben. Die waren zum  ficken süss die Jungs.
Der Kontakt zu Pushead bestand schon seit unserem „Hagenbach Demo Tape“ welches Pushead damals  1982 im MRR abfeierte . Dolf hatte dann noch den Cover Artwork Deal fürs „Tod und Wahnsinn“ Album mit ihm klargemacht und von da an gehˆhrten wir eh zu Pusheads Umfeld. Er fragte uns halt wenn er was von uns wollte und so kamen das Split-Album und die Samplerbeiträge zu Stande.

PLASTIC BOMB: Habt Ihr damals viele Konzerte gespielt? Seid Ihr auf Tour gewesen?
Archi: Im Gegensatz zu Bands Heute spielten wir total wenig. Die längste Tour war eine Benelux-Tour 1986 ¸ber 14 Tage mit den Varukers, ansonsten spielten wir wenns hoch kommt einmal im Monat an einem  Wochenende! Wir waren eigentlich immer ein Hobbyprojekt.

PLASTIC BOMB: Gibt es etwas spezielles von diesen Touren bzw. einzelnen Konzerten, an das du dich noch ganz besonders positiv wie negativ erinnern kannst?

Howie: Wir wurden ein weiteres Mal nach Berlin zu einem Konzert eingeladen. Ein seltsamer Typ Namens Johnny von Schlitz-Records (Zerstörte Jugend) wollte ein Konzert mit RAZZIA und uns in einem Laden Namens KNOX im Wedding veranstalten. Wir reissten schon einen Tag vorher an und suchten Johnny in seiner Wohnung in einem Kreuzberger Hinterhaus auf. Wir sollten dort auch zwei Tage übernachten. Johnny ein älterer, pockenvernarbter, sehr freundlicher Typ mit schwarzem Cowboyhut lud uns sofort eine Etage tiefer zu seinem „Schwager“  auf ein Pfeifchen ein. Der Freund seiner Schwester war ein angsteinflössender grosser Skinhead namens Briese (später Bassist in der Berliner PunkBand TROOPERS, verstarb Ende der 90’er an einer Überdosis Heroin),  der gerade von der Kreuzberger Punk und Hausbesetzer-Szene „entnazifiziert“ wurde, wie uns Johnny berichtete. Der Prozess war anscheinend zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz abgeschlossen, denn beim nachmittäglichen, bekifften Risiko-Spiel rutschten dem guten Briese immer noch verachtende Bemerkungen über meine Rote-Armee oder gar Zongs Pinke-Armee raus. Man merkte allerdings schon, dass er sich etwas zusammen riss.
Am nächsten Tag spielten wir vor unserem eigentlichen Gig noch im „Blockshock“ in Kreuzberg, wo Dave Pollack ein anderes Punkkonzert organisierte, auf das er uns noch zusätzlich einlud. Später im KNOX wunderten wir uns dann doch über den Verbleib unseres Sängers „Howie“, der, seid wir den Laden betreten hatten, unauffindbar war. Wir sollten als letzte Band spielen und Howie war immer noch nicht aufgetaucht.
Ich versuchte mit Hilfe von  „Rajas“  dem Sänger von RAZZIA ein Notprogramm auf die Beine zu stellen. Was aber leider nicht ganz so gut funktionierte.
Als wir dann gegen 3 Uhr Morgens in Johnny’s Wohnung ankamen, fanden wir Howie völlig frustriert und fertig auf der Treppe vor Johnny’s Wohnungstür kauernd. Ein Skinhead am Eingang des KNOX hatte ihn anscheinend mit einem Messer bedroht. Es war offensichtlich einer von Brieses weniger entnazifizierten Kumpels. Howie bekam Panik und flüchtete zu Fuß in Richtung Kreuzberg. Auf dem Mehrstündigen Fussmarsch nach Hause bekam er noch Ärger mit einer Türkengang, welche ihn zusätzlich terrorisierten...

PLASTIC BOMB: Wie wichtig waren für dich die selbstverwalteten Konzertorte bzw. Squats, wo Ihr Konzerte gespielt hattet? Gab es bevorzugte Konzertläden für dich?

