In England recht bekannter  und mindestens ebenso berüchtigter Fernsehkritiker, Schriftsteller, Musikjournalist und der Erfinder von OI! als Musikgenre. Er hat bereits für den DAILY STAR, den DAILY MIRROR, den LONDON EVENING STANDARD, die SUN, CHANNEL 4, und ITV (Seine Sendung im Spätprogramm „Bushell on the Box“ hatte sogar eine Einschaltquote von bis zu 68%) gearbeitet. In der Oi! Szene gibt es wohl keine andere Persönlichkeit über die intern so viele Schmählieder verfasst worden sind wie über den guten alten Garry. Die Idee zu dem Interview kam mir, als Marco von KLASSE KRIMINALE mir auf einem Konzert die aktuelle Split7“ seiner Band mit den GONADS in die Hand drückte. Erwähnenswert wäre vielleicht noch das Mr. GONAD nur einen halben Tag benötigte, um mir seine zumeist ziemlich ausführlichen Antworten zukommen zu lassen – abgehoben ist glaube ich etwas anderes...  Is schon ein wenig älter das Inti hier, aber nichtsdestotrotz glaube ich ganz lesenswert....

 

PB: Stimmt es, dass der BULLDOG dich einen „Verräter der weißen Rasse“ nannte, deine Privatadresse veröffentlicht hat und dass du 1981 von Nazis körperlich angegriffen wurdest? Wie haben dich diese Vorkommnisse persönlich und politisch geprägt?

Garry Bushell: Ja, das stimmt. Der BULLDOG die Jugendzeitschrift der YOUNG NATIONAL FRONT brandmarkte mich als „Verräter an der weißen Rasse“, weil ich damals und zu keiner Zeit ein Rassist war und oder bin. Ich war meinem damaligen Selbstverständnis nach ein Sozialist, als ich seinerzeit fürs SOUNDS arbeitete. Die NATIONAL FRONT druckte meine Adresse in ihrem Hassheft und ich bekam einige  mit üblen Rechtschreibfehlern durchzogene, hasserfüllte Briefe. Ich wurde auch von einer Gruppe BRITISH MOVEMENT Nazis im 100 Club attackiert  (Es war die Art von Auseinandersetzung, welche solche Leute bevorzugen – 15 von Ihnen, wir waren zu dritt) und wurde von zwei anderen BM Boneheads in einem Zug bedroht. Diese Leute waren ausnahmslos völlige Idioten. Viele der führenden Oi! Persönlichkeiten wurden von Neonazis angegriffen. Garry Johnson wurde zusammengeschlagen, Si Spanner wurde mit einem Messer angegriffen und verwundet. Bei den REJEKTS bissen sie sich jedoch die Zähne aus. Meines Wissens mindestens zweimal. Es brachte mich, oder auch Garry (Johnson) nicht zum Schweigen. Es brachte uns allerdings dazu anlässlich einiger Touren mit RED ACTION zu kooperieren. Heutzutage mag ich weder das eine noch das andere Extrem.

