Ein Reisebericht von Maks (Ril Rec)   Als Micha uns von der Großartigkeit des Punk Illegal Festivals in Schweden berichtete, welches verdammter Weise genau in die Mitte unseres vorbildlich eingereichten Urlaubs fiel, war die Entscheidung über das Ziel unseres diesjährigen Jahresausbruchs –  abseits des Wochenendpunkdaseins – beschlossene Sache. Hintergrund des Festivals ist die (finanzielle) Unterstützung des schwedischen Arms der KEIN MENSCH IST ILLEGAL-AktivistInnen. Der gesamte Gewinn kommt der Unterstützung von (nicht anerkannten) Flüchtlingen zu gute.

Munkedal hieß das Etappenziel unserer Reise und liegt rund 100 km nördlich von Göteborg. 1.000 Tickets sollten in diesem Jahr in den Verkauf gehen – genau die Größe, die ich gut ertragen kann, wo ich doch alles andere als ein Fan großer Festivals bin (das Rodeo dank Rückzugsmöglichkeiten mal ausgeschlossen). Um das auch mal direkt zu beweisen, verließen wir mit unserem Bully den Festivalzeltplatz nach deutlich weniger als geraumer Zeit, sprich unmittelbar nach unserer Ankunft. Da kam mir die Tatsache unserer bemitleidenswerten Reifen in Verbindung mit dem verdammt tiefen Geläuf und der potentiellen Gefahr von Regenschauern, gerade recht. Ein hervorragendes Argument, welches ich als Hauptgrund vor das „ich ertrag dat nich“ schieben konnte. Und da auch Sabbi das Bedürfnis überkam, nachts ein Auge zu schließen, fanden wir bald eine Parkbucht hinter einem Supermarkt, von wo man zwar 20 statt 15 Minuten zum Festivalgelände laufen musste, aber wir sind ja schließlich noch jung. Wie die bisherigen Zeilen sicher deutlich unterstreichen.


Auf Gesellschaft mussten wir nicht lange warten, denn nach ein paar Metern in Richtung Munkedal Folke Park,  in welcher das Festival stattfinden sollte, gesellten sich zwei ca. 13jährige Bengels zu uns, die uns mit ihren Teutschkenntnissen fast schon, aber eher gar nicht, begeisterten. Neben „ich habe Durchfall“ könne man noch „Achtung Panzer!“ und halt einiges mehr, was mit A.H. zusammenhänge. Das würde prima provozieren. Ich überzeugte schließlich mit meiner persönlichen Ansicht zu dem Thema und nach vorgegaugelter oder tatsächlicher Einsicht unserer Gesprächspartner, lenkte ich das Gespräch auf das Thema „Bierpreise in Schweden und Teutschland“ um, bei denen sich die Rotzigen ebenfalls erschreckend gut auskannten. Das war auch besser so, denn der Park, in dem das Festival stattfinden sollte, gehörte dem Vater eines unserer Gesprächspartner. Zumindest wohnt er direkt am bis im Park, was sich nicht mal als dreiste Lüge herausstellte. Und so weiter und so fort, blablablablabla.

Bis wir den Eingang fanden, verging Zeit, weil sich dieser auf der Rückseite des Parks befand. Dieser war nur über stillgelegte Bahnschienen erreichbar, welche direkt zum Campinggelände führten. Die Konfrontation AnwohnerInnen – PunkerInnen war somit minimalisiert. Etwas unglücklich war nur, dass der Weg dorthin von einer Brücke geprägt wurde, die einen etwa halben Meter breiten Steg beinhaltet und daneben Bahnschwellen, von typischer Breite, jeweils unterbrochen von einem Nichts in gleicher Breite. Sprich ein Schritt daneben und man sah erstmal doof aus der Wäsche, da man sich Richtung Fluss verabschiedete, wenn man nicht durch seinen eigenen Arsch logischerweise gerettet würde. Oder man ist halt scheiße dünn und hat richtig verloren. Wer es nicht kapiert hat, wird beim Betrachten der Fotos sicher schlauer. Wie auch immer… kurz vor Festivalbeginn bauten daher zwei findige Helferlein noch flott (naja) einen Zaun zur Absicherung dort  hin. Ob der bis zum Festivalende fertig geworden ist, weiß ich auch nicht, weil der Weg zu unserem Pennbully eh ein anderer war.

