Wenige Bands polarisieren so stark wie die Kassierer aus Wattenscheid. Von vielen geschmäht als plumpe Kirmeskapelle mit prolligen Sauf- und Fickliedern. Von den anderen dafür gemocht, dass sie sich eben doch immer wieder von den üblichen Verdächtigen der unpolitischen Party-Punkszene unterschieden und dann auf einmal durch Komplexität und Feingeistigkeit in ihren Liedern überraschen.
Leider kumpeln fast alle Interviews mit der Band nur auf der bierseeligen Oberfläche umher. Daher entstand irgendwann mal bei mir die Idee, ein Interview zu führen, welches dem Anspruch und den Niveau der Menschen hinter Liedern wie “Sex mit dem Sozialarbeiter” und “Blumenkohl am Pillemann” gerecht wird. Also ein weitestgehend ernstes Interview zu führen.
Um die Band aber nicht intellektuell zu überhöhen, durfte die ein oder andere Zote natürlich nicht fehlen. Dennoch wird streckenweise deutlich, dass die Musiker mehr zu sagen haben und sich intensiver mit dieser Welt auseinandersetzen als der ein oder andere Deutschpunker, der hauptberuflich sein Geld mit Widerstandsmusik verdient. Nichtsdestotrotz wurde aber auch eine Menge gelacht.
Da ich aber Interviews mit zahlreichen Regieanweisungen wie “lacht” oder “verstellt seine Stimme” nicht mag und lieber in Kauf nehme, dass sich die Ironie einer Aussage notfalls erst beim zweiten Lesen oder eventuell überhaupt nicht erschließt, wurde weitestgehend auf Anmerkungen verzichtet. Ich traf alle vier Kassierer an einem Sonntag Mitte Januar 2011 im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer, wo Sänger Wolfgang sich auch als Filmvorführer betätigt. Die Fragen beantworteten also Wolfgang (W), Gitarrist Niko (N), Schlagzeuger Volker (V) und in der ersten halben Stunde des Interviews Bassist Mitch (M).



Wolfgang, welcher Film wurde denn heute von Dir gezeigt?

W: „Emil und die Detektive“ in der Fassung von 1931. Hier werden die Kinder auch schon früh daran gewöhnt, schwarz-weiße Filme mit schlechtem Ton zu gucken.

Warum hast Du diesen Film ausgewählt?

W: Ich wähle den nicht aus. Ich bin hier nur Filmvorführer. Das wird einfach so gemacht. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Kinder von heute extrem konservativ sind. Die schauen lieber einen “Pipi Langstrumpf” oder “Emil und die Detektive”. So neue Kinderfilme interessieren die Kinder meistens nicht.
V: Erzähl doch mal von den vertauschten Filmrollen. Oder tut das nichts zur Sache?
W: Ne.

Erzähl doch mal von den vertauschten Filmrollen.

W: Welche habe ich denn nochmal vertauscht?
V: Das war so ein anspruchsvoller Film ohne richtig kohärente Handlung. Und dann hast Du irgendwann eine falsche Rolle oder…
W: Ach ja! Genau. Das war ein Film, der drei Stunden lang war. Ich schaute irgendwann raus und sah: Der Film ist schon zu Ende aber ich habe noch die mittlere Rolle. Also eine gute Stunde in der Mitte des Films habe ich unangetastet liegen gelassen. Aber die Leute sind dann ganz normal rausgegangen und ich habe mich dann beruhigt und mir gesagt: Ich habe keinen Fehler gemacht sondern denen eine Stunde ihres Lebens geschenkt.


Euer nicht mehr ganz so neues Album heißt ja „Physik“. Wenn ich das so recht überblicke, seid ihr aber alle Geisteswissenschaftler. Wie kamt ihr also auf den Namen?

W: Ich denke, dass es zunächst einmal keinen Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften gibt, wenn man sich das anschaut. Wesentliche Leute wie Decartes oder Leipniz waren auf beiden Gebieten präsent. Es ist ja eine Erfindung von Dilthey, dass man die Geisteswissenschaften Geisteswissenschaften nennt. Diese Trennung hat dann dazu geführt, dass die Geisteswissenschaften mehr zu „Laberfächern“ wurden. Und deswegen sind sie auch heute so ein bisschen verrufen.
V: Außerdem hat die Philosophie mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften nicht Schritt halten können.
W: Und spätestens bei der Quantenphysik wird Physik auch wieder philosophisch.
M: Es stand auch noch „Chemie“ als Titel zur Debatte.

 

Und warum ist es nicht „Chemie“ geworden?

W: Das wäre vielleicht politisch nicht korrekt gewesen.
V: Und Chemie sind die vorletzten Dinge. Und wir versuchen, die letzten zu klären. Physik impliziert quasi Chemie.

Warum nicht „Biologie“?

V: Wir wollten ja weg von diesen biologischen Auffassungen. Da haben wir ja lange drauf rumgeritten. „Mein Glied ist zu groß“ und so…

Das bringt uns auch zur nächsten Frage: Das Album ist ja relativ brav geworden…

W: Aber die Frage mit der Physik haben wir jetzt gar nicht richtig beantwortet aber ist auch egal.

Das macht doch nichts!

W: Na gut, es merkt eh keiner.

Es liest auch keiner. Das Album ist ja relativ brav geworden. Weniger Sex und Gewalt, mehr existentielle Fragen. Liegt es daran, dass ihr älter werdet?

W: Es ist einfach Zufall. Oder vielleicht waren bei den anderen Alben die Themen Sex und Gewalt schon derart vortrefflich abgearbeitet, dass man da jetzt schlecht etwas Neues machen konnte, ohne sich selbst zu kopieren. Und zu sagen: „Wir brauchen noch ein Ficklied! Sonst haben wir immer drei Ficklieder auf der Platte gehabt“ wäre auch zu populistisch.
M: Trotzdem gibt es auch noch Plattenkritiken in denen steht „Obszön wie eh und je“.
W: Genau! Wahrscheinlich haben wir einfach den Ruf weg. Selbst wenn wir die Bibel vertonen würden... Ach ne! Das ist ein schlechtes Beispiel. Sagen wir mal: Selbst wenn wir das Grundgesetz vertonen würden, würde man immer noch sagen „So ne geschmacklose, perverse Scheiße!“

Warum werdet ihr darauf reduziert?

W: Ich denke, dass die Leute, die uns darauf reduzieren, eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung haben.

Also euer Publikum?

W: Unser Publikum reduziert und nicht darauf. Ich habe durchaus auch schon Leute getroffen, die andere Sachen gut finden.

Was denn zum Beispiel?

W: Kürzlich bekam ich eine Mail in der jemand völlig geschwärmt hat von dem Lied „Bin ich oder hab ich?“ Und da muss ich auch sagen: Das Lied ist eigentlich hoch philosophisch und das ist ein bisschen untergegangen.
N: Das Lied hätte übrigens auch gut auf die neue Platte gepasst.
W: Jaja. Also gerade in der heutigen Zeit, in der man ja wieder ein sehr biologistisches Weltbild pflegt und versucht, alles auf die Gene zurück zu führen, wird so ein Lied viel zu wenig gewürdigt.

