achimAchim Menzel ist heute im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben. Noch in der vorletzten Ausgabe hatten wir ein langes Interview mit ihm, dass ich anlässlich seines Todes jetzt online stelle.

Achim war wirklich einer der nettesten und unkompliziertesten Interviewpartner, die ich jemals hatte. Keine einzige Allüre hatte er am Körper. Es fing schon damit an, dass er persönlich seine Termine ausmachte und sich weitestgehend selber managte. Nur E-Mails lies er sich, wie er sagte, von seinem Sohn ausdrucken. Kurz nach meiner Anfrage rief er persönlich bei mir an, um ein Termin zu vereinbaren. Wow. Nichts gegen Agenturen, aber so viel Nähe zu Fans und Publikum von jemandem, der gerade im Osten sehr populär und berühmt ist, hat man nicht alle Tage.

Er freute sich spürbar über unser Interesse an ihm und hatte keinerlei Berührungsängste mit uns als kleines Punk-Fanzine. Wahrscheinlich hatte er zu nichts und niemand wirklich Berühungsangst. Das war vermutlich eins seiner großem Stärken. Im Interview selbst plauderte wie ein Wasserfall und hatte merklich seinen Spaß an unserem Gespräch. Das hatte ich dann auch.

Das Interview fand dann im Cottbusser Hauptbahnhof beim Bäcker statt. Auch so ein typisch bodenständiger Move von Achim. Übrigens schien es nicht nur mir viel Spaß gemacht zu haben, es zu führen. Viele haben es auch gern gelesen. In allen Rezensionen wurde das Interview gelobt.

Lemmy von Motörhead habe ich noch bei seinem letzten Konzert im Dezember in Berlin live sehen können. Bei Achim, der nicht weniger Rock'N'Roll war, ist mir diese Freude nie vergönnt gewesen. Sehr schade.
Foto: (Chester100/wikimedia.org/CC BY-SA 3.0/eigene Bearbeitung)


Im April bist du gemeinsam mit Frei.Bier.Ideologen und Gyoko Schmidt ein Konzert in Cottbus gespielt. Wie kamen die auf dich?

Ich bin vorher schon einmal in Torgau [Anm.: Am 12. April 2014 mit den Lokalmatadoren, Oxo 86, The Movement und den Starts] und davor Eilenburg mit Punkbands aufgetreten. Dabei habe ich gemerkt, dass ich in meinem Alter einen Status erreicht habe, den man schon als „Kult“ bezeichnen kann.

Und deswegen, meinst du, wirst du inzwischen auch jenseits von Tanztees im Seniorenheim gebucht?

Ja, die Jugend ist wohl der Meinung, dass ich schon so lange mache und man mich deswegen einfach so weitermachen lassen kann, weil ich Stimmung mache. Das ist dann schon in Ordnung. Und wenn mich dann doch mal jemand anpöbelt, kommen gleich drei Leute hin und verteidigen mich: Ey, der Achim ist in Ordnung, lass den mal in Ruhe. Wenn man diesen Status mal erreicht hat, kann man im Grunde machen, was man will. Du musst nur hinter dem stehen, was du machst und es muss Spaß machen. Das bekommt das Publikum ja mit, wenn man es für sie macht und das man das macht, damit die in Stimmung kommen.

Wann hast du gemerkt, dass du diesen Kultstatus erreicht hast?

Um 1996. Da wurde ich bei Kalkofe verscheißert und habe kontinuierlich mit ihm jedes Jahr etwas gemacht. Ich habe ihn sogar darauf aufmerksam gemacht, wenn ich wieder eine Sendung habe, damit er sie sich anschauen und daraus vielleicht etwas machen kann. Sogar meine Kostüme, zum Beispiel so eine volkstümliche Jacke, habe ich ihm geliehen, wenn seine Kostümtante die selbst nicht an Land ziehen konnte. Bei der Nachfolgesendung meiner Hitparade, bei der ich auf einem Schiff unterwegs war, hat er mich sogar angerufen und gefragt, ob er sich diese Kapitänsjacke leihen könnte. Also seit mich die „Mattscheibe“ kontinuierlich bringt und die Wixxerfilme gelaufen sind, habe ich diesen Status erreicht und kann bei der Jugend auch mitmachen. Ich habe sogar schon Banner auf Stadtfesten mit der Aufschrift „Achim, wir lieben dich“ gesehen. Danach habe ich mich auch zum ersten Mal getraut, so etwas wie in Eilenburg zu machen. Ich wusste ja gar nicht, ob das überhaupt funktioniert. Die Veranstalter haben es im Internet angekündigt und hatten einen riesigen Rücklauf. Da kamen ständig Mails, in denen gefragt wurde, ob ich wirklich dabei sei.

