best of 2015 5jpgDas Jahr neigt sich dem Ende zu und auch Punkrocker blicken, vielleicht bei einem Tetrapak Rotwein, etwas sentimental zurück auf die Ereignisse. So we do. Im Norwegerpulli gekleidet und beim Knistern des Kaminfeuers schauen Plastic Bomber noch einmal in das Plattenregal oder die mp3-Playliste und lassen die musikalischen Perlen aus dem Jahr 2015 Revue passieren. In unregelmäßigen Abständen werden wir hier bis zum Jahresende verraten, was wen bei uns aus der Plastic Bomb Familie im auslaufenden Jahr gekickt hat und warum.

Heute stellt Philipp vor.

zugezogen maskulin alles brenntZugezogen Maskulin - Alles brennt

Das ist also dieser Trap. Oder dieses Trap? Egal. Angeblich sollen diese Art von Beats jetzt in der Hiphop-Musik so angesagt sein wie bei unsereins das Feine Sahne-T-Hemd. Beides eine gute Sache. Und Zugezogen Maskulin hat es mit meinem ersten Lieblingsalbum für 2015 auf ein neues Level gehoben.

Dabei sind die Berliner keine Newcomer. Der irre Sexgnom Grim104 und Testo, der dem Charme eines Busfahrers der Berliner Linie M29 am Montagmorgen vorzuweisen hat, sind schon ziemlich lange unterwegs und machten durch free downloads und energetische Liveshows auf sich aufmerksam und sich in der Hipster-Rapszene einen Namen. Ihr erstes „richtiges“ Album „Alles brennt“ machte sie in diesem Jahr so richtig bekannt. Die Krönung fand statt, indem sie als Nachband bei einer Tour der Shitlers spielen durften. Respekt.

Zurück zum Album: Durch die noch härteren Beats legte dem Album wirkte es im Zusammenspiel mit den gewohnt angepissten Texten nochmal eine andere Gangart hin. Sympathisch dabei, dass man sich scheinbar selbst nicht so ernst nimmt. Nichts ist verbreiteter und gleichzeitig unerträglicher als Künstler*innen, die derbe austeilen und sich dabei überhaupt nicht selbst reflektieren. Im Punk wahrscheinlich ähnlich verbreitet wie im Rap. Aber mit Liedern wie „Agenturensohn“ pissen die beiden in der Medien-Brongsche beheimateten Rapper galant sich selbst und einen Großteil ihrer eigenen Fans vor den Koffer. Schön. Wie man eine betont ironische und sarkastische Haltung für richtige Botschaften und nicht als Alles-egal-Haltung einsetzt, zeigen sie in Liedern wie „Oranienplatz“. Eigentlich verdient jedes Lied des Albums eine umfassende Analyse, die ich mir an dieser Stelle aber mal stecke. Wir sind ja erst bei Platte 1.

Mit Zugezogen Maskulin hatte ich dann gleich auch das stressigste Interview des Jahres. Durch einen kleinen Kommunikationsfehler zwischen der Zentrale und mir musste das Interview noch am Abend, an dem es geführt wurde, abgetippt und zur Freigabe verschickt und am nächsten Abend gelayoutet und nach Duisburg gemailt werden. Alles wirklich gut 24 Stunden! Noch einmal Chapeau an mich selbst dafür. Der Nachteil: Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich nicht der große Korrekturleser bin. Dieses Interview war dann jedoch am Rande der Unlesbarkeit. Sorry nochmal.

http://www.youtube.com/watch?v=4FZt-BbrWzA>

millencolin true brewMillencolin – True Brew

„Life on a Plate“ von Millencolin war eins meiner allerersten Punkrockalben in den 90ern. Damals, als man noch Menschen mit CD-Brenner und Punk-CDs persönlich kennen musste, um an so eine Musik zu kommen, wenn man sie sich nicht leisten konnte oder wollte - und vor allem ziemlich wählerisch sein musste, denn ein Rohling kostete 10 DM!

Diese Skatepunkperle habe ich mir aber gern brennen lassen, um sie rauf und runter zu hören. Die ersten Akkorde von „Bullion“ gehen mir immer noch durch. Danach habe ich Millencolin schon recht schnell aus den Augen und Ohren verloren. Kurzzeitig flammte meine Liebe noch einmal mit dem 2000er-Album „Pennybridge Pioneers“ auf, aber es war nicht so wie früher.

Bis zu diesem Sommer. Durch Spotify hat sich mein Hörverhalten eh fundamental verändert. Jetzt höre ich mir ein Album auch einfach mal „so“ an, weil ich es kann! Illegal gedownloadet habe ich eigentlich fast nichts. Die Suche danach war mir eigentlich zu stressig. Aber nun lud ich mir dann das neue Werk „True Brew“ ohne große Erwartungen in den Speicher meines Smartphones. Und ab dem ersten Lied war es wieder da: Dieses beschwingte Sommergefühl, dass mir „Life on a Plate“ damals so wohlig vermittelte und dazu beitrug, mir damals selbst vor dem Spiegel im Bad einen Iro zu rasieren.