Also würdet ihr so etwas eigentlich lieber singen?

W: Ne, wir singen was wir wollen. Oder ich singe und die anderen machen ja Musik und singen auch manchmal. Aber sagen wir mal so: Wir machen das, was wir wollen. Oder ich singe und die anderen machen ja Musik und singen auch manchmal. Aber sagen wir mal so: Wir machen das, was wir wollen.

Wenn Du den Text vergessen hast, singt Niko an.

W: Ja, aber manchmal bringt er mich aber damit durcheinander und dann wirkt es so, als hätte ich den Text vergessen.

Ach so, verstehe.
In den 90ern schwebte ja noch das Damokles-Schwert der Indizierung regelmäßig über euren Platten. Heute gibt es Gangsta-Rap, gegen den ihr blass ausseht. Ist das eine gute oder schlechte Entwicklung?

W: Och, diese Diskussionsrunden bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften habe ich immer sehr genossen. Da hatte man mit sehr gebildeten und vernünftigen Menschen zu tun und es war doch immer ein schöner Ausflug nach Bonn-Bad Godesberg zu Frau Mommsen-Doppelname.

Wie viele dieser Ausflüge gab es denn?

N: Es gab drei, oder?
W: Drei Ausflüge!

Und da seid ihr dann immer geschlossen angetreten und habt euch für eure abartigen Texte verteidigt?

N: Einmal sind wir sogar im ICE angereist und in Düsseldorf ist unser Labelchef Rüdiger Thomas zugestiegen.
M: Und beim letzten mal mit der Geheimwaffe! Dr. Hecken!
W: Einmal hatten wir ein Gutachten vom Chefdramaturg des Schauspielhauses. Das war so ne Din A4-Seite.

Und das hat euch dann vor einer erneuten Indizierung bewahrt.

W: Nein. Es waren vor allem die Gespräche, die geführt wurden. Man muss sich das so vorstellen: Diese Verhandlung besteht im Wesentlichen darin, dass man zwölf ernst dreinblickende Leute im Alter von 50 bis 70 vor sich hat und man muss die zum Lachen bringen. Und wenn man die zum Lachen gebracht hat, dann hat man gewonnen.

Und das ist euch jedes Mal gelungen?

W: Ja, das eine mal ist uns das gelungen durch das Instrumentallied „Die Scheide von Christiane Backer“. Die hören ja die gesamte Platte immer bei mittlerer Lautstärke in der Verhandlung durch und haben dann Zettel dabei, auf denen sie die Texte mitlesen. Dann kam auf der Platte die Ankündigung „Das nächste Lied heißt: Die Scheide von Christiane Backer“ und es entstand plötzlich ein furchtbares Geraschel, weil sie alle den Text suchten. Und als das Lied dann vorbei war, mussten sie über sich selbst lachen und damit hatten wir gewonnen.
V: Einer hat dann noch gefragt: „Haben sie den Text von 'Die Scheide von Christiane Backer'?“

Nach welchen Prinzipien sucht ihr eigentlich eure Coverstücke aus?

M: Das sind meist Lieder, die der Wolfgang als Kind gut fand und Interpreten, die die anderen alle nicht kennen.
W: Ist auch nicht immer so. Also manchmal schlag ich die vor.

Aber Wolfgang ist schon eher so der Band-Hitler?

W: Nein! Das ist Quatsch.
V: Aber sagen wir mal, er ist eine Veto-Instanz, die erst durchschritten werden muss.

Ihr seid ja eurem Label Teenage Rebel Records ziemlich treu. Nie mal überlegt, mal zu wechseln? Vielleicht mal ein Major-Label?

N: Ich weiß nicht, ob das viel Sinn ergeben hätte. Zuerst einmal hätten wir da ein Major-Label finden müssen, die eine Platte mit uns machen wollen.

Es gab also keine Angebote?

N: Keine konkreten.
W: Wir haben uns aber auch nicht ernsthaft bemüht.
N: Es ist aber auch so, dass wir mit dem Rüdiger schon sehr zufrieden sind und bei einem Major-Label würden wir auch nicht unbedingt mehr Platten verkaufen. Es sind ja auch nicht so Lieder, die häufig im Radio gespielt werden.
W: Ich selbst habe ja auch bei Universal gefragt aber die wollten uns nicht. Aber das war auch nicht so ernst. Ich bin mal nachmittags in dieses ehemalige Ostberliner Eierkühlhaus, was ja jetzt Universal ist, rein gegangen und habe gesagt: „Ich bin von einer bekannten Punkband und ich möchte einen Plattenvertrag!“ Aber da haben die mich nicht weiter ernst genommen.

Also den Spaß, den sich viele bekanntere Bands machen, einmal eine schlechte Platte auf einem Major rauszubringen und dann reumütig zu den Indies zurück zu kehren: Das hat euch nie gereizt?

W: Ich glaube, dass ist für die Bands die das gemacht haben, wirtschaftlich immer ganz gut ausgegangen. Aber wir haben es nie so wirklich versucht. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jetzt Unmengen an Demopaketen verpackt hätten.
N: Ich glaube auch, dafür sind wir einfach zu alt! Wenn wir jetzt Mitte zwanzig wären...
M: ...und gutaussehend!
N: Und gutaussehend!
V: Was ja noch nie der Fall war.
W: Obwohl: Ich träume ja davon, auf der Titelseite von der Bravo zu erscheinen. Aber mit ner Zahnspange.
V: Außerdem gibt es ja auch persönliche Bande. Rüdiger Thomas ist wie ein Vater für uns.

Nicht mehr wie eine Mutter?

V: Oder das!

Volker, Du bist ja durchaus ernstzunehmender Jazz-Gitarrist!

V: Weißgott!
N: Und nicht nur irgendeiner.

Wie beurteilt man denn in der Jazz-Szene Deine Aktivitäten bei den Kassierern?

V: Mit einem müden Lächeln. Und dann sage ich denen, was ich verdiene und dann verschwindet das Lächeln.

Es kommt aber nicht vor, dass jetzt beispielsweise Oberstudienräte ankommen und sagen „Herr Wendland, können sie nicht einmal die Stinkmösenpolka in der Jazz-Fassung spielen“?

V: Studienräte nicht aber ich habe mal bei einem Studienrat auf seinem Geburtstag gespielt und da kamen die Söhne aus dem Kinderzimmer und guckten , verschwanden wieder, guckten und verschwanden schon wieder. Irgendwann haben die dann ganz vorsichtig gefragt ob ich Volker Kampfgarten sei. Das habe ich dann bejahrt und dann habe ich mich später auch noch in dieses Kinderzimmer verirrt und da hingen dann Kassierer-Poster an der Wand. Und der fragte dann mit so einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck, warum ich denn so etwas machen würde.

Wer hat gefragt? Der Vater oder der Sohn?

