pbgramo"Das Jahr neigt sich dem Ende zu und auch ein Nicht-Punkrocker blickt, bestimmt nicht bei einem Tetrapak Rotwein, zurück auf die Ereignisse. So I do. Im feinsten Zwirn gekleidet und strahlendem Sonnenschein schaue auch ich noch einmal in das Plattenregal oder in die CD-Kisten und lasse die musikalischen Perlen aus dem Jahr 2015 Revue passieren."

In unregelmäßigen Abständen werden wir hier bis zum Jahresende verraten, was wen bei uns aus der Plastic Bomb Familie im auslaufenden Jahr gekickt hat und warum.

Heute stellt Swen vor.

berlindiskretBERLIN DISKRET – Kurfürstendamned LP

Hier treffen sich Mitglieder zweier Supergroups der Neunziger, um konsequent ihre Zauberkräfte zu neuen magischen Höhen zu vereinen. Terrorgruppe waren zweifelsohne die Deutschpunkband Deutschlands im ausgehenden Jahrtausend gewesen, die es geschafft hatten, sowohl Punkunderground zu begeistern als auch die letzte Punkgeneration zu rekrutieren, die heute noch das Groh der unter 40jährigen Punks ausmacht. Ihre Veteranenorden lassen sie sich darum heute völlig zu Recht vergolden. Dog Food 5 vergruben sich im Garagepunk und waren immer viel zu nerdig, um eine Form von Massenkompatibilität zu erreichen. Feinschmecker schnalzen aber immer noch mit der Zunge, wenn der Name von Dirk Kranz fällt und kramen geschwind die ‚My degeneration‘ raus, um sich zu wundern, was das doch für ein zeitloser Hochkaräter ist. Ich habe keine Ahnung, ob sich Dirk Kranz und Johnny Bottrop schon länger kennen, beide leben ja schon ein paar Tage in der Hauptstadt, aber ich kann mir vorstellen, dass schon bei der ersten gemeinsamen Probe klar war: da geht was!

Dog Food Five hat es sicher gefehlt, dass sie nie – höchst selten – auf Deutsch sangen, obwohl sie tendenziell in der deutschsprachigen Szene verwurzelt waren. Immerhin haben sie sogar 1995 auf Plastic Bomb Records veröffentlicht. Wie schade das ist, wird deutlich, wenn man diese wunderbaren Texte hört, die sofort im Gehirn explodieren und Assoziationsketten auslösen. ‚Ich bin ein Tier‘, ‚N-E-R-V-Ö-S, ‚Gott‘, und ‚Frigide Stadt‘ sind so dermaßen geile Hits, die sind auch in dreißig Jahren noch ein geiler Soundtrack im Punkrock-Altenheim, wenn wir auf das gelebte Leben zurückblicken. Das ist eine der wenigen Bands, die ich wirklich auch noch einmal live erleben muss.

https://berlindiskret.wordpress.com/

SLEAFORD MODS – Key markets LP

sleafordmodsNatürlich hat sie das beschissene Feuilleton – der blau unterstrichen wäre – geholt. Die Speichellecker und Arschkriecher des Kulturbetriebes, ständig auf der Suche nach was Neuem. Dabei hab‘ ich mir noch nicht einmal die scheiß Mühe gemacht, ihre Texte zu lesen. Die waren glücklicherweise ja auch nie abgedruckt. Und nun kommen die abgebrochenen Sprachwissenschaftler, ehemaligen Indie-Rocker und Sozialromantiker aus ihren verkackten Löchern gekrochen, um den Sleaford Mods in ihre zu kriechen. Ja und? Scheiß die Wand an, das kommt irgendwann immer so und geht vorbei. Und wer kommt überhaupt auf die scheiß Idee, einen Deut besser zu sein als all die anderen Schmeißfliegen. Ein Grund für schlechte Laune findet sich immer, auch für dich, du …

https://www.sleafordmods.com/

KARIES – Seid umschlungen, Millionen LP

a0506124576 16Treibender Beat, Noise- und Stonerrockelemente verschmelzen zur manischen Verzweiflung. Die Platte, die jede Jahreszeit in Tristesse verwandelt: stürmischer Frühling, vertrocknete Sommerhitze, Herbst aus nur Novembertagen und zu warmer Winter. Hier kommt alles knüppeldick. Fragmentarische Texte, die einem Aufschreien von gequälten Seelen gleichen. Dabei ist das Album unglaublich schön: Melodien, die zum Mitfliegen anregen. Hier braucht man gar nichts zu tun. Man muss sich dem Schmerz nur hingeben und genießen.