Also so ganz überzeugt warst du am Anfang auch nicht?

Zuerst habe ich überlegt, ob es sich dabei um eine versteckte Kamera-Aktion handelt. Ich muss ja immer aufpassen, ob irgendwo eine dunkle Glasscheibe ist. Die Jungs waren bei Soundcheck aber ganz normal und freundlich. Die haben sich gefreut und sogar „Willkommen Achim“ über die Tür geschrieben. Da habe ich gemerkt, dass die es ernst meinen. Vor mir haben zwei Bands gespielt und bei meinem Auftritt war dann die Hölle los. Ich hab keine Kompromisse gemacht, indem ich mir aus der alten Zeit zwei oder drei Rocktitel draufschaffe, sondern mein Programm durchgezogen. „Hier fliegt heut die Kuh“ habe ich als ersten Titel gespielt. Da war eine Bambule in dem Laden. Ich fürchtete schon, denen hätte jemand Geld gegeben. Aber bei einem ganzen Saal ist das ja unwahrscheinlich.

Und reagieren die Punks dann anders als das klassische Schlagerpublikum oder wirst du überall gleich gefeiert?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich beim klassischen Schlagerpublikum so nicht gefeiert werde. Die sitzen ja auch, während die in den Jugendclubs stehen. Mein älteres Publikum steht zwar auch am Ende auf und jubelt und macht mit, wenn ich mit denen „Holladrio“ singen will. Wenn du es geschafft hast, alle Generationen anzusprechen, bist du wie Heino. Nur Heino hat Kompromisse gemacht, indem er andere Lieder nachgesungen hat. Zwar in anderen Versionen, aber das würde ich nicht machen. Ich werde weiter mein Programm durchziehen und würde mir nicht zwei Lieder von einer Punkband draufschaffen.

Gibt es weitere ungewöhnlichere Projekte von dir in der nächsten Zeit?

Die Berliner Band Thee Flanders hat das Musikvideo von „Enjoy the silence“ von Depeche Mode nachstellen, wo einer als König mit einem alten Liegestuhl durch die Lande läuft. Mit mir als König!



Deine Karriere startete ja in der DDR, dann hast du Republikflucht begangen, bist aber trotzdem freiwillig zurückgekommen. Was war denn so schön an der DDR?

Zunächst vielleicht einmal meine Fluchtgeschichte: Ich bin zum Kindertag zum 1. Juni 1973 abgehauen. Die DDR hat an Kindertag immer Familiennachmittage veranstaltet und dazu auch Bands mit der Bahn in den Westen geschickt. Bei der Gelegenheit bin ich geflüchtet.
Was so schön war? Ich kann dir sagen: Es war scheiße im Westen. Es fing schon schlecht für mich an, denn in diesem Jahr fiel der Lastenausgleich weg. Als Republikflüchtling konnte man vorher einen finanziellen Ausgleich bekommen, wenn man nachweisen konnte, was man drüben gelassen hat. Wenn man zum Beispiel in der DDR ein Auto hatte, bekam man dafür einen Ausgleich. Mein Onkel hat mir sogar ein Auto zur Verfügung gestellt, aber wegen der Ölkrise konnte ich damit nicht fahren! Ich hab in Marienfelde im Aufnahmelager aber nur 30 Westmark bekommen. Das ist ja nix.

Ich habe mich dann in ins Saarland zu meinem Onkel ausfliegen lassen. Der hat mir ein Zimmer gegeben. Auf dem Arbeitsamt war man erst verwundert, dass ich aus dem Osten käme. Man hätte gar nichts von einem Grenzdurchbruch gehört und es wären ja auch keine Schüsse gefallen. Ich sagte, dass ich Musiker sei und mit der Bahn zum Kindertag rüber gemacht habe. Er frage, was ich könne und ich sagte, ich sei Gitarrist und singe wie der Teufel. Ich dachte ja wirklich, ich kriege jetzt zehn Adressen von Agenturen, wo alle auf mich warten.