V: Der Sohn! Und dann habe ich denen gesagt, dass ich ja auch irgendwie meine Brötchen verdienen müsse.
M: Worüber waren die jetzt angewidert? Über die Kassierer oder über den Jazz?
V: Nein nein! Das ich da in einem Anzug auf dem Geburtstag des Vaters sitze.
M: Jazz ist ja auch einfach widerlich!

Für alle relativ überraschend hast Du dann ja dein Studium doch noch abgebrochen. Wie kam es dazu?

V: Weil der Philosophiedozent mir zu recht vorgeworfen hat, ich hätte    zensiert  

Aber Du warst doch erst im 44. Semester, oder?

V: Nee, 50.!

Schade! Das hätte man groß feiern können. Eine Runde Zahl!

V: Wäre schön gewesen, aber...
N: Aber Volker, erzähl doch mal die Geschichte, wo Dir mal irgendein Dekan die Leviten gelesen hat.
V: Ja, als ich schon im 20. Semester war, habe ich mal vergessen, mich rückzumelden. Und das ist mir erst mitten im Semester aufgefallen. Da bin ich dann in heller Aufregung höchst alarmiert zum Studierendensekretariat gerannt, aber es war nichts mehr zu machen. Ich war von der Uni geflogen! Und um das Studium wieder aufzunehmen, musste ich mich bei jedem Fachbereichsleiter einstufen lassen was bei Germanistik und Pädagogik kein größeres Problem war. Nur in Philosophie hat der Professor sich alttestamentarisch aufgeregt, seine Kleider zerrissen und hat mich angeherrscht „Was haben sie all die Jahre denn gemacht?!“ und dann habe ich ganz Kleinlaut gesagt: „Ich hab Gitarre gespielt“. Das war aber auch nicht das, was ich hätte sagen sollen.

Er war also offensichtlich kein Fan? Da hingen dann keine Kassierer-Poster im Dekanat?

V: Nein nein.

Wolfgang, Du machst ja ernsthafte Kommunalpolitik und bist gewähltes Mitglied der Bezirksvertretung Wattenscheid für Partei Die Linke. Wie kam es denn dazu?


W: Ich habe irgendwann mal festgestellt, dass Wattenscheid ein Kulturzentrum braucht da es eigentlich ein sehr toter Stadtbezirk ist. Dann haben wir so ab 2006/2007 ein paar Kundgebungen gemacht und einen Bürgerantrag für ein Kulturzentrum eingebracht und so weiter. In diesem Zusammenhang habe ich mich dann mit dieser Kommunalpolitik beschäftigt und fand vieles ärgerlich. Zum Beispiel die neue Mehrheit, bestehend aus Unabhängiger Wähler-Gemeinschaft UWG, CDU und FDP: Das erste, was die gemacht haben, war das Kriegerdenkmal aus dem Dritten Reich mit bezirklichen Mitteln für 70.000 € zu renovieren. Und da dachte ich, dass man vielleicht nicht viel ausrichten, aber doch schon ein paar Sachen sagen sollte. Dann habe ich jemanden von den Linken getroffen und habe gefragt, ob ich vielleicht für kandidieren könne. Schließlich hat sich ein Gremium die möglichen Kandidaten aus geguckt und dann wurde auf einer Vollversammlung für den Listenplatz 1 gesetzt. Die Bezirksvertretungen werden über bloße Parteienlisten gewählt, was ich auch ein bisschen problematisch finde. An der untersten Kante der Kommunalpolitik, da wo die Bürger sich eigentlich noch kennen müssten, finde ich reine Listenwahlen ein bisschen problematisch. Vielleicht hätte man Direktkandidaten aufstellen sollen. Fände ich besser!

Wie viel Prozent hat die Linke dann mit Dir geholt?

W: Ich glaube 5,8 Prozent. Das war ein deutlicher Zuwachs aber im Prinzip finden Kommunalwahlen nach dem Bundestrend statt. Die Wahlergebnisse hängen ziemlich mit den Ergebnissen zusammen, die eine Bundestagswahl zur gleichen Zeit haben könnte. Die Leute machen sich eigentlich nicht viele Gedanken über Kommunalpolitik. Die einzige Ausnahme in Wattenscheid ist die UWG, die immer so um die 20 Prozent bekommt. Das ist eine Partei, die aus der Zeit stammt, in der Wattenscheid noch eigenständig sein wollte. Die machen einen völlig unpolitischen Wahlkampf mit Wahlplakaten, auf denen Wattenscheider Sehenswürdigkeiten sind. Da steht dann „Wattenscheid“. Und das ist dann das ganze Programm. „Wattenscheid“. Deswegen liegen da die Ergebnisse ein bisschen niedriger. CDU und SPD sind vermindert um den UWG-Faktor aber ansonsten ist es der Bundestrend.

Aber die CDU, in der Du ja auch mal Mitglied warst, die kam nicht in Frage?

W: Nönö, das war schon sehr bewusst Die Linke. Das ist das, was mir politisch noch am nächsten steht.

Nimmt man Dich denn in Politikerkreisen überhaupt ernst, wenn Du Dein Geld mit nackt auf der Bühne stehen verdienst?

W: Ich weiß nicht, ob die das mit dem nackt auf der Bühne stehen wissen. Es gab aber auch schon mal in der Zeit, in der wir das Kulturzentrum gefordert haben, auch durchaus mal Diskussionen, da ich bei irgendwelchen Gelegenheiten die Hose runter lasse. Also gehe ich mal davon aus, dass sie es wissen. [überlegt] Nö, die sind eigentlich alle sehr nett. Zumindest die von der CDU sagen immer liebevoll „Wölfi“ zu mir und fragen, wo sie denn die neue Platte kriegen.
V: Es gab ja auch schon einen Außenminister, der früher Steine geschmissen hat.

Aber dabei hatte er ja eine Hose an!

W: Auf jeden Fall ist es kein großes Problem. Ich denke auch, dass die Leute erleichtert sind. Im Vorfeld, als ich gerade gewählt war, war eher die Erwartung so, dass ich jetzt ein riesengroßes Chaos veranstalten würde. Davor hatten die doch mehr Angst. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Und wann kommt jetzt das Kulturzentrum in Wattenscheid? Jetzt kannst Du das ja umsetzten.

W: Ich glaube, es kommt nie. Es haben halt zu wenige Wattenscheider Die Linke gewählt. Außerdem hat der Bezirk Wattenscheid nichts zu sagen. Da regiert die UWG mit der CDU zusammen. Im Bochumer Stadtrat regiert seit Kriegsende die SPD. Und die ist in Bochum ungefähr so demokratisch, dass die CSU in Bayern dagegen demokratischer wirkt. Insofern ist nicht mit viel zu rechnen zumal die Stadt erstens kein Geld hat und zweitens das Geld, dass sie nicht hat, für andere Dinge ausgibt wie ein Konzerthaus und irgendwelchen furchtbaren Unsinn.

Was macht eigentlich die APPD, durch die Du ja politisch am ehesten bekannt geworden bist?


