georg-kreislerKabarettisten, die sich absolut kein Blatt vor dem Mund nehmen, sind eher eine seltene Erscheinung. Georg Kreisler gehört zu diesen raren Exemplaren. Seine politisch radikalen Einstellungen haben ihm oft schon so manchen künstlerischen Auftrag gekostet. Georg Kreisler singt als Kabarettist und Liedermacher offen heraus, was er denkt. Seine Texte sind radikal, oft auch aggressiv, aber niemals platt. Sein Rezept: Man nehme ein politisches oder gesellschaftliches Thema, mische bitterbösen schwarzer Humor und Zynismus hinzu, und verwandle das ganze in einem Chanson. Schon in den biederen 50-Jahren kannte er dabei keine Tabuthemen. Georg Kreisler war seiner Zeit immer weit voraus.

 

Georg Kreisler wird am 18.Juli 1922 in Wien geboren. Er ist das einzige Kind von Hilda und Siegfried Kreisler. Hilda Kreisler schmeißt den Haushalt und Siegfried Kreisler ist stolzer Betreiber einer Rechtsanwaltskanzlei. Von Anfang an wird der kleine Georg sehr streng im gutbürgerlichen jüdischen Haushalt erzogen. Die jüdische Religion wird aber kaum bis gar nicht praktiziert.