PB: Ich hab gelesen, dass du, bevor du einen Vollzeitjournalist geworden bist, dich als Amateurboxer versucht hast? Warum hast du aufgehört? Was denkst du über den heutigen Zustand des Boxsports? Hierzulande hat das Ganze meiner Meinung nach einiges von seinem ursprünglichen Schmuddelcharme eingebüßt (Keine Lumpenproletarier und nicht mehr so viele zwielichtige Halbweltcharaktere unter den Zuschauern, stattdessen immer mehr vom Reichtum gezeichnete Schickimickitypen und sonstiges Upperclassgesocks).
Garry Bushell: Ich möchte darauf wirklich nicht allzu sehr rumreiten. Ich hatte einige kleinere Kämpfe, nichts wirklich ernstes. Mein größter Kampf war gegen Lloyd Honeyghan (Anm. von Basti: Legendärer britischer Boxer, geboren auf Jamaika, holte sich den Weltmeistertitel im Mittelgewicht gegen Donald Curry. Vor dem Kampf versuchte Curry den farbigen Honeyghan mit der Frage „Who is this ragamuffin?" zu beleidigen. Nach dem Kampf ging der arrogante Arsch in Rente und Honeyghan bewies neben seinem boxerischen Können auch seinen Sinn für Humor, da er sich den Namen Ragamuffin für seine zukünftige Laufbahn zu eigen machte. Der Ragamuffin Man, wie er sich später auch nannte, gewann von 48 Kämpfen 43, davon 31 durch KO und hielt von 86 bis 87 die WBC/WBA & IBF Mittelgewichtskrone auf dem Kopf, zwischen 1988 und 1989 war er zudem der Mittelgewichtschampion der WBC. Honeyghan war dagegen, dass die WBA das Apartheidregime Südafrikas nicht boykotierte und schmieß seinen Gürtel bald nach dem Erhalt in einem Londoner Mülleimer.  Dies erschien ihm damals sinnvoller als ihn gegen den Südafrikaner Harold Volbrecht zu verteidigen.) auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Der Kampf wurde von Annie Lennox (Anm. von Basti: Ehemals EURYTHMICS) arrangiert. In England ist Boxen immer noch eine Sache der Arbeiterklasse, aber ich würde nicht unbedingt behaupten, dass es ein ehrlicher Sport war oder ist. Die Korruption regiert auch dort und ist ziemlich allgegenwärtig.
PB: Mitte der Siebziger wurdest du zu einem aktiven Mitglied der INTERNATIONAL SOCIALISTS und hast für die linke Zeitschrift SOCIALIST WORKER geschrieben. Entspricht es der Wahrheit, dass du unter der Beobachtung des MI5 (Anm. Basti: MILITARY INTELLIGENCE, SECTION 5, britischer Inlandsgeheimdienst) standest?

Garry Bushell: Ich wurde bereits mit 15 zu einem aktiven Sozialisten und trat drei Jahre später im Jahre 1973 den INTERNATIONAL SOCIALISTS bei. Ich absolvierte meine journalistische Ausbildung beim SOCIALIST WORKER und wurde vom UK Geheimdienst beschattet, welcher mich, eher realitätsfern, intern als einen Feind des Staates eingestuft hatte. Bei ihrer Vorgehensweise waren die Schnüffler allerdings alles andere als diskret. Sie parkten offen vor meiner Haustür, folgten mir überall hin und brachten die Bullen dazu mich auf der Straße anzuhalten und mich als Einbrecher zu bezichtigen. Auf mich wirkte das alles damals ziemlich bizarr. Allerdings offenbarte der ehemalige MI5 Mitarbeiter David Shayler mir im Jahre 97 (als der ganze Kram an die Öffentlichkeit drang) nachträglich den eigentlichen Ernst der damaligen Lage. Außer SW, schrieb ich auch noch für den REBEL und das RAR-Magazin TEMPORARY HOARDING.

PB: Von 1978 an bis zum Jahre 85 hast du fürs SOUNDS geschrieben. 1985 zogst du in die noble Fleet Street und hast einen Job für die SUN angenommen. In einem Interview, welches du Mathias Mader im OI! THE BOOK gegeben hast (in welchem du gefragt wurdest, ob du jemals gedacht hättest, dass du dort mal arbeiten würdest) hast du geantwortet „nicht in einer Million Jahre“, aber dass du auch heute noch froh darüber bist diese Gelegenheit wahrgenommen zu haben. Was hast du damals gedacht, als dir der Job angeboten wurde? Hat es sich eher wie ein Pakt mit dem Teufel angefühlt, oder doch wie der berühmt berüchtigte Hauptgewinn beim Lotto?

