best of 2015 7Best Of Listen sind ja so´ne Sache. Zum Einen finde ich es relativ anmaßend zu bewerten, welches Album in einem Jahr besonders „relevant“ war, zum Anderen fällt es mir sehr schwer zu entscheiden, welche Alben nun dieses Jahr für mich persönlich besonders wichtig waren. Es waren in jedem Fall mehr als fünf und ich möchte keines davon missen.
Hier trotzdem eine unfaire persönliche Auswahl.

Daniel

see through dresses sameSEE THROUGH DRESSES – s/t LP

Völlig überraschend hat mich diese Scheibe hier umgehauen, die zunächst in CD-Version in meinem Reviewstapel lag. Wie bereits in der #91 geschwärmt, spielen SEE THROUGH DRESSES aus Omaha, Nebraska, eine ultra träumerische Mischung aus Shoegaze, Dream- bzw. Indiepop und überhaupt allem, was an alternativer Musik in den 90ern toll war. Das mag für einige nach aufgewärmter (Hippie-)Scheiße klingen und diejenigen, die schon damals My Bloody Valentine wahlweise gehasst oder eben plattgehört haben, werden vermutlich nur müde gähnen. Bei mir trifft diese Musik jedenfalls einen Nerv, der mitten ins Herz führt. Diese cleanen und gleichzeitig verhallten Shoegazer-Gitarren, der weiblich/männliche Wechselgesang, Melancholie, Sehnsucht, dann doch wieder ein verzerrter, noisiger Postpunk-Part… Ach, was soll´s. Ich bin Fan!

Envy Atheists CorneaENVY – Atheist´s cornea LP

Eigentlich würde es an dieser Stelle natürlich Sinn machen, ein bisschen Werbung für völlig underratete DIY-Platten zu machen, anstatt sowieso schon etablierte Bands abzufeiern, über die die einschlägige Presse schon hinlänglich alles Nötige geschrieben hat. Das neue Album von Envy aus Japan hat mich dieses Jahr trotzdem ziemlich weggeblasen, also scheiß drauf. Wer die seit den frühen 90ern existierende Band nicht kennt und düsteren (Post-)Hardcore mit heiserem, aber perfekt vorgetragenem Geschrei mag, der gleichzeitig aber auch im Postrock zu Hause ist und keine Angst vor epischen Instrumentalparts hat, sollte hier dringend mal reinhören. Trotz aller Epik steckt in diesem Album genug Wut und Verzweiflung, sind die langsameren Parts bei aller Versiertheit der Band beeindruckend unprätentiös und ‚Atheist´s Cornea’ somit ein großartiges Stück Endzeitmusik.

algiers sameALGIERS – s/t LP

Bitte? Eine Gospel-Platte? Soll das ein Witz sein? Ist die Bombe nun endgültig dem Hipstertum verfallen, oder was? Denkt was ihr wollt, ich fand diese Platte auf Anhieb geil. Ich würde das Genre als vielleicht als „Dark-Gospel“ bezeichnen. Es tauchen aber auch immer wieder Postpunkgitarrenriffs auf, die Rhythmik ist vertrackt und teilweise absolut schräg, gleichzeitig aber eben unglaublich mitreißend. Der Flight13-Mailorder schreibt: „Anfangs ist man irritiert, leicht verwundert, doch wenn einen das Debut des Trios hat, dann kommt man nicht mehr los. Der traditionelle Sound des US-Südens und des Protest-Soul der 60er Jahre spiegelt sich in den durchdringenden, fauchenden und mit einem persönlichen Style versehenen Vocals von dem fast an Screamin´ Jay Hawkins erinnernden Sänger Franklin James Fischer wider, der einen voll in Beschlag nimmt, dessen Gesang von originell angelegten Gospelchören, wie man sie noch nie gehört hat, umflogen wird wie von schwarzen Engeln, was v.a. bei den atmosphärischeren, vor düsterer Spannung bebenden Songs deutlich wird.“
Besser kann ichs auch nicht ausdrücken, eigenwilligere, eigenständigere und vor allem dringlichere Musik habe ich selten gehört.

van urst sameVAN URST – s/t LP

Neue Band aus Berlin, die auf ihrem Debutalbum einen coolen, ziemlich rhythmusorientierten Postpunk zelebrieren, der mich am ehesten an Bands wie Q AND NOT U erinnert. Sollten dringend mal mit den ebenso großartigen Fluten zusammen spielen, ich würde tanzen bis zum Umfallen. Yeah!

geoff bernerGEOFF BERNER – We are going to Bremen to be Musicians LP

Es muss 2008 gewesen sein, als mich Freund*innen fragten, ob ich zu einem Klezmer-Konzert mitkomme. Ich hatte mit dieser traditionellen jüdischen Musik zuvor keine Berührungspunkte gehabt und war zugegeben etwas skeptisch. Geoff Berner schaffte es allerdings mühelos, den kleinen Laden mit seinen persönlichen, immer aber auch sehr politischen und vor allem whiskeygetränkten Songs, komplett zum Durchdrehen zu bringen. Inklusive mir. Seither erwarte ich die (beinahe) jährlichen Touren von Geoff wie Kinder Weihnachten, bzw. Chanukkah. Auf seinem neuen Album versammelt Geoff mal wieder Songs zu verschiedensten Themen, gemeinsam ist allen jedoch ein ganz spezieller Humor mit dem Geoff Berner es schafft, auch düstere, traurige oder wütend machende Themen erträglich zu machen, ohne dass sie dadurch ihre Tragweite einbüßen würden. Instrumentiert nur mit Akkordeon, Geige, Schlagzeug und gelegentlichem Einsatz von Bass, Piano und/oder Klarinette wird auch auf dem 6. Album des ‚Whiskey Rabbi’ wieder eine Stimmung erzeugt, die gleichzeitig zum singen, tanzen, lachen, weinen und nachdenken einlädt.

Teil 1 von Ullah gibt es hier

Teil 2 von Ronja gibt es hier

Teil 3 von Krisko gibt es hier

Teil 4 von Basti gibt es hier

Teil 5 von Phillipp gibt es hier

Teil 6 von Swen gibt es hier

Grammophon-Bild: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [Public domain], via Wikimedia Commons, eigene Bearbeitung.