Schon als Kind entdeckt die Mutter das musikalische Talent von Georg, ab seinem 7. Lebensjahr lernt er Klavier spielen, später folgen auch noch Geigen- und Gesangsunterricht. Der Vater sträubt sich gegen die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes, weil Kunst seiner Meinung nach ein brotloses Handwerk ist. Aber wenn es um die musikalische Förderung des kleinen Georgs geht, setzt sich glücklicherweise die Mutter durch. Georgs Leben als Schulkind besteht fast ausschließlich aus Schule und das Erlernen von Musikinstrumenten, wobei er aber aus letzteren für sich persönlich ein paar Freiräume in seinem strengen Elternhaus schaffen kann.
Am 12.März 1938 marschieren die Nazis in Österreich ein, Georg ist da gerade 15. Ein (jüdischer) Onkel hat eine bekannte Drogerie, bei der er immer wieder Grafiker für die Werbung beschäftigte. Einer von ihnen, der als Student in den 20er Jahren für ihn zeichnete, war inzwischen Reichskanzler von dem Reich geworden, zudem jetzt plötzlich auch Wien gehört.
Was jetzt Georg durchleben muss, hätte er sich zuvor nicht in seinen kühnsten Träumen erwartet, obwohl Antisemitismus in Österreich auch schon lange vor den Nazis zum guten Ton gehörte. Der Einmarsch Hitlers ist in Wien ein mehrtägiges Volksfest und schon ab dem ersten Tag versinkt die ganze Stadt in einem einzigen Meer aus Hackenkreuzfahnen. Die Fahnen hängen innerhalb kürzester Zeit fast aus jedem Haus, die Leute haben sehr offensichtlich schon auf ihren Führer gewartet. Plötzlich sieht man in der ganzen Stadt Juden, die mit Zahnbürsten Gehsteige putzen, von Massen ausgelacht, angepöbelt und angespuckt.
In Georgs Schule sitzen die jüdischen Schüler jetzt in der letzten Reihe, und müssen jede Pause mit Prügel von den Mitschülern rechnen. Eine Woche nach der Machtübernahme der Nazis werden die jüdischen Schüler in eigene Judenschulen geschickt.
Der tägliche Schulweg wird für Georg zum Spießrutenlauf, nur nicht auffallen… Auf der Straße lauert die ständige Gefahr verhaftet, verschleppt oder brutal verprügelt zu werden. Die Familie Kreisler bleibt so viel wie möglich zu Hause, der Vater hat in seiner Rechtsanwaltskanzlei kaum noch Kunden. Da Juden kaum mehr Rechte haben, hat er auch Angst vor ehemaligen Prozessgegnern, die ihm jetzt offen was antun könnten, ohne straffällig zu werden. In der jüdischen Bevölkerung erzählt man sich schon bald, dass jüdische Mitbürger von den Deutschen „abgeholt" werden, meistens nachts. So ist die Angst jetzt auch in der Wohnung der Kreislers ein ständiger Weggefährte. Georg sieht auch wie jüdische Cafes enteignet und geschlossen werden, dabei werden den jüdischen Gästen teilweise die Zunge an die Tische genagelt, oder die Leute auf die Garderobenhacken gehängt. In dieser finsteren Zeit hat Georg andere Sorgen als Klavier zu spielen: „Ich musste Jude üben statt Klavier."
Der Vater sieht keine Zukunft für Georg und die ganze Familie im nationalsozialistischen Wien, so beschließt er, nach Amerika auszuwandern. Es gibt einen Cousin in Hollywood, der bietet auch an, die Kreislers bei sich aufzunehmen. Die nächsten Wochen aber muss die Familie Kreisler einen Spießrutenlauf durch die verschiedensten Ämter machen, um danach praktisch mit leeren Händen dazustehen, aber dafür mit den nötigen Ausreisepapieren. Fast ihr gesamtes Vermögen müssen sie den Nazis hinterlassen. Am 25.10.1938 ist es dann so weit: Die Familie Kreisler sitzt auf einem Frachtschiff, welches den Hafen von Genua in Richtung Amerika verlässt. Die Reise dauert Wochen und erscheint Georg sehr langweilig, jedoch sind die Kreislers heilfroh, die Terrorherrschaft der Nazis hinter sich gelassen zu haben. Der Vater ist echt im letzten Augenblick davongekommen, wie Georg Kreisler Jahrzehnte später herausfinden wird, in einem Archiv entdeckt er eine Deportationsliste, auf der auch sein Vater namentlich aufscheint.
Georg spielt auf der Schiffsreise häufig Schach, mit einem prominenten Gegner, wie er erst ein wenig später raus finden wird: Bugsy Siegel, ein berüchtigter Gangsterboss.
Als das Schiff Mitte November in den Hafen von L.A. ankommt, klicken für Bugsy Siegel die Handschellen, und Georg Kreisler weiß nun, mit wem er beim Schach das Vergnügen hatte.
Die Ankunft in Amerika und die folgenden Zeit sind für Georg Kreisler ein einziger Traum. Er genießt hier das bunte Treiben, die lockere Art zu leben, alles war ganz anders, als zuvor in Wien, hier konnte er sich endlich frei bewegen. Die nächsten Jahre schlägt sich Georg Kreisler mit Gelegenheitsarbeiten durch, z.B. gibt er Gesangs- und Klavierunterricht, macht Nebenjobs in den Filmstudios von Hollywood, dirigiert sogar ein Orchester in einem Theater (hierfür muss er ein falsches Alter angeben) usw. Um sich selber weiterzubilden nimmt er auch Gesangs- und Klavierunterricht, hauptsächlich bei anderen Exil-Europäern, da beinahe die gesamte Künstlerszene in L.A. zu diesem Zeitpunkt aus europäischen Flüchtlingen besteht. Er beginnt auch zunehmend eigene Lieder zu komponieren. Es handelt sich meistens um chansonartige Klaviermusik, der er böseartige, vom schwarzen Humor geprägte Texte verpasst.