W: Im Prinzip gibt es die nicht mehr. Ich kümmere mich auch nicht drum. Es gibt einen Berliner, der das für sein Ego braucht und den Parteivorsitz quasi für sich gekapert hat und damit aber eigentlich die APPD zunichte gemacht hat und es ist halt leider vorbei. Die APPD gibt es nicht mehr und die Pogo-Partei auch nicht. Vielleicht wäre es schöner gewesen, wenn sich die Partei aufgelöst hätte und dann irgendwann mit neuem Elan wieder etwas gemacht hätte. So wie es 1998 war, dann hat man lange Zeit, bis 2005 nichts mehr gehört, aber das ist jetzt durch.

Und inzwischen bist Du unter die Hausbesitzer gegangen und hast eine Bruchbude in Duisburg-Ruhrort erworben.

W: Das ist keine Bruchbude!

Was ist denn dann eine Bruchbude, wenn das keine Bruchbude ist? Ist dann ein Schotterhaufen eine Bruchbude?

W: Das ist ein sehr schönes Haus! Ich weiß gar nicht, wie Du auf Bruchbude kommst. Ich habe mit Fratz und Cris dieses Haus gekauft. Cris kommt aus Karlsruhe und macht unter anderem das Freak'n'Arts-Festival. Das wird eine Punk-WG. Unten ist eine ehemalige Pizzaria, in der wir irgendwas machen wollen. Kleinere Konzerte oder Feten.

Ist dieser Hauskauf auch ein Resultat daraus, dass es mit dem Kulturzentrum in Wattenscheid nicht so geklappt hat?

W: Nein, das hat damit eigentlich nichts zu tun. Es bot sich gerade an, weil das Haus im Sonderangebot war. Und ich bin ja jetzt 48 Jahre alt. Da denkt man ja irgendwann mal an die Rente. Ich gehe mal davon aus, es hält. Es wird ja immer repariert. Für mich ist das Haus irgendwas zwischen einer Geldanlageform, die unabhängig vom Euro ist und etwas, dass sehr viel Spaß macht.

Mitch, was sagst Du als Diplom-Psychologe zu den Texten der Kassierern?

M: Ich bin kein Diplompsychologe! Ich Sachbearbeiter im Chemiewesen.
V: Ich hätte noch eine schöne Frage, die Du dem Mitch stellen könntest. Und zwar: Was bedeutet eigentlich das Wort Dübbüdüb?

Ich hätte noch eine Frage an Dich: Was bedeutet das Wort „Dübbüdüb“?

M: Dübbüdüb, Düb Düb Dö Düp! PB: Lass mich raten: Das ist ein Insider, den ich oder jemand anderes nicht versteht?
M: Genau so ist es! Wir wollten über Dübbüdüb vielleicht sogar ein Lied machen. Es ist einfach eine Antwort, wenn man keine Antwort geben möchte.
V: Ein Blanko-Wort
M: Man kann quasi jedes beliebige Wort dafür einsetzen.

[Mitch Maestro verabschiedet sich]

Warum gibt es von euch keine ernsthaften, politischen Lieder, obwohl ihr doch so politische Menschen seid? Ihr könntet doch so viele Leute damit erreichen?


W: Was sollen denn ernsthafte, politische Lieder sein?

Das definiere Du mir mal!

W: Nee, Du wirfst und ja vor, dass wir es nicht machen. Also musst Du es ja wissen.

Sagen wir mal, so etwas wie „Bullenschweine“ von Slime ist ein ernsthafter, politischer Song. Warum gibt es so ein Lied von euch nicht?

W: Weil es kein ernsthaftes, politisches Lied ist! Das sind ja im Prinzip auch nur Parolen, die Du Dir auf ein Flugblatt oder ein Transparent schreiben kannst. Sowas haben wir ja auch. „Scheiß System – weg mit dem“, „Deutsche Polizisten – Gärtner und Floristen“...
V: Ich denke da an den Film „Terror 2000“ von Christoph Schlingensief. Ein sehr enttäuschender Film, der zwar sehr opulent daher kommt aber als Botschaft nur hat: Nazis sind Scheiße, Politiker sind dumm und gefräßig und wollen nur ficken! Das war die Botschaft. Und es ist einfach zu billig, wenn man so was machen würde. Das es so ist, weiß doch jeder. Aber warum sollte man es noch irgendwie in einem Song verarbeiten?
W: Ja, ich denke auch, dass die Tatsache, dass Nazis scheiße sind ist selbstverständlich und es sollte auch in diesen Selbstverständlichkeiten verharren. Das hat aber nichts mit ernsthaften, politischen Liedern zu tun. Die kreative Arbeit dahinter ist ja die gleiche. Egal ob man jetzt das fünftausendste Lied macht, warum Bier schön ist, oder ob man jetzt das fünftausendste Lied macht, dass Nazis Scheiße sind. Aber es ist doch kein ernsthaftes politisches Lied.

Das empfinden aber viele so.

W: Ja, mag sein. Aber ich denke, dass die Wirkung von kulturellen Hervorbringungen sehr konservativ einschätzt wird. Es ist ja nicht so einfach: Jemand singt vom Saufen und die Zuhörer werden alle Alkoholiker. Oder es singt jemand gegen Nazis und alle sind gegen Nazis. Wenn es so einfach wäre, würde ich natürlich nur Lieder gegen Nazis machen. Aber es ist nicht so. Es kann ja theoretisch sogar der gegenteilige Effekt eintreten und beispielsweise diese DVD „Kein Bock auf Nazis“ bewirkt genau das Gegenteil. Vielleicht gibt es 20.000 Nazis mehr aufgrund dieser DVD. Weiß man doch nicht.
N: In der Titanic finden sich ja auch keine plumpen Parolen. Auch da sind die Aussagen ja mit Ironie versehen. So ähnlich ist es bei uns auch.
W: Ich frage mich auch immer, woher Leute, die plumpe Lieder gegen Nazis, Tiermord, Atomkraft, Bullen, Macht... Na gut, kann man machen und ist vielleicht auch ganz schön. Aber es ist doch auch nichts ernsthaft Politisches. Bei ZSK, die sich ja Gott sei Dank aufgelöst haben, wirkte dieses „Gegen Nazis“ sein schon fast wie ein Marketing-Gag. Und wenn sich dreihundert Leute, die gegen Nazis sind, sich mit einer Band, die gegen Nazis ist, in einem Raum treffen und alle beschwören sich, dass sie gegen Nazis sind: Das bringt die Welt doch kein Stück weiter, oder?
V: Kafka hat auch keinen klaren politischen Bezug aber er ist so komplex und tiefgründig, dass er damit mehr erreicht als mit irgendeiner politischen Aussage.

Würdet ihr euch mit Kafka vergleichen?

V: Mindestens! In vielen Fällen schon.

Was haltet ihr von der Grauzonen-Diskussion?