https://kariessksechzig.bandcamp.com/album/seid-umschlungen-millionen

HEINZ STRUNK – Sie nannten ihn Dreirad LP

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Das war in diesem Jahr meine Erstbegegnung mit dem Künstler Heinz Strunk. Klar, der Mann arbeitet an seinen Ideen, die man in seinen Texten (Titanic) und in seinen Comedy-Auftritten in verschiedenen Phasen entdeckt. Die Symbiose aus Text und Musik haut mich aber immer wieder aus den Socken. Keine Ahnung, warum das so ist. Musikalisch ist das ja irgend so ein Discobeat. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob der über Qualität verfügt, aber als Gleitmittel für seine großen Texte ist dieser schmierige Sound ideal. Sein schonungsloser Blick auf Mitmenschen ist eine Wohltat in dieser pathetisch aufgeladenen Zeit. Setze ich mir seine Brille auf, wirkt dies wie Strg-z, mit dem der Weichzeichen-Filter entfernt wird: alles klar, einfach und absurd. Das ist zuweilen auch lustig, nimmt mir persönlich aber das Gefühlt der Einsamkeit.

http://www.heinzstrunk.de

LA CRY – Fatter than Elvis… cooler than James Dean! CD

Kaum zu glauben, 21 Jahre ist es her, dass dieses Hammeralbum seine Endlosrunden in meinem CD-Player drehte. Ja, richtig gehört, in den 90er-Jahren waren die LPs gerade abgeschafft worden, dafür die DDR angeschlossen und wir hörten CDs. LA CRY waren eine der Bands der aufstrebenden deutschen Punkrockszene und lieferten quasi den Soundtrack zum Aufstieg des Plastic Bombs zur Weltherrschaft. Punkrock’n’Roll, der vor Lebensfreude nur so sprudelte. Gespickt mit 77er-Anleihen, aber auch der damals schon ziemlich beliebte Sound von Screaching Weasel und Queers lieferten die Blaupause für diesen Sound der 90er. Dabei war er so unbefangen wie die Jungs um Oma Danneberg und Uwe, die eben nicht aus Hamburg kamen, sondern aus Nestern von nebenan. Von dort traten sie die Reise in die Welt an, um sich überall neue Freunde zu machen. Dabei waren sie zu gut und zu noch weniger Deutschpunk. Trotzdem veröffentlichten sie dieses Album auf Nasty Vinyl und das (ebenfalls geile) ‚Devilized!‘-Album sogar auf Impact Records, wohlwissend – beide Seiten – dass es niemals wird funktioniert haben gewesen sein wird, wenn Label und Band nicht zusammenpassen. Aber solche Dinge waren damals nachrangig. Als ich nun davon hörte, dass LA CRY wieder spielen, war das Grund für mich, ihre Alben rauszuholen. Und seitdem laufen sie in der Endlosschleife, während ich staune, wie zeitlos geil ihr Sound ist: ‚Another part‘, ‚New Krauts‘ und ‚Nerve-gas baby‘ nenne ich, könnte aber auch alle Titel nennen. Nie ist man sich sicher, ist das jetzt ein Song von LA CRY oder eine endgeile Coverversion? Ist ja letztendlich auch egal, denn es ist Rock’n’Roll von vier Jungs, die es seitdem sehr damit ernst meinten, was sie spielten, denn sie leben es noch heute. Hört sich an wie ein Märchen? Ist es auch.

https://lacry.bandcamp.com/

 

 

Teil 1 von Ullah gibt es hier

Teil 2 von Ronja gibt es hier

Teil 3 von Krisko gibt es hier

Teil 4 von Basti gibt es hier

Teil 5 von Phillipp gibt es hier

Grammophon-Bild: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [Public domain], via Wikimedia Commons, eigene Bearbeitung.