Anfang Januar 1943 wird Georg Kreisler schließlich zum Wehrdienst bei der US-Armee eingezogen. Aufgrund seiner perfekten Deutschkenntnisse soll er dazu ausgebildet werden, deutsche Kriegsgefangene zu verhören. Zunächst wird er in einem geheimen Stützpunkt der US-Army  geschult. Da er nicht viel fürs Militär übrig hat, versucht er soviel wie möglich den Befehlen und Anordnungen zu entkommen. z.B. hält er schon mal gerne ein Schläfchen im Gebüsch, während seine Kameraden laufen oder sonst irgendeinen Blödsinn tun müssen. Später wird er in England stationiert, wo er eine andere Möglichkeit findet, für sich dem normalen Militäralltag zu entkommen: Er überredet seine Vorgesetzen, dass er ein Theaterstück zur Unterhaltung der Soldaten inszenieren darf. Eine Nissenhütte, wo 600 Mann Platz haben wird also als Theatersaal umgebaut. In der Handlung des Stückes, das Georg Kreisler selber geschrieben hat, kommt auch eine Sprengung vor, Georg Kreisler will alles so real wie möglich inszenieren, daher lässt er echte Sprengsätze neben dem Theatersaal vergraben. Nur in der Menge dürfte er sich etwas verschätzt haben, als die Szene kommt, gibt es einen ohrenbetäubenden Knall, die Fenster fliegen raus und das Publikum rennt panisch herum. Das Theaterstück wird daraufhin abgesetzt. In den letzten Wochen seiner Militärzeit hat er dann noch die Aufgabe in Deutschland Nazis im Vorfeld der Nürnberger Prozesse zu verhören. Einige seiner Kollegen quälen und foltern die Verhörten, Georg Kreisler macht das selber zwar nie, aber Mitleid empfindet er für die Nazis auch keines. Kurz vor den Nürnberger Prozessen ist seine Wehrpflicht erfüllt, einige seiner Vorgesetzten hätten es gerne gesehen, wenn er noch freiwillig länger bis zum Ende der Nürnberger Prozesse geblieben wäre, aber Georg Kreisler ist froh, das er diesen Verein endlich den Rücken kehren kann. Jahre später wird er die Erlebnisse beim Militär in einem Lied verarbeiten: „No ja, er ist ein General, da ist der Schaden schon total, er näht sich Borten an den Rock und kleine Sterne, denn wenn die anderen salutieren, das hat er gerne. Er schläft bei Nacht in einem Zelt, und wenn er träumt, ist er ein Held. Dann wacht er auf und kriegt ein' Zorn, statt einem Wecker, kommt ein Goj mit einem Horn! No, sagen sie selbst, ist das normal? Aus dem wird nie was, der bleibt ein General!"
Wieder in L.A. zurück, schlägt er sich erneut mit verschiedensten Jobs und Aufträgen durch, er würde auch gerne mit seinen Liedern auftreten, findet aber kaum Möglichkeiten. Ein Job in den Filmstudios von Hollywood bringt ihm mit Charlie Chaplin zusammen. Er komponiert Klaviermusik für seine Stummfilme, und spielt sie teilweise auch selber. An Charlie Chaplin imponiert ihm, dass er jeden gleichberechtigt in seinem Team behandelt. Er nimmt sich auch Zeit Leuten zuzuhören, wenn sie etwas von ihm wollen. Jeder kann mit ihm reden.
Mit der Zeit nervt es Georg Kreisler zunehmend, dass er hier nicht regelmäßig auftreten kann. Man hört so viel von der Szene-Stadt New York, so beschließt er im Oktober 1946, dort mal sein Glück zu versuchen. Auch hier hat man nicht auf Georg Kreisler gewartet…. Wieder nur Gelegenheitsauftritte, die Schulden werden unterdessen immer höher. Er schafft es kaum finanziell zu überleben, wohnt nur in absolut miesen Spelunken. 1947 bekommt er das Angebot, seine Lieder aufzunehmen und auf Platte zu veröffentlichen. Der zunächst begeisterte Produzent weigert sich das fertige Werk zu bewerben, so Lieder wie „Please, Shout your Husband" oder „I hate you" waren dem Durchschnitts-Amerikaner nicht zumutbar. So erscheint diese Platte auch nicht, und wird angeblich zerstört.
1950 ändert sich endlich Georg Kreislers Leben, er bekommt durch Zufall ein Angebot von der Monkey Bar. Die Monkey Bar ist eine New Yorker Institution, den Namen hat sie wegen den Affen-Tapeten an den Wänden. Die nächsten Jahre tritt er hier fast täglich auf, abwechselnd mit anderen Entertainern. Aber auf Dauer befriedigt ihm das auch nicht, so hat er sich sein Künstler-Dasein nicht vorgestellt…1955 verlässt er New York und sagt somit auch Good Bye zu Amerika, er kehrt in das alte, böse Wien zurück….
Zurück in seiner Geburtsstadt  muss er feststellen, dass Wien 10 Jahre nach Kriegsende noch immer ziemlich zerstört ist, und die Leute bitterarm sind. Er sucht wieder nach Auftrittsmöglichkeiten, dabei trifft er nach längerer Zeit auf die Marietta-Bar, welche von den Kabarettisten Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger betrieben wird. Er übersetzt seine Lieder auf Deutsch, und siehe da: Hier verstehen die Leute seinen schwarzen Humor, das Publikum amüsiert sich auch schon beim Probeauftritt köstlich.
Bis 1958 tritt er in der Marietta-Bar auf, mit Gerhard Bronner kommt er aber überhaupt nicht zu recht. Ihm stört es, dass Gerhard Bonner nur aufs Geld schielt, und unangenehme gesellschaftliche oder politische Themen in seinen Kabarett-Programmen meidet. Mit Helmut Qualtinger verbindet ihn so eine Art Hass-Liebe, Georg Kreisler wird 1986 einer der letzten sein, der kurz vor Qualtingers Tod am Krankenbett mit ihm redet.
1956 präsentiert Georg Kreisler auch zum ersten Mal das Lied „Tauben vergiften im Park" in der Marietta Bar, welches zu seinem größten Hit wird, und mit welchen man ihm zu seinem großen Leidwesen bis heute identifiziert.
1958 lernt Georg Kreisler Topsy Küppers kennen, mit der er nach München geht, dort zwei Kinder bekommt, und sie auch heiratet. In München ändert sich alles schlagartig, da er in Deutschland schon länger als Geheimtipp gilt. Er bekommt Aufträge von Radio- und Fernsehstationen in ganz Deutschland, und später auch in Österreich. Das Wiener Plattenlabel Preiser wird auf ihm aufmerksam, während seiner Zeit in München. Und die Münchner Kammerspiele führen sein Theaterstück „Zwei alte Tanten tanzen Tango" zwei mal vor ausverkauftem Haus auf. Endlich ist ein bisschen Geld da, davor hat er schon fast alle seine Möbelstücke verkaufen müssen. Ab jetzt werden immer wieder auf den Bühnen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Theaterstücke von ihm aufgeführt, der große Erfolg bleibt ihm aber immer verwährt.