W: Ich find´s lustig, dass es den Begriff „Grauzone“ heute gibt. Ich hab ja auch mal so Mitte der Neunziger Oi-Konzerte in Wattenscheid veranstaltet und da gab es den Begriff noch nicht so. Da wurden die Leute, die man ein bisschen abqualifizieren wollte, eher „rechtsoffen“ genannt. Wir haben uns dann darüber lustig gemacht, indem wir neue Worte erfunden haben. Zum Beispiel „rechtsrustikal“. Bei der heutigen Grauzonen-Diskussion stört mich zum einen, dass man grundsätzlich davon ausgeht, dass eine Grauzone dazu führt, dass die Leute, die Grauzonenbands hören, automatisch in der Gefahr sind, Rechte zu werden. Und es kann natürlich auch wieder genau umgekehrt sein. Es kann auch sein, dass die Grauzone der größte Angriff auf die Nazis ist, weil über diese Zone Nazis zu vernünftigen Menschen werden. Das weiß man halt nicht. Ich möchte das jetzt nicht behaupten. Aber was diese sogenannte Grauzone bewirkt und wer sich dort überhaupt drin ist: Das ist eine Diskussion, die mir einfach zu dämlich ist und ich war ehrlich gesagt froh, Ende der Neunziger mit so einer Scheiße nichts mehr zu tun zu haben. Die meisten Menschen, die den Grauzone-Vorwurf erheben, haben auch hier wieder ein sehr konservatives Weltbild weil sie wie in einer Reklame für Reinigung denken: Wie Du kommst gegangen, so wirst Du empfangen. Oder: Sag mir was Du hörst oder liest und ich sage Dir, wer Du bist. So einfach kann man sich das als Linker nicht machen.
N: Viele machen den Fehler, dass sie die Welt in Schwarz und Weiß unterteilen.
W: Nee, dass kannst Du ja eben nicht sagen. Obwohl eigentlich machen sie ja Grau zu Schwarz und sind selbst Weiß.
V: Oder Weiß zu Grau.
W: Oder Grau zu Orange. Man muss es natürlich bei den jeweiligen Anlässen abwägen mit wem man zusammen spielt. Es gibt Band, die gehen gar nicht. Kategorie C geht gar nicht. Gerbenok geht gar nicht. Die sind einfach Scheiße und die würde ich auch schlicht Nazibands nennen. Aber bei jeder Band immer zu sagen: Der wann dann irgendwann mal mit dem zusammen in der Kneipe, in der auch schon der war, der auch schon das und das gesagt hat... an einer bestimmten Stelle wird es dann zu absurd.
V: Wir sind doch auch die normative Kraft des Faktischen, wie man so schön sagt. Das kommt doch bei ganz anderen Dingen zum Tragen. Zum Beispiel bei „Germanys next Topmodel“. Das ist rechtsradikal. Das erzwingt ein Weltbild, welches die Leute kanalisiert und dumm macht. Viel schlimmer als irgendwelche halbgaren und komischen Sachen. Das ist die faschistoide Tendenz unserer Zeit.

Aber „Topmodel“ wird euch jetzt weniger beschäftigen als eine Grauzonen-Diskussion.

W: Die Grauzonen-Diskussion verkennt, dass es auf der einen Seite Bands gibt, die einem sicherlich unangenehm sind, aber ein großes Publikum haben. Und man fragt sich, wie man damit umgehen soll. Früher, als ich klein war, war ich auch immer der Meinung, dass man das boykottieren sollte. Ich kann mich an eine Diskussion erinnern, als die Böhsen Onkelz in der Jahrhunderthalle spielen sollten und dann meinte irgendwer, wir können uns bewerben und werden vielleicht Vorband der Böhsen Onkelz. Ich sagte ihm, dass er bescheuert sei und habe dann beim Kulturamt, das die Jahrhundert-halle, verwaltete angerufen und mich furchtbar beschwert. Das Konzert hat dann irgendwo anders stattgefunden. Ob das jetzt an mir lag, weiß ich nicht. Vielleicht lag es ja auch an mir, aber vielleicht gab es auch irgendwelche anderen Gründe. Ich würde auch heute mit den Böhsen Onkelz nicht zusammenspielen, wenn es die noch geben würde, weil ich es bei denen recht eindeutig fand, dass sie mal rechts waren und hinterher nicht besonders glaubwürdig. So wie ich das mitbekommen habe, hatten sie zuerst den großen Plattenvertrag und haben dann den rechten Dingen abgeschworen.

Eigentlich wie Frei.Wild heute?

W: Wenn Du den Vergleich schon ziehst, finde ich Frei.Wild ein bisschen unproblematischer als die Böhsen Onzelz. Sie haben unter diesem Namen keine Platten bei einem rechtsradikalen Label rausgebracht. Bei den Onkelz finde ich folgendes problematisch: Irgendwer wird Fan von den Böhsen Onkelz, interessiert sich vielleicht für die Geschichte und landet sofort bei dieser ganzen Rock-O-Rama-Scheiße, bei denen auch Störkraft und ähnliche Bands veröffentlicht wurden. Wenn man heute mit Frei.Wild-Fans darüber sprichst, verstehen die das oftmals überhaupt nicht. Frei.Wild ist problematisch aber ich finde Böhse Onkelz problematischer. Ich weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Im Prinzip ist das Thema Frei.Wild durch. Die haben hier in Bochum gespielt und ich habe nichts von einem Protest dagegen gehört. Die sind bei der Industrie und wahrscheinlich sind die Konzerte, wenn sie in der Turbinenhalle spielen, besser besucht als das Punk im Pott. Aber warum soll ich mir darüber Gedanken machen? Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die definitiv faschistoide Dinge verbreiten.

Zumindest betreiben sie eine problematische Gleichmacherei von rechts und links.

W: Ja, das tun sie sicher! Das müsste man analysieren aber die Frage ist, woher das kommt. Warum haben Frei.Wild so ein Bild von den Linken?

Du meinst, die Linken sind schuld, dass Frei.Wild solche Texte schreiben?

W: Nein, ich denke, dass die vielleicht irgendwelchen Leuten begegnet sind, die von sich behaupten links zu sein aber keine Linken waren. Ich weiß es aber auch nicht. Man müsste sich mit denen aber zumindest auf einer Ebene auseinander setzten auf der man versucht, denen die Welt zu erklären. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich finde diese Gleichsetzung auch problematisch aber im Prinzip ist es das Gleiche, was Konservative machen, wenn sie Unrecht in der DDR mit Naziunrecht gleichsetzten. Das ist ja nun nichts, was besonders selten vorkommt. Diese Position findest Du auch in der CDU und wahrscheinlich sogar bei SPD-Leuten.

Und auf Punkkonzerten.

W: Ja gut, und auf Punkkonzerten. Aber ich finde, eine sich links benennende Szene sollte sich darüber Gedanken machen, dass viele Bands, die heute relativ erfolgreich sind, in derart konservativen Gedankengebäuden leben. In bin ja Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger jung gewesen und damals war alles, was Rockmusik war, eigentlich per se Links. Und eigentlich hat sich die Welt doch von einer sehr komfortablen Mehrheit für linke Musik hin entwickelt zu Bands wie eben Frei.Wild und Böhse Onkelz. Das müsste man problematisieren. Meine momentane Position ist, dass ich Frei.Wild nicht gut finde, aber ich so ein Festival wie Wacken nicht boykottieren würde, weil da Frei.Wild spielt oder sagen würde „Ne, in der Markhalle in Hamburg spiele ich nicht, da haben Frei.Wild gespielt“. Punk im Pott findet ja auch in der Turbinenhalle statt, obwohl da Frei.Wild gespielt hat. Man muss da auf einer Ebene was machen aber das kann nur damit einher gehen, dass es Bands geben muss, die eine ähnliche Gewichtung erfahren und ähnlich viele Zuhörer haben wie diese doch sehr ekeligen Bands.