Aber der Mann auf dem Amt sagte nur: „Gaukler und Fallensteller haben wir genug hier! Was können sie noch?“ Ich antwortete, dass ich Polsterer und Dekorateur sei. Daraufhin er: „Im Saarland gibt’s Eisen, Kohle und Stahl. Polstereien gibt es hier nicht.“ Ich sollte dann bei der Firma Eberspächer an Auspuffen schweißen. Da würde ich 2000 Mark bekommen. Hab zwar noch nie geschweißt, aber gut.

Mein Onkel war Bierausfahrer und hat Kneipen beliefert. Der hat auch Kneipen beliefert, wo ein paar Mädels angestellt waren, die entscheiden konnten, ob sie mit den Männern mitgehen wollten oder so. Da war auch eine Band mit vier Mann und mein Onkel hat mir da ein Vorsingen vermittelt. Die Mädels haben gerade die Tische eingedeckt. Damals war gerade der Titel „Der Junge mit der Mundharmonika“ von Bernd Clüver angesagt und den habe ich gesungen. Da haben die Mädels Tränen in die Augen bekommen und der Chef hat danach entschieden, dass ich da bleibe. Ich habe trotzdem weiter am Band geschweißt, jeden Morgen ab sechs, auch wenn ich noch bis fünf Uhr in der Kneipe Musik gemacht habe. Das war ein Scheißleben.

Und dann kamen nach vier Monaten drüben Briefe von meiner zweiten Frau mit gemalten Bildchen von meiner kleinen Tochter. Und ich war alleine drüben. Nur arbeiten, singen und schweißen. Das war ja kein Leben. Ich habe meine Frau dann fragen lassen, welche Strafe ich bekomme, wenn ich zurückkomme. Der Staatsanwalt meinte zu meiner Frau, ich solle erstmal zurückkommen. Es würde alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Dann hab ich mir noch eine Fender Stratocaster gekauft und was für die Kinder und bin zurückgegangen. Ich dachte auch, wenn ich zurückgehe, bekomme ich einen Pass wie Frank Schöbel und Dagmar Frederic, die erste Garde der Oststars damals. Mit dem konnte man auch in den Westen reisen. Aber ich durfte noch nicht mal mit meiner Band, die mich wieder aufgenommen hat, nach Tschechien reisen. Nicht einmal ins sozialistische Ausland also. Denn die meinten, dass ich nicht freiwillig zurückgekommen bin sondern zurück geschickt wurde, weil ich auf der Agentenschule gewesen wäre und alles ausspionieren soll.

Und wie lief deine Rückkehr dann ab?

Als ich mit dem Zug in der Friedrichstraße in Berlin wieder angekommen bin, musste ich runter in den Tränenpalast, dort alles ausziehen und mich untersuchen lassen. Dann war ich zwei Tage in der Keibelstraße eingesperrt und wurde ins zentrale Aufnahmelager gefahren: Schloss Barby. Alle, die aus dem Westen gekommen sind, mussten dahin. Da war ich dann neun Wochen nur mit alten Leuten, weil Rentner durften ja damals rüber. Meine Mutter hat dann dem Professor Wonneberg von meiner von meiner alten Band gesagt, dass ich wieder da sei. Der kam vorbei und sagte, dass er mich wieder in die Band nimmt. Dann war ich eine Woche später raus, weil ich dann ja Arbeit hatte.
Am ersten Tag meiner Bandprobe lerne ich Nina Hagen kennen. Die war meine Vertretung für das halbe Jahr. So sind wir dann zusammen gekommen.

Dann hast du mit Nina Hagen zusammen gearbeitet?