1963 zieht Kreisler wieder nach Wien zurück. Da er ja jetzt seine Lieder an Konzertabenden im ganzen deutschsprachigen Raum vorsingt, braucht er keine fixe Bar mehr zu suchen. Ab 1965 beginnen in ganz Europa Studentenunruhen, er solidarisiert sich sofort mit den revoltierenden Studenten.
Als er 1966 die „Nichtarischen Arien" aufnimmt, bei denen es sich um jüdische Lieder handelt, fragt ihn ein Reporter ganz entsetzt: „Darf man das denn heutzutage wieder?"
Seine Lieder haben sich inzwischen geändert, waren sie am Anfang noch vom schwarzen Humor geprägt und kurz danach etwas surreal und experimental, so schreibt er jetzt bitterböse radikale Lieder über politische und gesellschaftliche Themen. Musikalisch immer noch meistens mit Klaviermusik, jedoch auch manchmal mit einem Jazz-Orchester. 1968 geht er mit dem Konzertabend „Ich wünsche mir ein mächtiges Deutschland zurück" auf Tour. Auf dem Klavier steht ein Glöckchen, und immer wenn Georg Kreisler es läutet, geht das Licht an, und das Publikum ist nach dessen Meinung gefragt. Es gibt heftige Diskussionen und wüste Streitereien an seinen Konzertabenden. Vor allem mit Kommunisten gibt es heftige Debatten, da Georg Kreisler auch sie in seinen Liedern heftig kritisiert. Georg Kreisler hat sich selber immer als Anarchist definiert: „Anarchie bedeutet, dass kein Mensch Macht über andere Menschen haben sollte. […] Unter Anarchismus verstehe ich zum Beispiel die Dezentralisierung – also ein Leben in kleinen Kommunen, in kleineren Gesellschaften, wo der Mensch sich noch verwirklichen kann. Anstatt dass er in der Großstadt eine Anonymität bleibt und vereinsamt. […] Eine Gesellschaft, die gerecht ist und human und in der vor allem einmal die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden."
1969 bekundet Georg Kreisler Sympathie für Ulrike Meinhoff, und ein wenig später auch zur RAF (zumindest in deren Anfangszeiten).
1971 schreibt Georg Kreisler das Theaterstück „Heute Abend: Lola Blau". In dieser „One-Woman-Show" geht um eine jüdische Schauspielerin, die 1938 in die USA emigriert, und dort Nachtclubsängerin wird. In dem Stück sind viele seiner eigenen Erfahrungen eingebaut. Es wird sein bekanntestes Theaterstück, und insgesamt einige hunderte Male in ganz Europa, Israel und Australien aufgeführt. Bei den ersten Vorstellungen 1971 spielt Ehefrau Topsy Küppers die Hauptrolle. Hier ahnt Georg Kreisler noch nicht, dass er einige Jahre später genau mit dieser Frau jahrelang um die Rechte des Stückes streiten wird.
1972 wagt Georg Kreisler einen Versuch, nach Israel auszuwandern, kommt aber nach wenigen Monaten wieder zurück. Denn er fühlt sich in Israel überhaupt nicht wohl, und stellt sich selbst einige Fragen: „Muss man ein Land wie Israel haben, weil andere Länder unmoralisch sind? Kann man überhaupt ein Land aufgrund von Intoleranz anderer Länder aufbauen? […] Zionist bin ich nie gewesen, weil mir immer jeder Nationalismus fremd war, vor allem der jüdische. Die Antwort auf Antisemitismus ist nicht der eigene Staat, sondern die Umerziehung der Menschheit. Einen Staat auf Misstrauen zu gründen, ist falsch."
1975 trennt sich Georg Kreisler endgültig von Topsy Küppers, die mit seinem radikalen politischen Kurs sowieso nie eine große Freude hatte. Georg Kreisler zieht nach Berlin um, wo er hauptsächlich im Theater „Die Wühlmäuse" von Dieter Hallervorden und bei den „Stachelschweinen" auftritt. Kaum in Berlin lernt er die Frau seines Lebens, Barbara Peters, kennen, mit der er ab jetzt zusammen auftritt (und mit der er heute noch immer verheiratet ist). In DIY-mäßiger Manier fahren die zwei zusammen in einem PKW auf unzählige Touren in Deutschland und in die Schweiz, und laden an den Auftrittsorten alles selber ein und aus.
1984 bekommt Georg Kreisler zufällig ein Programmheft aus einem Wiener Theater in die Hand, wo „Heute Abend: Lola Blau von Topsy Küppers" angekündigt war. Hatte sie in der Vergangenheit wegen ihrer Rolle als Lola Blau schon öfters die Öffentlichkeit angelogen, und sich als Jüdin ausgegeben, so hat sie sich diesmal gleich zur Autorin des Stücks befördert. Es folgt ein 14-Jahre langer Rechtsstreit, mit den absurdesten Argumenten seitens Topsy Küppers und des Gerichts in Wien, aber letztendlich kann Georg Kreisler glaubhaft beweisen, dass er der Autor des Stückes ist, und gewinnt den Prozess.
1988 hat er von Berlin die Schnauze voll, er ist von der Stadt enttäuscht, weil er hier ähnlich wie zuvor in Wien auch nicht wirklich weitergekommen ist. Georg Kreisler zieht mit Barbara Peters nach Hof bei Salzburg. Zunächst genießt er das Landleben, aber der Großstadtmensch Kreisler hält es hier nur bis 1991 aus. Georg Kreisler und Barbara Peters gehen nach Basel, wo sie heute noch leben. Bis 2001 gehen sie immer wieder auf Tour, dann aber zieht Georg Kreisler einen Schlussstrich und stoppt seine Gesangskarriere. Er bleibt aber weiterhin aktiv, er konzentriert sich jetzt auf seine Bücher, Opern, Theaterstücke, geht mit Lesungen auf Tour usw.