Archi: In Deutschland waren ja hauptsächlich die städtischen Jugendzentren Veranstaltungsorte und die erinnerten mich immer eher an den Kinderhort ;-). Interessante Plätze wie das Crash in Freiburg, Die Alte Post in Ampermoching bei München, das AJZ Bielefeld oder die diversen Clubs in Berlin waren eher Ausnahmen! Holland und Italien  war da schon etwas weiter und liberaler. Aber uns war das letztendlich egal wo wir spielten. Hauptsache wir konnten spielen und unseren Sprit bezahlen. In den besetzten Häusern Europas war die Verpflegung immer Scheisse und die Klos waren unbenutzbar. Dafür waren die Leute cooler und die Aftershow-Parties heftiger. Ich hab das damals gar nicht so politisch betrachtet. Natürlich fand ich  es genial wenn Leute in einer Stadt wie z.B. Amsterdam ein riesen Haus besetzen konnten und darin taten und liessen  was sie wollten. Aber wenn jemand Konzerte in einem legalen Club, einem öffentlichen Saalbau, oder einem Jugendzentrum buchen konnte war das für uns nicht weniger wichtig und unterstützenswert.

PLASTIC BOMB: Wann bist du von INFERNO weggegangen? Was waren die Gründe dafür?
Archi: Ich ging im Frühjahr 1987 aus Augsburg weg. Es gab kleine Gründe wie Bundeswehr und gescheiterte Beziehung und es gab die wichtige Intuition, dass ich  aus der Provinz weg musste um  nicht vor die Hunde zu gehen und auch in Zukunft weiter Musik machen zu können. Ein Jahr später trennte ich mich dann auch von der Band, da diese Beziehung auf die Ferne leider auch nicht mehr funktionierte.

PLASTIC BOMB: Wie hast du die Punk Bewegung in Berlin empfunden? Es schien zeitweise so, als ob es kaum Berliner gab in der Berliner Punk Szene.
Archi: Das kommt darauf an wen man da kennengelernt hat. Mir war egal wer woher kam. Die Szene in Berlin hatte einen einzigartigen Drive, war bei weitem nicht so engstirnig und dogmatisch wie das meiste was aus Westdeutschland kam. Für mich war es die beste Entscheidung überhaupt nach Berlin zu gehen!

PLASTIC BOMB: Wie ist es mit INFERNO dann weiter gegangen nach dem Weggang von Archi?
Howie: Nun war also das eingetreten, was sich schon lange abgezeichnet hatte. Wir standen ohne Gitarristen da, und es war in Augsburg gar nicht so einfach einen Nachfolger für Archi zu finden. Aber da gab es ja  noch den Andreas, mit dem ich schon in meiner Kindheit befreundet gewesen war, und Andreas („sie nannten ihn Anderle“) konnte auch ganz passabel Gitarre spielen. Ok, es ging weiter. Wir wurden zwar etwas metallischer und verabschiedeten uns auch von den deutschen Texten, doch der Spaß war uns geblieben. Es dauerte aber nicht besonders lange, bis unser Max sich in Unzuverlässigkeit selbst ¸bertraf und wir gezwungen waren, uns auch noch nach einem neuen Schlagzeuger umsehen zu müssen. Und da hatte ich eine Idee. Zu dieser Zeit rief mich regelmäßig der größte INFERNO-Fan Schrobenhausens an. Rolf hieß er. Er wollte immer alles über INFERNO wissen, war aber stets sehr sympathisch. Und ich wusste, dass Rolf sehr gut und powervoll Schlagzeug spielen konnte. Jetzt rief ich ihn an und schon am nächsten Tag probten wir zusammen. Noch heute, wenn ich mit das „It Should be Your Problem“-Album anhöre, läuft es mir im positiven Sinne eiskalt den Rücken runter, wenn ich das „Tier“ am Schlagzeug höre. In der Zeit von Herbst 1987 bis zum Split 1990 machten wir aber nicht nur dieses eine Album. Wir waren auch sehr viel unterwegs. Ich erinnere mich noch gut an eine Tour durch Jugoslawien mit tollen Auftritten in Sarajewo, Zagreb, Ljubljana, Ilirska Bistrica, u.a.. Uns hat es die Herzen zerrissen, als kurz darauf der Krieg auf dem Balkan ausbrach. Und da war dann auch noch eine unbeschreibliche kleine England-Tour, die soviel an Erfahrung für uns abgab, dass wir schon verfrüht die Heimreise antreten mussten. Absolut stolz machte uns auch ein Anruf gleich nach Grenzöffnung aus Ostberlin, der uns Auftritte im Haus der jungen Talente und in einem Jugendclub namens „Lampe“ bescherte. Bezahlt wurden wir in Ostmark, war aber egal.