Noch nicht sofort. Nina hatte irgendwann die Schnauze voll von unserer Band, ist zur Gruppe „Automobil“ gegangen und hat den „Farbfilm“ gemacht. Wir haben aber trotzdem ausgemacht, dass wir mal was zusammen machen, denn wir haben beide gemerkt, dass wir einen Schuss haben. Ich habe dann auch das Wonneberg-Orchester verlassen habe und bin zum Tanz- und Schauorchster Rostock gegangen, weil ich mal wie Sinatra eine Bigband hinter mir haben wollte. Mit der spielte ich dann irgendwann in Binz an der Ostsee aus der Uferpromenade. Und wer stand dann eine unten mit riesen Stiefel und riesen Hut? Nina! Und sie sagte, dass wir jetzt was zusammen machen können. Wir haben dann eine Band in Berlin aufgerissen, die nannte sich „Fritze Fritzen und die Riesen“, weil der Frontmann, Michael Fritzen so ein kleiner Typ war der so viele Große um sich rum hatte. Und in Westberlin gab es eine Dampfkapelle, die auf dem Wannsee auf einem Dampfer gespielt hat. Das fanden wir gut. Fritzen bestand auf seinen Namen und dann haben wir uns Fritzens Dampferband genannt.

Das klingt bei dir ja insgesamt alles harmonisch. Aber so frei war man als Musiker in der DDR ja nicht. Wie war das bei dir?

Ich habe 1979 meinen „Ausweis“ als Solist gemacht, mit dem man in der DDR offiziell auftreten durfte. Ich musste dafür vor einem Komitee für Unterhaltungskunst vorsingen, da musste ich drei Lieder singen und die haben ja oder nein gesagt. Ich durfte aber auch danach nie mitfahren, wenn meine Bands in den Westen gefahren sind, sondern musste daheim bleiben! Aber einmal stand eine Reise nach Tschechien an, da hat das Berlin-Sextett Dean Reed, den Schauspieler, begleitet hat. Der hatte Narrenfreiheit im Osten und hat die Bürgschaft für mich übernommen. Damit war er dafür verantwortlich, dass ich mich benehme. Und der Rudi Richter vom Berlin Sextett wollte auch, dass ich mitfahre, weil ich als Solist auch nachher zum Tanz singen kann. Das können ja viele nicht, ich aber schon. Da durfte ich mit, aber niemals in den Westen. Deswegen gehörte ich auch nie zur ersten Reihe.

Hattest du auch Kontakt zu DDR-Musikern, denen die Probleme hatten?

Verfolgte Künstler habe ich auch nie getroffen. Nur einmal Wolf Biermann, der ja der Ziehvater von Nina Hagen war, als ich mit Nina geprobt habe. Aber sonst nicht.

Du warst auch kein politischer Musiker wie Biermann, oder?

Nein, für mich war immer maßgeblich, dass ich Spaß mache. Ich hab einfach irgendwann gemerkt, dass ich am besten ankommen, wenn ich Stimmung gemacht habe.

Und in der DDR warst du ja eigentlich Rock and Roller und nach der Wende eher Volksmusiker. Wie ist diese Entwicklung entstanden?

Ja, wir haben wie jeder mit der Rock and Roll-Zeit um 1963 angefangen. Da haben wir dann Beatles und Stones nachgespielt. Bis 1989 war ich ja immer Kapellensänger mit eigenen Programmen und eigener Band und so. Dann wurde ich vom DDR-Fernsehen gefragt, ob ich eine volkstümliche Hitparade moderieren wolle. Das ZDF wollte eine mit Carolin Reiber machen, RTL und Sat.1 hatten schon eine und die wollten jetzt auch eine. Als ich gefragt wurde, ob ich das moderieren wolle, hab ich direkt zugesagt. Ich hab ja immer Stimmungsmusik gemacht habe und Volksmusik ist für mich Stimmungsmusik.

Du siehst also da keine Genregrenzen?

Überhaupt keine. Ich unterscheide nur zwischen guter und schlechter Musik. Alles andere ist mir völlig gleichgültig. Was ich zum Beispiel scheiße finde, ist wenn einer Lieder wie „Das rote Pferd“ singt. Das ist ja eigentlich die Melodie von „Milord“ von Edith Piaf. Das ist dann geklaut und für mich absoluter Schwachsinn. Man sollte seine eigenen Melodien machen. Wenn ich Schwachsinn singe, muss ich wenigstens eine eigene Melodie drauf machen. So haben wir das mit der Dampferband auch gemacht.

Die Wendezeit hast du also ganz gut überstanden?