1996 schreibt Georg Kreisler einen offenen Brief nach Österreich, um Glückwünsche zu seinen 75. Geburtstag abzuwenden: „Dies ist ein offener Brief nach Wien, an den sehr geehrten Herrn Bundespräsidenten, den sehr geehrten Herrn Bundeskanzler, den sehr geehrten Herrn Minister für Kunst und Wissenschaft, den sehr geehrten Herrn Wiener Bürgermeister und die sehr geehrte Frau Wiener Stadträtin für Kultur. Also sehr geehrte Damen und Herren! Zu meinem 50. Geburtstag, zu meinem 60. Geburtstag, zu meinem 65. Geburtstag und zu meinem 70. Geburtstag habe ich vom jeweiligen Herrn Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Unterrichtsminister, Wiener Bürgermeister und Wiener Kulturstadtrat- oder rätin einen Glückwunschbrief oder ein Glückwunschtelegramm bekommen, außer von Herrn Dr. Waldheim. Ich habe mich jedesmal für die Glückwunsche bedankt, aber dann war die Korrespondenz zu Ende, und ich habe wieder fünf bzw. zehn Jahre warten müssen, bis ich wieder etwas von Ihnen gehört habe, nämlich pünktliche Glückwünsche zu meinem nächsten runden Geburtstag. Nun werde ich im kommenden Jahr 75 Jahre alt, und da möchte ich rechtzeitig einen Wunsch äußern: Da ich mir nicht vorstellen kann, daß Sie sich alle persönlich an meinen Geburtstag erinnern, denn da müßte ja jeder von Ihnen ein Genie sein, nehme ich an, daß mein Name auf irgendeiner Liste steht, auf der die Geburtstage diverser Österreicher vermerkt sind, die im Interesse der Republik Österreich sind, und da möchte ich Sie höflichst bitten zu veranlassen, daß ich von dieser Liste gestrichen werde. Ich bitte nicht darum, weil ich sauer bin, denn es geht mir ja sehr süß für einen alten Herrn, und ich will auch nicht unhöflich sein, aber schauen Sie: Erstens bin ich kein österreichischer Staatsbürger und kann schon deshalb nicht im Interesse der Republik Österreich sein. Ich bin zwar in Wien geboren, wie meine Eltern, und ich war bis zum März 1938, als ich 15 Jahre alt war, österreichischer Staatsbürger, aber dann wurden alle österreichischen Staatsbürger automatisch deutsche Staatsbürger, also auch ich, und ich besitze immer noch meinen damaligen deutschen Reisepaß mit einem J drin, also vielleicht bin ich noch Deutscher, ohne es zu merken, wenn auch mit einem J. Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher, denn im Jahre l945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland geflüchtet wurde, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück. Ich habe mich genau erkundigt: Da ich kein Nazi war und mir überdies die Flucht vor den Nazis gelungen ist, müßte ich bei Gericht um meine österreichische Staatsbürgerschaft ansuchen, und Sie werden vielleicht verstehen, warum ich mich nicht in diese Situation begeben möchte. Es widerstrebt mir zutiefst, jemanden um die österreichische Staatsbürgerschaft bitten zu müssen. Ich bin seit l943 amerikanischer Staatsbürger, obwohl mir der Clinton noch nie zum Geburtstag gratuliert hat. Zweitens aber, und das ist vielleicht noch wichtiger. kann ich nicht im Interesse der Republik Österreich sein, weil sich die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat. Kein subventioniertes Theater, kein subventionierter Verlag, kein Funk, kein Fernsehen, keinerlei Schauspiel-, Musik- oder sonstige Schule, keine österreichische kulturelle Organisation hat mich je um Mitarbeit gebeten. Und wenn man mich manchmal vorübergehend engagieren, ein Buch von mir publizieren oder ein Fernsehprogramm mit mir veranstalten will, treten sofort diverse Leute auf den Plan, die es verhindern wollen und meistens auch können, sicher zu ihrer Freude, aber nicht zu meinem Leid, denn mir geht es unter solchen Umständen besser, wenn ich nicht nach Österreich komme. Glücklicherweise hat man mir nie die Chance gegeben, Sehnsucht nach Österreich zu haben. Ich weiß - die Künstlerverhinderung hat in Österreich eine lange und berühmte Tradition, das geht über die ganz Großen bis zu Thomas Bernhard, der verfügt hat, daß seine Stücke in Österreich nicht gespielt werden dürfen. So weit will ich natürlich nicht gehen, daß ich verfüge, daß "Taubenvergiften im Park'' in Österreich nicht gespielt werden darf. Denn erstens kann das österreichische Publikum nichts dafür, daß es dort so miese Kulturbeamte, Kritiker und sonstiges Gerümpel gibt, und zweitens könnten sich ja eines Tages die Verhältnisse in Österreich ändern, obwohl es jetzt noch keine Anzeichen dafür gibt. Im Gegenteil, es gibt genügend Künstler in Österreich, die es sich irgendwie richten und sich dabei wohl fühlen, es gibt auch genügend Afterkünstler und Dilettanten, die den Kulturbeamten die Zeit vertreiben, und es gibt genügend Künstler, die am Hungertuch nagen oder an irgendeinem Stuhl, also wird die Operette wahrscheinlich so bleiben wie sie ist. Aber ich persönlich finde es unpassend und vielleicht auch Ihren hohen Ämtern nicht entsprechend, daß Sie meine runden Geburtstage zu einer Art Reinwaschung verwenden, anstatt zumindest den Versuch zu unternehmen, Unrecht zu verhindern - nicht bei mir, denn dazu ist es zu spät, aber bei anderen. Und ich möchte dieser Heuchelei, die nur meinen Tod abwartet, um mich posthum zum Österreicher ernennen zu können, keinen Vorschub leisten. Noch bin ich am Leben, noch kann ich mich dagegen wehren. Deshalb ersuche ich Sie heute höflichst, meinen Namen von den entsprechenden Listen entfernen zu lassen und in Ihrer offiziellen Funktion von weiteren Geburtstagswünschen abzusehen. Mit vorzüglicher Hochachtung Georg Kreisler, Basel, 16. September, 1996"
Georg Kreisler hat seit den 40er Jahren unglaublich viele Lieder, Opern, Theaterstücke, Bücher und Chansons geschrieben, eine vollständige Liste zu erstellen ist fast unmöglich. Sein großer Traum Theaterdirektor zu werden blieb ihm jedoch immer verwährt: Dazu war er zu unbequem….