Also sozusagen ein Gegenangebot schaffen?

W: Ja, man muss ein Gegenangebot machen und nicht einfach sagen: Das ist scheiße und jeder, der mit einem T-Shirt dieser Band rumläuft ist scheiße. Das ist zu wenig.

Werden gegen euch noch Sexismusvorwürfe erhoben?

N: Das kam irgendwie schon länger nicht mehr.
V: Die Stimmen schweigen!
W: Vielleicht werden die jetzt lauter, wenn wir das sagen. Wir sollten sagen: Ja, wir müssen da fast dreimal in der Woche darüber diskutieren. Vielleicht regen sich die Leute auf, aber lassen uns in Ruhe. Ich weiß es nicht. Vielleicht wird das Thema ja auch nicht mehr so diskutiert. Es ist ja auch gewissen Moden unterworfen. Man ist ja heute auch nicht mehr gegen Sexismus, man ist ja auch gegen Spezizismus.
N: Was ist das denn?!
W: Wenn man Menschen und Tiere und alles und man darf überhaupt niemanden und nichts mehr.
V: Sexismus ist doch schon fast gesellschaftsfähig geworden. Ich denke da an Gangsta-Rapper und so.

Die nannte ich ja vorher auch schon als Beispiel. Das wäre auch meine Vermutung, dass es damit zusammenhängt.

N: Das Nachmittagsprogramm im Fernsehen ist härter als unsere Texte.

Eure Musik wird ja in verschiedene Schubladen gesteckt: Deutschpunk, Funpunk, Oi-Punk. Manchmal sogar Comedy, wenn es ganz schlimm kommt. In welche Schublade würdet ihr euch denn selber stecken?

V: Comedy-Oi!
W: So wie jede Band aus den Achtziger Jahren würde ich, wenn wir ein Bandinfo verfassen müssten, sagen: Wir kommen aus unterschiedlichsten Musikrichtungen und lassen uns in keine Schublade einordnen.

Das gibt es doch heute auch noch. Nicht nur in den Achtzigern.

W: Das ist eigentlich der Klassiker. Als ich früher PA gemacht habe, und ich fragte meinen Chef, was denn das für Bands seien, die ich abmischen sollte, sagte der immer: Die kommen aus unterschiedlichen Musikrichtungen und lassen sich in keine Schublade einordnen.

Aus welcher Richtung kommt ihr denn?

W: Also ich komme von der Operette. Nico, du bist mehr so Punker, oder?
N: Genau.
V: Ich komme von den Sparks.

Könntest Du dem unkundigen Plastic Bomb-Leser erklären, wer oder was die Sparks sind?

V: In wenigen Worten zusammengefasst. Die Sparks sind ein Brüderpaar, das seit Ende der Sechziger Jahre zusammen Musik macht und hatten in den Siebzigern Hits. In den Neunzigern hatten sie auch Hits und sind mit das Intelligenteste, was die Popkultur jemals hervorgebracht hat.

Musikalisch sowas wie Devo, oder?

V: Die wurden früher öfter verglichen. Aber Sparks sind einfach noch etwas hintergründiger, subtiler, ironischer und melodischer.

Was ich oft erlebt habe ist, dass Punkmusiker ab einem bestimmten Alter überhaupt keinen Punk mehr hören. Wie sieht das bei euch aus?

N: Also ich höre noch Punk!

Nenn mal ein paar Bands.

N: Ich höre gerne Turbonegro, aber auch so Mainstream-Punk wie Blink 182. Und alte Klassiker wie die Bad Brains.

Wolfgang, Du hörst eher so Chansons aus den zwanziger Jahren, oder?

W: Nö, momentan höre ich nur Deutschlandfunk.

Was spielen die denn da für Punkmusik?

W: Die spielen keine Punkmusik, sondern meistens Wortbeiträge.

Und Musik hörst Du nur auf der Bühne, wenn Du selber spielst?

W: Das würde ich jetzt nicht unbedingt Musik nennen.

Volker, von Dir könnte man ja erwarten, dass Dein musikalisches Spektrum sehr weit gefächert ist.

V: Ich höre viel Django Reinhardt, das ist Zigeunermusik. Und die Sparks.

Besucht ihr denn noch Punkkonzerte? Von Wolfgang weiß ich ja, dass er es macht. Aber ihr anderen beiden?

N: Ja, einmal im halben Jahr gehe ich auf so ein Konzert im Sonic Ballroom. Ich komme ja aus Köln.
V: Mir ist Punk einfach zu laut.

Welche war denn die letzte Platte, die ihr euch gekauft habt?

W: Das war bei mir irgendetwas von K.I.Z. Der Fossi im Vopo Records hatte mir eine K.I.Z.-Platte empfohlen. Das ist aber auch schon Jahre her. Die habe ich mir dann gekauft und öfters auch angehört und habe es nicht bereut.
N: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.
V: Meine letzte Platte war von der Band „Arschfotze“ und hieß „Du dämliche Sau“

Und wirklich?


V: „Music of the spheres“ von Mike Oldfield.

Was quasi das gleiche ist. Wolfgang, Du sprachst K.I.Z. an. Da gibt es doch sogar eine Kooperation, wurde mir erzählt. Wir haben im letzten Plastic Bomb K.I.Z. interviewt und da wurde mir das mitgeteilt.

W: Ich habe einige K.I.Z.-Leute kennen gelernt, als wir beim letzten Mal in Berlin gespielt haben. Auf der nächsten Platte werde ich auch ein paar Worte zum Besten geben, wenn das Lied denn genommen wird. Singen wäre aber übertrieben.

Glaubt ihr, dass eine Band wie die Kassierer funktionieren würde, wenn sie nicht aus dem Ruhrgebiet käme?

W: Ja klar. Das hat ja mit dem Ruhrgebiet nichts zu tun. Wir hatten unsere ersten erfolgreichen Konzerte in Krefeld und das ist ja am Niederrhein und in Ulm. Ich denke, dass die einzelnen kleineren Schritte, die zu unserem bekannt werden geführt haben, in Süddeutschland und Berlin stattgefunden haben. Wir wohnen hier zufällig. Aber sonst hat die Band nichts mit dem Ruhrgebiet zu tun.

Aber es gibt hier ja schon eine gewisse Dichte an, sagen wir mal, intellektuellen Vollproll-Bands wie Lokalmatadore und Eisenpimmel. Die beziehen sich ja relativ stark aufs Ruhrgebiet.

