NOFX First Ditch EffortDr. Martin Seeliger, Sänger der legendären Shitlers und Wissenschaftler, hat für das Plastic Bomb #97 eine ausführliche Würdigung über das aktuelle NoFX-Album "First Ditch Effort" geschrieben:

Früher, in den späten 1990er und 0er Jahren sind wir zu Konzerten von Ami-Bands aus dem Ruhrgebiet meistens nach Köln ins Underground, das Palladium oder die Live Music Hall gefahren. Natürlich mit dem RE-1. Auf dem Parkplatz erwarteten uns dann eine Reihe von Volvo´s und Passat´s, mit denen die anderen ‚Punker‘ hingefahren waren. Die waren gut in Sport, hatten diese bescheuerten Surfer-Ketten aus Holz um und man wollte gar nicht auf Toilette gehen, um deren hirnverbrannte Gespräche nicht hören zu müssen. Bevor das Konzert losging, holten die sich noch schnell ihre kurze Hose aus dem Kofferraum, um dann hinterher wieder über die A-40 zurück nach Recklinghausen zu fahren. Der Volvo oder Passat gehörte natürlich den Eltern.


Wenn ich die Wesenszüge dieser Leute auf einen prägnanten Begriff bringen würde, würde jemand aus der Plastic Bomb-Redaktion ihn zensieren, also verzichte ich darauf. Diese Leute störten mich jedenfalls damals, und sie stören mich auch heute. Und wenn ich das so schreibe, kann ich sogar verstehen, warum die Nietenpunker damals so gegen uns Pop-Punker gewettert haben (schöne Grüße, Ihr Trottel). Wenige Jahre später schlugen Bands wie ZSK oder Anti-Flag eine Brücke, die vorher sonst nur die Terrorgruppe hinbekommen hatte. Kurzum: NoFX zu hören ist mittlerweile auch unter ekelhaften Nietenpunkern mit ihren versifften Jacken weitestgehend akzeptiert.


Wer sich ein bisschen in der kalifornischen Punkszene auskennt, der weiß, dass die Grenze zwischen Nietenpunkern und Poppunkern dort weniger eindeutig verläuft, als dies in Deutschland der Fall ist. Natürlich gibt es auch dort Jugendliche, die mit Punk-Images kokettieren. Aber während man diese hierzulande vor allem unter den sogenannten Poppunkern fand während die Nietenpunker als die aufrichtig Schwierigen galten, war die einheimische Melodiepunkszene mit den prekär Beschäftigten und Kleinkriminellen, den Drogenabhängigen und den Gewalttätern mit genau denjenigen verbunden, mit denen sich auch die hiesigen Nietenpunker gern in Verbindung brachten.


Mit ihrem 13. Album zeigen NoFX einmal mehr, dass die Trennung zwischen melodischem und unmelodischem Punk als Indikator für eine szenespezifische (Sub-)Kulturform oder Lebensweise im Jahr 2016 nicht mehr trägt. Um dies wirklich zu verstehen, lohnt ein Blick in die vor Kurzem erschienene Bandbiografie ‘NOFX: The Hepatitis Bathtub and other Stories’, in dem eben jene Lebenswelt der 1980er und 1990er beschrieben wird, die sich Fat Mike schon in ‚The Separation of Church and Skate‘ zurückgewünscht hat.