PLASTIC BOMB: Die INFERNO Doppel CD Discograhpie sieht echt geil aus - man merkt dass da sehr viel Arbeit und Liebe reingesteckt worden ist. Wer hatte sich denn um diese Klasse Wiederveröffentlichung gekümmert?
Archi: Fairer Weise muss man sagen, dass die Idee zu genau dieser Art der Veröffentlichung von Mansur Niknam (Weird System) stammt. Dass ich hier mit all meiner Erfahrung mal Aufräumen musste und das Gesamt-Werk der Band geregelt, wiederveröffentlicht werden musste, um es allen Interessierten zugänglich zu machen, war klar.  Es dauerte fast 5 Jahre bis endlich alle Masterrechte in meinem Besitz waren und das Booklet geschrieben war. Ich musste 56 Titel remastern und grösstenteils renovieren. Alte Fotos, Artworks und Flyer mussten zusammengesucht und digitalisiert  werden  und das Cover und Booklet- Artwork von Ralph Rhode entstand auch nicht über Nacht!

PLASTIC BOMB: Vor einige Monaten ist Euch ja jemand ganz böse in die Parade gefahren, soll heißen in Eure Wiederveröffentlichung. Jemand hatte Eure "Tod & Wahnsinn" LP von 1983 gebootlegt. Noch nicht mal besonders gut - das sah eher billig aus. Habt Ihr da heraus gefunden wer dieses Bootleg gemacht hatte?

Archi: Ich will gar nicht wissen wer das war. Sowas macht mich super sauer. Dieser Vollpfosten wusste ganz genau wie er Howie oder mich  kontaktieren und fragen hätte können. Wahrscheinlich war er zu feige. Jacho von Destiny hatte damals eine Nachricht in der Vinylszene gestreut und dem Übeltäter ein Ultimatum für eine anonyme Lizenzzahlung gestellt. Kurz vor Ablauf des Ultimatums kam ein  Paket ohne Absender mit ein paar dieser Bootlegs an! Nicht genug, aber für uns Grund genug die Angelegenheit als geregelt zu betrachten! Musiker besitzen nur die Urheberrechte und Leistungsschutzrechte an ihrer Musik und wenn diese Rechte nicht respektiert werden, bleibt uns nichts mehr. Diese ganze verlogene Kommerzdebatte der 80er und 90er in der Punk- und Hardcore-Szene führte im Grunde nur dazu, dass einige Leute die Musik als eine Art Gemeingut betrachten und sie nutzen und auswerten ohne dabei an die Musiker zu denken.  Es gibt für mich keinen Grund solche Bootlegs in irgendeiner Form zu tolerieren!

PLASTIC BOMB: Was machen die anderen Leute von INFERNO heute? Was machst du heute?
Archi: Zong macht extreme Musik mit seinem Bass in einer Band Namens „Deep“, soweit ich weiss. Das letzte Mal, als ich von Max hörte, trommelte er in einer Reggae Combo. Howie schreibt nachwievor Rezies fürs Trust, singt allerdings nicht mehr und ich bin damit beschäftigt endlich meine musikalische Vergangenheit aufzuräumen. Nebenbei schreib ich an neuer Musik und so kommt gerade ein Rock-Titel von mir Namens „Schwarz, Rot, Geld“ auf dem aktuellen Album der Berliner HipHop-Hoffnung K.I.Z. raus. Ausserdem produziere und co-produziere ich die aktuellen Alben von Bands wie Bitume, The Creetins, The Movement, Gringa Loca und Filme nebenbei mit ein paar Freunden noch Live-Shows für DVD`s von Bands wie Beatsteakes, Boysetfire, Sonic Youth, Deconstruction Tour usw. Und da ist ja auch noch eine kleine, bescheidene, Kreuzberger Aggropop-Kapelle Namens „Terrorgruppe“,  deren riesen Backkatalog gehegt und gepflegt werden will und die Anfang 2008 endlich ihren lang erwarteten  Dokumentar-Film in Form einer DVD rausbringt. Das klingt jetzt alles nach Werbung. Isses auch;-)

INTERVIEW: Helge Schreiber (Plastic Bomb #60)