Also erstmal rein spaziert in die gute Stube und siehe da: Die beiden Jungs, die uns am Eingang die Eintrittsbänder abschnitten, kamen aus Olpe und waren 1,5 Tage hierher getrampt, um bei diesem Festival helfen zu dürfen. Rund 100 freiwillige HelferInnen fanden sich zusammen, um das Festival über die Bühne zu bringen. Absolut großartig. Es dauerte auch nicht lange, bis wir auf weitere Leidesgenossen trafen: Bäppi, Herausgeber des Human Parasit und des großartigen engschlischsprachigen Nachfolgers „A Parasited Life“ samt seiner Freundin (sorry, den Namen hab ich vergessen oder wusste ich ihn gar nicht?) und Kumpel Roman, lernten wir schon bald persönlich kennen und schätzen. Immer wieder schön, so töffte Menschen endlich mal kennen zu lernen.

Genauso großartig das Festivalgelände: Ein schnuckeliger Park mit zwei Holzgebäuden, in denen sich die Bühnen samt Publikumsplatz und Gedöns befanden. Dazu eine vegane Fressbude, mit allerhand fantastischen Köstlichkeiten und ´ne Bierbude, wo die 0,5 Liter-Dose 400 Kronen = 4,80 Euro kostete und folgerichtig von uns ignoriert wurde. Zwar war das Mitbringen eigener Alkoholika verboten, es interessierte aber auch niemanden, wenn man es doch tat. Außer das Ordnungsamt, ohne welches das Festival nicht hätte stattfinden dürfen. Diese wurden jedoch strategisch so geschickt den zu besetzenden Punkten zugeordnet, dass sie wenig Einfluss aufs relevante Geschehen hatten, wobei sich die Logik, die diese verfolgten, mir nicht erschließen wollte. Meistens standen die Herren zwischen Festivalgelände und Verköstigungsständen und warum auch immer, ist es scheinbar in Schweden Gesetz, dass man die erworbenen Getränke nicht mit zum musikalischen Bereich nehmen darf. Die Bierausgabe ist – wie zuletzt schon in Göteborg gesehen – klar begrenzt und auch mit Tischen/Stühlen versehen und man muss sein überteuertes Bier dort austrinken. Andererseits wurden BesucherInnen, die trotzdem auf dem Gelände Bier konsumierten – woher auch immer diese es herhatten – nicht belästigt. Wenn man jedoch wiederum von außerhalb mit ´ner offenen Dose ankam und zufällig ein Ordnungsspacken am Festivalgelände-Eingang stand, war man selbst als Bandmitglied nicht befugt, drinnen weiter zu saufen. Am Ende machte ich APPD-gemäß drei Zonen aus: Außerhalb des Geländes, die Verköstigungsarea und schließlich das Festivalgelände als solches. Überall darf man trinken, aber sein Getränk nicht in eine andere Zone mitnehmen. Ich kapier das bis heute nicht. Ich kapier auch nicht, warum ein Securitymensch einem Gesetzesbrecher mit ausgestrecktem Stinkefinger von der Verköstigungsmeile aufs Gelände folgte und 20 Minuten auf ihn einredete, dass er das nicht darf, während er dabei schweigend weitertrank und an der nun Ordnungsmenschfreien Schleuse ein vielfaches von TrinkerInnen mit Dösken hin und her spazierten. Egal, eins, zwei, drei, vier, los geht’s:

Lastkaj 14 hatten die Ehre, das Festival zu eröffnen und zogen vor allem jüngeres Volk an. Der von diesen entfachte Pogo bestand darin, dass scheinbar jeder versuchte, den besten Platz direkt am mittleren Bühnenrand zu erhaschen. Es war ein einziges pogohaftes Gedränge von 20-30 Kids, auf einer Fläche, die eigentlich 20 mal so viele Leute beherbergen kann. Herrlicher Anblick. Vor allem, wenn jemanden ausmacht, der in Barfuß meint, mit den bestiefelten Widersachern Stand halten zu müssen.

Als erste Band, die nach vorherigem Soundfilecheck im weltweiten Netz, meine Beachtung auf sich zog, stand EPA als insgesamt dritte Kombo auf der Bühne. Unglaublich: Ein geschätzt 15-16-jähriges Mädel am Bass, welches in seiner gesamten Gestalt eher an ein vorbildches Kirchenchormitglied erinnerte, rockte hier mit ähnlich junger Dame an Gesang und Gitarre und zwei etwas älteren Jungs, ordentlich die Bühne. Alle mit feinen Kopf-Blumenkränzen geschmückt, was den Hintergrund hatte, dass heute Mittsommernacht war. Die Nacht, in der die Schweden den längsten Tag des Abends feiern und die Mädels als Frösche verkleidet um eine Art Maibaum tanzen. Überhaupt sind zu dieser Jahreszeit die Dunkelphasen extrem kurz. Mal ganz unabhängig von tanzenden Fröschen.