Nachdem die Band im Buch bereits viel biographischen Ballast verarbeitet und abgeworfen hat, macht sich Fat Mike auf ‚First Ditch Effort‘ an die Aufarbeitung einer Reihe weiterer persönlicher und politischer Probleme. Das vorab veröffentlichte ‚Six Years on Dope‘ thematisiert – wie ungefähr ein Drittel der Songs auf dem Album – Fat Mike´s  Drogensucht. Mit ‚Happy Father´s Day‘ folgt darauf gleich der nächste alte Hut: Fat Mike widmet sich hier der düsteren Fortführung seiner Klage über die elterliche Verantwortungslosigkeit, wie er sie schon auf ‚My Orphan Year‘ begonnen hat. Nach ‚Ronnie und Mags‘ folgt mit ‚Sid and Nancy‘ ebenfalls eine Anknüpfung: Hier wird einmal mehr die politischen Protagonisten des Washington Consensus durch den Kakao gezogen. ‚California Drought‘ geht dann wieder um Drogen. Der Song überzeugt mit dem bewährten Anschlagsmuster, das man von ‚Oops I OD´d‘ kennt sowie Gesangslinie von ‚the Man I killed‘ oder ‚Fermented and Flailing‘, vor allem musikalisch. ‚Oxy Moronic‘ lebt dagegen vor allem von seinem bestechenden Wortwitz. Die Thematisierung der Pharmaindustrie zeigt einmal mehr, wie Fat Mike die Gegenstände seiner Kritik aus persönlichen Erfahrungen ableitet. ‚I don´t like me anymore‘ enthält weitere Jammerei über Drogensucht und Entfremdungserfahrungen. Mit ‚I´m a Transvest-Lite‘ gelangen wir m.E. zum ersten richtigen Höhepunkt der Platte. „It’s hard to tell bros that you wear women’s clothes. Even in the “open minded” punk scene you’d probably get hurt in heels and a skirt.” Das hätte man mal den Passat-Punkern mit ihren kurzen Hosen auf dem Männerklo sagen sollen. Und den fetten Nietenpunkern auch. Die wären voll ausgeflippt. In ‚Ditch Effort‘ widmet sich Fat Mike mit dem Höhlengleichnis einer philosophische Grundfrage. Den Rest verstehe ich nicht. ‚Dead Beat Mom‘ finde ich auch scheiße, schreibe ich nichts zu. ‚Bye Bye Biopsy Girl‘ enthält den typischen NoFX-Wortwitz in Kombination mit typischen NoFX-Provokationen. Gute Sache! ‚It ain’t lonely at the bottom‘ geht um Drogen. Gutes Thema! Guter Song! Ich will jetzt auch welche nehmen! Den Höhepunkt des Albums stellt sicherlich das dem verstorbenen Tony Sly gewidmete ‚I´m so sorry, Tony‘ dar. Hier sieht man mal wieder, aus welchem Grund NoFX (und außer Punk Voter eigentlich alles, was Fat Mike anfasst) so gut funktioniert: Der Typ kann Leute erreichen, ohne sich zu verstellen und ist dabei noch ein herausragender Songwriter und ein guter Geschäftsmann. Mit dieser Heldenverehrung setzt er sich selbst, seinem Label und einem gesamten Genre ein Denkmal zu Lebzeiten. In ‚Generation Z‘ erörtert er schließlich die dringenden Probleme der zeitgenössischen Zivilisation aus äußerst kulturkritischer Perspektive. Anschließend liest irgendeine Olle noch ein schwarzseherisches Gedicht über das Ende der Welt vor. Braucht man eigentlich nicht, aber ist trotzdem ok. Lest mal lieber den Band ‚Does Capitalism have a Future?‘ oder so von Immanuel Wallerstein und anderen. Das ist informativer.


Musikalisch stellt das Album auf jeden Fall (ich kann das beurteilen!!) das avancierteste Schaffenszeugnis der Band dar. Dass die Akkordfolgen noch schöner und besser mit den Songinhalten abgestimmt sind, mag mit Mike´s jüngeren Schreibprojekten zu tun gehabt haben. Teilweise findet sich die Veredlung (oder sogar: Perfektionierung?) NoFX-typischer Akkordfolgen ja schon in ‚Home Street Home‘ wieder. Die besondere Symbiose, die Gesang und Saiteninstrumente auf ‚First Ditch Effort‘ eingehen, übertrifft dessen Umsetzung aber noch weiter. Gleichzeitig erscheinen die Breaks aber auch komplexer und Produktion wesentlich rauher – so als hätte man die unterschiedlichen Aspekte und Facetten gleichzeitig in verschiedene Richtungen zugespitzt. Der Sound ist dreckiger als auf den anderen Alben, gleichzeitig sind die Backing-Vocals aber noch weiter ausgearbeitet. Das wird teilweise noch verstärkt durch die weiblichen Gastparts – insgesamt sind mit u.a. Chris Shiflet, Joey Cape, Karina Deniké, Brian Baker, sowie den Töchter von Fat Mike und Tony Sly eine ganze Reihe bekannter Gastmusiker*innen auf der Platte zu hören. Was das soll, ist mir nicht klar. Aber im Großen und Ganzen funktioniert es (Kooperation im Songwriting hat ja schon auf ‚Home Street Home‘ gut geklappt).


Einen weiterer Grund für die Emotionalität, die die Platte transportiert, erkenne ich darin, dass Fat Mike sie – als erstes NoFX-Album – in einer Phase des Drogenkonsums aufgenommen hat. Verschiedene Gesangspassagen klingen so, als sei er auf MDMA gewesen (macht die Stimme etwas höher und weicher). Passt gut! Leider sind aber auch einige der Experimente schiefgegangen, streckenweise klingen die langen Instrumentalpassagen nach schrecklicher 70er-Jahre Musik und die Pentatonik-Läufe auf dem Bass stören auf Dauer. Sollte man lieber Black Sabbath überlassen. Dafür ist Erik Melvin als Sänger präsenter, das tut dem Album insgesamt sehr gut.


Insgesamt ist das eine großartige CD (bitte kein Vinyl). Persönlich finde ich es cool, dass diese Frat Boy-Attitüde mehr und mehr gebrochen wird, die mich an Skatepunk immer gestört hat. Politisch finde ich den vorwiegenden Fokus auf Bürgerrechte ein bisschen problematisch. Man sollte mal lieber mehr über Klasse, Armut und den Arbeitsmarkt reden, als die nächste und übernächste mögliche Diskriminierungen anzuprangern. Aber Punk ist halt am Ende liberal und nicht kommunistisch und das ist vielleicht auch gut so. Achso, allen die noch mehr aus der guten alten Zeit in der Bay Area erfahren möchten, sollten man ‚Gimme something better‘ lesen. Viele Grüße und alles Gute, Martin.