Garry Bushell: Ich verließ das Sounds, da Dave Mc Cullough und ich nicht zu faul werden wollten und sumpfige Standardmusik kann einem, wie der Tritt mit der Spitze eines Stiefels, zusetzen. Wir dachten außerdem das nach unserem Verschwinden, die entstandene Lücke mit neuen, wütenden Schreibern aufgefüllt werden würde. Doch die Zeit für Leidenschaft war vorbei. Ich kündigte und schrieb IRON MAIDENS autorisierte Biographie. Das Angebot für die Pop and Showbiz Kolumne der SUN zu schreiben wurde mir im Februar 1985 von Pat, der Frau von Bruce Foxton (Anm. Basti: ehemals THE JAM, STIFF LITTLE FINGERS) unterbreitet. Ich probierte es zwei Tage lang und empfand es als äußerst belebend. Jenen Sommer schrieb ich zudem für den DAILY MIRROR und den LONDON EVENING STANDARD. Ich schrieb über Rockmusik, nicht über Politik, ich machte weiter damit THE BLOOD zu managen und auch meine „Lord Waistrel“ Kolumne für das SOUNDS gab es auch noch in den Jahren 85 bis 86. Bis zum März 1987 hatte ich keine Stabsstelle bei der SUN. Erst musste ich sie überzeugen. Ich schaffte dies dadurch, dass ich die Nummer 1 Single der Band FERRY AID zusammenstellte. In dieser Periode entwickelte sich auch meine Desillusioniertheit gegenüber der sozialistischen Ideologie an sich, welche sich zudem mit meiner Opposition gegenüber der Europäischen Union verband. Zu diesem Zeitpunkt war es sicher einfach die SUN zu dämonisieren, aber bis zum Jahre 1979 war die Zeitschrift noch eher Labour zugewandt gewesen. Mitte der 90er hatte Murdoch auch schon wieder genug von seiner Liaison mit Major. Warum ich einen Vollzeitjob bei der SUN angenommen habe? Es ist halt einfach so passiert, dass sie mir eine Stabsstelle angeboten haben. Wenn der MIRROR mir das gleiche angeboten hätte, wäre ich auch dort hingegangen. Zu diesem Zeitpunkt gab es bei der SUN allerdings mehr Sozialisten als beim MIRROR.  Die Idee, dass ich meine Seele an die SUN verkauft hätte ist absurd. Bis Mitte der 90er hab ich nichts von der großen Kohle, welche Kolumnisten sonst so kriegen, zu sehen bekommen. Abgesehen davon war die SUN die größte Arbeiterzeitschrift im UK. Mit der SUN erreichte ich mehr Leser aus der Arbeiterklasse, als ich dies vorher jemals mit dem SOCIALIST WORKER tat.

PB: Was würdest du deine Alteregos aus den linken 70ern, den streetrockenden 80ern und deiner Zeit als Sonnenanbeter (SUN-worshiper) raten, wenn du die Möglichkeit hättest in der Zeit zurückzureisen?

Garry Bushell: Ich würde ihnen raten, sie sollten besser darauf achten wen sie heiraten. Ich bin immer noch der gleiche, der ich damals war. Ich hab mich nicht  allzu sehr verändert. Ich hasse immer noch Snobs und Bürokraten. Ich liebe immer noch Punk, Ska, Rock und alten Soul. Es gab zu keiner Zeit eine Phase in meinem Leben in welcher ich den Kontakt zu meinen alten Kumpels aus den Punk, Ska, oder  Modkreisen verloren hätte. Tatsächlich reformierte ich die Band bereits im Jahre 1990 und später 1995 permanent, also bereits vor 13 Jahren.

PB: Was ist deine Meinung betreffend der Aufführung der „Feeding of the 5000“ LP von Steve Ignorant am Shepherd’s Bush Empire? Was denkst du über ihn heute und was hast du über ihn und CRASS damals gedacht?

Garry Bushell: Selbst die Anarchisten üben sich heutzutage scheinbar gerne in Nostalgie. Zu der Show im speziellen hab ich keine Meinung, da ich sie nicht gesehen hab. Ich kenne Steve Whale (Anm. Basti: THE BUSINESS), welcher sowohl für sie als auch für uns Gitarre gespielt hat, und bewundere ihn immens. Von Steve Ignorant abgesehen, waren CRASS Mittelklassehippies, die so taten als wären sie Punks. Sie haben jede Menge Leute reingelegt, aber zumindest haben sie an das geglaubt was sie taten. Persönlich hab ich nichts gegen sie, rein menschlich betrachtet. Ich habe mich damals nicht sehr für ihre Musik oder ihre politischen Absichten interessiert, aber ich liebte sie für ihre Fähigkeit öffentlichkeitswirksamen Schabernack zu treiben und ich war der erste in der Rockpresse, der überhaupt über sie schrieb. Musikalisch gefielen mir CONFLICT und HONEY BANE besser.