Nachfolgendes Briefinterview ist mit Georg Kreisler im Januar 2007 entstanden. Georg Kreisler hatte meine Fragen in letzter Sekunde vor seinem Thailandurlaub bekommen, und noch kurz bevor er zum Flughafen fuhr, beantwortet. Daher war es ihm zeitlich nicht möglich, alle meine Fragen zu beantworten. Schade fand ich es vor allem bei meinen Fragen über die Nazizeit und über den Nahost-Konflikt.



L: Als 16-jähriger haben sie zunächst das Leben in den USA als große Freiheit erlebt. Wie denken sie über die heutige Politik der USA, vor allem über George W. Bush?

GK: Bush ist natürlich eine Katastrophe, Schade, dass die Amerikaner erst jetzt draufkommen, jetzt bleibt er noch zwei Jahre Präsident. Aber vielleicht passiert was Unerwartetes, und man wird ihn schon früher los. Wäre nicht das erste Mal, da sind die Amerikaner ganz tüchtig.

L: Nun eine Frage zu ihren Liedern: Zensur ist ihnen ja leider bekanntlich kein Fremdwort. Wurden Sie wegen einen ihrer Liedertexte auch schon gerichtlich verurteilt oder haben Sie eine Geldstrafe bekommen? Hatten Sie da schon mal so richtigen Ärger?

GK: Gerichtlich bin ich nie verurteilt worden, auch nicht angeklagt. Zensuriert werde ich laufend, auch noch heute. Zum Beispiel hat man meiner Tochter Sandra, die eine Chansonsängerin ist, angeboten, einen Liederabend im Wiener Musikvereinssaal zu singen, vorausgesetzt sie bringt keine Lieder von mir. Dahinter steckte allerdings weniger Zensur, als Missgunst. Aber die Grenzen sind vage. Die meiste Zensur findet ja nur in den Köpfen statt. Veranstalter, Produzenten, Radio, Fernsehen wenn die meinen Namen hören, stellen sie sich taub. Ohne Zensur, aber man kann nie wissen. Vielleicht ist der Chef Antisemit, oder so ähnlich. Seit Jahren versuche ich meine Theaterstücke, auch meine zwei Opern anzubringen. Vergeblich! Ein Kabarettist hat keine Open zu schreiben. Ist das Schublade oder Zensur? Wie gesagt, die Grenzen sind fließend.

L: Sie waren ja auch Bewunderer von Ulrike Meinhoff, zumindest in den Anfangstagen ihrer politischen Aktivitäten. Wie denken sie heute nachträglich über sie und die RAF?

GK: Ulrike Meinhoff hat´s ja gut gemeint – kein vergleich mit den heutigen Terroristen. Die haben doch damals keine Bomben geworfen oder sonstige unschuldige Passanten missachtet. Kein Vergleich! WIR mussten doch vor denen keine Angst haben, nur die Politiker! Das war damals schon richtig, allerdings auch naiv. Die haben die politischen Profis unterschätzt. Den Begriff „Terrorist" haben die damaligen Medien erfunden oder jemand, der ihnen nahe stand. Meinhoff, Baader und Co. waren keine Terroristen im heutigen Sinn. Wenn sie bloß etwas klüger gewesen wären!

L: Ihre Lieder haben ja auch bei Auftritten öfters für Empörung gesorgt. Erzählen sie uns doch die lustigste Geschichte, die ihnen in dem Zusammenhang in Erinnerung geblieben ist und bei welchem Konzert es die heftigsten politischen Diskussionen gab.

GK: Krawalle bei meinen Abenden gab's gelegentlich. Ich erinnere mich an eine Vorstellung in Tübingen, bei der Stühle auf die Bühne geschmissen wurden. Das waren kommunistische Studenten, die predigten damals Solidarität mit der Partei, und in meinem Abend – der hieß „Allein wie eine Mutterseele" stand ich auf dem Standpunkt, dass die Revolution beim Einzelnen, bei einem selbst, anfangen müsse. Solidarität würde sich dann später ergeben. Na ja.

L: Haben sie eigentlich Kontakte zur anarchistischen bzw. linksextremen Szene?

GK: Nein, heute habe ich keine politischen Kontakte. Damals eigentlich auch nicht.

L: Ende der 60er, als die Studenten revoltieren begannen, bekundeten Sie offen Ihre Sympathie für diese Bewegung. Gab es für sie beeindruckende Demoerlebnisse? Waren Sie auch auf der Demo 1965 in Wien gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz dabei, bei der Ernst Kirchweger tödlich verletzt wurde?

GK: An Demonstrationen habe ich nur zweimal teilgenommen. Sonst ergab sich einfach keine Gelegenheit.

L: In ihrer Biografie ist zu lesen, dass sie während der Zeit von 1955 bis 1969 in Wien mit dem Schauspieler Helmut Qualtinger nicht so ein gutes Verhältnis hatten. In einem anderen Teil des Buches steht aber, dass sie einer der letzten waren, die bei seinem Totenbett waren. Wie standen sie nun tatsächlich zu Helmut Qualtinger?

GK: Qualtinger? Wir hatten uns gegenseitig recht gern. Aber er war unberechenbar, wie so viele Alkoholiker. Was man an einem Tag aufgebaut hatte, konnte er am nächsten tag niederreißen. Es war sicher das künstlerische, was uns immer wieder zusammenbrachte. Wir hatten Respekt voreinander. Das ist viel, aber eben nicht alles.

L: Haben sie in ihrem Leben schon mal Tauben vergiftet?