Als fünfte Band stehen CONFUSA aus Finnland auf der Bühne und erstmalig bin ich vollends begeistert. Was haben die beiden Damen am Gesang für Pfeffer im Arsch. HC/Punk auf Finnisch, großartig vorgetragen, ich bin hin und weg. Vier Bands später wissen LIFE SCARS aus Polen, musikalisch ähnlich orientiert, ebenfalls mit Frauengesang, mich nicht minder zu begeistern. Wie holt das Mädel bloß diese Stimme aus ihrem Hals. Die ersten beiden Pflichtplattenkäufe und bis zum Ende des Festivals die absoluten Highlights. Meinhof verpassen wir angesichts unseres Pommeswahns leider, geben uns zuvor aber noch Tuna aus Brasilien, Ruidosa Immundicia (HC-Geknüppel auf Spanisch, mit in Österreich lebenden Chilenen), Antidote und die ersten Klänge von Juggling Jugulars aus Finnland. Ich greife mal vorweg: Insgesamt war die Bandauswahl zwar nur bedingt mein Geschmack, wobei es schon ein paar Highlights gab und mit o.g. beiden Bands sogar zwei richtig großartige Darbietungen. Der hohe Anteil an Crust, Grindcore und wie das ganze Gebölke sonst heißt, sorgte aber immerhin für ein paar Pausen, in denen wir beruhigt neues Bier reinschmuggeln oder den Fressstand belagern konnten. Darüber hinaus hofften wir, dass diese Bands durch die vermeintlich ausgestoßenen Brunftschreie doch noch dafür sorgen, dass wir endlich einen Elch leibhaftig zu Gesicht bekommen.

Die Nacht hinter dem Supermarkt war super. Deswegen heißt das ja auch so. Schön ruhig, keine Pissflecken an den Bullywänden und keine Kotzlaachen beim Gang ins Gebüsch. Himmlisch! Und nach einem leckeren Frühstück und diversen Entspannungsphasen in den grünen Bereichen Munkedal´s, enterten wir um 14.30 Uhr die Sitzplätze der „Scora Sceen“ („große Bühne“), wo GRAVEDIGGER AND THE TEACHER den Tag gebührend einläuteten. Beim vorherigen rumgestöber, hatte ich bereits mit einer Art YOK/QUETSCHMAN für Countryfreunde mit mehreren Musikanten und mit ohne Quetsche gerechnet und irgendwie lag ich gar nicht so falsch. Viele Texte wurden von den Sprachgewandten mitgesungen, die meisten Texte (oder gar alle) wurden in englisch vorgetragen, womit gesichert war, dass zumindest Sabbi oft herzhaft vor Freude lachen konnte. Ich sogar auch ab und an. Entweder wenn sie für mich übersetzte oder wenn ich selber auf simple Formulierungen traf. Und jedes mal dann, kam ich aus dem Grinsen nicht mehr raus. Wo politische Punkbands oft nur ficken, da wird hier getötet. Johnny Cash für die radikale Linke mit Frauengesang samt dem beeindruckenden Tattoo einer Meise auf dem Arm und eines Hufeisens auf dem Schienbein. So macht selbst mir der Ponyhof Spaß.

Da wir erst um 18.30 Uhr wieder musikalisch angesprochen wurden, hieß das, die Kühltasche zu holen und sich auf die Reunionen von BURNING KITCHEN zu freuen. Und angesichts der Fülle des Schuppens, freuten sich darauf noch sehr viele andere, die ordentlich abgingen. Zwar wurde die Darbietung im Laufe des Auftritts stetig besser und war auch durchaus richtig gut, in Angesicht unserer Begeisterung für CONFUSA und LIFE SCARES blieben BURNING KITCHEN aber leider ein wenig hinter unseren wohl doch zu hohen Erwartungen zurück.