PB: Hast du schon das neue SHAM 69 Album gehört? Immer noch SHAM oder eher SHAME 69 und wie findest du das neue COCK SPARRER Album? 

Garry Bushell: Nein, Ich hab das neue SHAM Album noch nicht gehört. Aber die neue COCK SPARRER ist Klasse. Sie schaffen es auch heutzutage noch großartige Songs zu schreiben. Das Debütalbum der MASONS ist auch ziemlich aufregend.

PB: Erzähl uns doch ein bisschen über dein eigenes Zine aus dem Jahre 1977.

Garry Bushell: Yeah, Ich hab alles selber geschrieben und auch selbst rausgebracht. Zuvor habe ich bereits an der Schule eine Comedy und Rockzeitschrift namens PINK TENT gemacht (Dies war auch der Name meiner ersten Band). Für das Punkzine, NAPALM, habe ich solche Leute wie Poly Styrene interviewt. Verkauft habe ich das ganze eher auf lokaler Ebene. Für mich war die Sache mit der Zeitschrift damals ein Heidenspaß. 1977 war ein sehr aufregendes Jahr. Als Ich für ein Interview damals zum SOUNDS musste, zeigte ich Alan Lewis einige Ausgaben des Zines. Er frug mich ob ich nicht Lust hätte ein paar Reviews zu schreiben und anfangs verfasste ich ungefähr 10 Kritiken pro Woche. Ich bekam die Stabstelle. Zu diesem Zeitpunkt verkündete der NME (Anm. Basti: NEW MUSICAL EXPRESS, Konkurrenzblatt des SOUNDS) das Punk tot war. Aber er war nicht tot. Britannien war voller junger Bands wie den RUTS und den SKIDS. Ich sah jeden Abend haufenweise überaus fantastische Bands.

PB: Boy George hat dich einst den „Bernhard Manning des Pop“ (Anm. von Basti: Englischer, höchst umstrittener Komiker, der zeitlebens gegen den Vorwurf ein Rassist zu sein, anzukämpfen hatte. Vom Sender CHANNEL 4 wurde er im März 2007 auf Platz 29, der größten Standupcomedians aller Zeiten gewählt, allerdings wurde er nach seinem Ableben in einer anderen Sendung auch auf Platz 16 der schlimmsten Briten aller Zeiten plaziert). Welchen Titel würdest du ihm denn verleihen?
Garry Bushell: Der Oscar Wilde des armen Mannes. Was ist bloß mit dem alten, pummeligen George passiert? Sind ihm etwa die John Denver Songs zum Stehlen ausgegangen?

PB: Punk im allgemeinen hat inzwischen seinen Einfluss auf die Massenkultur (Beckham Iro, Sponsoring von Punkbands durch Bekleidungsfirmen etc.) ausgedehnt bzw. im Gegenzug natürlich der Mainstream auch auf Punkrock. Oi! (Ist für mich ein Subgenre von Punk) blieb davon bislang weitestgehend verschont. Was sind in deinen Augen die Gründe dafür, warum die Industrie Oi! im Gegensatz zu Punk nicht mit der Kneifzange anfasst? 

Garry Bushell: Oi! war für die Autoritäten schon immer zu echt. Es war echter Punk: Working-Class-Musik für Rebellen. Es besaß zudem schon immer einen hohes Maß an Integrität. Deshalb hat Oi! auch all die Lügen überlebt und so viele großartige zeitgenössische Punkbands beeinflusst.

PB: Einer der tragischsten Momente in der Geschichte des Oi! war sicher Southall. Was ist deine Meinung zu dem Zwischenfall und dem darauffolgenden späteren Medienecho?

Garry Bushell: Southall war nur einer von Hunderten von Gigs, der von den Medien allerdings in lächerlicherweise ausgeschlachtet wurde, besonders durch die DAILY MAIL. Einzig allein der GUARDIAN ließ sich dazu herab auch mit den beteiligten Bands zu sprechen und wahrheitsgemäß zu berichten. Die Hintergründe hierzu erkläre ich ausführlich und in voller Länge auf meiner Seite garry-bushell.co.uk in „The Story of Oi!“.