GK: Blödsinn. Natürlich habe ich nie Tauben vergiftet. Es ging ja damals nicht um die Tauben, sondern um das falsche goldene Wiener Naziherz.



http://www.georgkreisler.de

http://www.gkif.de



Plattentipps:

Everblacks(1971)

Vorletzte Lieder(1972)

Allein wie eine Mutterseele(1974)

Kreislers Purzelbäume(1975)

Rette sich, wer kann(1976)

Mit dem Rücken gegen die Wand(1979)

Wo der Pfeffer wächst(1985)



Reaktionen bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

-Latti-



Liedtexte von Georg Kreisler:

Nicht genug

Man wartet in einem Büro.
Man wartet, bis irgendwer irgendwas spricht.
Man bleibt in der Näh', und man holt sich Kaffee,
und man blinzelt ins amtliche Licht.
Man wartet, als wär man im Zoo.
Man lächelt und weiß nicht, warum man es tut.
Man kriegt einen Schein, und man redet sich ein:
Wer nur wartet, der hat's ja noch gut.

Weit weg in Bonn
trinken sie Kognak und hab'n was davon.
Weit weg in Bonn
oder in London, in Moskau, in Washington...

Nicht genug, dass sie uns verbittern,
nicht genug, dass wir für sie nicht zählen,
nicht genug, dass wir vor ihnen zittern,
sollen wir sie auch noch wählen!

Nicht genug, die Knie voller Schwielen,
nicht genug, die Augen verquollen:
Wir sollen auch das Spielchen spielen,
dass wir es selber so wollen.

Fernseh'n! Stammtisch ist schön!
Lasset die Sorgen zu Haus!
Wein nicht, mein Kind –
wir haben's noch viel schlechter gehabt.
Zahl deine Steuer, denn Waffen sind teuer,
die Sonne wird wärmer, der Himmel wird bläuer –

Ja, nicht genug, wie sehr sie dich quälen,
nicht genug, dein Leben ist schwer:
Du sollst auch die Regierung wählen,
die alles so lässt wie bisher.

So wartest du halt im Büro.
Du wartest, bis irgendwer Zeit für dich hat.
Ein ähnliches Tier sitzt verschreckt neben dir,
und ihr seid weder hungrig noch satt.
Man bestimmt über dich irgendwo.
Man lässt sich viel Zeit – was ist schon ein Jahr!
Du sitzt und verstaubst, weil du immer noch glaubst:
Es ist so, weil's immer so war.

Weit weg in Bonn
plant man dein Warten für's nächste Jahr schon.
Weit weg in Bonn
oder in Wien, in Paris, in Johannisburg...

Nicht genug, wir sollen sie wählen,
damit sie uns dann überheblich regieren:
Wir sollen diesen Krämerseelen
auch die Partei finanzieren.

Aber auch wenn wir zahlen und wählen wie befohlen:
Am Ende hab'n alle das gleiche Programm.
Bei Aufrüstung, Umwelt, Gewaltmonopolen
arbeiten alle zusamm'.
Eins – Zwei – Demokratei,
dann ist das Leben ein Scherz!
Ohnmacht ist auch eine Macht.
Wem das nicht passt, der soll's noch im Osten probier'n.
Bibel und Fahne, ganz Deutschland mit Sahne,
das eigene Nest, das beschmutzt kein Germane:
Wir Kälber wählen die eigenen Schlächter!
Wir Kälber gehorchen wieder einmal!
Ich höre schon das Hohngelächter
gleich nach der Bundestagswahl.
Ha ha.


Der Kämpfer


Ich kannte ihn, da war er noch ein Kämpfer
mit Idealen und schlank.
Er sagte, daß er einiges nicht wisse
und daß er seine Zukunft nicht vermisse,
und daß die ganze Welt von innen stank –
und spuckte aus vor jeder Bank.
Er öffnete die Augen und war tapfer.
Es war ihm peinlich, zu ruh'n.
Er hatte keine Freunde, nur Genossen.
Er hätte gern den Kiesinger erschossen
und wollte das auch immer wieder tun.
Er tat es nicht. Das weiß man nun.
Er ließ die Leute stehn, doch keinen ließ er geh'n,
Er kannte sich mit Handgranaten aus.
Er haßte Polizei, hielt sich von Ehrgeiz frei,
und wußte die Vergangenheit voraus.
Ja, ich kannte ihn, da war er noch ein Kämpfer
und sah ihn gestern beim Tee.
Er sprach mit ein paar Herren von der Osse
und hielt die Sekretärin an der Flosse,
und plötzlich sah er mich aus ferner Höh'.
Er rief: Hallo! und ich: Adieu.


Kapitalistenlied

Ja, wer sagt denn,
daß ich auch wirklich schießen muß,
weil ich heutzutag
einen Revolver trag'?
Ja, wo seht ihr denn da einen Zusammenhang,
weil ich "Hände hoch!" von euch verlang?

Nein, ich liebe euch,
und ich schieß' nicht gleich,
warum habt denn ihr
so schrecklich Angst vor mir?
Ich bin Mensch und Christ,
und ein Revolver ist
kein Zeichen von Gewalt,
wenn ich ihn halt'.

Ja, wer sagt denn,
daß ich auch jemand töten muß,
wenn ich überdies
zufällig wirklich schieß?
Sagt mir, wer von euch das für eine Drohung hält,
wenn die Kugel fliegt und jemand fällt.

Nein, ich liebe euch,
und ich töt' nicht gleich,
warum habt denn ihr
so schrecklich Angst vor mir?
Ich bin Mensch und Christ,
und ohne Zweifel ist
ein Mord für mich sehr mies,
auch wenn ich schieß.