W: Ich glaube, bei uns kommt einmal das Wort „Ruhr“ vor. Aber dass wir jetzt definitiv Ruhrgebiet sind...

Aber Wattenscheid?

W: Na gut, Wattenscheid steht aber nicht für das Ruhrgebiet sondern für einen kleinen Ort, wo alle Leute debil sind. Es hätte auch Uelzen sein können. Irgendein kleiner, debiler Ort, der halt lustig klingt.

Wie fällt eure Bilanz zum eben beendeten Kulturhauptstadtjahr aus?

W: Man hat Gott sei Dank nicht viel davon gemerkt. Ich wollte eigentlich noch ein lustiges Filmchen machen über die Schachtzeichen. Zur Erklärung: Das waren gelbe Ballons, die dort hoch gelassen wurden, wo Zechen waren. Ich bin dann auch beim Punk im Pott rum gelaufen und habe die Leute gebeten, gelbe Luftballons aufzublasen und wollte daraus etwas basteln. Dann wollte ich die Schachtzeichen so filmen, wie sie sind. Aber diese Schachtzeichen haben sich dann selbst so „enternstet“ weil an den Tagen, an denen ich die Dinger filmen wollte, war Sturmwarnung und es standen nur traurige SPD-Mitglieder an irgendwelchen Karren, an denen so ein gelber Ballon waberte aber nicht rauf gelassen werden konnte. Insofern war das an sich schon so deppert, darauf konnte man auch keine Persiflage mehr machen.

Und für Dich als Kölner, Nico?

N: Ich habe davon nichts mitbekommen. Man hat ab und zu mal was im Radio gehört aber ich war auf keiner Veranstaltung.
W: Ich habe mir im Fernsehen diese Eröffnungsveranstaltung angeschaut, auf der Studenten mit Schiebern den Eisregen wegmachen mussten, damit andere Studenten zu US-Amerikanischen Musicalmelodien rumhüpfen konnten. Und dann kam die Stelle, bei der irgendein depperter Bergmannschor „Glück auf, der Steiger kommt“ sang und ich hatte den Verdacht: Das ist bestimmt auch nicht aus dem Ruhrgebiet! Und dann habe ich gegoogelt und das Lied ist aus dem Erzgebierge. Die haben hier definitiv nichts! Noch nicht einmal dieses „Glück auf!“ Nur diese Strophe „Er trägt sein Leder am Arsch“ ist aus dem Ruhrgebiet. Vielleicht ist es ein Erdstrahlentrichter, der die Leute im Ruhrgebiet dazu verleitet, etwas Ordinäres zu machen.

Und Deine Bilanz, Volker?

V: Tja, da gab es die Loveparade. Ich beklage natürlich sehr die Opfer aber ich bin froh, dass es das nun nicht mehr geben wird. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Seit fünfundzwanzig Jahren gibt es nun die Kassierer. Was können wir denn da noch neues erwarten.

V: Wir planen demnächst eine Platte, auf der wir wieder alle Register ziehen wollen. Die Platte soll so versaut sein, das man sagen kann: Ich war zwei Jahre bei der Marine und bin trotzdem rot geworden, als ich das gehört habe. Und die Platte wollen wir „Virtuoso“ nennen.
N: Der Alternativtitel wäre „Zwanzig neue Fick- und Sauflieder“!
V: Es kann aber auch etwas ganz anderes kommen. Operette.
W: Früher, in den 70er Jahren, als es noch keinen Punk gab und alle nur Rock machten, träumten alternde Musiker immer davon, eine Rockoper zu machen.

Und das steht jetzt an?

W: Wahrscheinlich. Zumindest eine Rock-Operette.
V: Die verfickteste Rock-Operette aller Zeiten!
N: In der auch in echt gefickt wird!
W: Ne Operette mit liveficken auf der Bühne. Vielleicht wird es ja eine Alternative. Es ist ja nicht mehr lange hin und irgendwann wird der Starlight Express ja auch mal zum Erliegen kommen um die Halle dann mit unserer Live-Ficken-Operette-Ruhrgebiet...

Starfick-Express? Apropos ficken: Zwei von euch, Volker und Niko, sind ja auch Familienväter. Wie werdet ihr euren Kindern später mal erklären, was ihr DA gemacht habt, auf der Bühne?

V: Ich werde es totschweigen. Nein, ich werde dazu stehen. Ich finde das, was ich mache, großartig. Ich habe nur eine Befürchtung, da junge Leute sich immer gegen ihre Eltern auflehnen müssen: Was kann ein junger Mensch sagen, wenn der Vater so megacool war, wie ich es bin? Sie muss also zwangsläufig zum Spießer werden.
W: Kann aber auch zum Nazi werden, wenn Du Pech hast.
V: Das wäre noch schlimmer.

Die Jubiläumstour ist ja nun vorbei. Ist auf dieser Tour etwas Spektakuläres passiert?

N: In Berlin waren über 1.300 Leute da.
W: Das war unser am besten besuchtes Einzelkonzert in den fünfundzwanzig Jahren.
V: Die Halle war voll, ich war voll und mein Portemonnaie war am Ende auch voll.

Ihr zieht live immer mehr Publikum, oder?

W: Ja, ich glaube es hat sich in-zwischen rumgesprochen, wo man Qualität bekommt.
N: Das kommt sicherlich auch durch das Internet. Das macht zwar die Plattenverkäufe madig aber uns dadurch immer mehr Leute kennen lernen.
W: Obwohl mir Plattenverkäufe lieber wären, weil die nicht so anstrengend sind.

Auch wenn die Frage jetzt keinen Bezug mehr zum vorherigen Thema hat: Habt ihr immer noch so ein schreckliches Live-Publikum? Die letzten Male pendelte es so zwischen Rosenmontagsumzug und Kegelklub-Ausflug.

W: Nein. Das ist schon in Ordnung.
V: Mittlerweile sind nur Akademiker auf unseren Konzerten. Hochschulprofessoren und so...
W: Mal sind viele Punks da, mal sind viele Skins da, manchmal ist es bunt gemischt. Komischerweise waren, als wir beim Wacken Open Air gespielt haben, unheimlich viele Metalfans da.

Habt ihr nie überlegt, euch mal ein paar Jahre aufzulösen und sich dann von Alex Schwers den Reunion-Gig vergolden zu lassen?

W: Wenn man hört, was da so bei rum kommt, ärgert man sich schon über die letzten fünf Jahre, in denen man Konzerte gespielt hat.

Viele Bands haben ja das Problem, dass ihre Plattenverkäufe nicht mehr so gut sind und sie zum Ausgleich mehr touren und Merchandise verkaufen müssen, um Geld verdienen zu können.


W: Man kann schlecht einschätzen, ob der Bekanntheitsgrad, wie Niko sagte, zugenommen hat. Was man jedoch sagen kann ist, dass die Plattenumsätze durch das Internet zurückgehen was für neue Bands traurig ist. Früher konnte man theoretisch als Punkband ins Studio gehen, fünfhundert Singles machen und konntest Dir sicher sein, dass Du die los geworden bist und hast sogar noch Geld damit verdient. Heute kann man vielleicht billiger aufnehmen aber das wird dann im Internet angehört und keinen interessiert es. Du kannst ja auch nicht sagen: Liebes Plattenlabel, mach mit mir eine Platte. Ich hatte schon dreitausend Klicks auf meiner MySpace-Seite.