PB: Denkst du, dass die Massenmedien durch ihre einseitige Berichterstattung (Oi! sei ein reines Skinhead Phänomen und alle Skins wären Nazis etc.), solchen Idioten wie Joseph Pearce (damaliger YNF Oberhonsen), der behauptete, dass „die Oi! Bands der musikalische Arm der National Front“ wären, in die Hände gespielt haben?
Garry Bushell: Pearce war nichts anderes als ein dreckiger Lügner, der in seinem ganzem Leben noch nicht auf einem einzigen Oi! Gig gewesen ist. Selbstverständlich spielten die Anschuldingungen der Torypresse, Oi! und lächerlicherweise auch das SOUNDS seien faschistisch, der extremen Rechte in die Hände. Die ersten Punkbands beispielsweise flirteten ihrerseits viel offener mit Neo-Nazi Symbolik und Ideen. Für die Geschichtsbücher 1) Oi! war zu keiner Zeit ein Phänomen welches sich ausschließlich und allein auf Skinheads beschränkte. Es war ein Arbeiterklassephänomen; Sowohl für Skins und Hooligans, als auch für Punks 2) Nur eine äußerst kleine Minderheit unter den Skins bandelte mit der extremen Rechten an, die meisten waren eher apathisch, oder unterstützten Labour. 3) Nicht eine der Bands auf den Oi!-Samplern waren Nazis, aber ich könnte dir ein halbes Dutzend zeigen, die Sozialisten waren. Die DAILY MAIL verbreitete einige Lügen über Oi! und Southall. Ironisch an der Sache war, dass die Mail Mosley (Anm. von Basti: Sir Oswald Ernald Mosley, geboren am 6. November 1896, Gründer der faschistischen Partei BRITISH UNION OF FASCISTS (BUF).  Im berühmten „Battle of Cable Street“ im Oktober 1936, wurden Mosley und sein Mob von Anhängern von einer Überzahl von Antifaschisten zum Rückzug gezwungen und somit eine entscheidende Schlappe beigebracht) unterstützt hatte, das gleiche gilt übrigens für Mussolinis Invasion Abessiniens und ebenso wenig fanden sie etwas dabei die Appeasementpolitik gegenüber Hitler zu unterstützen. Dort gab es mehr Nazis als auf unseren Gigs. Nichts davon machte Sinn. Warum sollte ich als jemand der mehr als jeder andere über 2 Tone geschrieben hatte, und der einst überzeugter Sozialist sogar mit Parteibuch war, für einige wenige Monate zum Nazi mutieren und sich dann wieder zurückändern? Das ist bekloppt.
PB: Und nun zu etwas völlig anderem...Was hältst du vom sogenannten Mosley-Nazi-Sex-Skandal? Wie der Vater so der Sohn (ehemaliger FIA Präsident)?

Garry Bushell: Der Typ mag es daheim also gerne den Hintern versohlt zu bekommen, na und? Beim S&M gibt es von je her jede menge schwarzes Leder. Ich glaube niemand würde sich gerne den Hintern von einer Frau, die wie ein CND (Anm. von Basti: Campain for Nuclear Disarmament) Hippie angezogen ist, versohlen lassen (Obwohl wenn Jane Fonda nett anfragen würde, würde ich zumindest darüber nachdenken). Ich denke nicht das die Aufnahmen belegen, dass Mosley junior ein Faschist ist, oder gar den Nationalsozialismus predigt.

PB: Welcher der klassischen Oi! Sampler, die du fürs SOUNDS zusammengestellt hast gefällt dir am besten? Magst du den Kram der später für SECRET zusammengestellt wurde?

Garry Bushell: Mir gefielen die ersten Drei am besten. Der Zweite und der Dritte waren definitiv die Besten. Doch die Reihenfolge der Lieder auf „Carry on Oi“ war verkehrt. Alle anderen hatten auch ihre guten Tracks. Keiner der Sampler war wirklich schlecht. Ich denke heutzutage gibt es eine Tendenz unter den Leuten, Oi! musikmäßig sehr eng zu definieren: Brickwallpunk mit Stadionchören, aber wenn man den frühen Bands lauscht war der Sound um einiges variabler.