Da mit der nächsten Band zunächst wieder Elche gefordert wurden, gesellten wir uns mit unseren Bierdosen auf die Wiese und schauten den Schweden bei ihrem Volkssport Nr. 1 zu: Abhänge runter rollen, ohne Rücksicht auf Verluste. Herrliche Bilder und durchaus ein Ersatz für das sich in Teutschland einbürgernde Crossgolfen, solange man nicht selber mitmachen soll. Die talentiertesten Punks schafften es sogar, den Aufhang wieder rauf zu rollen!

Unsere Favoritenliste endet mit einer TOP 4, in die noch gebührend TWO POINT EIGHT rutschten, die hier leider etwas fehl am Platze waren. Irgendwo zwischen RANCID und den bekannteren schwedischen Bands, wussten diese uns durchaus sehr gut zu unterhalten. Witzigerweise mit einem Daniel Klein-Doppelgänger (ignorieren wir mal großzügig die Körpergröße und die Stellung der oberen Vorderzähne) am Bass und teilweise ähnlichen Klängen wie die dazugehörige Band sie liefert. Leider gesellten sich nur etwa 50 Leutchen zu dieser Darbietung, welche durchaus mehr verdient hätte. Hm, wieso muss ich gerade an unser Label denken? Ich frag die glaub ich gleich mal, ob die ´n Bekloppten suchen, der 500 LPs und 1.000 CDs für den teutschen Markt pressen lässt.

Ich habe den elfdosigen Vorrat schnell auf, weil ich genau weiß, dass wir heute eh nicht allzu spät Pommes holen gehen, da uns nach der 21.15 Uhr-Band (bis 22 Uhr) nur noch eine Kombo halbwegs zusagt und die spielt erst um 1 Uhr. Somit sind Dick Tracy der letzte Akt, den wir uns geben und da wir zu der übereinstimmenden Meinung kommen, dass das „halbwegs zusagen“ doch positiver formuliert ist, als es den Tatsachen entspricht, verabschieden wir uns bereits früher. Falsch, wie mir gerade einfällt. Wir sind nur nach draußen gegangen und haben dann noch 2 Klänge von den uns empfohlenen THE FIGHT mitbekommen, mit denen die Flensburger aber dann doch deutlich mehr anfangen konnten, als wir zwei beiden. Also doch frühzeitige Pommes holen. So lange Festivals zehren echt an mir, was aber natürlich nichts mit meinem Alter zu tun hat.

Auch wenn mir gut 50% der Bands nicht zusagten, bleibt für uns beide unterm Strich die Erkenntnis, dass dieses Festival das mit Abstand geilste war, welches wir je erlebt haben. Die Location, die Größe des Festivals, die Atmosphäre, all das reichte aus, um uns mit zwei bis vier klasse Bands musikalisch zu befriedigen. Fragt mich nicht nach Einzelheiten, was denn jetzt genau sooo geil war, um das PUNK ILLEGAL ganz oben auf den Sockel zu hieven. Ganz sicher nicht die Tatsache, dass es im Rahmen eines Urlaubes stand, denn da haben wir durchaus auch schon negative Erfahrungen gemacht. Der Gesamteindruck war schlichtweg fantastisch und das Wetter hat – bis auf ein oder zwei kurze Nieselregen – auch weitgehend mitgespielt. In diesem Sinne 1000 Dank an Therese vom Punk Illegal und alle anderen, die das Festival ermöglicht haben. Und ´n herzlichen Gruß natürlich auch in Richtung Flensburg. Skol und hoffentlich auf ein Neues!

PS: Wir sind noch nicht zu Hause, danke der Nachfrage. Die Woche nach dem Festival zeigte Schweden von seiner allerschönsten Seite. Tolles Wetter, schöne Strände, blablabla. Kleine Witzigkeit von gestern, als wir verhältnismäßig morgens über den Strand tänzelten: Als wir dem Sand entgegentraten, sahen wir auf einmal, wie aus einem alten Holzboot ein Kopf hervorlugt. Ich: "Haste den gesehen?  Ich hab vom Aussehen her im ersten Moment gedacht, das ist der Alex Schwers. War er aber nicht." Sabbi: "Ich hab im ersten Moment gedacht, dass ist irgend´n Besoffener, der sich da gestern Abend reingelegt hat." Ich drehte mich um, ob es nicht vielleicht DOCH Alex war.

Maks (Ril Rec.)

 

´nen Arsch voll Fotos von dieser Veranstaltung findet Ihr hier: http://www.rilrec.de/neu/de/rilbfhpa/2011/419-20110623#comment-514