8030760909 e198048153 kWer kennt das nicht? Im Sommer auf der Straße, im Park oder sonst wo sitzen und Bier trinken. Dazu vielleicht ein schrottiger Casi mit einem Vorkriegsjugend-Tape darin. Und zugegeben: Als jugendlicher Punk fühlte sich das schon ganz schön rebellisch an. Vorbeigehende Bürger*innen rümpften die Nase, manchmal kamen die Bullen und erteilten Platzverweise. Schlimmstenfalls gab es Ärger mit Faschos oder den örtlichen Dorfprolls.

Mit zunehmendem Alter macht öffentliches Biertrinken nicht unbedingt weniger Spaß, man hält sich dabei aber vermutlich nicht mehr für die Speerspitze der kommenden Revolution. Und ebenfalls zugegeben: Mitunter gehen mir Schnorrerpunks, die letztlich überhaupt nichts machen außer zu saufen und sich darüber zu beschweren, dass das Konzert mit drei Bands im AZ allen Ernstes 5,- € Eintritt kostet, ganz schön auf die Nerven.

 

 

Bei solchen ‚Problemen’ vergisst man leicht, dass es Länder gibt, in denen (nicht nur öffentliches) Biertrinken tatsächlich ein Akt des Widerstands ist. Ist Istanbul haben am Freitagabend Fans von RADIOHEAD in einem Plattenladen rumgehangen und deren neues Album gehört. Dabei haben sie Bier getrunken. Egal ob man die Band mag oder nicht, das ist erstmal ein verdammt schöner und – wie man meinen sollte – nicht sonderlich gefährlicher Zeitvertreib. Anders in Istanbul: In dieser eigentlich – trotz Erdogan & Co. - noch recht pluralistischen Metropole, stürmten Unbekannte brüllend den Laden, trieben die Musikhörenden auf die Straße und zerschlugen Möbel. Stein des Anstoßes war das Biertrinken während des Fastenmonats Ramadan. Der daraus entstehende Protest gegen den religiösen Wahn der Täter wurde von der Polizei brutal niedergeknüppelt.

Nun könnte man anmerken, dass ja dieser Tage andernorts ganz andere und sehr viel schlimmere Dinge geschehen, als ein Angriff auf ein paar Bier trinkende Musiknerds. Das stimmt natürlich. Es wird verschärft gestorben dieser Tage, ob in Syrien, im Mittelmeer oder ‚nur’ in irgendeinem afrikanischen Land. Ob in Orlando oder in England. Die Barbarei ist auf dem Vormarsch und es ist einfach unmöglich, jeden sinnlosen Tod angemessen zu beklagen.

Ich habe dennoch dieses Ereignis herausgepickt, schließlich sind auch wir Fans alternativer Musik, trinken (größtenteils) gerne Bier und haben mit Religion relativ wenig am Hut. Außerdem ist die Tat exemplarisch. Exemplarisch für die Verhältnisse in einem vermeintlich demokratischen Staat, der gerne zu Europa gehören möchte. Exemplarisch für das menschenverachtende Potential jeglicher Religiosität. Und exemplarisch dafür, wie dünn der Deckmantel der Zivilisation ist und wie wichtig es daher zu jeder Zeit ist, die Barbarei zu bekämpfen.

Daher: Solidarität mit den Istanbuler RADIOHEAD-Fans! Für Biertrinken und Musikhören, immer und überall! Gegen jede Religion!

Daniel

Bildquelle: Daniele Dalledonne/flickr.com/CC BY-SA 2.0