PB: Hättest du jemals gedacht, dass dir ein Photo von Nick Crane in Verbindung mit dem abgeänderten Titel einer SKIDS EP (Anm. Basti: „Strength through Joy“ hieß die Single – englische Variante des Nazislogans „Kraft durch Freude“) soviel Ärger machen würde?

Garry Bushell: Nein, zum damaligen Zeitpunkt wusste ich auch nicht dass der Typ auf dem Foto Nicoli Crane war. Jener berüchtigte schwule Neonazi, Halbitaliener und Müllmann, welcher später an AIDS starb. Ich dachte seinerzeit, dass das Bild ein Standbild aus dem Film THE WANDERERS war. Das zweite Album sollte ursprünglich eigentlich „Oi of Sex“ heißen, dann hab ich es mir aber anders überlegt und hab es in Anlehnung an besagte SKIDS EP halt „Strength through Oi“ genannt. Der ursprüngliche Coverentwurf war ebenjener Slogan auf dem Kopf eines Skinheads eintätowiert. Der zweite war ein Foto von Carlton Leach (ICF Hooligan und Bodybuilder), aber auch dieses Bild war ebenso wie der erste Entwurf leider unbrauchbar. Ursprünglich hatten die Sampler folgende Covermotive 1)Mick Geggus (Anm. Basti: COCKNEY REJEKTS) mit Hooliganfrisur 2) Wütender Skinhead 3) Cartoon mit Punk, Skin und Hooligan 4) Ein paar Stiefel 5) Meine Kinder 6) Ein football hooligan, John Cousins (Sozialist) 7) Ein weiterer Cartoon.
Und meine Kinder fotografiert  auf dem Ferrier Anwesen, wo ich damals lebte. 

PB: Wie denkst du kommt es, dass SKREWDRIVER von weiten Teilen der Öffentlichkeit als Oi! Band wahrgenommen wurde und werden, obwohl die Band nie behaupteten eine zu sein?

Garry Bushell: Ich denke das kommt daher, dass die Leute welche die Szene nicht kennen, zumeist die Kröten der Massenmedien gründlich geschluckt haben. So von wegen alle Oi! Bands sind Skinhead Bands und deshalb sind im Umkehrschluss auch alle Skinheadbands Oi! Bands. Das macht soviel Sinn wie Die Redskins als Oi! Band zu bezeichnen. SKREWDRIVER hatten rein gar nichts mit Oi! zu tun. Zur Zeit als die ersten Oi!-Sampler rauskamen hatten sie sich aufgelöst, sie waren nicht existent und Ian Stuart (Mittleklasseskin) musste später seine eigene BLOOD & HONOUR Szene gründen, weil wir nichts mit ihm zu tun haben wollten.

PB: Die heutigen Szenen sind meiner Meinung nach nicht mehr so strickt von einander getrennt, wie das früher hierzulande zumindest zeitweise der Fall war. Heutzutage gibt es eigentlich keine großen Probleme mit den Besuchern, wenn man ein Konzert veranstaltet und dort Punk, Oi!, Ska und Psychobillybands mischt. Wie war das als Oi! erstmalig das Tageslicht erblickte. War es anders als heute?

Garry Bushell: Die ersten Skins kamen zwischen 1968 und 1970 zum Vorschein. Kleine Gruppen von jungen Skins, welche bevorzugt in Punkclubs rumhingen, füllten den Kult im Jahre 1976 mit neuem Leben. Erst im Jahre 1978, durch SHAM 69, wurde es zu einer Massenbewegung. Ende 79, spielten die 2-TONE Bands und wurden so zum Geburtshelfer einer neuen Generation von Rude Boy Skins und Afroboys, die sich mehr an der traditionellen Mode und Musik der Originalskinheads orientierten. Das waren aber keine hermetisch abgeschlossenen Gruppen. Ich kenne Arbeiterklassepunks, welche erst zu Skins, dann zu Mods und später zu Casuals wurden. Ich bin mit dieser Szene großgeworden. Auf den ersten Oi! Gigs bestand das Publikum immer aus einer Mischung aus Punks, Skins und Hooligans.