Aber es gab ja Bands, die durchaus durch MySpace oder Youtube nicht nur zu virtuellen sondern auch zu realen Stars geworden sind. Das eröffnet ja auch neue Möglichkeiten.

W: Ja? Wer denn zum Beispiel?

Arctic Monkeys zum Beispiel. Die sind glaube ich über MySpace bekannt geworden.

N: Aber trotzdem hat es ja auch eine ganze Infrastruktur an Labels plattgemacht. Die Entwicklung ist so und das kann man nicht ändern. W: Gibt es noch mehr außer Arctic Monkeys?

V: René Marek, der Typ mit den kleinen Maulwürfen und dem Frosch. Kennt ihr den? Diesen Maulwurf mit dem Sprachfehler?
W: Aber gemessen daran, was alles runtergeladen wird, es ist doch ziemlich wenig. Ich denke, dass letzten Endes das Downloaden im Internet dazu führt, dass solche Sachen dann werbefinanziert werden und die gesamte Musikbranche ungefähr so abflacht wie RTL oder RTL II.

Du meinst, zwischen den Liedern wird dann Werbung eingespielt?!


W: Nein, eher dass Musik auf Seiten umsonst als Beigabe abgegeben wird, die sich über Werbung finanziert und deswegen das kulturelle Angebot verflacht.

Aber Du hast doch früher bestimmt auch Schallplatten auf Kassette überspielt?


W: Nein, ich hatte nie einen Kassettenrecorder.

Um dennoch auf den Punkt zu kommen: Andere haben es gemacht.

W: Na gut. Aber der klangliche Abfall einer Schallplatte, selbst wenn Du die auf einem Mister Hit-Plattenspieler abgespielt hast, war im Unterschied so erheblich, dass es für Dich wichtig war, die Originalplatte zu haben.
V: Die Distribution war eine ganz andere. Du hast vielleicht mal einem Kollegen die Platte geliehen aber durch das Netz...
N: Die werden ja ein zu eins ohne Qualitätsverlust kopiert.
W: Den Leuten kann man auch heute nicht mehr begreiflich machen, was Qualitätsverlust ist, weil die meisten Musik heute über grauenhafte Computer-Lautsprecher hören. Da ist es sowieso egal.
N: Aber die Entwicklung, selbst wenn man sie beklagt, kann man ja eh nicht ändern.

Die meisten reagieren ja darauf, wie ich schon sagte, indem sie mehr live spielen oder mehr Merchandise anbieten. Also die Musik als Basis nehmen und am drum herum verdienen wollen.

W: Ja, momentan sind Bands ja eher Klamottenläden mit angeschlossener tontechnischer Abteilung. Es wird aber auch nicht mehr lange dauern bis Du Dir jedes Motiv selbst hoch laden kannst und für fünf Euro ein T-Shirt mit Deinem Lieblingsmotiv zugeschickt bekommst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der gesamte Merchandise-Bereich nur noch dazu dient, irgendwie Content einer Internetseite zu sein und dann ist es halt vorbei mit der Kultur.

Und dann? Keine Musik mehr?

W: Es verflacht. Es wird alles völlig beliebig und schwachsinnig!

Aber von der Infrastruktur profitieren die Bands davon, die vielleicht nicht den Anspruch haben, damit Geld zu verdienen.

W: Es geht doch nicht darum, Geld zu verdienen. Es geht darum, dass es einen gewissen Standard und dass es gewisse Aussagen gibt. Und das man auch mit schrägen Dingen durchaus ein Publikum erreicht. Und wenn es vollkommen beliebig ist, gibt es ganz viele Bands, die aber nur noch einen Zuschauer haben. Aber es ist ja nicht so. Es wird immer so sein, dass bestimmte Firmen, Fernsehsender und ähnliches herrschen, die dann was Allgemeingefälliges haben und ich denke, dass gerade der politische Faktor von Musik wird demnächst abnehmen, wenn diese Tendenz so weitergeht. Es können sich ja durchaus noch heute noch nicht vorstellbaren Dinge ergeben. Aber wenn es so weitergeht, wird es inhaltlich alles so wie Starlight Express sein.
N: Es wird ein bisschen „gleichgeschaltet“, um mal diesen problematischen Begriff zu verwenden.
W: Es wird seichter. Du hast in einer kommerziellen Musikbranche immer die Möglichkeiten gehabt, plötzlich Revolutionen zu starten oder etwas Neues zu machen. So etwas wie Punkrock überhaupt oder auch schon in einer Welt, die von klassischer Musik und Jazz geprägt war, plötzlich sowas wie Rock'N'Roll zu starten. Das war einfach nur, weil damit Geld verdient wurde. Im Prinzip ist Kapitalismus in einem bestimmten Bereich durchaus qualitätssichernd.

Lasst ihr euch bei der nächsten Platte genau so viel Zeit?

V: Die nächste Platte liegt eigentlich schon fertig komponiert in der Schublade. Wir suchen noch nach einem Label, aber bisher hat sich keiner bereit erklärt. Zu heiß das Material!
W: Das Problem ist, dass alle, denen wir das Material vorspielen, und wir spielen es nur vor, kreidebleich werden, kotzen und umfallen.

Ihr könnt das ja kostenlos im Internet zur Verfügung stellen.

W: Das haben wir versucht, der Rechner ist kaputt gegangen! Aber das ist eigentlich geschickt. Man könnte mal Tondateien über das Internet…

…und dann dafür Geld verlangen! Ein ganz neuer Markt.

V: Aber im Grunde können wir uns nicht beklagen. Wir möchten uns bei all den Leuten bedanken, die uns nun schon 20 Jahre unterstützen.
W: Wir werden voraussichtlich ganz neue Vertriebswege beschreiten. Wir werden eine neue Platte aufnehmen, die wir dann aber überhaupt nicht mehr verkaufen sondern wir werden Räume anmieten, in denen die dann angehört werden kann. Erst werden alle Leute durchsucht damit sie nichts zum aufnehmen reinschmuggeln und dann können die dasitzen und dann wird das vorgespielt.

Eure neue Platte gab es auch schon vorab im Internet, oder?

N: Oh ja, ärgerlich. Aber man kann es nicht ändern.
W: Ja doch, man könnte das mit dem vorspielen machen. Am Anfang, als das CD-Brennen in Mode kam, haben die noch so Walkmans verschickt, wo die CD reingeklebt war.

Das ist ja sehr geschickt!

W: Ja, hat aber irgendwie nicht funktioniert.
N: Komisch!

Ich hätte jetzt keine Fragen mehr. Wollt ihr noch was sagen? Ein Schlusswort vielleicht?

N: Wir möchten uns vor allem bei uns selbst bedanken für die letzten fünfundzwanzig Jahre.
W: Wir haben das gut gemacht.