Klar, ich war ja einmal im Monat auf dem Sender. Am 9. November war die Grenze offen und am 23. hab ich meine erste Sendung gemacht. Und damit war ich sofort interessant für die Agenturen im Westen, die ihre Sängerinnen und Sänger zu den 17 Millionen neuen Zuschauern bringen wollten.
Was war denn das Erfolgsgeheimnis dafür, dass die Sendung so lange lief?

Ich habe mich aus der Besetzung rausgehalten. Deswegen ist meine Sendung 17 Jahre gelaufen. Wenn der Moderator die Besetzung aussucht und mal jemanden nicht nimmt, ist er sofort der Böse für alle. Außerdem hatte ich ja auch eine Wertungssendung und habe jeden gleich angesagt um die Wertung nicht zu beeinflussen. Und ich bin auch der Moderator, der am längsten eine Sendung ohne Unterbrechung im Fernsehen moderiert hat. Gottschalk hat länger, aber mit Unterbrechung!

Und dann kam Kalkofe und hat mich auf die Schüppe genommen. Ich habe zurück geschossen, indem ich auf die Tafel in meiner Sendung „Kalki ist doof“ geschrieben habe. Und damit waren wir die Ersten, die das interaktive Fernsehen vollzogen haben. Und so ist das alles ineinander gegangen.

Mit Kalkofe bist du dann ja richtig bekannt geworden, auch weil du einer der ersten warst, die nicht beleidigt waren sondern auch mit Humor reagierst hast. Aber warst du nicht schon erst erschrocken?


Nee, ich war ja zu der Zeit schon lange in dem Geschäft und wenn man sich der Öffentlichkeit stellt, muss man mit sowas leben können. Sonst wird man ja irgendwann verrückt. Man muss einfach humorvoll reagieren. Es kann ja nicht die ganze Welt auf dich stehen.

Wie war das, als du dich da zum ersten Mal parodiert gesehen hast?

Mich rief Kumpel an und sagte, ich solle mal ganz schnell Premiere anschalten. Ich würde gerade verscheißert. Ich schalte um und sehe, wie Kalkofe sagt: „In der Zone gibt’s einen Moderator, der ist eine Mischung aus Toni Marschall, einem überfahrenen Hamster und dem Yeti. Wenn sie den treffen, rufen sie einen Hundefänger.“ Meine Frau saß wie versteinert auf der Couch, aber ich hab gelacht – über meine eigenen Fehler. Zu der Zeit hatte ich noch keinen Telepromter und musste alles auswendig lernen, sogar die Telefonnummern für die Wertung. Ich wollte keine Pappen. Als ich dann die Telefonnummern durcheinander gebracht habe, ist Kalkofe darauf angesprungen. Meine Frau hat gar nicht verstanden, warum ich darüber lache. Ich sagte ihr dann: „Gitti, jetzt geht’s ab nach Westen!“ Mehr Werbung konnte ich gar nicht haben. Das habe ich sofort erkannt. Die Mattscheibe war ja Kult und wurde viel bei Jugendlichen gesehen. Die wollen dann alle wissen: Wer ist der Dicke, den Kalki verscheißert?

„Achims Hitparade“ lief ja bis 2006. Vermisst du es manchmal, eine eigene große Sendung zu haben?

Nein, ich vermisse es nicht. Ich habe es ja 17 Jahre gemacht. Der Nachteil war: Wenn man eine eigene Sendung hat, wird man von anderen ganz selten eingeladen. Mich hat mal Harald Schmidt oder Johannes B. Kerner eingeladen, weil ich mal was mit Kalkofe gemacht habe. Aber nie als Moderator meiner eigenen Sendung. Als ich 2006 aufgehört habe, kamen Angebote von allen Sendern. Promi-Dinner zum Beispiel. Das wäre mit der eigenen Sendung nie passiert. Und man hat mit einer eigenen Sendung auch so viel um die Ohren und auf einmal war ich richtig frei. Erst da haben die Leute gemerkt, dass der Dicke auch was erlebt hat und was zu erzählen hat. Da habe ich auch gemerkt, dass ich mein Geld viel leichter verdienen kann.

Du bist ja ganz gut gebucht. Wie viele Auftritte sind es so im Jahr?