Ausschließlich melodische Mitsinghits! Fortan hörte ich es fast jeden Morgen auf dem Fahrrad, wenn ich zur Arbeit fuhr. Und ich glaube, ich sang auch hin und wieder mal mit. Wem mal zwischen Neukölln und Berlin-Mitte mal so ein tätowierter Typ (ohne Iro) auf einem klapprigen Hollandrad morgens um halb 9 entgegen kam, der für die Uhrzeit unerwartet gut gelaunt war: Das war ich! Hihi.

kizK.I.Z. – Hurra die Welt geht unter

Das Erfolgsalbum der Kannibalen in Zivil ist scheinbar das Konsensalbum der Plastic Bomber 2015. Ein Rap-Album, welches sogar Deutschpunk-Urviech Ullah und Wavepunkette Ronja an einen musikalischen Tisch bringt, muss einiges können. Viel ist bereits geschrieben worden zu „Hurra, die Welt geht unter“ und deswegen lasse ich das mal an dieser Stelle. Zumal ich schon im Sommer ein arschlanges Review geschrieben habe, das sich hier findet.

motoerhead bad magicMotörhead – Bad Magic

Auch so eine Spotify-Entdeckung. Nach dem müden, letzten Album mit dem prophetischen Titel „Aftershock“ habe ich mir auch nix wirklich erwartet. Wie falsch ich doch lag. Auch hier verweise ist auch ein bestehendes Review (hier).

Im Zuge meiner Begeisterung für „Bad Magic“ habe ich dann mal 50 Ocken investiert und Motörhead in der Max-Schmeling-Halle zu Berlin live zu sehen. Kann ja immer das letzte Mal sein. Das Geld wäre in VW-Aktien allerdings sinnvoller angelegt gewesen. Viel erwartet habe ich nicht, aber so wenig dann auch nicht. Der Schlagzeuger und der Gitarrist gaben sich redlich Mühe – konnten allerdings die traurige Kraftlosigkeit eines kleinen Mannes mit zu großem Hut und zu großem Bass nicht ausgleichen. Lemmy ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Fast regungslos und verwirrt wirkend stand er auf der Bühne und nuschelte die Songs weg, immer öfter gestützt auf den Mikrophonständer. Erschwerend hinzukam, dass die gesamte Show offenbar um seinen Gesundheitszustand herum geplant war, was dann auch die letzte Dynamik killte. Lange Gitarren- und Schlagzeug (!)-Soli nutzte der gebrechliche Altmeister zweimal, um hinter die Bühne zu verschwinden und sich dort wahrscheinlich eine Vitaminspritze verpassen zu lassen, um noch 10 Minuten länger leben zu können. Das einzige Positiv war, dass das Konzert dann doch eine Stunde ging und nicht irgendwann abgebrochen werden musste. Wobei „positiv“ bei dieser Performance auch relativ ist. Trotzdem schade, dass er nicht schon vor Jahren die Gelegenheit genutzt hat, in Würde abzutreten.

Entweder hat er eine andere Wahrnehmung von seinen Fähigkeiten oder mit ihm redet niemand mehr. Lemmy selbst wird das Zitat "If you think you are too old to rock 'n roll then you are" zugeschrieben. Im Kontext seiner Bühnenpräsenz macht dieses Zitat nachdenklich und etwas betroffen. Und vielleicht ist es auch keine Frage des Denkens sondern des realen Zustandes.

Vielleicht ist es arrogant, ungefragt Ratschläge erteilen zu wollen. Vielleicht ist es aber auch unverantwortlich so zu tun, als wäre alles OK. Gerade wenn man Motörhead mag (wozu es nach wie vor allen Grund gibt) sollte man sie sich live auch 2016 knicken. Dann lieber die Platten hören und „White Line Fever“ lesen.

leftover crack constructs of the stateLeftöver Crack – Constructs of the State

Ich hätte 2015 eher mit dem Weltfrieden gerechnet, als mit einem neuen Leftöver Crack-Album. Zum Glück kam es anders, denn das neue Album ist sowieso besser als Weltfrieden. Zumindest klingt es besser. Nach gefühlt 34 Jahren nun ein neues Album der New Yorker Zecken. Und es ist auch noch ihr bestes! LöC waren eigentlich schon immer super aber auf „Constructs of the State“ sind sie gut wie nie – weil sie eigentlich jetzt genau so klingen wie das Nebenprojekt Star Fucking Hipsters klingen. D.h. wesentlich schnörkelloser und direkter. Crustbeeinflusster Skapunk in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ohne langes Metalgewichse oder Piano-Einlagen (nur eine ganz Kurze), jetzt auch neben Stzas gewohnt markanter Krächzstimme endlich mit weiblichem Gesangspart. Textlich nach wie vor hoch politisch gegen das Scheißsystem und mit viel Hoffnungslosigkeit und Zynismus. Zumindest das, was ich verstehen kann. Zwischendurch besingen sie dann aber auch mal ihren Auftritt in einem Einkaufszentrum. Wüsste gerne mal, ob das auf einer wahren Begebenheit beruht. Ach ja, Crass-Schlagzeuger Penny Rimbaud und Jesse Micheals (Operation Ivy) mischen unter anderem irgendwie auch noch mit. Noch Fragen?

Ganz knapp nicht dabei, aber auch geil: Antilopen Gang – Abwasser und Fraktus – Welcome to the Internet. Die Enttäuschung des Jahres hingegen ist das neue Bonecrusher-Album „Saints and Heroes“

Teil 1 von Ullah gibt es hier

Teil 2 von Ronja gibt es hier

Teil 3 von Krisko gibt es hier

Teil 4 von Basti gibt es hier

Grammophon-Bild: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [Public domain], via Wikimedia Commons, eigene Bearbeitung.