PB: Es gibt damals und heutzutage nicht viele Bands, die mit den GONADS in einer Liga spielen, zumindest wenn es um Humor geht. Eine Band die mir da in den Sinn kommen würde,  wäre HARD SKIN. Kennst du sie und ihre Musik?

Garry Bushell: Ich selbst habe HARD SKIN leider noch nie live gesehen, aber ich mag ihre Musik. Es gab einige wenige lustige Bands zu Zeiten der frühen Oi! Tage,
SPLODGE, THE TOYDOLLS, and THE ALASKA COWBOYS zum Beispiel.
Die MACC LADS, welche ein wenig später auf der Bildfläche auftauchten, mochte ich auch sehr gerne. Die GONADS sind eine Partyband. Für uns gibt es nichts größeres als MAX ROMEO.

PB: Was war das seltsamste, was dir jemals auf Tour mit den GONADS passiert ist?

Garry Bushell: Ich fürchte, dass kann ich dir nicht verraten. Da musst du schon auf das Buch warten.

PB: Was sind deine Zukunftspläne mit den GONADS?

Garry Bushell: Wir haben gerade ein neues Album aufgenommen und wir spielen momentan einige ganz gewöhnliche Gigs im Vereinigtem Königreich. Wir sind aber immer offen für Vorschläge.

PB: Ich hab gelesen, dass du die New Yorker Oi!-Band MANINBLACK managst, hast du ein paar Infos zur Band?

Garry Bushell: Yeah, Andre Schlesinger, ehemals THE PRESS ist THE MANINBLACK. Er war ein weiterer Sozialist, welcher von den GONADS zum Oi gewandelt wurde, damals 1981. MANINBLACK sind exzellent, hört mal in ihre Sachen auf MYSPACE rein – Hi-Tech Synthesizer trifft Lo-Fi Punk!

PB: Nach all den Jahren der Abwesenheit, was hat dich dazu bewogen in die Szene zurückzukehren?

Garry Bushell: Nun, wir waren nie wirklich allzu lang weg. Bis 86 habe ich THE BLOOD gemanagt. Die GONADS habe ich wie bereits erwähnt schon 1990 reformiert um neue Songs zu schreiben. 1994 haben wir uns endgültig wieder zusammengerauft und die Songs „Mystic Meg“ und „Lotto Song“ geschrieben. Anfang 1998 haben wir die USA getourt und seitdem spielen wir und nehmen regelmäßig etwas auf. Wir machen das ausschließlich zum Spaß - We do it to relax, for the crack as we say.

PB: Welcher Song über Garry Bushell ist dein Lieblingssong?

Garry Bushell: Meines Wissens gibt es ungefähr acht. Der beste Song dürfte ein neuer Titel sein. Jennie Bellestar hat gerade ein Lied über mich aufgenommenen. Mit dem Titel „Oo Dad, I’m Sitting On A Gonad“, direkt danach kommt „Garry Bushell“ von den WARRIORS.

PB: Wie die WARRIORS bereits in einem ihrer Songs fragten: “Garry, why did have to grow that beard?“

Garry Bushell: Um das Doppelkinn zu verstecken...

Diskographie der GONADS

Aktuelle Alben
Back & Barking – 1998
Schiz-oi-phrenia – 2002
Old Boots, No Panties – 2006

Live Free, Die Free - 2008

Aktuelle Singles

England, My Land (iTunes download,1/4/08)
South London Aggro Girl (iTunes download, 2007)
Oi Mate (iTunes download, 2007)
Oi Nutter/England’s Glory (Vinyl 7inch ,1997 UK und USA)


Frühes Zeug
‘Stroke My Beachcomber Baby’ (1977, Scrotum label vinyl 7 inch)
Pure Punk For Row People (ep,  Secret, 1982)
Max & Gal: The Brothers Gonad (ep, Razor Records, 1982)

Erstes Album: Live & Loud (Syndicate live double)
Full Time Result (The Gonads v The Blood, 1984)
Punk Rock Will Never Die (greatest hits compilation, Harry May, 1990s)

Plus we have tracks on five of the Oi albums as the Gonads, the Orgasm Guerillas, Prole and Lord Waistrel & The Cos Boys) and tracks on Oi – Fuck You and The Kings Of Street Punk

Interview von Basti