So zwischen 150 und 170. Pro Wochenende immer drei oder vier. Ob Auto- oder Möbelhäuser, Stadtfeste und Dorffeste: Das nehme ich alles mit. Wenn ein Dort ein Frühlingsfest macht: Sofort hin! Wird gemacht.

Man merkt schon: Du bist schon eine Rampensau, die alles mitmacht. Gibt es Veranstaltungen, die du ablehnst?

Ja, ich mache keine Privatveranstaltungen, also weder Hochzeiten noch Geburtstage. Außer natürlich bei meinen Freunden und Verwandten. Aber es meldet sich auch kaum jemand, weil die wissen, dass ich am Wochenende eh keine Zeit habe und öffentliche Veranstaltungen mache. Ansonsten mache ich alles. Wenn mich jemand haben will, schaue ich in den Kalender und sage „Ja“ oder „Nein“. Das ist ja mein Beruf und den ich so ausüben muss, dass es mir Spaß macht. Und es macht mir immer noch Spaß. Wenn ich eine Woche lang nichts zu tun hätte, würde ich anfangen zu juppeln. Ich muss dann wieder raus. Vielleicht bin ich in einem Stadium, in dem ich das brauche. Wie Johannes Heesters. Wenn der die Bühne nicht gehabt hätte, wäre der schon viel früher gestorben. Der hat von Bühne zu Bühne gelebt.

Aber bis du so alt bist, wie Heesters geworden ist, dauert es ja auch noch ein bisschen.

Ja, zum Glück. Heesters ist auch einer der Künstler, der den Absprung verpasst hat. Und wenn du den verpasst, machst du nun mal, bis du umfällst. Man muss es in meinem Beruf mitbekommen, wenn die Leute nur noch höflich klatschen und auf die Uhr schauen, ob nicht bald der Nächste kommt. Bei mir steigert es sich immer noch bis nach hinten aber wenn die nach drei, vier Liedern immer weniger mitmachen, würde ich mir langsam was einfallen lassen.

Du gehst ja nun auf die 70 zu. Wo nimmst du diese ganze Energie her? Oder immer schon gehabt?

Ja, ich war schon immer unter Dampf. Wo das herkommt, weiß ich nicht.

Du bist ja durchaus eine Frohnatur. Das habe ich auch in diesem Interview gemerkt. Aber gibt es auch etwas, was dich richtig wütend macht?

Ja, was mich zum Beispiel sehr wütend gemacht hat: Ich habe mir zur Wendezeit eine Zeitung gekauft und gesehen, dass es von der zwei unterschiedliche Ausgaben gab: Ost und West, und das die uns die Ostausgabe gegeben haben. Dabei wussten wir doch alle, was im Osten los war. Wir wollten wissen, was drüben passiert. Dann hätte auch die Wende besser geklappt. Irgendwann war ich auch mal in so einer Illustrierten drin und hab ganz stolz meine Verwandtschaft im Westen angerufen und gesagt, dass die die sich mal kaufen sollen. Die riefen dann aber zurück und meinten, ich sei gar nicht drin. Da hab ich das richtig mitgekriegt.

Ich meinte die Frage eher so: Welche Eigenschaft stört dich zum Beispiel an anderen Menschen?

Unehrlichkeit, Aufdreherei und Angeberei. Das macht mich fertig. Damals nach der Wende musste man bei den Westkünstlern und -bands immer aufpassen, weil nur 50 Prozent von dem, was die erzählten, stimmte. Die Agenturen von denen haben immer Scheiße erzählt. Das musstest du immer im Hinterkopf behalten.

Eine abschließende Frage: Was wärst du heute, wenn du nicht Musiker geworden wärst?

Als ich 18 war, musste ich mich entscheiden: Musik oder Fußball? Ich war in der Berliner Juniorenauswahl und hab im Armeesportclub bei Vorwärts Berlin gespielt. Aber wenn ich weiter gemacht hätte, hätte ich zur Armee gemusst – auch wenn ich die Uniform nur im Schrank gehabt hätte, um weiter Fußball zu spielen. Aber mein Vater meinte: Musik kannst du länger machen als Fußball und da hat er sehr recht gehabt. Dafür bin ich ihm mein Leben lang dankbar.

Das Interview wurde am 17.04.2015 von Philipp Meinert geführt