Ja, wer sagt denn,
daß ich nicht eure Freiheit will,
weil ich ohne Haß
die Tür verrammeln laß?
Wieso seht ihr das Haus als ein Gefängnis an,
weil nur ich nach draußen gehen kann?

Das ist kein Arrest,
ich halt' niemand fest.
Warum habt denn ihr
so schrecklich Angst vor mir?
Ist die Tür versperrt,
bleibt ihr unversehrt,
ja ihr alle seid
in Sicherheit.

Ja, wer sagt denn,
daß ich nicht euer Bestes will,
wenn ich Geld verprass'
und euch was lernen lass'?
Habt ihr einmal die Schule hinter euch gebracht,
könnt ihr sehen, wie fröhlich Arbeit macht.

Nein, ich liebe euch,
und ich mach' euch reich.
Nicht charakterlich,
und nicht so reich wie mich.
Aber reich genug,
seid nicht superklug,
und begnügt euch gleich,
dann seid ihr reich.

So kommt Stein auf Stein,
seht ihr endlich ein,
daß ich dazu auch
einen Revolver brauch?
Warum ich ohne Haß
die Tür verrammeln laß,
und wenn nötig dann
auch schießen kann?

Und wenn ihr das erst einseht, seid ihr frei.
Dann wählt ihr auch die richtige Partei.
Dann laßt ich meine Sache nicht im Stich.
Und dann kriegt ihr Revolver so wie ich.


Der Staatsbeamte

Staatsbeamte möchte jeder gerne sein
Staatsbeamte: Schon der Titel schüchtert ein.
Staatsbeamte bin auch ich als Resultat,
denn wozu brauch' ich sonst einen Staat?
Staatsbeamte müssen heut' nicht mehr studier'n,
Staatsbeamte müssen sich spezialisier'n,
und auch ich merkte schnell, dass es so besser geht,
und nahm mir eine Spezialität.
Aber welche, ja welche, da werden Sie staunen!

Ich versteh' nichts von Jus und Latein
Mathematik, die lass' ich lieber sein,
doch ich krieche sehr gut und auch gern, marsch, marsch, marsch
in den Arsch, in den Arsch, in den Arsch.

Ein Minister wird sehr leicht nervös,
aber bei mir bleibt keiner lange bös,
denn ich blick ihm in's Aug, und merk' gleich: Der ist barsch!
Und steck schon tief im Arsch, tief im Arsch.

am Anfang fiel mir noch das Kriechen etwas schwer
jetzt schaff ich sieben Arsch pro Tag, und Montags fünfzehn oder mehr!

Ja man braucht schon ein bischen Routin'
um so wie ich, von Arsch zu Arsch zu zieh'n
doch es war mir am Anfang meiner Laufbahn schon klar,
dass ich Innenpolitiker war.

Die heutige Jugend hat für meine Arbeit wenig Sinn:
Die blicken einen Arsch an, und studier'n gleich Medizin!
Beschäftigen sich mit Protokoll'n, mit Weissbuch, mit DeMarche,
und streben gleich nach dem Kanzler, oder sonst einem hohen Arsch.

Doch es gibt ja nicht nur Ärsche hier im Ministerium,
auch in Betrieben und Gewerkschaften steh'n hunderte herum.
Ich lieb die Politiker, warum weiss jedes Kind:
Weil die auf jeden Fall die grössten Arschlöcher sind.

Und durch sie mach ich jetzt auch Karrier',
und auch im Ausland schätzt man mich schon sehr!
Denn ich krieche auch gern einem fremden Monarsch
in den Arsch, in den Arsch, in den Arsch

Nehmen auch Sie meinen wohlgemeinten Rat:
Wenn Sie Ihr Chef stört: schreiten Sie zur Tat!
Kriechen Sie ihm zum Klang von einem schmissigen deutschen Marsch
in den Arsch, in den Arsch in den Arsch.


Vorletztes Lied

Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen,
statt die Verantwortlich niederzumachen.
Es hat keinen Sinn mehr, Worte zu wählen,
die Zeiten sind vorbei.

Es hat keinen Sinn mehr, Lacher zu sammeln,
statt ein paar tatkräftige Macher zu sammeln.
Es hat keinen Sinn mehr, Reime zu schmieden,
die Zeiten sind vorbei.

Es hat keinen Sinn, den Zug zu versäumen
oder von zukünftigen Taten zu träumen.
Schlagt die Pointe entzwei!
Sie macht unsre Kinder nicht frei.

Es hat keinen Sinn, ins Blaue zu schießen,
statt einem Reichen auf die Klaue zu schießen.
Es hat keinen Sinn, auf Sprache zu bauen,
die Zeiten sind vorbei.

Vergeßt unser Hoffen, begrabt unser Trauern.
Laßt euch die Zukunft nicht durch Sänger versauern.
Wenn sich der Dichter verneigt,
besorgt eure Sache und schweigt.

Erfüllt sie mit Furcht, die hassen und lachen,
laßt die Komödien zum Leben erwachen.
Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen,
die Zeiten sind vorbei
die Zeiten sind vorbei.

 

Anmerkung von Mai 2009: Dieser Artikel ist bereits drei Jahre alt, inzwischen wohnt Georg Kreisler mit seiner Frau Barbara Petters in Salzburg.
Ab 14.November 2009 wird seine neue Oper "Das Aquarium" in Rostock aufgeführt.

 

Anmerkung von März 2013: Geoerg Kreisler ist am 22.11.11 in Salzburg gestorben.